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Amerikas erstes Supermodel starb allein in einer psychiatrischen Anstalt

Audrey Munson war die erste US-Schauspielerin, die sich in einem Film komplett nackt zeigte und stand für einige der bekanntesten Statuen New Yorks Modell. Dann kam der tragische Wendepunkt.

von Mitchell Sunderland
30 Januar 2017, 9:58am

Photograph of Audrey Munson. Bettman/CORBIS. All photos courtesy of Regan Arts

Selbst wenn du noch nie von Audrey Munson gehört hast, hast du sie sicher schon mal gesehen, wenn du Urlaub in New York gemacht hast: Das Supermodel aus der Blütezeit der Jahrhundertwende stand nicht nur für den Brunnen vor dem New Yorker Plaza Hotel Modell, sie war auch die Frau hinter der Figur auf der Manhattan Bridge und der Statue vor der New York Public Library. Im Laufe ihres Lebens trat sie in den ersten Nacktfilmen auf, fuhr auf Rollschuhen zur Post und inspirierte zahllose Kunstwerke. Sie war, wofür sich die C-Prominenz des 21. Jahrhunderts gerne hält: eine Ikone.

Allerdings verblasste Munsons Geschichte in der kollektiven Erinnerung mit der Zeit immer mehr. Der britische Literaturjournalist James Bone erzählt in The Curse of Beauty nun erstmals die vollständige Geschichte von Munson.

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"Audrey war so etwas wie die amerikanische Proto-Berühmtheit", erklärt Bone per Mail gegenüber Broadly."Sie war ein Model/Filmstar und die erste Eintagsfliege Hollywoods. Zudem war sie der erste amerikanische Filmstar, der sich auf der Leinwand komplett nackt zeigte. Audrey hätten die Nackt-Tweets von Kim Kardashian sicher ziemlich gut gefallen – obwohl sie sie vermutlich etwas brav gefunden hätte."

Audrey Munson. Foto: Arnold Genthe | Library of Congress | mit freundlicher Genehmigung von Regan Arts

Bone verliebte sich in Munsons Geschichte, als er selbst noch in New York lebte. Als eingebürgerter New Yorker, arbeitete er 22 Jahre lang im New Yorker Büro der Times of London. Nachdem er herausgefunden hatte, dass hinter dem Großteil der berühmten Statuen der Stadt aus der Zeit der Jahrhundertwende ein einziges Modell stecke, das sie inspiriert hatte, nutzte er seine investigativen Fertigkeiten als Journalist, um neue Einzelheiten über Munsons Leben ans Licht zu bringen. Er fand Briefe, wühlte sich durch Archive, schrieb Datenanfragen und klagte erfolgreich, um Zugang zu Munsons beschlagnahmten Hinterlassenschaften zu bekommen. "Ich war überrascht, wie viel ich finden konnte – vor allem, wenn man sich mal überlegt, dass ihre Schaffensphase mehr als 100 Jahre her ist", sagt Bone. "Während ich Audreys Geschichte erforscht habe, habe ich angefangen, New York mit ganz neuen Augen zu sehen – und ich wollte auch anderen die Möglichkeit geben, ihren Blick auf die Stadt zu erneuern."

Munson wurde 1891 in Rochester im Bundesstaat New York geboren. Ihre Mutter, die passenderweise Kitty hieß, schickte sie als Teenager nach New York. Genau wie Kris Jenner wollte auch sie aus ihrer Tochter eine sexy Göttin machen – und von ihrem Erfolg profitieren. Laut einer Rezension des Wall Street Journals zu The Curse of Beauty wurde Munson als Teenager von einem Fotografen im Schaufenster eines Ladens auf der Fifth Avenue entdeckt.

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Die schicksalshafte Begegnung führte dazu, dass Munson als Modell für verschiedene Fotografen und Bildhauer arbeitete. Laut der Vogue sagte der Künstler Salvatore Cartaino Scarpitta einmal zu ihr: "Bewahr dir diese Grübchen, Mädchen." Munson begann Kontakte zu knüpfen und wild zu feiern. Eine Zeit lang ging sie sogar mit dem Millionär Hermann Oelrichs Jr. aus.

Bei der Weltausstellung in San Francisco im Jahr 1915 war Munson der Mittelpunkt der Veranstaltung. Laut dem Magazin Journal stand sie für knapp 75 Prozent der Statuen in der Jewel-City-Ausstellung Modell. Im selben Jahr spielte Munson die Hauptrolle in einem Film namens Inspiration, frei nach ihrer eigenen Lebensgeschichte. In einer der Schlüsselszenen trat sie vollkommen nackt auf. Das machte sie zur "ersten weiblichen Hauptdarstellerin in ganz Amerika, die nackt in einem Film auftrat", so Bone.

Das Isador and Ida Straus Memorial im gleichnamigen Straus Park in New York. Foto: Lynne Ciccaglione | mit freundlicher Genehmigung von Regan Arts

Das machte sie zwar deutlich bekannter, wirkte sich allerdings nicht positiv auf ihr Einkommen aus. Bone sagt, dass sie umgerechnet rund 420 Euro für den Film bekam – eine dürftige Summe, selbst für die damalige Zeit. Mit ihrer Arbeit als Modell verdiente Munson auch nur bestenfalls 28 Euro die Woche. Viele der Statuen, für die sie Modell stand, stehen heute in Gegenden, in denen ein Apartment umgerechnet über eine Million Euro kostet.

In den 20er-Jahren veränderte sich die Mode und Munson fiel in Ungnade. Wie Bone erklärt, wurde sie in der Zeit um die Jahrhundertwende berühmt, doch als der Modernismus in Amerika Einzug hielt, entsprachen die Kunstwerke, für die sie Modell gestanden hatte, irgendwann nicht mehr dem Zeitgeist. "Modernisten verbannten die weiblichen Statuen von den öffentlichen Plätzen", sagt Bone. "In Audreys Fall bedeutete das, dass es zu Zerwürfnissen zwischen ihr und mächtigen Menschen am Theater und von der Presse kam. Manchmal war es deren Schuld, manchmal war es ihre."

Vollkommen abgebrannt zogen Munson und Kitty nach Mexico im Bundesstaat New York, ganz in der Nähe von Syracuse. Dort bekam Munson eine schlecht bezahlte Stelle als Kellnerin und begann erste Anzeichen einer psychischen Erkrankung zu zeigen. Sie nannte sich selbst "Baroness Audrey Meri Munson-Munson" und versuchte, Selbstmord zu begehen. Außerdem gab sie der jüdischen Bevölkerung die Schuld für ihre Probleme. Einmal, berichtet die Vogue, bat Munson das US-Repräsentantenhaus sogar, ein Gesetz einzuführen, um sie vor den Angriffen "der Hebräer" zu schützen.

Foto: Photofest | mit freundlicher Genehmigung von Regan Arts

Drei Tage nach Munsons 40. Geburtstag wurde sie ins St. Lawrence State Hospital in Ogdensburg im Bundesstaat New York eingeliefert. Selbst in dieser Zeit sah sie sich selbst noch als Berühmtheit. Wie die Vogue berichtet, soll ihr eine Krankenschwester gesagt haben: "Audrey, du hast Grübchen im Rücken!" Munson antwortete: "Ja, die sind sehr wertvoll. Ich darf meine Grübchen nicht verlieren." Munson starb 60 Jahre später im Krankenhaus.

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The Curse of Beauty ist eine Geschichte aus vergangenen Zeiten, die sich aber auch wie eine Warnung an all die Berühmtheiten der Jetztzeit lesen lässt. Unsere moderne Kultur verdammt Frauen wie Audrey nicht mehr so sehr wie damals: Blogger verteidigen Stars und Schickeria vehement, wenn Männer sie Schlampen nennen, weil sie nackt posieren und Madonna hat sich selbst schon mindestens fünfmal neu erfunden. Doch wenn weibliche Stars wie Britney Spears oder Amanda Bynes psychisch krank werden, dann bleiben sie meist unter gesetzlicher Vormundschaft. Diese rechtliche Schranke legt die Verantwortung und die Kontrolle über die Vermögenswerte der Frauen in die Hände anderer und macht aus Berühmtheiten in den Augen des Gesetzes Kinder. Kein männlicher Prominenter wurde bisher unter eine solche Vormundschaft gestellt.

"Als Audrey 1931 in die psychiatrische Anstalt eingeliefert wurde, war es ziemlich schwer, da wieder rauszukommen", sagt Bone. "Heutzutage ist es schwierig, drin zu bleiben. Im hohem Alter wurde sie vom St. Lawrence State Hospital in Ogdensburg rausgeworfen, um Betten zu sparen. Sie kam in ein Pflegeheim, aber sie kam wieder zurück. Als sie versuchten, sie erneut vor die Tür zu setzen, starb sie. Damals war sie 104 Jahre alt."