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Ich saß 24 Stunden in einer Eckkneipe

Fabian Herriger

Niemand sitzt ohne Grund im Bäreneck.

"Manche sitzen zwanzig, dreißig Stunden hier. Einmal hing einer zwei Tage und Nächte bewegungslos auf seinem Hocker, der war schon tot, wegen des Schichtwechsels hat aber keiner was gemerkt. Gesunder Schlaf, dachten die Leute." – Heinz Strunk, Der Goldene Handschuh

Im Bäreneck in Berlin-Neukölln versammeln sich Alkoholiker, Arbeitslose, Rentner, Studenten, Verrückte, Verliebte, Einsame, Stammtisch-Gruppen und viele, auf die mehrere dieser Bezeichnungen auf einmal zutreffen.

Sabine: "Alles kann man aufhalten, nur das Alter nicht." | Alle Fotos: Lisa Ziegler

Freitag, 9 Uhr morgens. Holzvertäfelte Wände, verrauchte Luft, drei blinkende Spielautomaten, vergilbte Häkelgardinen. Die Kneipe gibt es seit 1905, seit einem Vierteljahrhundert heißt sie Bäreneck und seit 15 Jahren ist sie immer geöffnet, 24 Stunden am Tag. An einem Tisch in der hintersten Ecke, gleich neben den Toiletten, sitzt ein weißhaariger Mann mit verwaschenem Hemd und Warze an der Backe. Er trinkt mit großen Schlucken Bier und pustet Qualm aus seinem zahnlosen Mund. Er schweigt und schaut aus dem Fenster. Ab und an hustet er und würgt Schleim hoch. Dann nimmt er den nächsten Zug an seiner Zigarette. Das ist Wolfgang – in diesem Moment ist er der einzige Gast im Bäreneck. In den nächsten 24 Stunden wird er immer wieder gehen und zurückkommen, ohne Worte, ohne Erklärung. Wolfgang ist das Phantom vom Bäreneck. Er setzt sich immer an einen freien Tisch, möglichst abseits der anderen Gäste. Das einzige, was er in den nächsten 24 Stunden sagt, ist: "Machst du mir ein Bier?"

9:40 Uhr - Frankie (44) – Dunkles Hefeweizen, Tequila

Frankie: "So mach ich es immer: erst Jobcenter, dann zwei Bier im Bäreneck."

Frankie sieht aus, als sei er mit dem Motorrad vor das Bäreneck gefahren: Er trägt Ohrringe, eine Lederweste, auf deren Rücken Thors Hammer prangt, ein schwarzes Bandana, darunter schauen seine dünn rasierten Koteletten hervor, an seinem rechten Mittelfinger steckt ein Totenkopfring. Frankie hat allerdings kein Motorrad. Den kurzen Weg vom Neuköllner Jobcenter in die Kneipe ist er zu Fuß gekommen. "So mach ich es immer: erst Jobcenter, dann zwei Bier im Bäreneck", sagt der 44-Jährige, er käme ins Bäreneck, "um sich zu beruhigen", und um sich darüber "auszuheulen, wie schlimm die Welt ist".

"Bist du arbeitslos?", frage ich.

Frankie, der vorher in Richtung Sabine saß, dreht sich zu mir: "Wir haben uns zwar gerade erst kennengelernt, aber egal, also ... du musst wissen, ich habe Lymphdrüsenkrebs."

Kaum etwas verbindet zwei Menschen schneller als ein Tresen. Es gibt eine Art unausgesprochene Übereinkunft in jeder Eckkneipe: Wer auf einem der Barhocker Platz nimmt, will zwei Dinge – ungefragten Bier-Nachschub und reden. Und wer für sich bleiben möchte, setzt sich an einen Tisch, so wie Wolfgang.


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Frankie bestellt einen Tequila mit Orangenscheibe "für die Vitamine". "Ich habe acht Kilo abgenommen, meine Ringe passen mir nicht mehr", erzählt er. Alle paar Monate muss er Papiere der Rentenversicherung zum Jobcenter bringen – niemand wüsste was mit ihm anzufangen, sagt er. Früher verlegte er als Gartenlandschaftsbauer Rasen und Terrassenfliesen, aber das mache sein Körper nicht mehr mit. Die Rentenkasse will ihm noch nichts zahlen und das Jobcenter will ihn motivieren, noch eine Umschulung anzufangen. "Aber da hab' ich keinen Bock mehr drauf", sagt Frankie. Hier im Bäreneck will niemand was von ihm. Es gibt keine Termine, keine Forderungen, ist man erstmal drin, vergisst man sogar, welche Tageszeit gerade ist.

Seine Chemo beginnt im Mai. "Aber das wirklich Schlimme ist: Beide meine Eltern leben noch. Und denen zu verklickern, dass ich sterbe, ist nicht auszuhalten." Erzählt man im Bäreneck eine Geschichte, antwortet das Gegenüber mit einer Anekdote aus dem eigenen Leben, die mindestens genauso hart ist.

Als Frankie nach etwas über einer Stunde seinen zweiten Tequila getrunken hat, fragt er mich, wie alt ich überhaupt sei. Uns trennen genau 20 Jahre. "Mach was draus", sagt er. Dann steht er auf, schüttelt meine Hand und geht.

12:20 Uhr – Gabi (58), Frank (63) und Walter (69) – Bier, Underberg

Von links nach rechts: Gabi, Frank, Walter und der Autor, "Wir waren auch mal jung und haben toll gefeiert"

Im Bäreneck läuft das Radio, deutsche Popmusik und Verkehrsnachrichten, sechs Rentner sitzen am Tresen. Ein schnauzbärtiger Mann im Hemd trinkt Bier und liest die Berliner Zeitung. Ein anderer verspielt seine Renten-Euros am Daddelautomaten. Wolfgang schaut weiter aus dem Fenster und qualmt. Am Ende des Tresens sitzen Gabi, Frank und Walter.

Tresenfrau Sabine hat den Dreien schon Bier gezapft, ohne dass die etwas bestellt hätten. Sabine holt aus einem Schrank hinter dem Tresen ein Kreuzworträtsel und einen Kugelschreiber und übergibt beides Frank: "Bitteschön, dein Arbeitsmaterial." Frank, 63, ehemaliger Gießereifacharbeiter, sagt, das sei der "Stammgast-Kulli". Nur er und ein weiterer Gast dürften den benützen. Frank setzt seine Lesebrille auf und legt mit Blick aufs Rätsel die Stirn in Falten. "Wir kommen seit 23 Jahren hierher", sagt seine Ehefrau Gabi, 58 Jahre alt und ehemalige Justizfachangestellte: "Früher sind wir immer nach Feierabend vorbeigekommen, doch seit drei Wochen bin ich in Rente." Jetzt macht es sich das Ehepaar schon vormittags in "ihrer Ecke" gemütlich. Für Frank und Gabi ist das Bäreneck ein Wohnzimmer – in das immer wieder Bekannte eintreten.

So wie Walter, 69 Jahre alt, die Fleece-Jacke spannt sich am Bauch, er trägt Schnäuzer und Schirmmütze. "Es gibt so viel, was ich zu Hause machen muss", sagt er mit einem Underberg in der Hand. Er wollte eigentlich Spaghetti Bolognese kochen, und zwar "richtige, mit frischem Hack". Walter war früher Koch in der Axel-Springer-Kantine. Und in seinen 20ern war er professioneller Boxer. Heute schiebt er sich auf einem Rollator durch die Tür des Bärenecks.

"Hier sieht es noch so aus wie vor 23 Jahren", sagt Gabi, nur der "Hungerturm" fehle. Bevor das Nichtrauchergesetz vor zehn Jahren verbot, in Raucherkneipen Essen zu verkaufen, stand der "Hungerturm" auf dem Tresen, eine Glasvitrine mit Buletten, Schmalzstullen und Wiener Würstchen. Die Ausstattung habe sich nicht verändert, sagt Gabi, aber manchmal fühle sie sich trotzdem nicht mehr richtig wohl in ihrem Bäreneck.

"Früher war die Kneipe ein Ort, an dem mehrere Generationen ins Gespräch kamen", sagt Walter. Das sei heute aber nicht mehr so. "Wir machen abends der Jugend Platz", sagt Gabi. Es würde ihnen dann zu voll werden – und "70 Prozent der jungen Leute benehmen sich nicht", sagt Frank.

2006 nannte Wolfgang Schäuble Neukölln einen "Slum". In dieser Zeit machte auch die Rütli-Schule als "Gewalt-Schule" Schlagzeilen. Neukölln verkörperte zeitweise alles, was an Multikulti und Arbeitslosigkeit schiefgehen konnte. Heute wohnen rund um das Bäreneck Studenten, die herzogen, als die Mieten in Kreuzberg zu teuer wurden, Hostels und Airbnbs bringen Easyjet-Touristen zur "szenigen Queer Bar mit Vintage Sofa" (Beschreibung Google-Maps) oder der "ausgefallenen Trattoria in einer ideenreich renovierten Wäscherei". Oder halt ins "original german" Bäreneck.

"Wir waren auch mal jung und haben toll gefeiert", sagt Gabi, "aber wir sind nicht mit den Füßen auf den Polstern eingeschlafen." Frank sagt: "Heute bleiben die Jungen bis frühmorgens noch im Bäreneck, selbst wenn sie breit wie brunze sind und ihnen alles aus dem Gesicht fällt – früher wussten wir, wann es genug ist."

Die jungen Leute kommen den Rentnern manchmal komisch vor. "Oft bemerke ich Studenten im Bäreneck, die sich auf Englisch miteinander unterhalten", sagt Gabi, "aber die sind eigentlich deutsch." Für Gabi ist das Englisch-Plappern eine "neumodische Erscheinung". Zwar habe sie früher, als noch amerikanische Soldaten in Berlin stationiert gewesen waren, auch mal so getan, als spreche sie Englisch – aber bloß, "um nicht aufzufallen", und nicht einfach nur "aus Spaß".

Früher habe es zwei Kneipen an jeder Ecke gegeben, sagt Walter. "Vor 20 Jahren bin ich mit 'nem Kumpel von der Boddinstraße bis zur Karl-Marx-Straße spaziert." Das sind rund 650 Meter. "Da haben wir noch 14 Kneipen gezählt", ergänzt Frank.

Doch viele der Eckkneipen von einst sind verschwunden. Stattdessen gibt es in der Gegend heute Burger mit Kartoffel-Dinkel-Patty, und im Promenaden Eck – eine ehemaligen Eckkneipe, feiern jede Nacht Studenten und Touristen aus Dänemark zu House oder HipHop.

"Pass auf, in 30 Jahren sitzt du auch hier und sagst, dass früher alles besser war", sagt Gabi und lacht. Das Bäreneck ist der Ort, an dem jenseits ihrer eigenen Wohnung alles maximal so ist wie früher.

20:30 Uhr – Tower (79) – Malzbier, Berliner Weiße

Tower: "Ein Glück, dass ich den Wirt kennengelernt habe."

"Tower gehört wie die Stühle und Tische zur Einrichtung", sagt ein 56-Jähriger und schickt mich zu einem älteren Herrn am Ecktisch, mit dem ich unbedingt reden müsse.

Um 16 Uhr öffnet und schließt sich die Tür zum Bäreneck im Minutentakt. Rentner und Mittfünfziger strömen in die Kneipe – für den Stammtisch, zum Dartspielen oder fürs Feierabendbier. Die Gäste müssen in der zweiten Reihe am Tresen stehen. Sabines Schicht von 6:30 Uhr bis 14:30 Uhr ist vorbei. Ihre Kollegin übernimmt bis 23 Uhr. Vier Studenten in einem Mix aus COS- und Second-Hand-Klamotten finden sich als Vorboten der nächtlichen Verjüngung für ein paar Asbach-Cola ein. Wolfgang war für eine halbe Stunde weg, kommt aber gegen 17 Uhr wieder und bestellt ein neues Bier. An einem Stammtisch pennt ein Mann auf seinem Stuhl ein. Ein 56-Jähriger hält eine Rede über Gentrifizierung und das Kneipen-Sterben. Für ihn sei klar, dass er wegziehe, sobald ein Starbucks auf der Hermannstraße aufmacht.

Tower macht sich über sowas keine Gedanken. Er kommt so lange jeden Tag deutsche Schlagerverse singend ins Bäreneck, bis er nicht mehr kann. Eigentlich heißt er Klaus Siegfried. "Als Zweijähriger konnte ich meinen Namen nicht sagen, nur 'taua'", sagt er – und damals hätten seine "Keulen", er meint seine älteren Brüder, daraus eben das "Tower" gemacht, und auch jetzt mit 79 nennen ihn noch alle so. Wenn Tower ins Bäreneck tritt, klopft er zum Gruß auf die Tische und ruft Namen durch den Raum. Sein Auf-den-Tisch-Klopfen gilt den bekannten Gesichtern, Fremden nickt er zu, der Tresenfrau gibt er Küsschen.

Im Bäreneck ist Tower VIP: Jeden Mittag holt ihn der Wirt von seiner Wohnung an der Sonnenallee ab, fährt ihn in die Kneipe und bringt ihn abends zurück. Tower ist nicht mehr so gut zu Fuß und die Öffentlichen findet er umständlich: "Der Wille ist stark, aber das Fleisch ist schwach."

Tower sagt auch, er sei ein "Herdentier", er sei "gerne unter Leuten". Seit seine Frau 1998 an Krebs verstarb, kommt er in die Kneipe "Ich hab' damals gemerkt, dass dämlich zu reden hilft, über ihren Tod hinwegzukommen." Mit dem Vater des Wirts hat Tower früher Karten gespielt, als er noch als Müllmann gearbeitet hat. Die Freundschaft führt er mit dem Sohn fort. Der Wirt und seine Frau servieren ihm im Hinterzimmer täglich eine warme Mahlzeit – Schnitzel oder Fisch mit Kartoffelsalat. Und abends, wenn der Wirt ihn wieder nach Hause fährt, zu seinen beiden Kanarienvögeln, schmiert er Tower noch zwei Käsestullen zum Abendbrot, die Tower dann isst, während er noch "ein bisschen in die Röhre kiekt". Er selbst sei "zu faul zum Stullenschmieren". Manchmal habe er dann aber gar keinen Hunger, dann schmeiße er die Stullen aus dem Fenster in den Hinterhof – "für die Katzen". Der Wirt schimpft dann mit ihm: Das ziehe doch nur die Ratten an.

Nach dem Fernsehen legt er sich ins Bett, mit einer Wärmflasche an den Beinen. Eine Angewohnheit, die er selbst im Hochsommer durchzieht. Weil das seine Frau immer gemacht habe, erzählt Tower, und heute könne er ohne Wärmflasche nicht mehr schlafen. Er denke oft an den Sommerurlaub. Im Juni fliegt er mit dem Wirt und dessen Frau nach Marokko, für drei Wochen, weil er "da schon immer mal hin wollte". Tower sagt: "Ein Glück, dass ich den Wirt kennengelernt habe." Alles, was Tower in den letzten Jahren seines Lebens erlebt, erlebt er dank des Bärenecks. Bald werde er abgeholt, sagt er, "und dann ist wieder ein Tag rum".

23:45 Uhr – Anton (22) – Bier, Pfeffi

Anton (Mitte): "Das Bäreneck erinnert mich an meine Dorfkneipe."

Gegen 22:30 Uhr haben die Jungen die Alten aus dem Bäreneck verdrängt. Tower wurde abgeholt, nachdem er grinsend und "Wer den Pfennig nicht ehrt" sagend im Bad seinen Strohhalm ausgespült hat. Den Strohhalm wird er am nächsten Tag wieder mitbringen, für seine Berliner Weiße. Denn Strohhalme gibt es nicht im Bäreneck. An dem Tisch am Eingang, an dem vorhin noch ein Senior in Anglerweste wütende aber unverständliche Selbstgespräche brabbelte, sitzen jetzt drei Jungs mit Rollkragenpullover, Vollbart und Tabakbeuteln. Selbst Wolfgang ist geflohen.

An einem hohen Tisch sitzt der 22-jährige Anton mit zwei Freunden, vor sich Bier und Pfeffi. Er trägt einen Kapuzenpullover, die Haare hat er sich zu einem Dutt zusammengebunden. Er studiert Soziale Arbeit. "Ich bin erst seit ein paar Monaten in Berlin", sagt Anton. Er kommt aus einem Dorf am Bodensee. Jeder Zweite, der heute in der Stadt lebt, stammt nicht aus Berlin. Der "Schillerkiez", in dem das Bäreneck liegt, besteht sogar zu 70 Prozent aus Zugezogenen.

Das Bäreneck ist jetzt so voll, dass man keinen Meter gehen kann, ohne sich an einem Menschen entlangzudrücken. Das Wort "Kneipe" stammt aus dem 18. Jahrhundert und entstand aus dem mitteldeutschen Wort für kneifen, weil die Räumlichkeiten damals so eng und überfüllt waren, dass sich alle Gäste zusammendrängen mussten.

"Das Bäreneck erinnert mich an meine Dorfkneipe, den 'Galgen'", sagt Anton. Anton könnte in dieser Freitagnacht auf Ecstasy durch die Panorama Bar tanzen oder nur hundert Meter weiter in einer Bar mit zusammengewürfelten Sesseln und Deko-Glühbirnen. Doch er sitzt lieber im Bäreneck. "In Berlin entsteht so viel Neues", sagt er, "und das ist auch cool – aber irgendwie interessieren mich die ganzen hippen Bars und Restaurants nicht." Im Bäreneck sei es wie in seinem Dorf: Man trinke und rede mit guten Freunden – es sei "bodenständig". Das Bäreneck ist der sicherste Ort, um vor der größten Angst an Wochenenden in Berlin zu fliehen, der FOMO - der Angst, etwas zu verpassen.

Im Bäreneck gibt es keine Schlangen, keine Gefahr, nicht reinzukommen, und keinen 15-Euro-Eintritt. Das Bäreneck gibt es länger als die Bars, in denen heute keiner mehr Moscow Mule, sondern jeder London Mule trinkt, natürlich mit in Deutschland gebranntem Gin.

Antons Kumpel ärgert sich allerdings über die Deutschlandflagge, die so breit ist wie ein Fußballtor und an der Decke hängt. Das sei doch "einfach nur scheiße", sagt er, "eigentlich dürfte man deshalb gar nicht hier hinkommen".

Aber sie kommen trotzdem immer wieder.

Ab 2 Uhr – Bier, Futschi, Pfeffi

Ab 2 Uhr gehen die meisten jungen Leute, das Bäreneck leert sich. "Scheiß auf Bismarck", sagt ein Student an einem Ecktisch zu seinem Freund, der in einer politischen Diskussion den Reichskanzler zitiert. Eine blonde 25-Jährige will unbedingt einen "Ficken" trinken – einen süßen, roten Likör, der so schmeckt, wie ein Puff riecht. Am Tresen diskutieren gutaussehende Männer und Frauen Mitte 20 zwischen Futschi-Runden erst über Männer, die sich von ihren Freundinnen mit Strap-Ons penetrieren lassen, dann berichtet ein schlaksiger Kerl mit kurzrasiertem Haar und dünnem Brillengestell, er wolle in nächster Zeit versuchen, sich in die Welt der feministischen Pornos einzuarbeiten. Aus einem Gespräch über Pornos und Sex-Fantasien entwickelt sich nach einer Weile eine Diskussion über feministische Linguistik.

4:30 Uhr. Wolfgang stolpert wieder ins Bäreneck: "Machst du mir ein Bier?" Er setzt sich an einen Tisch in der hintersten Ecke und raucht.

Wolfgang: "Machst du mir ein Bier?"

6:20 Uhr. An einem Ecktisch sitzen vier Studenten. Einer von ihnen hat seinen Kopf auf den Tisch gelegt und pennt. Sein Freund dreht die Glühbirnen der Lampe über dem Tisch heraus, weil sie ihm zu hell sind. "Was soll das denn?", fragt ihn die Tresenfrau, "dreh die sofort wieder rein, und weck deinen Freund auf, wir sind hier kein Hotel." Der Student sagt, sie solle ihn in Ruhe lassen.

Ein ungeschriebenes Kneipengesetz: Was die Tresenfrau sagt, wird gemacht. Als vormittags der verwirrte Mann in Anglerjacke in seinen Selbstgesprächen laut geworden war, hatte Sabine nur "Was ist denn da los?" gerufen und die Anglerjacke war wieder verstummt. Die Alten wissen das. Die Jungen nicht immer. Da hatten Gabi, Frank und Walter Recht.

"Hast du mich nicht verstanden?", ruft sie und tritt an den Tisch. Der Student schreit: "Ich hab kein Bock auf die Scheißdiskussion!" Als die Tresenfrau den Mund aufmacht, schreit er sie an: "Halt die Klappe!" Die Tresenfrau zeigt auf die Tür: "Raus!" Ein besoffener Mann am Tresen springt auf und schreit den Studenten an: "Du haust jetzt ab, du Hurensohn." Der schlafende Kumpel ist mittlerweile aufgewacht. Die vier exen ihre Biere und verlassen das Bäreneck.

6:40 Uhr. Am Tresen sitzt eine 30-jährige Schwedin neben einem 50-jährigen, türkischen Mann und zwei Ingenieurs-Studenten. Die Schwedin ist das Überbleibsel einer größeren Clique. Seitdem ihre Freunde verschwunden sind, sitzt sie am Tresen und unterhält sich mit älteren Herren über multiple Orgasmen, weibliche Brusthaare und über ihren "geilen Arsch". Dem 50-Jährigen krault sie am Kopf, einmal küsst sie ihn auf den Mund. "Hättest du Lust auf Sex zu dritt oder zu viert?", fragt einer der jungen Männer. "Gerade nicht", sagt die Schwedin und verweist auf ihre chronischen Vaginalschmerzen. "Willst du auf Klo gehen und meinen Schwanz sehen?", fragt der Student erneut. Auch das will die Schwedin gerade nicht.

In den Morgenstunden versammelt das Bäreneck Menschen, die sich durch das Weitertrinken gegen die Erkenntnis zu wehren versuchen, dass es auch in dieser Freitagnacht nichts wird mit der großen Liebe, Sex oder dem Geld am Spielautomaten. So lange sie zusammen im Bäreneck sitzen, ist die Nacht noch nicht vorbei.

8:30 Uhr. Die Handtasche einer jungen Italienerin wurde geklaut. Sabine, die seit 6:30 Uhr wieder Schicht hat, ruft die Polizei.

Die Tresenfrau der Nachtschicht sitzt noch auf einem Barhocker und trinkt Kurze. Sie brauche immer erst noch ein wenig Zeit, um den Stress der Schicht zu verarbeiten, bevor sie schlafen kann, sagt sie. Fünfmal die Woche arbeitet sie nachts im Bäreneck und verschläft die Tage. Aber sie mag ihren Job, sagt sie. Da habe sie schon schlimmere Gastro-Jobs gemacht. Einmal habe sie eine 100-Stunden-Schicht geschoben, sagt sie, auf einem Festival. Sie ist Ende 30 und arbeitet schon ihr ganzes Leben in Bars. Dabei wäre sie eine gute Sängerin geworden, sagt sie, aber für Talent habe in der DDR niemand ein Gespür gehabt. Und jetzt sei es zu spät. "Alles kann man aufhalten, nur das Alter nicht", sagt Sabine.

9:00 Uhr. Sabine stellt die Barhocker auf die Tische. Sie saugt durch das Bäreneck. Wolfgang sitzt in der Ecke.

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