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Therapie

Versenken gegen das Denken: Wie mir Snooker half, mit Stress klarzukommen

Nachdem er wegen Panikattacken seinen Job gekündigt hat, war unser Autor arbeitslos. Bei seinen Ausflügen im Snooker-Salon fand er endlich heraus, was seinen Geist in Watte packen kann. Aber Finger weg vom Billiard!

von Tayler Willson
24 Januar 2017, 2:55pm

Image via Pixabay

Unter Stress zu leiden, ist heute ein so weit verbreitetes Phänomen, dass ich keinerlei Probleme habe, offen darüber zu reden. Ein Vorstellungsgespräch, die Fahrprüfung, ein wichtiges Meeting, das erste Date. Auslöser für Stress sind mannigfaltig—und Stress so alltäglich wie jedes andere Gefühl auch.

Während Menschen in jedem Alter unter Stress und innerer Unruhe leiden können, erleben nicht alle den auslösenden Moment bewusst mit. Ich schon. Der Auslöser bei mir war mein vorheriger Job bei einer Versicherungsfirma, wo ich mich eigentlich jede Woche von Panikattacken geplagt hyperventilierend auf der Toilette einschloss.

Stress gilt auch als „silent killer". Damit ist gemeint, dass Stress auf den ersten Blick nicht besonders gefährlich zu sein scheint, jedoch außer Kontrolle geraten kann, wenn er unbehandelt bleibt—oder man zumindest nicht offen darüber redet. Viele Stressgeplagte wirken auf ihre Umwelt sorgenfrei, können aber im Inneren verzweifelt nach Hilfe schreien. Herzerkrankungen, hoher Blutdruck, Diabetes und psychische Erkrankungen wie Depressionen können durch Stress ausgelöst werden. Weil ich genau darum wusste, suchte ich mir professionelle Hilfe, sobald das Gefühl des Gestresstseins in meinem Leben überhandnahm.

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Will man Stress vorbeugen, muss man wissen, wie man selbst am besten entspannen kann. Ich habe in den ersten Monaten nach meinem Besuch beim Hausarzt vieles ausprobiert, doch wirklich helfen konnte mir nichts. Ich litt weiterhin unter Schlafstörungen und kleineren Nervenzusammenbrüchen auf der Arbeit, bis ich schließlich die Kündigung einreichte.

Erst danach fand ich heraus, was mein perfektes Heilmittel ist: Snooker.

Während meiner anschließenden Zeit als Arbeitsloser habe ich Snooker regelmäßig gespielt. Es war ein glücklicher Zufall: Ich begann damit, weil der Snooker-Salon auf halbem Weg zwischen meiner Wohnung und meiner Lieblingskneipe lag. Drei Monate nach meinem ersten Spiel bin ich in dem Verein Mitglied geworden und spürte die ersten Symptome einer Mini-Sucht. Und das aus gutem Grund.

Während das Leben unvorhersehbar ist, ist Snooker angenehm verlässlich. Während das Leben schnell ist, ist Snooker angenehm langsam. Das passt auch zu seiner Entstehungsgeschichte, denn das Spiel wurde von britischen Soldaten entwickelt, die in Indien eine Menge Zeit totzuschlagen hatten. Es war also schon immer ein Spiel zum Relaxen.

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Snooker ist ein Sport, der fast ohne Wettkampfcharakter daherkommt. Klar, man hat eigentlich einen Gegner, aber in Wirklichkeit wechselt man sich eher darin ab, gegen sich selbst zu spielen und dabei möglichst stressfrei durchzukommen. Für mich hatte Snooker etwas Therapeutisches, das meinen geschundenen Geist sofort in Watte packen konnte.

Das wurde mir spätestens beim nächsten Hausarztbesuch klar, als der Doktor meines Vertrauens von mir wissen wollte, in welchen Momenten ich mich seit meinem letzten Besuch entspannt gefühlt hätte. Alle meine Antworten drehten sich nämlich um Snooker.

Ich habe Snooker gespielt (und mache es immer noch), nicht etwa weil es Spaß macht, sondern weil es nicht Spaß macht. Oder um es anders auszudrücken. Ich empfinde das ganze Spiel als unfassbar beruhigende Erfahrung. Die fast schon unheimliche Stille in der Halle, die nur von flüsternden Stimmen und dem Zusammentreffen der Bälle unterbrochen wird, schafft eine meditative Atmosphäre.

Denn für mich ist Snooker mehr Meditation als Sport. Es befreit dich von Ambitionen und Sorgen gleichermaßen. Es schafft eine magische Verbindung zwischen dir, dem Tischtuch und dem Queue. Das Gefühl, wenn du die letzte schwarze Kugel versenkst, hat einen tief feierlichen Charakter. Es gibt dir außerdem das Gefühl, dass alles, was du für denselben Tag noch vorhast, vergleichsweise einfach und normal erscheint–denn Snooker wäre ziemlich einfach, wenn es nicht so verdammt unmöglich wäre. Jede versenkte Kugel gleicht einem kleinen Triumph, alles ab einem 10er-Break fühlt sich fast schon historisch an. Aber erwartet wird nichts von dir. Du spielst nur für dich und in diesen Momenten ist das auch das einzige, was zählt.

Ich habe übrigens herausgefunden, dass Snooker im Fernsehen dieselbe beruhigende Wirkung auf mich ausübt. Die sanften Töne des Referees, das gelegentliche Husten aus dem Publikum, die überschaubare TV-Kommentierung und die ruhige und dennoch virtuose Spielweise der Profis, all das war und ist die perfekte Kombination für mein Nervenkostüm.

Nach ein paar Monaten Snooker musste ich aber feststellen, dass der Sport ziemlich ans Portemonnaie geht. Darum beschloss ich herauszufinden, ob Pool-Billiard den gleichen beruhigenden Effekt hat. Und obwohl Pool wie die abgespeckte Variante von Snooker daherkommt, war mein Fazit, dass es grundlegend verschieden ist. Pool ist der kleine, laute Cousin von Snooker. Pool wurde von besoffenen Typen für besoffene Typen erfunden und soll die Erkenntnis bremsen, dass man sich nichts mit seinen Mates zu sagen hat, selbst wenn man sturzbetrunken ist. Beim Snooker sind Worte erst gar nicht nötig. Snooker ist für Männer. Für reife und kultivierte Männer–oder zumindest für all diejenigen, die Ambitionen in diese Richtung haben.

Die Atmosphäre, die Snooker schafft, ist eine, in der ich mich gern für immer befinden würde. Das Gefühl, wenn ich am Tisch stehe, lässt mich alles um mich herum–und vor allem in meinem Kopf–vergessen. Für die nächste Stunde und länger geht es nur noch um den Tisch und mich. Pure Entspannung. Nothing else matters.

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