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Bei der Relegation ging es um alles, aber nicht um Fußball

Zündelnde Ultras, Marco Russ’ Tumorerkrankung und die völlig deplatzierten Aussagen der Nürnberger stellten die Relegation in den Hintergrund.
20.5.16
Foto: Imago

Das Hinspiel der Bundesliga-Relegation zwischen Eintracht Frankfurt und dem 1. FC Nürnberg sorgte für ordentlich Zündstoff—zumindest neben dem Platz. Das maue 1:1 mit offensivschwachen Nürnbergern und relativ planlosen Frankfurter Angriffsbemühungen enttäuschte fast 90 Minuten lang. Die Tumordiagnose von Marco Russ, die völlig deplatzierten Nürnberger Aussagen darüber und die ständig zündelnden Fanlager schwebten über diesem Spiel.

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Nur wenige Stunden vor dem Spiel wurde bekannt, dass der Eintracht-Kapitän trotz diagnostizierter Tumorerkrankung im Relegationsspiel auflaufen will. Schon vor dem Spiel zeigten die Frankfurter Fans ein riesiges Transparent mit der Aufschrift „Kämpfen und Siegen Marco". Als die Mannschaftsaufstellung verkündet wurde, rief die Frankfurter Arena nach jedem Vornamen nur „Russ". Das Zeichen: Heute spielen auch alle für ihren Kapitän.

Fans feiern Marco Russ beim Verlesen der Aufstellung. #sgefcn pic.twitter.com/WvrRruaJn6
— Julian Franzke (@Julian_Franzke) 19. Mai 2016

Auch das Spiel stand im Schatten von Marco Russ. Zwar schossen die Nürnberger nicht ein Mal auf das Eintracht-Tor, jedoch gingen sie durch ein unglückliches Eigentor von Russ mit 1:0 in Führung. Anschließend sah er noch die gelbe Karte und ist somit für das Rückspiel in Nürnberg gesperrt. ARD-Kommentator Tom Bartels ließ es sich nicht nehmen, sprach immer wieder über den Frankfurter Kapitän und erinnerte an das „ganz eigene Drehbuch des Fußballs". Schließlich versuchte er sogar noch ein Tor von Russ in den letzten Minuten herbeizureden. Zumindest vor den TV-Bildschirmen konnte man sich irgendwie nur schwer auf das Spiel konzentrieren. Einige Fans taten ihr übriges.

Verkaufen die die Pyro am Getränkestand? Oder warum kommt da ständig was? #sgeFCN
— Florian (@Jinxo82) 19. Mai 2016

Schon vor Anpfiff zündeten die Ultras beider Klubs Pyrotechnik. Auch während des Spiels und vor der zweiten Hälfte rauchte es immer wieder in den Blöcken. Vor allem die Nürnberger brannten in Kurzintervallen immer wieder einzelne Bengalos ab. Der Frankfurter Stadionsprecher appellierte immer wieder—auch für den TV-Zuschauer gut hörbar—an die zündelnden Fans, das Abbrennen von Pyrotechnik zu unterlassen. Dabei verwies er auf den Schaden für die Vereine und die hochauflösenden Kameras im Stadion. Während ARD-Mann Bartels über Russ redete, flehte der Stadionsprecher der Eintracht die Fans im 5-Minutentakt an.

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Der Stadionsprecher sollte die Pyro-Ansage mal auf Band aufnehmen, dann muss er es nicht jedes mal neu sagen. #SGEFCN
— Chris (@Schnoeh) 19. Mai 2016

Nach dem Spiel sorgten einige Nürnberger Aussagen dann für einen Eklat—und es ging wieder nur um Russ. „Ich glaube, wenn einer wirklich schwer krank ist, dann kann er heute kein Fußball spielen", sagte Club-Torwart Raphael Schäfer bei Sky. „Von dem her war das schon eine sehr komische Meldung genau heute vor dem Spiel." Auch der Nürnberger Trainer René Weiler fand völlig deplatzierte Worte: „Der Fußball darf nicht für irgendwelche Inszenierungen herhalten."

Eintracht-Trainer Nico Kovac musste also nach dem Spiel mehr über seinen Kapitän als über das Spiel reden. Er kritisierte die Aussagen von Weiler scharf: „Krankheiten kann man nicht inszenieren—Krankheiten kommen." Nürnbergs Torwart Schäfer entschuldigte sich noch in der Nacht bei Russ. Auch Weiler revidierte seine Aussage. Die Erkrankung von Russ war nur bekannt geworden, weil er Ende April bei einer Doping-Probe „einen auffällig erhöhten Wert des Wachstumshormons HCG" aufwies. Also erklärte Kovac weiter und kritisierte auch Staatsanwaltschaft und Anti-Doping-Agentur NADA wegen einer Hausdurchsuchung bei Russ und wochenlangen Doping-Verdächtigungen. Für ARD-Moderator Gerhard Delling war Russ auch noch lange nach Abpfiff das Top-Thema. Alex Meier wurde zu erst nach ihm gefragt, ebenso wie Bastian Oczipka. Die Relegation trat irgendwo in den Hintergrund.

Und so hatte man den Eindruck, dass die wirklich sehr lobenswerte Entscheidung von Russ für die Mannschaft da zu sein und zu spielen, dann doch nicht die beste war. Das lag aber nicht an ihm oder der Eintracht. Vielmehr an der völlig überzogenen Berichterstattung über Russ und den noch deplatzierteren Aussagen der Nürnberger Schäfer und Weiler. Im Rückspiel ist Russ nicht dabei und kämpft schon um seine Gesundheit. Vielleicht ist das auch besser. Denn der Fußball wird dann hoffentlich im Mittelpunkt stehen—und wohl nur von ein bisschen Pyro untermalt.

Folgt Benedikt bei Twitter: @BeneNie