Es gab Zeiten, da freute man sich als Clubbesucher (und auch als Veranstalter) richtig auf die letzte Nacht des Jahres. Vor 20 Jahren beispielsweise waren Silvesterpartys noch eine richtig tolle Sache. Man putzte sich fein heraus und ging in die Clubs, wo es ja bekanntlich einmal im Jahr keine Sperrstunde gibt—was übrigens nicht überall so ist. Das zu entscheiden, obliegt ja den jeweiligen Kommunen.
Es bürgerte sich auch ein, am NYE—wie es fetziger heißt—den Eintritt saftig anzuheben, irgendwie schluckten das vor einigen Jahren noch alle—es war eben so. Inzwischen haben sich die Zeiten gewaltig geändert: Für viele Ausgehmenschen wurde der Jahreswechsel zu einer lästigen Zwangsbeglückung. Gerade in den letzten Jahren bevorzugen viele das ausgedehnte Vorglühen zu Hause oder im privaten Ambiente und ziehen so das intime Zudröhnen dem kollektiven Wahnsinn vor. Das Publikum besteht an diesem Tage ohnehin zumeist aus besoffenen Landeiern, Touristen oder sonstigen seltsamen Erdlingen, die vor jedem Berliner Club wohl durch den Scanner fallen würden. Das "gute" Publikum lässt sich bitten.
Zu Silvester internationale DJs zu buchen, war und ist in Wien bis dato selten, das liegt aber auch daran, dass Silvestergagen zumeist doppelt so hoch angesetzt werden, wie an normalen Wochenenden—in Zeiten wie diesen sind das immense Summen. Ein womöglich in den Resident Advisor-Charts hoch gehandelter DJ kostet da schon mal seine 5000 bis 7000 Euro, ohne Nebengeräusche versteht sich. Das mag auch in anderen Ländern ausgezeichnet funktionieren, in Österreich ist das sinnlos. Der Club macht den Abend selbst und verzichtet auf hohe Ausgaben—frisst ja ohnehin alles der Act, der Staat und das Personal und hofft auf trinkfreudiges, weil motiviertes, Publikum. Was anderes wäre Geldverbrennen ohne Mehrwert.
In Wien gibt es den Silvesterpfad den unsereiner meidet wie der Technofreund Robin Schulz. Die Clubs füllen sich in der Regel erst sehr spät und die legendäre 3 Tage wach Afterhour in der Pratersauna 1.0, die jedem noch den ganzen Januar weh tat, dürfte in diesem Jahr auch dezenter ausfallen.
Aber in Wien verpasst man an dem Tag nicht viel. Natürlich gibt es ein paar amtliche Partys.Heuer etwa im Fluc, im Flex oder der Grellen Forelle, wenn man es gerne härter mag, oder im Sass und der Sauna, wenn es ein bisschen softer sein kann. Doch wird es eher nach dem Motto "Business as usual" einzuordnen sein. Die etwas bekannteren Wiener DJs versuchen, sich halbwegs gut aus der Affäre zu ziehen, bessere Gagen sind längst kein Thema mehr, denn auch die Eintritte unterschieden sich kaum vom normalen Wochenende.
Duellierten sich die Clubs früher nach dem Motto "Teurer, mehr DJs und länger offen", so ist die Devise 2016/17: Es geht auch günstiger. Für schlanke 12 bis 15 Euro ist man beinahe überall dabei—nur der Volksgarten kann es noch wagen, stolze Summen zu verlangen, schließlich ist der Laden inmitten der Stadt Anlaufstelle Nummer 1 für die vielen Wientouristen, die allerdings—anders als in anderen Städten—nicht speziell wegen dem Nachtleben Wien besuchen. Das Ausgehen bei den vielen Italienern ist eher in die Kategorie "Man nimmt, was man bekommt und die Musik ist zweitrangig" einzuordnen.
Aber es ist ja auch logisch, dass niveauvolles Ausgehen zum Jahreswechsel eine schwierige Angelegenheit geworden ist Das krampfhafte Lustigsein ist nun einmal nicht jedermanns Sache. Alles ist hektisch, alles ist laut, alles ist überfüllt, man findet keine Taxis, alle sind unruhig, als ob sie etwas verpassen würden—eigentlich ein Tag, an dem man sich mit seinen Freunden nicht aus dem Haus begeben sollte.
Aber dann setzt es ein: Spätestens am 31.12. nachmittags, dieser Drang nach der Frage: "Wo gemma hin?" ergibt dann wieder diesen juckenden Gruppenzwang, weil ansonsten müssten wir ja dann den Neujahrstag alleine verbringen—außer wir sind glücklich mit unserem Laptop.
Wer die besten DJs hören will oder wirklich gerne wegen der Musik ausgeht, muss ohnehin die Stadt wechseln. In Berlin wird—verrückt wie die Spreemetropole nun einmal ist—ohnehin vom 28.12 bis 3.1. durchgefeiert. Dort trifft man alles, was Rang und Namen hat und nicht ums Dreifache in Japan oder New York spielt—und das zu halbwegs moderaten Preisen.
Auch Amsterdam oder Zürich sind ein gutes Pflaster. In Wien sind auch diese Zeiten längst Geschichte. Aber auch das hatte ich schon oftmals angesprochen: Würde die Werbung, die offziellerseits für den Silvesterabend gemacht wird, ein wenig—nur hauchzart—über gefrorene Kotze am Silvesterpfad oder das Modell "Glühwein und Walzer" hinausgehen, man brächte mit Sicherheit auch junges, partyaffines Publikum nach Wien, das trotzdem gewillt ist, Geld auszugeben.
Die Zeit "zwischen den Jahren" ist hierzulande ebenfalls besinnlich geworden und das obwohl viele arbeitsfrei haben. Galten die Tage rund um den Jahreswechsel früher noch als Käfig voller Narren ohne Limit, so herrscht dieser Tage (Ausnahme Forelle) ein recht bescheidenes Angebot. Fällt Silvester—so wie heuer—auch noch auf einen Samstag, so wird sich das entbehrliche Treiben kaum von einem normalen Wochenende unterscheiden.
Das einzig Gute an den vielen (ähnlichen) Events ist, dass manche DJs nicht mehr 3 bis 4 mal spielen müssen. Sie können sich ganz dem einen Gig, den sie haben, widmen, ihre 150-200 Euro gleich am selben Abend auf den Putz hauen und sich am nächsten Tag fragen: "Warum mache ich das eigentlich?" Denn so sieht die Realität 2.0 aus. Da fällt mir Loriot ein: "Früher war mehr Lametta!"
Ob es eines Tages wieder einmal einen Club oder Promoter geben wird, der es wagt, sich Booking und Partytechnisch weiter aus dem Fenster zu lehnen, bleibt fraglich. Ich würde es niemandem raten. Warum jemandem das Doppelte zahlen, wenn man gleich viel einnimmt und alles mehr kostet, vom Personal bis zum Resident. Und auch die groß angepriesenen "Galas" sind meist stinknormale Events ohne Deko, da könnte sich so mancher etwas von der Psytrance (Goa)-Szene abschauen.
Somit bleibt: Sich den Jahreswechsel mit allem, was kommt, schön zu saufen, wenn man Glück hat, auf der richtigen Afterhour zu landen und am 2.1. mit allen Vorsätzen dieser Welt total verkatert in die Arbeit zu taumeln. Bis 5.1. halten sie sicher, spätestens dann heißt es: "Einmal noch ausgehen, bevor der Jänner richtig los geht". Und Halloween ist ohnehin wieder bald……
**
