Futsal Dinamo Zagreb—wie Ultras ihren Verein neu erfanden
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Fußball

Futsal Dinamo Zagreb—wie Ultras ihren Verein neu erfanden

Bayerns CL-Gegner Dinamo Zagreb ist der beliebteste Verein Kroatiens. Doch niemand geht zu seinen Spielen, weil ein machtgeiler Tyrann den Verein in Geiselhaft nahm. Daraufhin haben die Ultras ihr eigenes Dinamo gegründet—für kleine Tore.
29.9.15

Die Bayern werden allseits gewarnt vor ihrem heutigen Champions-League-Gegner. Dinamo Zagreb hat am ersten Spieltag Arsenal London teilweise dominiert und verdient mit 2:1 gewonnen. Seit 45 Spielen sind die Kroaten nun ungeschlagen. In der letzten Saison sind sie ohne Niederlage kroatischer Meister geworden. Zum zehnten Mal in Folge.

Dinamo Zagreb ist das Maß aller Dinge im kroatischen Fußball, der Verein hat in Kroatien die meisten Anhänger, doch er hat ein Problem: Seine Fans haben sich von ihm abgekehrt. Zu den Heimspielen in der kroatischen Liga kommen regelmäßig keine 1.000 Menschen. Der Grund liegt in einer Person: Zdravko Mamic.

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Mamic ist der Pate, Sklavenhalter, Gangster, Blutsauger und Diktator des kroatischen Fußballs. Seit er sich 2003 an die Spitze von Dinamo Zagreb gesetzt hat, schöpft er den Verein und den ganzen kroatischen Fußball wie eine persönliche Plantage, die er auszuwringen perfektioniert hat. Denn Mamic ist nicht nur Clubpräsident, er ist auch faktisch Spielermanager. Mamic und Dinamo kauften in den letzten zehn Jahren die größten kroatischen Talente und verkauften sie gewinnbringend ins westeuropäische Ausland. Für über 150 Millionen Euro hat er Stars wie Luka Modric, Mario Mandzukic oder Eduardo da Silva veräußert, natürlich immer mit der Intention, sich einen gehörigen Batzen davon einzustreichen. Im Juli wurden Mamic und sein Bruder Zoran, der Dinamos Trainer und Sportdirektor ist, verhaftet. Der Vorwurf: Die Brüder sollen Dinamo Zagreb und den Staat mit Hilfe von korrupten Steuerbeamten um 30 Millionen Euro geprellt haben.

„Komm her, Junge, ich zeig dir, wie man einer Fußballnation das Leben aussaugt"—Zdravko Mamic und sein Platzhalter im Verband, Davor Suker

Sie gingen in Berufung und kamen gegen Kaution wieder auf freien Fuß. Mamic gilt in den Institutionen als unantastbar. Auch den kroatischen Fußball-Verband hat er als Vizepräsident in der Tasche. In einem Land, das seine Nationalmannschaft als eine der wichtigsten Marken in der Welt sieht, hat er ebenfalls nur Abnicker auf seiner Gehaltsliste installiert. Verbandspräsident ist kein Geringerer als der ehemalige Nationalheld Davor Suker, der gerne mal in der dritten Person von sich spricht. Ihr habt euch vielleicht gefragt, warum Kroatien seit drei Jahren nicht bei FIFA dabei ist. Suker wollte von EA mehr Geld, er war aber gewillt, seine bescheidenen Fähigkeiten für den Legendenmodus zur Verfügung zu stellen. Es ist fast schon amüsant, wie es traurig ist.

Obwohl die Nationalmannschaft gerade wohl die beste Generation seit 1998 hat, stehen sie nur auf Platz 3 in der EM-Quali und spielen einen Fußball, der unter aller Sau ist. Das, obwohl man mit Modric, Rakitic, Mandzukic, Perisic oder Kovacic Weltklassespieler aufbieten kann. Jüngst wurde Niko Kovac als Nationaltrainer entlassen und Ante Cacic auf die Bank gesetzt. Cacic war bisheriger Trainer von Lokomotiva Zagreb, dem Farmteam von Dinamo Zagreb, und ist faktisch eine Marionette auf dem Trainerstuhl. Im Anschluss an diese Schmierenkomödie lösten sich vier von fünf Fanclubs der Nationalmannschaft auf.

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Ein Schicksal, das sehr an Dinamo Zagreb und die Bad Blue Boys erinnert. Die Bad Blue Boys sind eine der berüchtigsten Ultra-Guppierungen Europas. Als der kroatische Präsident Franjo Tudjman den Namen Dinamos in Croatia Zagreb umbenannte, zündeten die BBB die Präsidentenloge im Stadion an. Denn Dinamo ist eigentlich ein bürgerlicher Verein und im Besitz der Stadt Zagreb. Es werden Millionen an Steuergeldern in den Verein gepumpt, obwohl Mamic ihn als Spielzeug missbraucht. Vor der Parlamentswahl 2007 ließ er auf dem blauen Trikot eine Plakette anbringen mit den Worten: „HDZ im Herzen" als Unterstützung für die nationalkonservative HDZ.

Obwohl die Bad Blue Boys protestierten, änderte sich nichts. Ein kleiner Teil der BBB blieb im Stadion und unterstützte Mamic, schließlich machte er den Verein zur besten Mannschaft auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens, was an sich nicht so viel wert ist.

Der größte Teil aber boykottierte die Spiele. Im Frühjahr 2014 allerdings sollte sich so einiges ändern. Die Bad Blue Boys übernahmen nämlich den bis dato unbedeutenden Hallenfußballverein MNK Futsal Dinamo und besetzten ihn mit Personen aus dem BBB-Umfeld.

Fortan bevölkerten die Fans die Spiele ihrer Hallenfußball-Mannschaft und gestalten so ihr Dinamo, basierend auf demokratischen Entscheidungen ihrer Mitglieder. Unterstützt werden sie von einem Bündnis ehemaliger Spieler wie Dario Simic und Igor Biscan (ehemals AC Mailand bzw. Liverpool), die das Modell „Ein Mitglied, eine Stimme" auch für das „richtige" Dinamo Zagreb einführen wollen. Mittlerweile spielt Futsal Dinamo in der ehrwürdigen Basketballhalle KC Drazen Petrovic, wo regelmäßig ein Spektakel veranstaltet wird.

Bei all der Romantik, dass Fans sich ihren eigenen Verein gründen und ihn zelebrieren können, darf auch nicht verschwiegen werden, dass sich weiterhin faschistische Symboliken auf den Tribünen finden lassen. Für die Ausschreitungen beim Qualifikationsspiel zwischen Italien und Kroatien, als eine Flagge der faschistischen Ustascha gezeigt wurde und das Spiel wegen Feuerwerkskörpern fast abgebrochen wurde, waren auch militante Bad Blue Boys verantwortlich. Eines ihrer Motive war, Zdravko Mamic und den Verband bloßzustellen. Mit welchen Mitteln, ist allerdings die Frage.

Wenn man sieht, welches Potenzial Dinamo Zagreb und der kroatische Fußball haben, dann kann man nur hoffen, dass der Mamic-Klan endlich abgesägt wird. Vielleicht, ja vielleicht, werden die Mühlen der Justiz in Kroatien ja mahlen. Vielleicht auch nicht, denn Mamic hat auch dort seine Freunde, die auf seiner Gehaltsliste stehen.

Folgt Toni auf Twitter: @sopranovic