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Heiß auf Schwangerschaft: Die risikoreiche Welt des Breeding-Fetisch

Egal ob es darum geht, sich tatsächlich schwängern zu lassen, oder nur um das Risiko einer möglichen Schwangerschaft—für viele Menschen ist es der ultimative Kick, nicht zu wissen, ob sie beim Sex schwanger werden könnten.

von Sophie Saint Thomas
07 Juni 2016, 6:45am

Illustration by Aparna Sarkar

„Ich hatte schon immer einen—wie ich es nennen würde—‚Spermafetisch'", sagt Anise, eine 22-jährige, bisexuelle New Yorkerin. „Schon seit ich sexuell aktiv bin, liebe ich es zu schlucken, stehe auf Creampies und werde von der Vorstellung angemacht, schwanger zu werden. Ich muss es etwas blumig auszudrücken, weil sonst nicht weiß, wie ich es sagen soll, aber: Ich habe schon immer davon geträumt, eine eigene Familie zu gründen. Mir war jedoch nicht klar, dass ich einen Breeding-Fetisch habe, bevor es irgendwann einer aus der Fetisch-Community in Worte gefasst hat."

Menschen mit einem Breeding-Fetisch werden von der Vorstellung erregt, beim Sex theoretisch schwanger werden zu können. Das kommt zwar sehr viel seltener vor als Leute, die im Bett gern ‚Schlampe' genannt werden, dennoch gibt es sie. „Es kommt nicht oft vor, dass solche Leute in meine Praxis kommen, aber wenn man als Sexualtherapeut arbeitet, hat man irgendwann alles mal gesehen und gehört", sagt Dr. Chris Donaghue. „Der Grund, warum Menschen von dem Risiko einer Schwangerschaft erregt werden, ist, dass unser Gehirn auf dieselbe Weise auf Erregung und Angst reagiert", erklärt er.

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Man muss jedoch unterscheiden zwischen einem Breeding-Fetisch und einem Schwangerschaftsfetisch—also Leuten, die auf schwangere Frauen stehen. Eng mit dem Breeding-Fetisch verbunden ist das sogenannte Impregnation Risk Taking (IRT). Das heißt, dass die Leute auf das Risiko stehen, dass sie jemanden schwängern könnten beziehungsweise schwanger werden könnten, allerdings nicht von der Vorstellung, tatsächlich schwanger zu werden, erregt werden. „Wenn man einen Breeding-Fetisch hat, versucht man, jemanden zu schwängern. Beim IRT-Fetisch ist es genau das Gegenteil: Man versucht niemanden zu schwängern, hat aber Sex, bei dem man riskiert, jemanden zu schwängern. Das Spiel mit dem Risiko. Eine Frau zu schwängern, bedeutet nicht, dass man gewonnen hat, sondern dass man das Spiel verloren hat", sagt Joe*, ein 34-jähriger, heterosexueller Mann aus Baden-Württemberg. „Ich denke, das Beste wäre, wenn die Frau einen Breeding-Fetisch hat und der Mann auf IRT steht—das perfekte Paar!"

Joe sagt, dass er festgestellt hat, dass er auf IRT steht, nachdem er Sex mit seiner Exfreundin hatte, die seiner Meinung nach versucht hat, sich heimlich von ihm schwängern zu lassen. Die damit zusammenhängende emotionale Achterbahnfahrt hat zum besten Sex seines Lebens geführt—ein Gefühl, dem er seither immer wieder nachjagt. Dass Menschen mit einem Fetisch versuchen, eine solche intensive sexuelle Erfahrung zu wiederholen, ist nicht ungewöhnlich, meint Dr. Donaghue. „Warum sie darauf stehen und nicht auch auf das Risiko, von einem Auto erfasst zu werden? Weil sich eben zu diesem einen ganz bestimmten Zeitpunkt Angst und Erregung vermischt haben, wodurch das Interesse an diesem Verhalten verstärkt wurde. Sowohl unser Gehirn als auch unsere Erregung sind extrem assoziativ", erklärt er.

Das Risiko bei diesen Fetischen liegt allerdings nicht nur in einer potentiell ungewollten Schwangerschaft, sondern auch darin, sich mit sexuell übertragbaren Krankheiten anzustecken. Für Joe scheint das allerdings nur ein weiterer Anreiz sein. Er lebt seinen Fetisch am Liebsten mit Fremden aus. „Ungeschützten Verkehr bei einem normalen Date oder einem One-Night-Stand zu haben, gibt mir den Kick, weil ich so vieles nicht über die andere Person weiß. Ich weiß nicht einmal, ob sie verhütet. Wenn sie damit einverstanden ist, ungeschützten Verkehr zu haben, dann vertraue ich ihr einfach, dass sie das Richtige tut. Dass sie versucht, sich von einem Fremden schwängern zu lassen? Unwahrscheinlich, aber durchaus möglich. Ich genieße dieses Risiko."

Anise dagegen stellt lieber sicher, dass ihre Partner keine sexuell übertragbaren Krankheiten haben, da ihr Fetisch weniger auf der Angst, geschwängert zu werden beruht, sondern vielmehr auf der Möglichkeit, tatsächlich schwanger zu werden. Eine Geschlechtskrankheit wäre dabei nur hinderlich. „Ich lasse mich vier Mal im Jahr testen und ich möchte immer, dass mir meine Partner sagen, ob sie sich testen lassen oder nicht. Bestimmte Geschlechtskrankheiten beeinflussen die Fähigkeit, schwanger zu werden, und das wäre das genaue Gegenteil von meinem Fetisch", sagt sie. „Creampies habe ich eigentlich nur mit monogamen Partnern gemacht, aber in den letzten sieben Monaten auch mit anderen Partnern, polygamen Partnern und sogar mit ein paar One-Night-Stands."

Ich denke, das Beste wäre, wenn die Frau einen Breeding-Fetisch hat und der Mann auf IRT steht—das perfekte Paar!

Bei beiden Fetischen kann es auch um Machtspiele gehen, die Elemente aus dem BDSM beinhalten können. „Wichtig ist für mich, dass ich passiv sein kann. Wenn ich mit einem Mädchen Sex habe, muss sie die richtigen Knöpfe bei mir drücken. Sie muss mir sagen, dass sie Sex ohne Kondom haben will. Sie muss mir sagen, dass sie mich komplett ohne alles spüren will", erklärt Joe. Anise ist sich nicht sicher, woher ihr Fetisch kommt. „Ich habe irgendwann mal gedacht, dass mir dabei vielleicht die Macht und die Eigenverantwortung dieses ganzen Aktes bewusst wird, aber ich bin noch immer nicht ganz sicher", sagt sie.

Nachdem der Austausch von Körperflüssigkeiten immer riskant ist, müssen die beteiligten Personen wirklich miteinander kommunizieren. „Nachdem dieser Fetisch ungeschützten Verkehr einschließt (oder die Vorstellung davon), sollten die Sexpartner besonders genau auf die sexuelle Gesundheit achten und darüber sprechen", rät die fetischbefürwortende Sexualtherapeutin Alyssa Siegel. Sie mahnt generell auch, dass es—wenn man einen Fetisch hat—immer besser ist, mit seinem/n Partner(n) darüber zu sprechen und nicht damit hinter dem Berg zu halten.

„Viele Menschen haben Angst, über ihren Fetisch zu sprechen, weil sie sich vor der Zurückweisung fürchten oder vor der Möglichkeit, für ihren Fetisch ausgelacht zu werden. Dieser Mangel an Kommunikation und Authentizität kann mit der Zeit jedoch zu ernstzunehmenden Problemen in der Beziehung führen", sagt Siegel. „Aufgrund der potenziellen langfristigen Auswirkungen dieses speziellen Fetischs ist es jedoch besonders wichtig, dass der Partner mit an Bord ist—beziehungsweise, dass darüber gesprochen wird, um auf eine potenzielle Schwangerschaft vorbereitet zu sein."

Interessant ist auch, dass Anise momentan verhütet. In den düsteren Ecken des Internets gibt es Posts von Breeding-Fetischisten—sowohl von Einzelpersonen als auch von Paaren—, die tatsächlich schwanger werden wollen. Für Anise ist die potenzielle Schwangerschaft gerade aber einfach nur Teil einer Rollenspielfantasie. „Im Moment tue ich nur so, verhüte aber mit der Spirale. In der Vergangenheit bin ich meinem Breeding-Fetisch auch schon ganz ohne Verhütung nachgegangen. Ich war deswegen aber noch nie schwanger—und auch sonst nicht", sagt Anise.

Wenn der Breeding-Fetisch jedoch über ein einfaches Rollenspiel hinausgeht, kann er ziemlich extreme Formen annehmen. Eine der extremsten Auswüchse davon sind „Schwängerungspartys". Auf solchen Veranstaltungen haben mehrere Männer Sex mit einer Frau, in der Hoffnung, sie zu schwängern. Während PornHub einen glauben machen möchte, dass es viele solche Schwängerungspartys gibt, beklagen die Menschen, mit denen wir für diesen Artikel gesprochen haben, dass es in Wirklichkeit ziemlich schwierig ist, eine solche Party zu finden.

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Diejenigen, die dabei wirklich aktiv schwanger werden wollen, haben an das Aussehen und die Persönlichkeit der Teilnehmer ähnlich strenge Anforderungen wie an einen Samenspender. „Wenn ich jetzt einen Spender suchen würde, würde ich nach jemandem Ausschau halten, der mir ähnlich sieht, der mindestens 1,80 Meter groß und ähnlich intelligent ist. Außerdem sollte er einen Job haben, der es ihm ermöglicht, ein Kind zu unterstützen. Wenn ich finanziell besser gestellt wäre, hätte ich noch immer dieselben Anforderungen—mit Ausnahme von der finanziellen Sicherheit", sagt Anise.

Die harte Realität des Fetischs ist ziemlich offensichtlich: Wenn der Gedanke an eine Schwangerschaft integraler Bestandteil des Fetischs ist, dann denkt man auch darüber nach, was man tun würde, wenn man tatsächlich schwanger werden würde. Obwohl sie mit der Spirale verhütet, nimmt Anise das Risiko dennoch ziemlich ernst. „Ich persönlich glaube nicht, dass Abtreibung eine Option für mich wäre und das sage ich all meinen Partnern auch ganz deutlich, bevor wir mit unserem Rollenspiel beginnen", sagt sie. „Ich denke nicht, dass es fair ist, schwanger zu werden, nur um abzutreiben—aber das ist nur meine persönliche Meinung. Zudem verlangt [eine Abtreibung] dem Körper viel ab und führt bei vielen Menschen zu einem emotionalen Trauma. Die Optionen, die ich meinen Partnern zur Wahl stelle, sind Adoption oder ein gemeinsames Sorgerecht. Wenn ich finanziell abgesichert wäre, wäre ich auch bereit, eine alleinerziehende Mutter zu werden."

In den Breeding-Communities im Netz sind die Leute gespaltener Meinung, ob der Mann theoretisch eine Rolle im Leben des potenziellen Kindes spielen sollte. „Das hängt ganz davon ab, wie es zu der Schwangerschaft kommt", sagt Joe. „Wenn sie mir die Schwangerschaft anhängen will, würde ich mich weigern, für den Unterhalt des Kindes zu zahlen. Ich würde sie nur insofern unterstützen, als dass ich ihr meine Krankenakte zur Verfügung stellen würde."

Was Joe tun würde, wenn es durch seinen Fetisch zu einer Schwangerschaft käme, geht nur ihn, die Mutter und seinen Gott etwas an. Aber wie bei allem, was mit Sex zu tun hat, betonen Experten, dass es wichtig ist, ein gewisses Maß an Rücksicht und Respekt zu wahren, das über die Verhütung von sexuell übertragbaren Krankheiten hinausgeht. „[Der Sexpartner] ist nicht nur ein menschlicher Dildo oder eine anonyme Person, die an deinem Fetisch Teil hat", sagt Dr. Donaghue. „Man muss sich immer bewusst sein, dass man einen Einfluss auf die andere Person hat."


* Namen wurden geändert.