SOKO Tierschutz zeigt das grausame Schicksal von Tübinger Laboraffen

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SOKO Tierschutz zeigt das grausame Schicksal von Tübinger Laboraffen

Das Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik kritisiert die Veröffentlichung der erschütternden Bilder von Affen aus ihrer Grundlagenforschung als „Dramatisierung“.
11 September 2014, 2:30pm

Hinweis: Dieser Artikel enthält explizite und verstörende Bilder von Tierversuchen.

Alle Bilder: Soko Tierschutz / buav

Unter dem Decknamen Pawel hat sich ein Tierschützer als Pfleger am Institut für biologische Kybernetik in Tübingen einstellen lassen und dort über ein halbes Jahr lang die Versuchsbedingungen mit versteckter Kamera dokumentiert. Die Ergebnisse seiner Recherche wurden nun am Mittwoch, den 10. September 2014 von der Aktivistengruppe SOKO Tierschutz vorgestellt.

Die Bilder aus der Grundlagenforschung zeigen unter anderem, wie es den Tieren ergehen kann, wenn die Schädel von Makaken aufgesägt und Elektroden ins Gehirn eingeführt werden. Wie der SWR berichtet, konnte die zuständige Genehmigungsbehörde bei einer unangekündigten Kontrolle in Tübingen auch nach der Veröffentlichung der Bilder Donnerstag keine Hinweise auf Tierquälerei beim Max-Planck-Institut feststellen.

Nach einer mehrmonatigen Prüfung konnte die zuständige Behörde keinen Grund erkennen, dem Institut die Tierversuche zu untersagen. Am 16.1.2015 verkündete das Tübinger Regierungspräsidium, das für die tierschutzrechtliche Vergabe verantwortlich ist, dass man nur in einem Fall überlegt habe, die Hirnforschung an Affen zu untersagen. Dieses Verbot wurde jedoch nicht ausgesprochen, da das biokybernetische Institut die Versuche ohnehin plane einzustellen.

Auf unsere Nachfrage erklärte die SOKO Tierschutz, dass sie ihre heimliche Recherche in dem Labor als notwendiges Risiko ansehe, und keine Angst vor einer möglichen Strafverfolgung habe: „Jeder Prozess bringt Aufmerksamkeit für unsere Sache und die Chance auf Grundsatzurteile gegen die Industrie."

Ein Laboraffe im Tübinger Max-Planck-Institut auf dem Weg zu einer Wahrnehmungstest, fixiert in einem sogenannten Primatenstuhl.

Ein Affe am Max-Planck-Institut mit entzündetem „Kopfhalter". Alle Bilder:  SOKO Tierschutz / buav | Mit freundlicher Genehmigung.

Den Affen wird zunächst operativ ein Implantat in die geöffnete Schädeldecke installiert, der sogenannte „Kopfhalter." Diese Operationswunden scheinen sich häufig zu entzünden und in manchen Fällen noch tagelang stark zu bluten. In dem nun veröffentlichten Video ist zu sehen, wie ein Tier versucht, sich den Fremdkörper aus dem Schädel zu entfernen—während die Operationswunde auch nach mehr als einer Woche noch lange nicht verheilt ist. Bei einem anderen Laboraffen hat sich ein Implantat entzündet, was schließlich dazu führte, dass das Tier halbseitig gelähmt war und sich ständig erbrechen musste.

In Deutschland wurden im Jahr 2012 insgesamt rund 3,1 Millionen Wirbeltiere für Versuchszwecke „verbraucht." Die Versuche dienen unter anderem der medizinischen Forschung und der Untersuchung neurologischer Lernvorgänge. Wie Aufnahmen und Dokumente der Tierschützer zeigen, wird den Affen dabei vor den Versuchen aus Konditionierungsgründen teilweise Wasser entzogen, bis sie an Eisenstangen lecken und ihren eigenen Urin trinken. Sie werden am Hals und mit einer Stange am Kopfhalter fixiert, um dann über mehrere Stunden Aufgaben am Bildschirm zu lösen. Davon erhoffen sich die Forscher einen Erkenntnisgewinn im Bereich der Wahrnehmungsforschung.

Das Max-Planck-Institut wirft den Aktivisten unterdessen eine selektive Bildauswahl und Dramatisierung vor: „Die Kooperation der Affen während der Experimente ist ganz zentral für den Erfolg unserer Forschung. […] Die Implantate verursachen dem Tier keinen Schmerz. Es verhält sich damit völlig normal und zeigt keinerlei Beeinträchtigung", erklärt das Institut. Auf seiner Webseite zeigt das MPI Videos, auf denen die Tiere dieselben Implantate und Vorrichtungen tragen, nur eben deutlich gesünder aussehen. Laut dem MPI würden die Implantate für das Leben der Affen keine Veränderung bringen. In einer ersten Stellungnahme erklärte das MPI außerdem, dass die Grundlagenforschung im Labor in Tübingen dazu geführt hätte, dass MRT-Bilder von menschlichen Gehirnen für Ärzte auf der Ebene von Nervenzellen interpretierbar wurden. MRT-Untersuchungen sind heute ein wichtiges, zentrales Diagnoseinstrument bei Patienten mit teilweise lebensgefährlichen Hirnverletzungen.

Angesichts des abgeschotteten Laborbetriebs lässt sich naturgemäß schwer abschließend  ermitteln, wie häufig die Affen den von der SOKO teilweise dokumentierten, schwer gezeichneten Zustand erleiden, und wie häufig ihr Laboralltag dem zumindest augenscheinlich glücklicheren Bild entspricht, das das Max-Planck-Institut  auf seiner Website zeichnet.

In einer ersten Antwort hat uns das MPI per E-Mail inzwischen mitgeteilt, dass das Auftreten „sogenannter Nahtinsuffizienzen nach Auskunft unserer Wissenschaftler eher selten ist." Auf unsere Nachfrage, ob die gezeigten Affen letztlich alle im Labor sterben, bestätigte Dr. Christine Beck, Leiterin der Wissenschafts- und Unternehmenskommunikation: „Keines der Tiere kann wieder in die Freiheit entlassen werden, insofern sterben alle Tiere schlussendlich im Labor—wenn sie das meinen."

Wir haben das MPI auch nach Beispielen für konkrete medizinische Therapien für den Menschen gefragt, die sich direkt aus der Grundlagenforschung entwickelt haben. Die Sprecherin erbat sich—auch angesichts eines hohen Aufkommens an Anfragen—zunächst mehr Zeit für eine Antwort. Sollten wir weitere Informationen hierzu aus Tübingen erhalten, werden wir diese hier ergänzen.

Im Rahmen der Berichterstattung von SternTV antwortet der SOKO Tierschutz-Sprecher Friedrich Mülln unterdessen auf die vom MPI geäußerte Kritik, mit den Bildern die Forschung unnötig zu dramatisieren:

„Einen Affen, der versucht sich etwas aus dem Kopf zu reißen, das ihm unter Betäubung eingesetzt wurde, braucht man nicht zu dramatisieren. Die Bilder sprechen für sich. Das Max-Planck-Institut versucht die Realität zu verharmlosen."

Die Affen werden für Versuche an Hals und Kopf in einem Primatenstuhl fixiert. Immer wieder gehen sie nicht freiwillig aus ihren Käfigen in diese Fixierung (wie es eigentlich gesetzlich verlangt wird), sondern müssen gezwungen werden .

Nachdem im vergangenen Jahr Proteste gegen vergleichbare Versuche an Rhesusaffen ein Ende der Laborpraxis gefordert hatten, urteilte das Bundesverwaltungsgericht im Februar 2014, dass die  Grundlagenforschung an Affen gestattet sein muss. 40 Prozent aller Tierversuche in der EU werden dem Bereich der Grundlagenforschung zugeordnet und häufig mit öffentlichen Geldern finanziert. Diese Forschung dient nicht der Heilung einer Krankheit, sondern der allgemeinen Wissensvermehrung.

Die Legalität der Grundlagenforschung

Ivar Aune von der Gesellschaft für Versuchstierkunde  ist sich dagegen sicher, dass die Tiere selbst den Versuchen positiv gegenüberstehen: „Die Affen sind interessiert daran, sie sind wie junge Hunde, die trainiert werden." Zuvor hatte sich ein Reporter des Südwestdeutschen Rundfunks wochenlang vergeblich um ein Treffen mit den Forschern am Tübinger Max-Planck-Institut bemüht.

Laut SWR-Informationen plant das Max-Planck-Institut die Versuche auszubauen und mehr zu halten. Die SOKO Tierschutz fordert dagegen, dass grundsätzlich verstärkt auf Forschungsalternativen wie invasive klinische Studien gesetzt wird und ruft zu einer Demonstration in Tübingen auf.

„Die Wahrheit ist, dass Tierversuche eben nicht harmlos und gering beeinträchtigend sind und die Tiere gut kooperieren, sondern dass die Tiere gebrochen und gequält werden und in diesen Einrichtungen einen grausamen Tod sterben", sagte Friedrich Mülln gegenüber sternTV.

Der 29-jährige Tierschützer Pawel erhielt von seinem ehemaligen Arbeitgeber übrigens ein  sehr gutes Arbeitszeugnis. Man attestierte ihm, sich stets gewissenhaft um die Tiere gekümmert zu haben. Pawel selbst sagt, dass er häufig an die Tiere denkt und sich auch nach seiner sechsmonatigen Arbeitszeit im Labor noch mit Gewissensbissen quält.

Update 23.4.: Wir haben einen Hinweis auf das Ergebnis der Prüfung des zuständigen Regierungspräsidiums vom Januar 2015 hinzugefügt.