Thump

FJAAK sind so ziemlich das Unterhaltsamste, was im Techno gerade passiert

Wir haben mit FJAAK gebacken, um die Dynamik des Supertrios zu ergründen.
23 Januar 2017, 2:35pm

Es ist ein klirrend kalter Januarabend, als wir uns auf den Weg zu Berlins Trio der Stunde machen. Auf dem kurzen Fußmarsch vom U-Bahnhof Eberswalder Straße Richtung Mauerpark zeigt sich der Prenzlauer Berg in seiner ganzen gentrifizierten Beschaulichkeit. Junggebliebene Väter schleifen ihre Kinder auf quietschenden Holzschlitten hinter sich her. Die Gehwege sind voller Splitt. Hinter der Scheibe eines durchgestylten Popup-Pizzaladens findet gerade ein Fotoshooting statt. Vorm Biosupermarkt quengelt ein Mädchen aus dem Holzkasten eines Christiania-Fahrrads nach Dinkelcrackern.

Die Zeiten, als aufstrebende Künstler sich diese Gegend noch leisten konnten, sind längst vorbei. Auch die einst hier angesiedelte Musiker-WG von Felix Wagner, Aaron Röbig und Kevin Kozicki, kurz FJAAK, fiel der Sanierungswelle zum Opfer. Für das geplante gemeinsame Kochen sind wir deshalb in der Wohnung eines Mitarbeiters ihres Labels Monkeytown verabredet.

"Unsere WG ist jetzt halt legendär geworden, wir haben die wegen dem Hype zugemacht", erklärt Kevin mit bierernster Miene, als wir abgekämpft im sechsten Stock der Altbauwohnung ankommen. Schallendes Gelächter aus dem Wohnzimmer. In Jogginghose und Hoodie sitzen die drei Jungs um einen kniehohen Couchtisch, auf dem Tabak, Longpapes und diverse Kifferutensilien verstreut liegen. Das Trio macht auch auf seinen Social Media Kanälen keinen Hehl aus seiner Liebe zum Kiffen. Wie zentral das grüne Zeug für unser Kochen noch werden wird, ahnen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Heute gibt es Space Cake. Alle Fotos von Grey Hutton

Die Geschichte von FJAAK—wie bei ABBA eine Kombination der Anfangsbuchstaben ihrer Vornamen – könnte einem dieser zahllosen Berliner Technomärchen-Filme entstammen: Vor den Toren der Hauptstadt im provinziellen Spandau aufgewachsen, fangen sie zunächst zu viert im elterlichen Kellerstudio an, Musik zu machen. Von Johannes, der im Abi-Stress aussteigt, bleibt nur das J im Bandnamen. Anfangs noch mit Schlagzeug und Gitarre entdecken sie bald die Liebe zu analogen elektronischen Instrumenten. Partys in besetzten S-Bahn-Bögen und illegalen Open-Airs im Wald folgen, auf denen sie die ersten Gehversuche als DJs machen. Obwohl sie angeblich keinen Plan haben, was auf den Dancefloors der Technohauptstadt nebenan so gespielt wird, beweisen sie mit ihren Produktionen musikalisch einen ziemlich guten Riecher. Sie wagen den Sprung in die Berliner Szene – und es klappt.

Felix hat sich mittlerweile in die Küche verzogen. Ein buttriger süßer Duft steigt auf und vermischt sich mit dem herben Grasgeruch aus dem Wohnzimmer. Ein Blick in den Kochtopf bestätigt das, was wir aufgrund der verhalten kichernden Reaktion auf unsere Frage hin, was wir denn kochen, längst vermutet haben: es gibt Space Cake.

Akribisch stellt er den Handywecker, rührt das zerstoßene Gras in die im Wasserbad erhitzte Butter. "Das mit dem Wasserbad hab ich von meiner Oma und die backt den derbsten Kuchen, Alter!" Felix hat nicht nur das Küchenzepter an sich gerissen, er übernimmt auch sonst den größten Redeanteil. Spezifische Rollenverteilungen gibt es bei der "unwahrscheinlichsten Techno-Boygroup", wie das Berghain FJAAK mal bezeichnete, allerdings nicht. "Manchmal bin ich mehr am Start, manchmal springt Kevin ein, das ist bei uns ziemlich ausgeglichen", findet Felix. Nebenan diskutieren die anderen über die Katze von Aarons Kumpel, die versehentlich Haschkekse gefressen hat und nie wieder runtergekommen ist. "Überkrassbitter!", kommentiert Kevin anerkennend. Wie ich die Jungs so rumhängen sehe, kann ich kaum glauben, was sie so alles auf die Reihe kriegen.

2012 die ersten Platten auf Fritz Kalkbrenners Label Baalsaal Records, 2013 der erste Gig im Berghain. Analoge Bassdrums, treibende Breakbeatelemente, Feel-Good Housepianos und ein Moby-Sample: Mit ihrem Clubbanger  "Don't Leave Me" schaffen es FJAAK 2014 in die limitierte Reihe von 50Weapons, dem mittlerweile geschlossenen Sublabel von Modeselektors Monkeytown. Der Release ist eine glückliche Fügung, die ihre Karriere erst richtig ins Rollen bringt. FJAAK erfinden mit ihren verspielten Produktionen das Techno-Rad nicht neu. Doch sie geben durch ihre unübersehbare Freude am gemeinsamen Produzieren eine gewissen Unbeschwertheit jener Szene zurück, der die Leichtigkeit manchmal ein bisschen abhanden kommt.

"Wir haben von morgens bis abends Mucke gemacht, immer ist irgendwer rumgekommen." Wenn FJAAK von ihrer gemeinsamen WG-Zeit erzählen, kommen sie fast ein bisschen ins Schwärmen. Alle reden durcheinander, werden immer lauter. "Wir haben halt öfter mal die Miete nicht bezahlt ...", setzt Felix an. "Waas? Wir haben mehr bezahlt, als sie jetzt kostet, man!", fällt ihm Kevin ins Wort, während Aaron beschreibt, wie groß der Pilz war, der aus der Badwand gewachsen ist.

Außerhalb des FJAAK-Mikrokosmos versteht man spätestens jetzt kein Wort mehr. Irgendwann kommen alle zum Schluss: "War halt schon `ne übernice Zeit." Schade um das gemeinsam Homestudio sei es allerdings nicht: "Wir haben das Produzieren generell immer outgesourct. Das ganze Equipment ist nur zur Dekoration. Unsere eigenen Tracks kaufen wir immer auf rappers.in, für 2,99 € bekommt man da die Exklusivrechte." Typischer FJAAK-Humor. Ich merke, dass ich hier nicht alles für bare Münze nehmen darf.

Mittlerweile quetschen wir uns zu sechst in der engen Küchenzeile, Felix füllt den Teig in die Form, Aaron leckt den Rührstab ab. Wir haben Berliner Luft als Gastgeschenk mitgebracht, in der Sonderedition "Prenzlauer Berg". Neben dem "Wahrzeichen" des Stadtteils, dem Mauerpark, verrät der Aufdruck auf der Flasche, dass der Pfeffi neuerdings auch vegan ist. Kevin kriegt sich kaum noch ein vor Lachen, während er mal "auf Gastgeber macht" und uns einschenkt. Die Jungs sind ein eingespieltes Team, bei denen man sich sofort aufgenommen fühlt. Man merkt ihnen an, dass sie sich schon ewig kennen. Dass sie den ganzen Hype um ihre Musik zu dritt erleben dürfen, feiern sie selbst eigentlich am meisten. Gleichzeitig hält es sie auf dem Boden.

"Für die Leute ist Techno heute so ein Ding, wo ein Typ vor dem Computer sitzt. Aber in den alten Zeiten in Detroit, da haben sie versucht mit analogen Geräten eine Disko-Band nachzubauen. Einer spielt Schlagzeug, einer Bass, einer Melodien", erklärt Kevin in rasantem Sprechtempo. FJAAK sind Band geblieben, das gemeinsame Jammen ist essentiell für ihren kreativen Prozess. Bildhaft kannst du dir das ungefähr so vorstellen: "Irgendjemand bringt 'nen krassen Drumloop mit, Aaron sitzt an der MPC und hat da was Geiles aufgenommen. Wenn Kevin kacken geht, setz ich mich dann hin und hab irgendwie die mörderkreative Idee oder so", erklärt Felix.

Wie bei einer Jazz-Band versteht man sich dabei ohne Worte. "Es kommt voll selten vor, dass einer mal wirklich sagt: 'Boah nee, das ist mir jetzt echt zu vercrackt!' Wir haben eigentlich immer voll das gleiche Ziel, von alleine. Klingt jetzt irgendwie mystisch, aber es kommt halt so voll natürlich", versucht Felix ihr Schaffen irgendwie in Worte zu fassen.

Wie präzise sie ihren Sound gefunden haben und wie "in sync" FJAAK produzieren, kannst du beim Feature "Against The Clock" des FACT Magazine beobachten. In gerade mal 10 Minuten Jam-Session entstand dort ein Track, der es jetzt sogar auf ihr Debüt-Album geschafft hat. "Wir haben den Track genau aus dem Grund mit aufs Album genommen, weil wir halt genauso immer im Studio chillen, das wollten wir den Leuten zeigen", so Felix, während er einen prüfenden Blick in den Ofen wirft.

Veganer Schnaps? Na dann mal Prost!

Als Live-Act durch und durch haben FJAAK musikalisch immer den Dancefloor vor Augen, was dazu führt, dass den meisten Produktionen eine gewisse Clubfunktionalität nicht abzusprechen ist. Auf ihrem jetzt erscheinenden Debütalbum  FJAAK genießen sie es sichtlich, sich auch mal vom Four-To-The-Floor-Diktat zu lösen. "Wir haben viel Zeit gebraucht, um für das Album eine schöne Mischung zu finden, zwischen Tracks für zu Hause und für den Dancefloor, wo wir einfach herkommen", so Aaron. Mehr Breakbeat und experimentelle Electronica-Einflüsse, doch auch irgendwie mehr Rave—ganz vom Club trennen wollen sich FJAAK eben doch nie.

"Ich hab mal kurz gewonnen", wirft Kevin ein, der während wir reden auf der Nintendo DS zockt. Entgegen aller fürsorglichen elterlichen Warnungen: Zocken fördert bei FJAAK die Kreativität. Früher lief parallel zum Mucke Machen immer ein Videospiel, Mario Kart oder Call of Duty. "Es sieht vielleicht so aus, als säße man nur rum, kiffe und hätte seinen Spaß, aber man ist ja konstant am Kreativschaffen. Um neuen Input zu kriegen und locker zu bleiben, hat uns das Zocken echt geholfen", unternimmt Felix einen Rechtfertigungsversuch. Doch das Gespräch hat sich da längst schon wieder weg von der Musik entwickelt. Zehn Minuten lang diskutieren alle über irgendeine Neuauflage von Nintendo.

Als das Album am vergangenen Freitag rauskam, waren die drei gerade in Buenos Aires. Das Tourleben ist mittlerweile fester Bestandteil ihres Alltags. Dass sie dabei zu dritt unterwegs sein können, schätzen sie sehr. Aaron erzählt Storys von Hotels im philippinischen Urwald, von Besuchen in Kanye Wests-Studio, bei denen sie eine von ihnen aufgenommene Kick-Drum durch einen 25.000 € Kompressor gejagt haben. "Überkrasse Story, gib dir das! Wenn du da allein wärst, das wär doch voll lame!", bringt Kevin das auf den Punkt, was FJAAK ausmacht: Es geht darum gemeinsam Spaß zu haben und im Kollektiv etwas Neues zu schaffen.

Wo die Clubszene sich oft selbst zu ernst nimmt, bringen Felix, Aaron und Kevin einen frischen Wind rein. Und würde ich die ganz großen Gesten auspacken wollen, dann würde ich wohl sagen: FJAAK erinnern an die Ursprünge der Club Culture, als die "House Nation" noch eine gemeinsame Utopie war und Techno der Soundtrack eines gesellschaftliche Gegenentwurfs.

Als der Space Cake fertig ist, machen wir draußen noch ein abschließendes Fotoshooting. Auf der Straße posieren FJAAK im Scheinwerferlicht eines parkenden Autos vor einem Container, der mit Bauschutt beladen ist. Vermutlich wieder einmal die Überreste einer Altbauwohnung, die nun kernsaniert und doppelt so teuer vermietet wird. Auf den Container hat jemand "WEED" gesprüht.

Dieser Artikel ist zuerst bei THUMP erschienen.

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