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Warum gibt es in der Formel 1 keine Dopingskandale?

Während andere Sportarten regelmäßig von Dopingschlagzeilen erschüttert werden, hat die Formel 1 eine weiße Weste. Dabei gäbe es auch Substanzen, die einen Unterschied machen könnten.
13.1.16
Jerome Miron-USA TODAY Sports

Während manche Sportarten regelmäßig von Dopingschlagzeilen erschüttert werden, scheint der Motorsport eine fast blütenweiße Weste zu haben. Mit Ausnahme der einen oder anderen positiven Marihuana-Probe. Obwohl man THC wohl kaum als eine für Rennfahrer leistungssteigernde Substanz bezeichnen kann.

In den bedeutenden Motorsportserien sind Dopingskandale so selten wie ein weißer Rabe. Das hat vor allem mit der guten Arbeit der FIA zu tun, die schon lange eng mit der WADA (World Anti-Doping Agency) zusammenarbeitet. So werden beispielsweise Formel-1-Fahrer regelmäßig und ohne Vorankündigung getestet, und das auch zwischen den Rennwochenenden.

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Kein Fahrer ist bislang durchgefallen, auch wenn einige ihren Unmut darüber kundgetan haben, in aller Herrgottsfrüh aus dem Bett geholt worden zu sein.

„Die Jungs sind sauber", sagte der frühere FIA-Medizinchef und Formel-1-Arzt, Dr. Gary Hartstein, 2013 in einem Interview. „Und das sage ich nicht, weil ich naiv oder zu optimistisch bin, ich sage es, weil ich an der Anti-Doping-Arbeit der FIA maßgeblich beteiligt war. Außerdem weiß ich, was die Jungs brauchen, um ihr fahrerisches Optimum abrufen zu können. Und auf der Verbotsliste steht nichts, was ihnen dabei weiterhelfen würde. Und das wissen sie auch."

Mehr Risiko als Nutzen?

Hartsteins Nachfolger, Jean-Charles Piette, erzählte mir 2012, dass das Ausbleiben von Dopingskandalen in der Formel 1 damit zusammenhängt, dass die Fahrer genau wissen, welche verheerenden Konsequenzen Dopingmittel auf der Strecke haben könnten.

„Es ist etwas ganz anderes, ob ein Fußballspieler oder ein Rennfahrer dopt", sagt Piette. „Wenn ein Fußballspieler verbotene Substanzen zu sich nimmt, gefährdet er damit seine Gesundheit, aber nicht die seines Teams oder der Zuschauer."

Klingt erstmal plausibel, doch auch in der Formel 1 zählen nur Punkte und Siege. Wenn es also ein brandneues Mittelchen gäbe, das erheblich die Konzentration erhöhen und die Nerven stärken würde, ist zumindest fraglich, ob weiterhin alle Fahrer der Risiken für ihre Umwelt eingedenk wären. Andererseits birgt der Rennsport trotz vieler Sicherheitsverbesserungen auch ohne mögliche Dopingcocktails noch genügend Gefahren, was die Fahrer natürlich am besten wissen.

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Aber würde Doping überhaupt etwas in der Formel 1 bringen? Theoretisch schon. Schließlich liegen in der Formel 1—ein verdammt komplexer Sport—zwischen Sieg und Niederlage oft nur Sekundenbruchteile. Und neben Talent und Mumm braucht ein erfolgreicher Fahrer eine blitzschnelle Reaktionsgeschwindigkeit, mentale und körperliche Ausdauer, eine sehr gute Konzentrationsfähigkeit und Muskelkraft (vor allem im Nacken- und Oberkörperbereich).

Welche Substanzen kämen in Frage?

Welche Dopingmittel wären denn für Rennfahrer überhaupt geeignet? Theoretisch ein ganz schöner Cocktail, angefangen mit Mitteln wie Ambien oder Adderall, die die Konzentration stärken, über Steroide für den Muskelaufbau bis hin zu Amphetaminen, die den Hunger unterdrücken, damit der Fahrer weniger auf die Waage bringt (im Rennsport spielt Gewicht eine entscheidende Rolle).

„Wenn wir uns überlegen, welche Substanzen die Performance im Motorsport potentiell verbessern könnten, müssen wir zwei Sphären im Hinterkopf haben: im Rennen und außerhalb des Rennens. Außerhalb des Rennens könnten Mittel interessant sein, die das Muskelwachstum beschleunigen. Wer schon mal einen Formel-1-Fahrer von hinten gesehen hat, weiß, dass sie einen ziemlichen Stiernacken haben. Den brauchen sie, um die G-Kräfte gut auszuhalten."

„Dann gibt es auch Substanzen, die bis zu einem gewissen Grad auch im Wettkampf hilfreich sein könnten", so Piette weiter. „Da wären einerseits erlaubte Stoffe wie Koffein oder Nikotin, aber ebenso Amphetamine oder Kokain. In anderen Sportarten gab es schon positive Tests auf zuletzt genannte Substanzen und es ist nicht immer klar, ob die wirklich nur für den Freizeitkonsum waren."

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In der jüngeren Vergangenheit sollen Formel-1-Fahrer auch Tacrin—ein Medikament gegen Alzheimer— genommen haben, um sich komplexe Streckenverläufe besser einprägen zu können.

Tacrin befindet sich nicht auf der Verbotsliste der WADA, weswegen man sich darüber streiten kann, ob es sich hier wirklich um Doping handelt, selbst wenn man einen leistungssteigernden Effekt nachweisen könnte.

Früher war mitnichten alles besser

Der Rennsport war nicht immer so „clean". In seiner Geschichte gab es auch unzählige Fahrer, die auf Morphinen, Amphetaminen und anderen Substanzen ins Rennen gegangen sind.

„Ich habe früher bei Rallys Drogen genommen", gab die Rennlegende Sir Stirling Moss einst zu. „Das war damals die Norm. Sie wurden nicht als Doping angesehen. Das ganze Dopingthema kam erst auf, als Sportler und Sportlerinnen anfingen, mit den Substanzen ihre Körper zu stählern. Meines Wissens gibt es aber bis heute nichts, das deine fahrerischen Qualitäten verbessern kann.

Und noch einmal Moss: „Ich weiß nicht, was mir Fangio 1955 vor den Mille Miglia gab, aber ich bin mir sicher, dass es eine mittlerweile verbotene Substanz war."

Ganz klar, früher war doch nicht alles besser.

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf motorsport.com.