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Schottische Fußballfans boykottieren das heutige Freundschaftsspiel gegen Katar

Enough is enough, sagen sich die Schotten, und wollen das Spiel gegen den Wüstenstaat größtenteils boykottieren.
5.6.15

Armes Katar. Klar, es ist zwar ein erdölreiches Land mit einem echten König und mehr Geld auf der hohen Kante, als man jemals verjubeln könnte, doch in letzter Zeit hat es die internationale Sportwelt wirklich nicht gut mit ihm gemeint. Da erging es sogar Schottland noch besser, auch wenn die seit 1998 nicht mehr an einem Großturnier teilnehmen durften.

Interessanterweise kommt es heute Abend in Edinburgh zum direkten Aufeinandertreffen beider Länder. Denn im Stadion an der Easter Road geht es ab 20:45 Uhr um den „Qatar Airways Cup" samt richtiger Trophäe (wehe dem, der den Begriff der „goldenen Ananas" in den Mut nimmt!). Dass man sich überhaupt für ein so unbedeutendes Freundschaftsspiel—das zudem auch noch in einer halbleeren Arena stattfinden wird—die Mühe gemacht hat, einen Pokal zu entwerfen, hat schon etwas ziemlich Extravagantes.

Was Katar die Fußball-WM überhaupt bringt

Aber genau solche Extravaganzen sind typisch für Katar und gleichzeitig auch der Grund dafür, dass man zielsicher von einer PR-Katastrophe in die nächste steuert. So spielt man nicht nur im aktuellen FIFA-Korruptionsskandal eine der Hauptrollen, sondern steht auch regelmäßig aufgrund der verheerenden Bedingungen, unter denen die Gastarbeiter in dem Wüstenstaat leben (und sterben) müssen, in der weltweiten Kritik.

Mit der Ausrichtung der Fußball-WM 2022 wollte der 250.000-Einwohner-Staat bewirken, dass die Welt endlich Notiz nimmt von Katar. Doch so hatte man sich das Ganze bestimmt nicht vorgestellt. Denn anstatt bei Katar an eine schimmernde Wüstentraumwelt zu denken, wurde das Land zu einer Metapher für Korruption und moderne Sklaverei—nicht unbedingt Eigenschaften, die den Tourismus ankurbeln und das Land in einem guten Licht erscheinen lassen.

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Vor diesem Hintergrund ist es für den katarischen Fußballverband bestimmt beruhigend zu wissen, dass man mit Schottland immer noch Freunde an seiner Seite hat. OK, die strengen Schotten haben zwar betont, dass man gegen Menschenrechtsverletzungen ist (toll, Jungs!) und die „bestürzenden Berichte" von den WM-Baustellen Katars durchaus zur Kenntnis genommen hat, gleichzeitig wird aber klargestellt, dass man bitte „das Freundschaftsspiel von den Anschuldigungen zu trennen habe". Zudem hat man gemeinsam eine Pressemitteilung herausgegeben, in der man ausdrücklich sagt, wie sehr man sich von schottischer Seite freue, dieses Spiel ausrichten zu dürfen. Sicherheitshalber wurden dann auch noch ein paar schicke Fotos davon geschossen, wie der Trainer der schottischen Nationalmannschaft, Gordon Strachan, mit der Trophäe posiert.

Zu Schottlands Verteidigung muss man sagen, dass sie ein Freundschaftsspiel gut gebrauchen konnten—bevor es dann nächste Woche im wichtigen EM-Qualifikationsspiel gegen Irland ernst wird (die jetzt übrigens ihren eigenen FIFA-Skandal am Hals haben)—und die Mannschaft Katars gerade in der Gegend weilte. Denn jetzt, wo sogar die FIFA zugegeben hat, dass es sich bei 40 Grad doch nicht so gut spielen lässt, hatte auch Katar den Mut, sein Trainingslager im deutlich kühleren Staffordshire zu beziehen. Das Spiel hatte somit echt das Zeug zur Win-Win-Situation—was genau ist also schief gegangen?

Katar züchtet seine WM-Spieler in der belgischen Provinz

Alles fing damit an, dass am 27. Mai mehrere hochrangige FIFA-Funktionäre festgenommen wurden, und wieder einmal ging es dabei auch um die Vergabe der WM 2022. Am selben Tag hat dann auch noch die Washington Post einen Artikel herausgebracht, in dem sich eine—mittlerweile viral gegangene—Infografik den mehr als 1.200 zu Tode gekommenen Gastarbeitern auf den WM-Baustellen Katars angenommen hat. Plötzlich war es gar keine mehr so tolle Idee, genau gegen dieses Land ein Freundschaftsspiel auszurichten.

Verschiedene schottische Gewerkschaften und Politiker wandten sich an die Fußballfans des Landes und empfahlen einen Boykott des Spiels. Außerdem wird für heute Abend mit einer Protestaktion vor dem Stadion gerechnet, bei der Gewerkschaftsmitglieder und Fußballfans gemeinsam auf die Menschenrechtsverletzungen in Katar aufmerksam machen wollen, in der Hoffnung, so den Druck auf den Wüstenstaat zu erhöhen. „Wenn das Spiel am Freitag ein Spiel der WM 2022 wäre, hätten für sein Stattfinden 62 Arbeiter ihr Leben lassen müssen", so der Vorsitzende vom Scottish Trades Union Congress, Grahame Smith, in Anspielung auf die vielen toten Gastarbeiter auf den WM-Baustellen.

Anfang dieser Woche hat die Regierung Katars die internationale Berichterstattung über Todesfälle als „völlig unwahr" zurückgewiesen und betont, dass „nicht ein einziger Arbeiter" umgekommen sei. Auch hinsichtlich der wachsenden Korruptionsvorwürfe gibt man sich im Wüstenstaat unberührt, indem man darauf beharrt, bei der WM-Vergabe mit legalen Mitteln gewonnen zu haben. Gleichzeitig werden immer mehr Großsponsoren unruhig und fordern eine lupenreine Aufklärung.

Die schlechten Nachrichten scheinen also für Katar partout nicht abreißen zu wollen, was sich durch den fußballerischen Vergleich mit Schottland heute Abend bestimmt auch nicht ändern wird, denn alles andere als eine Klatsche wäre eine echte Überraschung.

Der Artikel erschien ursprünglich bei VICE UK.