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fußballmärchen

Aus dem Flüchtlingsheim in die Werder-Startelf

Es klingt wie ein Märchen. Vor zwei Jahren floh Ousman Manneh aus Gambia nach Europa. Gestern Abend gab der 19-Jährige für Werder Bremen sein Bundesliga-Debüt.

von Benedikt Niessen
22 September 2016, 10:35am

Foto: Imago

„Ousman Manneh" stand gestern auf der Anzeigetafel im Weserstadion, als die Startaufstellung von Werder Bremen im Spiel gegen Mainz 05 verkündet wurde. Ein kleines Wunder dachten sich nicht nur die Fans im Stadion. Mit Manneh stand schließlich nicht irgendein Nachwuchsstürmer der U23 das erste Mal in der Startelf der Bundesligamannschaft von Werder Bremen. Gerade mal vor zwei Jahren flüchtete Ousman Manneh nach Deutschland. Der gebürtige Gambianer, der bei der späten 1:2-Niederlage gegen Mainz 05 von der Personalnot im Werder-Kader profitierte, blieb gestern zwar ohne Tor, doch das war eher nebensächlich. Er hatte seine ersten Schritte auf Bundesliga-Rasen hinter sich gebracht, was vor dem Hintergrund seiner Lebensgeschichte einfach unglaublich ist.

Mannehs Leben ist eines der wenigen Märchen in der bitteren Realität inmitten von negativen Schlagzeilen rund um die Flüchtlingsdebatte in Deutschland. Vor zwei Jahren floh er im Alter von 17 Jahren aus Gambia nach Bremen. Sein Heimatland ist eine Diktatur, in der seit über zwanzig Jahren Präsident Yahya Jammeh herrscht. Unter Jammehs Anordnung wurde im kleinsten Flächenstaat Afrikas mit 1,7 Millionen Einwohnern die Todesstrafe wieder eingeführt und Regimegegner werden systematisch gefoltert. Vor allem Homosexuelle werden von Jammeh seit Jahren verfolgt, weil sie laut seiner Aussage 2013 vor der UN-Vollversammlung eine der drei größten Bedrohungen für die menschliche Existenz sind. Manneh konnte in seiner Heimat nicht mehr leben.

Nach seiner Flucht kam Manneh im Flüchtlingsheim Lesum im Bremer Norden unter. Doch mit der Ankunft in Deutschland ist für die Flüchtlinge die Reise noch lange nicht vorbei. Das Warten für einen Verbleib beginnt. Manneh hatte Glück—er ist anerkannter Flüchtling. Da er schon immer Fußball spielte, nahm er an einem Sichtungstraining beim Blumenthaler SV für die A-Jugend-Regionalliga teil. Die Jugendtrainer des Blumenthaler SV hatten schon des Öfteren mit afrikanischen Jungs zu tun, doch so einen hochbegabten Spieler wie den damals 17-Jährigen hatten sie noch nicht gesehen. Manneh erkämpfte sich einen Stammplatz und traf für Blumenthal meist doppelt oder dreifach. Bundesligist Werder Bremen wurde auf den hochgewachsenen und technisch begabten Stürmer aufmerksam.

Der harte Kampf um gute Talente machte natürlich auch vor Manneh nicht halt. Er besorgte sich mit Martin Tuffour, einem ehemaligen Werder-Amateur, einen Berater. Der VfL Wolfsburg, Schalke oder der HSV hatten wie Werder Scouts nach Blumenthal geschickt. Tuffour fuhr mit seinem Talent zu verschiedenen Probetrainings, bis sich Manneh für Werder entschied. Seit Anfang 2015 trainierte er regelmäßig bei Werders U23 mit und kam auch in dem einen oder anderen Testspiel zum Einsatz. Der Vertrag konnte aber erst am 11. März vorigen Jahres vollzogen werden, da die Fifa zum Schutz von minderjährigen Spielern strenge Regularien hat und ein nicht aus Europa stammender Spieler grundsätzlich, bis auf wenige Ausnahmen, erst bei Volljährigkeit unter Vertrag genommen werden kann.

Imago/nph

Der Vertrag von Manneh bei Werder läuft bis 2018. Zwar wird er als Vertragsspieler noch nicht die großen Summen wie ein Profi verdienen, doch er kann sich eine Wohnung leisten und seinen Lebensunterhalt bezahlen. Sein Marktwert hat sich alleine im vergangenen Jahr von 50.000 Euro auf 200.000 Euro vervierfacht. Eine Summe, die wohl noch weiter steigen wird und doch schon jetzt ziemlich unwirklich wirkt, wenn man daran denkt, wo Manneh noch vor knapp zwei Jahren war.

Wie genau Manneh nach Deutschland gelangte, ist nicht klar, denn er spricht nicht darüber. „Es braucht sehr viel Zeit und Vertrauen, bis sie über die Erfahrungen sprechen. Manchmal dauert es Jahre, bis die aus Selbstschutz verdrängten Erinnerungen wieder präsent sind", erzählt eine Sozialpädagogin, die anonym bleiben will. „Meistens werden die Kinder alleine von der Familie weggeschickt, damit wenigstens ein Familienmitglied eine bessere Zukunft hat", erzählt die Pädagogin, die sich in einer Wohngruppe um sogenannte „unbegleitete Minderjährige" kümmert. Vor allem in Bremen gibt es viele dieser Jugendlichen und Kinder.

Die minderjährigen Flüchtlinge kommen alleine in ein fremdes Land und sorgten gerade im vergangenen Jahr in Bremen immer wieder für negative Schlagzeilen. Die Kommune war mit der Flut an Neuankömmlingen maßlos überfordert. Die Politik hatte auch keine Antworten parat. Die Öffentlichkeit war meist nur entsetzt. Eine schwere Aufgabe war und ist es auch immer noch für alle. Allein 2014, dem Jahr in dem Manneh nach Bremen kam, sind rund 500 unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge in die Hansestadt gekommen. Kriminell aufgefallen sind nur etwa 25 bis 30 Jugendlichen. Laut Sozialressort verhielt sich die Mehrheit friedlich und hielt sich an die Regeln. Die negativen Schlagzeilen in den Medien prägten dennoch das Bild und sorgten häufig für Abneigung, Angst und sogar Fremdenhass.

Die meisten afrikanischen Flüchtlinge kommen über Libyen per Boot über das Mittelmeer nach Europa. Verfeindete Schlepperbanden schleusen sie für viel Geld auf überfüllten und seeuntauglichen Booten nach Europa—oftmals endet die Flucht in einer Tragödie. „Die meisten Flüchtlinge sind nicht nur durch Krieg oder Unterdrückung in ihren Heimatländern traumatisiert, sondern vor allem die Minderjährigen sind vielen Gefahren auf ihrer Flucht nach Europa ausgesetzt und werden häufig ausgebeutet", erzählt die Sozialpädagogin. In Deutschland hilft den traumatisierten Jugendlichen oft auch der Fußball. „Fußball ist eine wichtige Methode für Kontakt mit Einheimischen und es ist eine Ablenkung, bei der die Jugendlichen eine Aufgabe übernehmen können", erzählt die Sozialpädagogin, die oft mit ihrer Wohngruppe Fußball spielen geht. Ousman Manneh kann von seinem Hobby in Zukunft sogar leben.

Ganz überraschend sind Mannehs fußballerische Qualitäten jedoch nicht. Laut eigenen Angaben wurde er in seinem Heimatland in der Rush Soccer Academy in Bakau ausgebildet. Sein ehemaliger Trainer, Abdoulie Bojang, beschrieb ihn in der gambischen Zeitung „Daily Observer" als disziplinierten, hart arbeitenden und talentierten Torjäger. Die Verantwortlichen bei Werder Bremen halten ebenfalls große Stücke auf Manneh. „Obwohl er erst so kurze Zeit in Bremen ist, hat er sich bereits sehr gut integriert. Er hat ein gefestigtes Umfeld, nimmt seit einem halben Jahr Deutschunterricht und hat trotz seines jungen Alters klare Vorstellungen und Ziele. Wir freuen uns, dass wir ihn auf seinem weiteren Weg unterstützen und begleiten können", erklärte Frank Baumann, der Werders Direktor für Profi-Fußball und Scouting ist, im Frühjahr 2015.

Zwischenzeitlich warf der 1,90m große Angreifer ein paar andere Fragen bezüglich seines Alters auf: Auf der offiziellen Webseite der FIFA wurde sein Name im Kader für ein Länderspiel im September 2013 aufgelistet. Dort wurde der laut Werder 1997 geborene mit Jahrgang 1995 angegeben. Gambia wurde vom afrikanischen Fußballverband (CAF) von 2014 bis 2016 von allen Kontinentalwettbewerben ausgeschlossen, weil der nationale Verband mehrere Spieler für ein U20-Turnier jünger gemacht und mit falschen Pässen ausgestattet hatte. Werder Bremen verwies jedoch auf die Geburtsurkunde von 1997, die den deutschen Behörden vorliege. Demnach ist Manneh in diesem Jahr erst 19 und nicht 21 Jahre alt geworden. Auch beim DFB wird der Stürmer mit Jahrgang 1997 geführt.

Viktor Skripnik, bis vor Kurzem Chef-Trainer bei Werder Bremen, hatte den talentierten Stürmer schon früh im Hinterkopf. „Wenn er sich weiter in der Dritten Liga profiliert, bin ich fest davon überzeugt, dass er bei uns nicht nur trainieren, sondern auch spielen kann", sagte der ehemalige Werder-Coach voriges Jahr. Doch Skripnik warnte auch: „Aber jeder weiß, dass Talent nur 20 Prozent ausmacht. Er muss weiter akribisch und hart arbeiten." Das tat Manneh. Als Stammspieler in der U23 von Werder erzielte er in der 3. Liga zwei Tore und bereitete zwei Treffer vor. Sein ehemaliger U23-Trainer Alexander Nouri, der nun Skripnik-Nachfolger und Interimscoach ist, war so von ihm überzeugt, dass er Manneh seinen ersten Einsatz in der Bundesliga ermöglichte. In der 55. Minute wurde er beim Stand von 1:0 ausgewechselt. Sein Auftritt war in Ordnung: Dreimal schoss Manneh aufs Augsburger Tor und bestritt viele Zweikämpfe—auch wenn er oft noch etwas ungestüm wirkte.

Seit gestern Abend ist letztlich klar: Ousman Manneh hat den Sprung in die Bundesliga geschafft. Sein Märchen kann dank der Strahlkraft des Fußballs bei den Menschen viele Vorurteile abbauen und vielen Flüchtlingen Hoffnung spenden.

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