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Warum Darmstadt diese Saison Tickets verschenkt

Die Lilien haben jüngst angekündigt, sozial schwachen Fans Dauerkarten für umme anzubieten. Fanbeauftragter Alex Lehné hat uns erklärt, warum dieser Schritt zu Darmstadt passt.

von Will Magee
05 August 2016, 3:28pm

Foto: EPA Images/Arne Dedert

Mitte Juli hat Darmstadt 98 etwas gemacht, das uns alle aus unserem Sommerpausenschlaf gerissen hat. Mit Verweis auf ihre Verpflichtung für Stadt und Gemeinde hat der Überraschungsaufsteiger von 2015 verkündet, einkommensschwachen Fans Gratis-Dauerkarten anzubieten. Der deutsche Fußball hat sich im europäischen Vergleich schon längst einen Namen für seine enge Bindung zwischen Vereinen und Fans gemacht. Doch Darmstadts Ankündigung war selbst für heimische Standards ein außergewöhnlicher Vorstoß. Während es eine Sache ist, Tickets zu erschwinglichen Preisen bereitzustellen, ist es doch eine ganz andere, sie gleich für umme rauszuhauen.

In der letzten Saison lag der Durchschnittspreis für ein Bundesliga-Ticket bei rund 27 Euro. In der spanischen La Liga wurden dafür knapp 59 Euro fällig, in der Premier League sogar 63 Euro. Fans in Deutschland haben dafür gesorgt, dass Fußball im Allgemeinen ein erschwingliches Hobby bleibt und auf direktem Wege Veränderungen ausgelöst, die in England oder Spanien undenkbar gewesen wären. Trotzdem ist auch die Bundesliga eine Ansammlung von profitorientierten Unternehmen. Und bei allem Respekt für ihre Fans: Die meisten Vereine schrecken vor der Idee zurück, Tickets einfach so zu verschenken.

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Darum ist selbst für die aufgeklärte Bundesliga Darmstadts Ticketpolitik ein Novum. Ihr Inklusionsbestreben hat wahrscheinlich auch mit der Tatsache zu tun, dass sie vor dem Aufstieg 2015 33 Jahre lang nicht mehr im Fußballoberhaus vertreten waren. Und nachdem sie auch noch wider Erwarten den Klassenerhalt geschafft haben, wollen sie jetzt mit ihrer Ticketinitiative zeigen, dass sie ein echter Gemeinschaftsverein sind. Ein Verein, der den jüngsten Erfolgen zum Trotz seinen Ursprüngen treu bleibt. Darmstadt ist in Sachen sozialer Verantwortung in eine neue Sphäre vorgestoßen, und Fans in Deutschland und im Ausland haben davon mit Spannung Kenntnis genommen.

Ein Sinnbild für Darmstadt, obwohl—oder gerade weil—er im Sommer zu einem Viertligisten gewechselt ist. Foto: EPA Images/Arne Dedert

Um die Gründe für diese Ticketaktion besser zu verstehen, habe ich mit Alex Lehné, dem Fanbeauftragten bei den Lilien, gesprochen. Er hat mir erzählt, dass Darmstadt für die kommende Saison mehrere Hundert Tickets verschenken wird, und dass die Einnahmeausfälle nicht auf Kosten der Fans wieder reingeholt werden. Das Ganze soll einfach nur dem guten Zweck dienen. Auch wenn das in Darmstadt nicht komplett neuartig ist—sie haben auch in der Vergangenheit für einkommensschwache Fans Extra-Tickets bereitgestellt, da waren sie aber noch nicht erstklassig—erfahren sie für ihren neuesten Plan fast von allen Seiten Zustimmung. Alex erzählt mir, dass sie in Darmstadt ihre soziale Verantwortung „sehr ernst nehmen" würden. „In der Vergangenheit hat unser Verein schwere Zeiten durchmachen müssen, und unsere Fans und die gesamte Stadt waren damals für uns da. Wir werden uns immer daran erinnern, wo wir herkommen, und versuchen, etwas zurückzugeben, wann immer wir können."

Als ich von Alex wissen will, inwieweit die Ticketinitiative die Stadt Darmstadt widerspiegelt, erklärt er mir: „Die Stadt Darmstadt ist bekannt für ihr ausgeprägtes soziales Profil und den liberalen Geist. Die Stadt hat gleich mehrere Hilfsprogramme für Obdachlose ins Leben gerufen und versucht, Menschen in Not zu helfen. Unsere Ticketregelung passt deswegen auch perfekt zu einem so fortschrittlichen Ort wie Darmstadt, auch wenn die Stadt eigentlich vielerorts recht gut situiert ist."

Auf die Frage, ob auch andere Bundesligavereine nachziehen sollten, meint Alex, dass er eine solche Entwicklung begrüßen würde. „Wir persönlich wollen die Menschen in unsere Fußballgemeinschaft integrieren, unabhängig von ihrer finanziellen Situation. Wir wären stolz, wenn unsere Regelung Schule machen würde. Ich möchte aber betonen, dass auch andere Vereine andere oder ähnliche gemeinnützige Projekte am Laufen haben."