Drogengangs haben den Fußball aus Zidanes Heimatbezirk vertrieben

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Drogengangs haben den Fußball aus Zidanes Heimatbezirk vertrieben

Im Marseiller Problembezirk La Castellane regiert die Drogen-Unterwelt, Fußballplätze werden vor allem für Schießereien missbraucht. Doch Trainer aus der Nachbarschaft stemmen sich dagegen.
2.2.16

Dieser Tage ist La Castellane, ein Bezirk in Marseille, besser bekannt für seinen schlechten Ruf als für die Tatsache, dass hier Zinédine Zidane aufgewachsen ist. 28 Jahre, nachdem der heutige Coach von Real Madrid der Gegend den Rücken gekehrt hat, sind die Spuren seiner Kindheit in der schier endlosen Sozialwohnungssiedlung fast vollständig verwischt. Stattdessen regiert hier der Schwarzhandel, vor allem von Drogen, und stellt den Fußball komplett in den Schatten.

Das Erste, was einem auffällt, wenn man in La Castellane ankommt, sind die vielen Polizeiwagen am Straßenrand. Beige-graue Gebäude türmen sich im Hintergrund auf, ihre engen Fenster lassen sie wie eine uneinnehmbare Festung aussehen. Im Inneren, fernab von neugierigen Blicken, haben Dealer eine Art von Drogensupermarkt auf die Beine gestellt. Wer hier aufkreuzt, will Drogen kaufen, ansonsten hat er hier nichts zu suchen.

An einer Eingangstür stehen zwei Jugendliche und halten nach Polizisten Ausschau. „Ah, du willst über Fußball sprechen. Dann hier entlang, ich zeig dir den Weg", meint Karim (nicht sein richtiger Name), ein dunkelhaariger 16-Jähriger in Jogginganzug, mit freundlichem Lächeln.

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Er führt mich durch den hässlichen Betondschungel, den 7.000 Menschen ihr Zuhause nennen, zum Gemeindezentrum und erzählt mir von seinen Freunden, die den Sprung zu Profi-Jugendabteilungen quer in Frankreich geschafft haben. „Hakim ist in Clermont, Memet in Metz…"

Zidane war auch so einer, als er La Castellane im Alter von 15 für den AS Cannes verließ. Nichts habe sich verändert, seitdem der Franzose Rafael Benitez als Trainer von Real Madrid abgelöst hat, meint Karim. Obwohl: „Mittlerweile werde ich immer mehr vom Barça- zum Real-Fan."

Vor dem Gemeindezentrum sitzen drei ältere Herren, die in den 60ern und 70ern aus Nordafrika zum Arbeiten nach Frankreich kamen, und studieren uns neugierig. „Wir kannten seine Familie", erzählt uns einer von ihnen. Er trägt Schnurrbart und Hut, der rechte Arm ist auf seinen Gehstock gelehnt. „Ich kannte die Zidanes schon, da haben sie noch in Algerien gelebt", fährt er fort.

Nachdem er auf diversen Pariser Baustellen gearbeitet hatte, wollte Smaïl Zidane, Zinédines Vater, eigentlich schon wieder in die Heimat zurückkehren. Das war 1962. Doch dann traf er Malika. Das Paar beschloss schließlich, sich im Norden von Marseille niederzulassen, wo sie am Ende eine Familie mit fünf Kindern gründen sollten. Zinédine wurde 1972 geboren. In seinem Heimatviertel La Castellane nannten ihn alle nur „Yazid", sein zweiter Vorname.

„Unsere Eltern waren sehr streng, die Erziehung hatte fast was von Wehrdienst", erinnert sich eine Frau namens Takilit, die hier im Viertel einen kleinen Laden führt. Takilit gehört zur selben Generation wie Yazid und wuchs wie er in einer Familie von algerischen Einwanderern auf. An der Tür ihres Geschäfts hängt ein A3-großes Zidane-Poster, handsigniert vom Weltmeister. „Für Moktar, mit besten Grüßen!" Das Poster samt Autogramm war ursprünglich ein Geschenk von Zidanes älterem Bruder Majdid an den Bruder von Takilit. Majdid nennen hier alle nur Jamel. Er lebt noch immer in La Castellane, wo er als Hausmeister eines örtlichen Schwimmbads arbeitet.

Am Schwimmbad angekommen, treffen wir tatsächlich auf Jamel. Er trägt eine Jogginghose und einen Real-Madrid-Anorak. Jamel steht vor dem Schwimmbad und schaut mit leerem Blick Richtung Straße. Je näher wir ihm kommen, desto deutlicher wird die Ähnlichkeit mit Yazid.

Doch unsere Begeisterung, den älteren Bruder einer lebenden Fußballlegende zu treffen, ist nur von kurzer Dauer. „Verschwindet, ich will nicht reden", ruft uns ein sichtlich irritierter Jamel zu. Auch wenn wir uns eigentlich einen Einblick in Yazids Kindheit erhofft haben, respektieren wir seine Entscheidung und fahren wieder zurück. Jamel gilt hier in La Castellane als Einzelgänger und tritt in der Öffentlichkeit nur äußerst selten zusammen mit seinem berühmten Bruder auf.

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Um besser zu verstehen, wie und wo Zidane aufgewachsen ist, machen wir uns auf zum Tartane-Platz. Auf dieser hässlichen Betonfläche aus den 70ern spielte der junge Yazid jeden Tag für mehrere Stunden. Gewohnt hat er gleich nebenan, Hausnummer 28, im ersten Stock.

Das Gebäude soll demnächst abgerissen werden. Der französische Premierminister Manuel Valls sprach davon, die Gegend „öffnen" zu wollen. Was nichts anderes bedeutet, als der Polizei dabei behilflich zu sein, die Drogengangs rund um den Platz effektiver bekämpfen zu können. Die Anwohner haben keine große Lust auf Fragen zu ihrem weltberühmten Ex-Nachbar. „Hier gibt es keinen Zidane." – „Nein, er hat hier nicht gespielt!" Als es dunkel wird, endet unsere Zeit in La Castellane.

Die Atmosphäre wird erst wieder einladender, nachdem wir die XXL-Wohnsiedlung hinter uns gelassen haben. Hier, auf der anderen Seite der Schnellstraße, trainieren die 11- bis 13-Jährigen von Nouvelle Vague, einem örtlichen Fußballverein. Eigentlich gäbe es für die Jungs in La Castellane einen Fußballplatz, doch der wird schon seit Jahren von rivalisierenden Gangs für Schießereien missbraucht. Zu Zeiten, als hier noch Yazid wohnte, spielte der Verein auf einem ganz anderen Platz. Dort steht mittlerweile aber ein Einkaufszentrum.

Die heutige Spielstätte von Nouvelle Vague, außerhalb der berüchtigten Wohnsiedlung, lässt auf den ersten Blick vieles zu wünschen übrig. Auch auf den zweiten. Doch das ist völlig egal, denn das Wesentliche erfüllt der Platz und auch der Verein: Er holt die Kinder und Jugendlichen von der Straße. „Wir kümmern uns hier um die Kinder, indem wir sie aus der Siedlung locken", sagt der 46-jährige Nordine. „Wir sind hier mehr Erzieher als Coaches."

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Einmal—erzählt uns ein Vater, der seinen Sohn zum Training begleitet hat—haben sich rivalisierende Gangs so heftig in der Nachbarschaft beschossen, dass mehrere Eltern beim Trainer anriefen und ihn baten, das Training bis halb acht zu verlängern. „Die zerstören unser Leben."

Insgesamt 7.000 Menschen sind in La Castellane beheimatet, davon 2.000 Kinder und Jugendliche. Rund 150 sind direkt mit dem Handel von Drogen beschäftigt, erzählt mir der Journalist Philippe Pujol, der 2014 mit dem Albert-Londres-Preis, dem renommiertesten Journalistenpreis Frankreichs, ausgezeichnet wurde und über Marseilles bitterarmen Norden ein Buch geschrieben hat. Die Lage in und um La Castellane ist auch der Hauptgrund dafür, warum Farid—ein weiterer Zidane-Bruder—1992 Yazids Kindheitsverein wiederbelebt hat. Yazid ist bis heute Ehrenpräsident des Vereins.

Der junge Zinédine Yazid Zidane, links neben dem Torhüter. Foto: Saint-Henri FC.

Zizou blieb nur für ein Jahr bei seinem Heimatverein. Dann schloss er sich dem besser ausgestatteten Nachbarschaftsclub US Saint-Henri, heute Saint-Henri FC, an. Heute Abend ist Training und so ziemlich jeder hier hat eine Anekdote über Zidane zum Besten zu geben. „Einmal hat er mir applaudiert", lacht Hakim. „Ich spielte für L'Estaque, er für La Castellane und mir ist ein Fallrückziehertreffer geglückt."

Philippe Bisch, der heute die Frauenmannschaft trainiert, hat mit Zizou sogar zusammengespielt. Damals habe er vom Trainer nur eine einzige Aufgabe bekommen: „Yaz den Rücken freizuhalten", sagt Bisch, der im defensiven Mittelfeld neben dem späteren Weltmeister kickte. „Einmal sind wir im Halbfinale des Louis Crouzet Cup auf Marseille getroffen", erzählt er weiter und hört sich dabei wie ein echter Kriegsveteran an, der von alten Heldentaten berichtet. „Wir lagen zur Halbzeit mit 0:1 zurück. In der Kabine war Yaz den Tränen nahe und wütend, hat das aber nach außen nicht groß gezeigt. In der zweiten Halbzeit hat er dem gegnerischen Team dann vier Tore eingeschenkt." Unter den Zuschauern war auch ein Scout von Marseille, dem der junge Yazid dank seiner vier Treffer natürlich aufgefallen ist. Zidane durfte dann auch zum Probetraining, wurde aber nicht geholt, weil „sie dachten, dass er nicht schnell genug ist", wie sich sein ehemaliger Mitspieler erinnert.

Franck Gomez ist angekommen. Er hat ein rundes Gesicht und einen kleinen Ziegenbart. Gomez ist Trainer bei der ersten Mannschaft von Saint-Henri und ein früherer Schulkamerad vom Les Bleus-__Spielmacher. Er ging außerdem zusammen mit Zizou ins Fußballinternat vom AS Cannes. Die beiden haben sich seitdem nie aus den Augen verloren, Francks letzter Kontakt war eine SMS an seinen alten Freund, um ihm zur Beförderung als Chefcoach von Real Madrid zu gratulieren.

„Jedes Jahr lädt er mich und drei weitere frühere Cannes-Mitspieler für ein paar Tage nach Madrid ein. Wir gehen zum Training, schauen uns ein Spiel im Bernabéu an und gehen gemeinsam essen." Zidanes Starruhm hat zwischen ihn und seine alten Freunden keinen Keil getrieben. „Solange du dich wie immer gibst, verhält er sich genauso wie früher." Für Zidane-Kenner war es deswegen auch keine Überraschung, dass er mit seinem Landsmann David Bettoni einen alten Weggefährten aus Cannes als seinen Assistenten nach Madrid holte.

Mittlerweile lauschen alle Spieler gebannt den Erzählungen ihres Trainers, doch der hat anderes im Sinn. „Auf geht's, Jungs. Jetzt wird trainiert, schließlich sehe ich hier noch keinen Cristiano Ronaldo!" Wenn er da mal nicht falsch liegt. Denn, wie mir Franck später noch erzählt, auch ein Zidane „hob sich zwar dank der Technik von seinen Gegenspielern ab, galt aber trotzdem nicht als das größte Talent seiner Generation." So galt sogar Zidanes Bruder Nordine als besserer Spieler, nur dass der auf dem Platz allzu leicht die Beherrschung verlor. „Der Hauptunterschied zwischen den beiden bestand darin, dass Yazid genau wusste, wo er hinwollte. Er arbeitete unermüdlich für sein Ziel."

Das war, als Yazid gerade mal 14 war. Der Rest ist Geschichte.