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„Nach einem halben Joint bin ich direkt in der Badewanne eingeschlafen“—Richtig entspannen mit Estikay

Estikays neues Album heißt ‚Auf Entspannt‘, also haben wir sein Fachwissen an den Entspannungsguides der Krankenkasse und einer Esoterik-Website getestet.

von Julius Wussman
23 Januar 2017, 12:50pm

Alle Fotos: Lisa Ziegler

Im Hochsommer 2015 gab Sido bekannt, dass er einen gewissen Estikay unter Vertrag nehmen würde. Den jungen Hamburger hatte bis dahin noch niemand so richtig auf dem Schirm und plötzlich war er neben Adesse exklusiver Teil der Goldzweig-Familie. Chilliger Sound, lässiger Flow, sonniges Gemüt—war klar, dass das Sido gefällt. Anderthalb Jahre und zwei Sido-Platten später veröffentlicht Estikay dann sein Debüt Auf Entspannt. Genau an dem Tag, als Donald Trump zum US-Präsidenten vereidigt wird, im tiefsten Winter, zu einer Zeit, wo sich Deutschrapper längst lieber Drogen-tickend durch Trap-Beats hetzen als relaxt im Viervierteltakt vom guten Leben zu schwärmen. Den Zeitgeist trifft Estikay mit seinem Debüt damit definitiv nicht, aber das hat er sicher schon aufgeschrieben—auf die Liste der Dinge, die ihm scheißegal sein können.

Da gepflegtes Entspannt-sein nicht nur ein passender Albumtitel, sondern viel mehr sogar eine Lebenseinstellung für den 24-Jährigen zu sein scheint, wollten wir von seinem Spezialwissen profitieren. Also haben wir uns einen Entspannungsratgeber der Krankenkasse und einer Esoterik-Website rausgesucht und sind mit Estikay die hilfreichen Tipps durchgegangen:

Noisey: Der erste Tipp der Krankenkasse: Yoga machen. Das soll super sein. Hast du darüber schonmal nachgedacht?
Estikay: Das habe ich sogar schon ausprobiert. Das erste Mal war sogar zu entspannt für mich, wenn du da  so zehn Minuten liegen bleiben musst. Aber da gibt es ja irgendwie verschiedene Yogas. Ich habe auch mal eins gemacht, was fast schon Training war, wo man sich schneller bewegen muss, das war ganz witzig. Ich habe noch nicht hundertprozentig verstanden, was es mit einem macht, aber scheint ganz gut zu wirken. 

Machst du generell Sport zum Ausgleich vom Alltag?
Nicht klassisch irgendeine Sportart, aber ich gehe laufen. Ich glaube, dass ist sehr gut, um den Kopf freizubekommen. Ich mache das nicht aus Fitnessgründen, um abzunehmen oder Muskeln aufzubauen.

Kommst du dabei auch auf Songideen?
Schon, ich singe dann vor mich hin, summe irgendwelche Melodien und so weiter. Da entsteht auf jeden Fall was beim Joggen. 

Weiter geht es mit Tai Chi: „Schattenboxen mit Entspannungseffekt". Schau dir mal das Video dazu an. 
Das ist zu entspannt, für diese langsamen Bewegungen bin ich dann doch zu hibbelig. Das muss nicht unbedingt sein. Wobei ich beeindruckend finde, wenn Leute stundenlang meditieren können. 

Wie war das eigentlich beim Schreiben und Aufnehmen deines neues Albums, gab es da stressige Momente, vielleicht sogar kleine Panikattacken?
Wir hatten relativ viel Zeit für das Album. Es war nie: „In zwei Monaten brauchen wir ein Album!" Wir haben eher die ganze Zeit Musik gemacht und hatten sogar doppelt so viele Songs. Die sind neben der Festivalzeit entstanden. Klar haben wir uns trotzdem nochmal für zwei Wochen hingesetzt und versucht, das konzentriert auf den Punkt zu bringen, aber insgesamt hatte ich keine schlimmen Stress- oder Panikmomente.

Hat Sido nie gesagt: „Hey Junge, mach mal ein bisschen schneller"? Gab es da keinen Druck?
Wir haben ja nicht alles auf den letzten Drücker gemacht. Wir sind immer am Musik machen—selbst auf Tour. Bei Sido hatten wir sogar ein Studio im Bus und konnten während der Fahrt aufnehmen. Da hat keiner ewig lang gewartet, ich habe Sido immer wieder Sachen geschickt oder gezeigt. Er hat nie gesagt: „Ey, wir brauchen jetzt mal das Album!" 

Gab es denn einen Song, der besonders schnell geflutscht ist?
Wir wurden zwei Wochen in Hagen im Ruhrgebiet in einem Studio „weggesperrt". Da war nichts drumherum, also haben wir einfach nur Musik gemacht—ohne Ablenkung. Und das hat nicht so  gut funktioniert wie wenn ich Sonntagmorgen nach Hause komme und auf gut Glück irgendwas aufnehme oder umschreibe. Da entstehen die besseren Sachen als Möchtegern-konzentriert produktiv zu sein. Jedes Ding, was jetzt vorher als Video rauskam, war gefühlt ein 10-Minuten-Verse. 

Die Krankenkasse hat noch Tipps, um den Stress auszubremsen. Zum Beispiel Joggen, aber auch Planung. Du meintest, dass du diesmal recht frei warst. Aber gerade Studioaufenthalt kostet und will geplant sein oder?
Wir hatten das Glück, dass Sinch ein eigenes Studio hat, da kostet es dann halt nix. Aber ja, grundsätzlich bringt das nichts, zwei Wochen ins Studio zu gehen und da nichts zu machen. 

Nächster Tipp: „Organisieren. Viele Hände bringen ein schnelles Ende." Du konntet dich aufs Texten konzentrieren und hattest deine Leute, die sich um Beats und so weiter gekümmert haben?
Auch wenn wir nicht im Studio sind, hängen wir mit den Leuten, die was beisteuern, spielen rum, probieren aus. Da gibt es kein Schema. 

Wie lange kennst du denn schon die Leute, mit denen du da zusammenarbeitest?
Angefangen hat das alles mit Sinch, den habe ich schon zu MySpace-Zeiten immer auf Partys vollgelabert. Ich war damals 15 und er so 25. Seitdem habe ich immer versucht, ihn zu bereden, dass wir zusammen Musik machen. Vor drei Jahren erst haben wir uns angenähert und erst seit vorletztem Jahr machen wir so richtig zusammen was. Über Sinch kamen dann die meisten dazu. 

Beim nächsten Punkt geht es um das Aussprechen unbewältigter Konflikte. Gab es denn Konflikte? So wie du das erzählst, klingt es schon danach, als ob da alles gut lief.
Grundsätzlich sehr harmonisch. Klar, gibt es Phasen, wo der eine das so oder so geiler findet, aber insgesamt ist da niemand böse, wenn es anders gemacht wird. 

Und auf Tour? 
Mir macht das nichts aus, weil ich schon immer eine Großfamilie hatte oder später mit drei Freunden zusammengelebt habe. Ich kenne das nicht anders, als mit vielen Leuten zusammen zu sein. Für viele ist das sicher was Neues, über zwei Wochen auf engem Raum sich nicht ausweichen zu können. Bis jetzt war es aber sehr harmonisch. 

Wie sieht das mit Schlafmangel oder Hunger aus?
Klingt komisch, wenn ich das selbst sage, aber ich bin jemand, der da ganz entspannt ist. Es dauert schon sehr lange, bis ich sauer werde oder was sage. 

Letzter Punkt: Auszeit nehmen. Hast du Rituale, die dich nach der Tour, dem Albumrelease und der Promophase so richtig runterbringen?
Mir macht es zu viel Spaß, um jetzt eine Pause zu machen. Natürlich ist es anstrengend, aber es ist viel anstrengender, nichts zu machen als in Action zu sein. Auf Tour bin ich auch kein Fan von diesen Off-Days. Ich komme dann gerade raus, wenn ich gerade im Trott drin bin. Von mir aus könnte man das straight drei Wochen durchziehen.

Wie bewertest du die Tipps der Krankenkasse?
Kann man machen.

Hast du noch eigene Tipps?
Codein schlürfen [lacht]. Sport ist Nummer eins, Balance zu haben und ab und zu mal einen Kiffen kann auch nicht schaden, um runterzukommen. 

Ich habe hier noch einen Eso-Guide, der dazu rät, mal das Handy auszuschalten und sich komplett abzuschotten.
Finde ich gut. Leute sind mittlerweile ja fast sauer, wenn du nicht in 15 Minuten zurückschreibst. Gerade Handys und Facebook halten uns nonstop auf Trab. Ich glaube, das ist viel anstrengender für den Kopf als man eigentlich denkt. Mal Handy und Computer auszuschalten kann nicht schaden. Ist ein guter Tipp.  

Man soll sich auch mal ein warmes Bad einlassen und Kerzen anzünden, dazu noch Räucherstäbchen.
Ich wollte mir mal einen richtigen Entspannungsabend machen, habe mir Joints vorgedreht und einen Laptop vor die Badewanne gebaut. So perfekt, dass ich nur noch reinmusste. Nach einem halben Joint bin ich direkt in der Badewanne eingeschlafen. Zum Glück habe ich das sofort gemerkt, weil ich Wasser in den Mund bekommen habe. Das ist komplett nach hinten losgegangen.

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