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Fußball

Warum Sportjournalisten keinen Weltfußballer wählen sollten

173 Sportjournalisten durften den besten Spieler der Welt wählen. Sie sollen objektiv bleiben, dabei sind sie auch nur Fans. Das zeigten einige fragwürdige Platzierungen auf der Liste.

von Toni Lukic
13 Dezember 2016, 1:30pm

Foto: Imago

Cristiano Ronaldo soll 75 Millionen Euro seiner Einnahmen aus Bildrechten und Werbung in eine Briefkastenfirma auf die Jungferninseln fließen lassen haben. Ronaldos Steuervergehen war heute morgen allerdings nicht das Thema in der U-Bahn, wie auch anscheinend nirgendwo. Nein, das Gespräch drehte sich darum, ob der Portugiese seinen Ballon-d'Or-Sieg verdient hatte. Und, wallah, man war sich einig. Auch wenn CR7 diese Saison keine astronomische Torquote aufweist, hat er letzte Saison Real Madrid mit 16 Toren zum Champions-League-Sieg geschossen und Portugal zum historischen EM-Sieg geführt (also Ronaldo, Coach Fernando Santos und der Turnier-Modus). Klarer Zweiter wurde Messi vor dem Franzosen Antoine Griezmann, dem Torschützenkönig der Europameisterschaft. Doch in der Reihenfolge der nächsten 27 Namen sind einige Fragezeichen dabei.

Screenshot: Wikipedia

Riyad Mahrez auf Platz 7? Einen Platz vor Jamie Vardy? Rui Patricio wird 12. und Manuel Neuer bekommt keinen einzigen Punkt? Nicht von ungefähr bezeichnete der beste Stürmer der Welt, Robert Lewandowski, die Wahl als Kabarett. Der Pole wurde 16.—mit genau drei Punkten.

Das Problem bei der Wahl des Weltfußballers ist ein strukturelles. Die letzten sechs Jahre hatte France Football zusammen mit der FIFA die Wahl abgehalten. Der beste Spieler wurde von Journalisten sowie von Spielern und Trainern gleichermaßen gewählt. Nun macht die FIFA wieder ihren eigenen Wettbewerb, der bei den Männern FIFA's Best Man Player Award heißt und zu jeweils 25 Prozent von Trainern, Nationalmannschaftskapitänen, Journalisten und Fans bestimmt wird. Der prestigeträchtige Ballon d'Or hingegen wird von 173 Journalisten weltweit bestimmt, pro Land darf einer 1 bis 5 Punkte vergeben. Die Wahl ist das Äquivalent zur Wahl des FIFA-Präsidenten, jeder darf wählen und jede Stimme zählt gleich. Egal ob vom Schlachtross vom Kicker oder vom Reporter aus Kiribati.

Auch wenn dieser universelle Gedanke sehr nobel ist—schließlich geht es ja um den weltbesten Fußballer—birgt dieses System einige Probleme.

Renommierte Sportjournalisten gelten als die größten Experten. Es ist ihr Job, sich jeden Tag mit Sport auseinanderzusetzen und Leistung einordnen zu können. Auch sollen sie bei der Wahl nicht das reine Können oder Statistiken in Betracht ziehen, denn dann wären die ersten fünf bis sechs Plätze wahrscheinlich noch deutlicher auf die Spieler aus Madrid und Barcelona vergeben. Sie müssen die Leistung im Verein genauso bewerten wie die bei der Nationalmannschaft und sollen dazu noch die Bedeutung der Liga und des Spielers für das Team berücksichtigen. Das ist gar nicht so einfach, weswegen man auch ganz gerne den nicht zu unterschätzenden Faktor (lokale) Sympathie einfließen lässt. Wie kann man sich sonst erklären, dass Ryad Mahrez mit 52 Punkten auf Platz 7 landete, während De Bruyne, Neuer oder Agüero keinen einzigen Punkt abstaubten. Mahrez wurde letzte Saison von den Profis der Premier League zum Spieler des Jahres gewählt und ist zweifelsohne ein großartiger Zocker und eine Feel-Good-Story. Doch er ist auch der erste Spieler aus Nordafrika, der es jemals in die Vorauswahl schaffte. Viele Journalisten aus dem arabischen Raum werden ihm seine Stimme gegeben haben. Und wenn ich ehrlich bin, kann ich das absolut nachvollziehen.

Sportjournalisten sind Menschen und Menschen sind nun Mal Fans. Niemand könnte diesen Job machen, wenn er nicht eine Faszination für Sport und seine Stars hätte. Lionel Messi könnte 100 Tore in der Saison schießen, ich würde ihm keine einzige Stimme geben. Ich habe nichts übrig für die Spielweise dieses kleinen Zauberflohs, der sich von seinem Team zuarbeiten lässt. Ich würde die Aufgabe wohl komplett verfehlen und meine Top 5 wahrscheinlich nur aus einer Kombination aus Leistung und Sympathie wählen: Ronaldo, Suarez, Kroos, Modric und De Bruyne wären wohl bei mir gesetzt. Wenn ich schon mal die Macht habe, dann kann ich wenigstens auf diese Liste schauen und sagen: „Kevin, gern geschehen, du geiler Zocker." Vielleicht würde er es mir auch nicht danken, weil dieses Punktesystem sowieso lächerlich ist. Gigi Buffon bekommt 8 Sympathiepunkte und landet auf Platz 9, während Toni Kroos und Luka Modric als die vielleicht besten Mittelfeldspieler der Welt sich mit jeweils einem Punkt und Platz 17 abfinden müssen. Platz 1 bis 8 generierten durch das aktuelle System 1498 Punkte, die Plätze 8 bis 30 kamen hingegen auf schlappe 59 Pünktchen.

Das System muss geändert werden, am besten sollen die Profis selber wählen, wer der beste Fußballer ist. Sie spielen gegeneinander, wissen, wie belastend und wie hoch die Leistungsniveaus in den Ligen sind und welchen Stellenwert ein Dimitri Payet für eine Mannschaft wie West Ham hat. Man kann sich sicher sein, dass die Profis eine Liste mit den 30 besten Spielern genau studieren und zwischen einem und 30 Punkten verantwortungsbewusst setzen würden. Je mehr Profis, desto besser, um teaminterne Votings abzuschwächen. Damit würde man dem Ballon d'Or eine viel relevantere Dimension geben. Das Sprichwort „Game recognizes Game" kommt nicht von ungefähr.