Wir haben unsere Grossmütter gefragt, was sie anders machen würden
weltfrauentag

Wir haben unsere Grossmütter gefragt, was sie anders machen würden

... wenn sie dieselben Rechte gehabt hätten wie junge Frauen heute.
9.3.17

Alle Bilder zur Verfügung gestellt.  Grossmütter sind in der Regel Bündel purer Güte und niemand von uns ist in Wahrheit würdig, ihre Suppen zu essen, seine Hände mit ihren endlosen Sammlungen kleiner, niedlicher Seifen zu waschen oder auch bloss Seifenopern an ihrer Seite zu schauen. Du magst zwar vielleicht gewisse erbliche Merkmale mit deiner Omi teilen, aber du wirst ziemlich sicher nicht viele Erfahrungen mit ihr geteilt haben. So vieles hat sich in wenigen Generationen geändert – vor 50 oder 60 Jahren unterschieden sich die Erwartungen an junge Leute von dem, was heute von dir erwartet wird.

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Zu Ehren des Internationalen Tages der Frau haben VICE Autorinnen aus Europa und Mexiko mit ihren Grossmüttern gesprochen und sie gefragt, welche Entscheidungen sie getroffen hätten, würden sie 2017 als Millenials verbringen statt als Siebzigjährige.

VEREINIGTES KÖNIGREICH

Sylvia, 68, aus Nottingham Meine Grossmutter Sylvia arbeitete als Friseurin und Bardame, bevor sie 1990 nach Jamaika zog, wo sie als Hühnerbäuerin und Schneiderin arbeitete. Nach ihrer Rückkehr ins Vereinigte Königreich wurde sie Familienfotografin und arbeitete später bis zu ihrer Pension in der Verwaltung.
– Amy, 21, Praktikantin VICE UK VICE: Als du in den 1960er-Jahren aufgewachsen bist, hattest du das Gefühl, so viele Rechte zu haben wie die Frauen heute?
Sylvia: Damals fühlten sich Frauen grundsätzlich sehr befreit, denn die Pille war gerade auf den Markt gekommen. Der Lohnunterschied war viel schlimmer zu der Zeit und Frauen sind heutzutage viel gebildeter. Damals, selbst wenn sie intelligent waren, konnten viele Frauen aus der Arbeiterklasse nicht mit der Schule weitermachen und ihre Matura ablegen, da ihre Eltern wollten, dass sie arbeiten gehen. Es war also anders in den 1960er-Jahren, aber ich denke, dass bis dahin bereits viel passiert war, um unsere Emanzipation voranzutreiben. Es war eine hoffnungsvolle Zeit.

Denkst du, dass du andere Lebensentscheidungen getroffen hättest, wenn du wie ich 1995 geboren worden wärst?
Ich bin nicht sicher, ob ich geheiratet hätte. Ich weiß jetzt, dass ich zu jung geheiratet hatte. Ich war erst 19, dein Grossvater 21. Wir hatten Kinder, ohne darüber nachzudenken – heiraten, zusammenziehen und Kinder kriegen war damals die Norm. Wir dachten nicht darüber nach, wie schwierig es sein würde. Aber die harte Arbeit war nicht das Problem, sondern die Einsamkeit. Alleinerziehend zu sein ist natürlich auch einsam, aber selbst wenn du verheiratet bist, kann es Zuhause sehr einsam sein, wenn dein Ehemann den ganzen Tag auf der Arbeit verbringt.

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Gibt es etwas, das du unbedingt tun wolltest, aber nicht konntest, weil du eine Frau bist?
Naja, ich wollte [nachdem ich mich in den frühen 1970er-Jahren von deinem Grossvater scheiden liess] ein Terrassenhaus kaufen, bekam aber von keiner Bausparkasse einen Kredit – obwohl ich einen Job und genügend Ersparnisse hatte. Sie haben mich bloss ausgelacht, weil ich eine Frau war. Schliesslich gelang es mir, durch eine Gemeindevertretung einen Kredit zu bekommen. Ich wollte auch Polizistin werden, aber der Grund, warum das nicht möglich war, hat nichts mit Frauenrechten zu tun. Ich war einfach nicht gross genug.

GRIECHENLAND

Melpo, 86
Meine Grossmutter Melpo lebt in Piraeus. Sie hat den Grossteil ihres Lebens als Hausfrau verbracht und sich um ihre fünf Kinder gekümmert.
– Melpomeni Maragidou, 27, News Editor VICE Griechenland VICE: Denkst du, dass wir beide unterschiedliche Lebensentscheidungen getroffen haben, weil wir als Frauen in anderen Zeiten aufwuchsen?
Melpo: Ich hatte einen guten Ehemann, der mir mehr Freiheiten gab als andere Männern ihren Frauen. Aber du und deine Mutter wurden sehr anders aufgezogen als ich. So durfte ich beispielsweise nie alleine nach draussen. Ich hatte eine arrangierte Ehe. Wenn ich jetzt jung wäre, würde ich wohl jemanden heiraten, den ich liebe – obwohl ich meinen Ehemann mit den Jahren auch liebte. Ich wünschte auch, dass ich älter gewesen wäre, als ich heiratete, und mich zuvor ausgelebt hätte. Aber wenn ich es alles noch einmal tun könnte, würde ich trotzdem wieder meinen Ehemann heiraten. Er war ein guter Mann. Er hat mich nie herumkommandiert.

Gibt es sonst noch etwas, das du anders gemacht hättest, wenn du heute aufwachsen würdest?
Ich wünschte, ich hätte einen Job gehabt. Mein Mann verdiente genug für die Familie, aber ich hätte gerne mein eigenes Geld verdient. Stattdessen war ich im Haus gefangen und musste nach meinen fünf Kindern und später meinen neun Enkeln schauen. Ich liebe sie alle, aber ich hatte keine Wahl. Ich wäre sehr gerne Köchin oder Chauffeurin geworden. Aber ich habe nie Autofahren gelernt. Mein Ehemann gab mir viele Freiheiten, also tat ich wann immer ich konnte, wonach mir der Kopf stand. Er war ein glühender Befürworter der Rechtsorientierten und ich sagte ihm immer: "Keine Sorge, ich habe für den Typen gestimmt, für den du auch gestimmt hast." Aber ich stimmte stattdessen für die sozialdemokratische PASOK Partei. Das habe ich ihm natürlich nie gesagt.

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Für welche Rechte sollten Frauen deiner Meinung nach weiterhin kämpfen?
Vieles hat sich geändert, aber wir sind noch nicht am Ziel. Hinter geschlossenen Türen herrscht nicht wirklich Gleichberechtigung – Frauen tragen noch immer die Hauptlast, wenn es darum geht, Karriere, Kindererziehung, den Haushalt und die Pflege betagter Verwandter unter einen Hut zu bringen. Verdiene dein eigenes Geld und sei gut in deinem Job, sodass du unabhängig sein kannst und deinen Partner jederzeit verlassen kannst. Bleibe nie mit jemandem zusammen, weil du dich dazu verpflichtet fühlst. Es ist egal, mit wie vielen Männern du zusammen warst – einer, zwei, drei, zehn – versuche einfach denjenigen zu finden, der für dich der Beste ist und wenn er es nicht ist: Der Nächste bitte!

MEXIKO

María Aguirre, 75
Meine Grossmutter María lebt in Venezuela. Bevor sie Mutter wurde arbeitete sie einige Jahre als Sekretärin
– Diego Urdaneta, 27, Staff Writer VICE Mexiko VICE: Hättest du irgendwelche andere Entscheidungen getroffen, wenn du heute aufgewachsen wärst?
María Aguirre: Ja, ich hätte meine Freiheiten voll ausgeschöpft. Als ich aufwuchs, war mir nicht erlaubt, alleine raus zu gehen. Ich ging nur mit meinem Grossvater raus – er war sehr beschützerisch. Ich bekam deinen Vater mit 17 – dein Grossvater sorgte dafür, dass ich meinen Job als Sekretärin aufgab, um mich um meine Söhne zu kümmern. Das tat ich gerne, und ich habe es nie bereut, aber es wäre interessant gewesen, eine Karriere zu verfolgen, wie die jungen Frauen heutzutage.

Gab es etwas an deiner Position als Frau in dieser Zeit, was dich besonders gestört hat?
Als Frau mit meinen Fähigkeiten war der einzige Job, den ich kriegen konnte, Sekretärin. Ich konnte nicht befördert werden. Ich wollte immer eine leitende Angestellte sein – ich habe den Männern im Büro regelmässig bei ihrer Arbeit geholfen, aber es stand mir nicht zu, eine Meinung zu ihren Entscheidungen zu haben.

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Denkst du, dass Frauen jetzt die Gleichstellung auf dem kommerziellen Arbeitsmarkt erreicht haben?
Frauen heute haben Jobs und Karrieren, die zu meiner Zeit ausschliesslich Männern vorbehalten waren. Deshalb denke ich, dass wir nahe an der Gleichstellung dran sind, ja. Wir haben sogar weibliche Präsidentinnen!

POLEN

Janina, 65  Meine Grossmutter Janina ist in Iława, Polen aufgewachsen und arbeitete 41 Jahre lang als Psychologin. Sie hat sich vor Kurzem zur Ruhe gesetzt.
- Maja, 18, Mitwirkende VICE Poland VICE: Denkst du, dass wir beide komplett verschieden aufgewachsen sind? 
Janina: Ja, Frauen hatten nicht viele Rechte, als ich in deinem Alter war. Frauen waren dazu da, das Haus zu putzen und die Kinder zu erziehen. Kleinen Mädchen wurde beigebracht, eine gute Frau und verantwortungsvolle Mutter zu sein. Der Frauentag am 8. März war ein nationaler Feiertag zu Zeiten des Kommunismus und die Frauen erhielten an diesem Tag traditionellerweise eine Nelke und ein Paar Strümpfe. Männer feierten auch, vor allem, indem sie betrunken durch die Strassen zogen.

Was hat dich an deiner Postion als Frau im kommunistischen Polen am meisten gestört? 
Ich konnte nie die Kleidung kaufen, die ich wollte. Und zu der Zeit sprach niemand über die Sexualität der Frau. Das einzige, was wir lernten, war, Schwangerschaften zu verhindern – und wenn du schwanger geworden bist, wie man ein gesundes Kind zur Welt bringt. Das hat sich nach der Veröffentlichung von Michalina Wisłockas Buch The Art Of Loving geändert. Wisłocka zeigte, dass Frauen Menschen mit individuellen Bedürfnissen sind.

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Frauen in Polen haben immer noch viele Gründe, auf die Strasse zu gehen – wie letztes Jahr, als die polnische Regierung Abtreibungen komplett verbieten wollte. Was denkst du, ist der wichtigste Kampf, den die polnischen Frauen heute kämpfen? 
Wir müssen immer noch für gleiche Rechte und gleiche Pflichten bei der Kindererziehung kämpfen. Wenn ein Kind Probleme macht, beschuldigt die Gesellschaft normalerweise die Mutter. Und viele Arbeitgeber sind nicht daran interessiert, Frauen einzustellen, denn von Gesetzwegen muss der Arbeitgeber weiblichen Angestellten Kinderbetreuung zur Verfügung stellen. Folglich bleiben qualifizierte und gebildete Frauen arbeitslos und sind dazu gezwungen, Zuhause zu bleiben und sich um ihren Mann und ihre Kinder zu kümmern. Wenn sie einen Job bekommen, erhalten sie für die selbe Arbeit weniger Lohn als ein Mann. Es gibt noch so vieles in Polen, wofür es sich zu protestieren lohnt.

SPANIEN

Manuela Doral Pardo, 78   Meine Grossmutter "Lola" wurde in Noceda do Cervantes geboren, zog aber 1954 nach Barcelona. Sie arbeitete in der Küche im Vall d'Hebrón Spitall in Barcelona und hat drei Kinder, die nun 56, 46 und 36 sind.
- Laura Muriel, 31, Editor VICE Spanien VICE: Wärst du in derselben Zeit aufgewachsen wie ich, hättest du dein Leben anders gelebt?
Lola: Zunächst einmal denke ich, dass ich Krankenpflege studiert hätte. Ich wurde während des Spanischen Bürgerkriegs geboren, weshalb ich nie zur Schule ging, denn ich musste mich um die Kühe und Schafe der Familie kümmern. Mit 16 zog ich nach Barcelona und begann, als Dienstmädchen für reiche Familien zu arbeiten. Lesen und Schreiben lernte ich erst mit 36 – zu der Zeit hatte ich zwei Kinder, das erste hatte ich mit 21. Wäre ich jetzt jung, wäre ich zur Schule gegangen und hätte später eine Familie gehabt. Aber nicht so spät wie die Frauen heutzutage.

Gab es etwas, das dich besonders daran gestört hat, zu der Zeit eine Frau zu sein?
Ich denke, zu meiner Zeit waren Frauen ignoranter und Männer sexistischer. Ich erinnere mich daran, dass es mich wirklich gestört hat, als ich rausfand, dass Männer an meinem Arbeitsplatz mehr verdienen, während ich länger arbeitete. Ich hatte keine Ahnung. Ich verbrachte 30 Jahre in einer Krankenhausküche, wo die Männer Köche waren und die Frauen Küchenhilfen – wir haben auch gekocht, aber die Frauen mussten das Essen auch den mehr als 100 Patienten servieren. Die Männer mussten weniger hart arbeiten, aber sie bekamen mehr Geld. Als wir protestierten, drohte uns das Management mit der Kündigung und sagte, wir würden uns zu viel beschweren. Am Schluss änderte sich nichts – die Männer waren die Köche und die Frauen ihre Assistentinnen.

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Denkst du, dass Frauen und Männer heute gleiche Rechte haben?
Es gibt immer noch viel, wofür man kämpfen muss, aber ich bin guter Dinge, dass wir es erreichen werden. Wir haben noch nicht dieselben Rechte, weil Männer sich von uns bedroht fühlen, aber das sollten sie nicht – unser Erfolg diskreditiert sie oder was sie tun nicht. Und Männer müssen auch erkennen, dass wir sie in unserem Kampf für Gleichstellung brauchen – wenn sie uns helfen, wird es für alle besser. Jedoch glaube ich, dass gesellschaftliche Themen wie Drogensucht und Arbeitslosigkeit die Gleichstellung der Geschlechter verzögern werden.

RUMÄNIEN

Maria Zeveleanu, 78  Meine Grossmutter Maria arbeitete 32 Jahre lang als Chemikerin in der Stahlindustrie, bevor sie pensioniert wurde. 
- Andrada Lăutaru, 26, Mitarbeiterin VICE Romania VICE: Wie war das Leben für dich als junge Frau im kommunistischen Rumänien?
Maria Zeveleanu: Ich bekam meinen Job sofort nach dem Schulabschluss, als ich 17 war. Wäre ich in einer anderen Zeit geboren, hätte ich gerne an der Universität Informationstechnik studiert oder vielleicht Fremdsprachen.

Gab es etwas, das dich an deiner Position als Frau zu der Zeit besonders gestört hat?
Es war hart. Es war uns nicht erlaubt, eine Abtreibung machen zu lassen, oder das Land zu verlassen, wir waren sozusagen nicht frei. Das einzige, was wir durften, war mehr zu arbeiten als die Männer und weniger Geld zu bekommen.

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Was würdest du anders machen, wenn du heute 26 wärst?
Wäre ich heute 26, wäre ich im Stande, einen besseren Job mit einem angemessenen Lohn zu finden. Ich würde reisen. Ich bin traurig, dass ich die Möglichkeit nicht hatte, Ferien im Ausland zu verbringen und die Welt zu sehen, so wie du. Und es gibt so viel Korruption in diesem Land – wäre ich in deinem Alter, hätte ich auch bei den Protesten gegen die Regierung mitgemacht.

SCHWEDEN

Birgitta Andréasson, 74 Meine Grossmutter Birgitta lebt in Kalmar und arbeitete als Beamtin des schwedischen Steueramtes, bevor sie in den Ruhestand trat.
– Benjamin Wirström, 24, Übersetzer VICE Sweden VICE: Denkst du, die Dinge stehen heute anders für Frauen als zur Zeit deiner Jugend?
Birgitta: Ich glaube, die Welt ist anders. Ich weiss augenscheinlich nicht, wie Frauen heute ihr Leben leben, aber wenn ich Filme für Teenager schaue und sehe, was Kinder tun, ist das ein großer Unterschied. Wir waren so naiv, ich glaube wir entwickelten uns viel später im Leben als die jungen Leute von heute. Hättest du andere Lebensentscheidungen getroffen, wenn du heute jung wärst?
Absolut. Worauf ich neidisch bin, ist, dass die jungen Leute heute die Welt bereisen können und dabei so viel lernen. Es ist so einfach geworden, in andere Länder zu gehen und Leute zu treffen – du wächst an Begegnungen mit verschiedenen Arten von Menschen und lernst so viel dabei. Für welche Rechte müssen Frauen in Schweden deiner Meinung nach immer noch kämpfen?
Gleicher Lohn ist ein grosses Thema, oder? Obwohl unsere Gesellschaft in so vielen Bereichen fortgeschritten ist, sind unsere Gesetze antiquiert, wenn es um Löhne geht. Ich weiss nicht, ob es möglich ist, wahre Gleichheit zu erreichen, selbst in 100 Jahren. Männer und Frauen haben einfach verschiedene Privilegien, weil wir so fundamental unterschiedlich sind.

SCHWEIZ

Maria, 77 Meine Grossmutter Maria arbeitete als Lehrerin, ist nun pensioniert und wohnt in Zürich. Frauen in Zürich erlangten das Recht, auf nationaler Ebene abzustimmen, erst 1971 – der letzte schweizer Kanton, der den Frauen das lokale Stimmrecht zusprach, wurde 1991 zu diesem Schritt gezwungen.
- Julian Riegel, 25, Deputy Editor Noisey Alps VICE: Denkst du, wir beide sind unterschiedlich aufgewachsen, wenn es um Frauenrechte geht?
Maria: Du kamst am nationalen Frauenstreiktag der Schweiz, am 14. Juni 1991, zur Welt. Es herrscht heute ein viel grösseres Bewusstsein in Sachen Frauenrechte. Ich hatte für den Grossteil meines Lebens das Recht, abzustimmen, aber es gab keinen wirklichen Druck für Gleichberechtigung und wir kamen nicht einmal in die Nähe von Lohngleichheit. Als ich unterrichtete, bezahlte man mir viel weniger als meinen männlichen Kollegen. Die Männer waren vom Staat angestellt, die Frauen von der Gemeinde.

Hättest du andere Entscheidungen getroffen, wenn du jetzt in meinem Alter wärst?
Ich war das erste Mädchen unseres Dorfes, das die Sekundarschule besuchte. Damals dachten die Leute einfach nicht, dass ein Mädchen eine Ausbildung braucht. Weil es für ein Mädchen, das studieren wollte, nicht viele Optionen gab, musste ich mich in einer Schule anmelden, die von Nonnen geleitet wurde. Das war schrecklich. Im Sommer mussten wir weisse Kleider tragen, im Winter dunkelblaue. Wir durften nicht alleine spazieren gehen und die Nonnen kontrollierten all unsere Post. Als ich das Gymnasium mit 20 abschloss, trat ich ins Militär ein, denn der Frauenservice war stark beworben worden und ich dachte, es würde mir weiterhelfen. Ich weiss nicht, ob ich heute die selbe Entscheidung treffen würde.

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Wofür denkst du, haben Schweizer Frauen immer noch zu kämpfen?
Wir müssen für Gleichheit kämpfen, für die selben Möglichkeiten am Arbeitsplatz, die Männer geniessen. Und wir müssen dafür kämpfen, zu ändern, wie Frauen von Männern wahrgenommen werden. Viele Männer fühlen sich durch Frauenrechte bedroht, sie haben das Gefühl, dass sie Frauen runtermachen müssen, um stark zu bleiben – aber ich denke, dass Frauen und Männer zusammenarbeiten müssen, um das Leben für alle besser zu gestalten.

PORTUGAL

Maria Sobral, 82 Meine Grossmutter Maria Sobral wurde 1935 in der Stadt Beja geboren. Nach der Geburt ihrer Kinder arbeitete sie als Sozialarbeiterin.
- Madalena Maltez, 23, Mitarbeiterin VICE Portugal VICE: Warst du dir dem Thema Frauenrechte bewusst, als du aufwuchst? 
Maria: Ich wuchs als Tochter eines Landbesitzers auf, in einem ländlichen Teil von Portugal und Frauenrechte waren nichts, wovon man sprach. Arbeiterrechte bereiteten meinem Vater bereits schlaflose Nächte. ich kann mir nicht vorstellen, was er getan hätte, wenn ich Frauenrechte aufgebracht hätte.

Hattest du jemals einen Job?
Ja, ich begann 1973 als Sozialarbeiterin, nachdem ich meine Kinder zur Welt gebracht hatte und sie in der Schule waren. Davor war ich mit dem Grossziehen meiner Kinder beschäftigt. Man erwartete von Frauen meines sozialen Standes nicht, einen Job zu haben, oder auch nur das Haus ohne Begleitperson zu verlassen. Ich gestehe, dass ich nie wirklich den Drang verspürt hatte, zu arbeiten. Damals gehörte der Lohn einer Frau ihrem Ehemann – per Gesetz war er es, der das Familieneinkommen managte und den Vertrag der Ehefrau auflösen konnte. Aber mein Ehemann wollte das nie – mein Lohn gehörte mir. Er ist heute noch ein viel politischerer Mensch als ich es bin, ein entschiedener Unterstützer der Gleichberechtigung.

Denkst du, dass du etwas anders gemacht hättest, wenn du heutzutage aufgewachsen wärst?
Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass ich persönlich etwas anders gemacht hätte, nein. Die Umstände wären natürlich anders gewesen. Ich wuchs in einer Diktatur auf, was bedeutet, dass ich von der Politik abgeschirmt war. Die Bildung, die ich bekam, war so konstruiert, dass ich von sozialen Themen abgelenkt war und viele der Familien, die Land besassen, waren Befürworter oder Teil der Regierung und der Diktatur. Ich würde keine meiner persönlichen Entscheidungen ändern, aber ich hätte gerne mehr Bewusstsein dafür gehabt, wie das Leben vieler Leute wirklich war. Ich habe keine Zweifel, dass das Leben der Frauen heute viel besser ist.

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