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Handys sollen Krebs verursachen—alle berichten es, das sagt die Studie wirklich

Mal wieder zirkuliert die Meldung, dass Handystrahlung krebserregend sei. Was an den Ergebnissen wirklich dran ist.

von Johannes Hausen
31 Mai 2016, 2:06pm

Für die Studie wurden speziell für Laborexperimente herangezüchtete Albino-Ratten der Rasse Sprague Dawley verwendet. Foto: Jean-Etienne Minh-Duy Poirrier/Flickr, CC BY-SA 2.0

Auch wenn die gesundheitlichen Folgen von Handystrahlung seit vielen Jahren untersucht werden, gibt es noch immer keine Studie, die eindeutig nachweist, dass der Umgang mit einem Mobiltelefon brim Menschen Krebs verursacht. An dieser Tatsache ändern auch die bisher größte durchgeführte Studie zum Thema und die aufgeregte mediale Berichterstattung über die Ergebnisse dieser nichts.

Schlagzeilen wie „Handy kann Krebs verursachen" oder „Krebs durch Handystrahlung" machten in den letzten Tagen die Runde. Die entsprechenden Artikel und Kommentare in sozialen Medien beziehen sich auf eine 25 Millionen US-Dollar teure Langzeit-Studie des US National Toxicology Program (NTP), deren Experimente kürzlich abgeschlossen wurden. Das NTP hatte erste Teil-Ergebnisse der langerwarteten Studie, die noch bis Ende 2017 läuft, am Donnerstag, 26. Mai, vorab veröffentlicht.

Für die Studie wurden über 2500 Ratten und Mäuse über einen Zeitraum von zwei Jahren jeden Tag neun Stunden mit den Funkfrequenzen 900 Mhz (Ratten) bzw. 1900 Mhz (Mäuse) bestrahlt. 900 Mhz ist dabei eine Frequenz, die auch der europäische Mobilfunkstandard GSM 900 verwendet, also auch deutsche Mobilfunkanbieter.

Schauen wir uns also an, welche Befunde die Forscher bei den Ratten machten. Die Tiere wurden in drei Gruppen aufgeteilt, welche mit unterschiedlicher Intensität bestrahlt wurden: 1,5 Watt pro Kilogramm Körpergewicht, 3 Watt/kg und 6 Watt/kg. Zum Vergleich: Der menschliche Kopf sei bei der Benutzung eines Handys einer Strahlung von 1,6 Watt/kg ausgesetzt, erklärte John Bucher, einer der Autoren der Studie, in der entsprechenden Pressekonferenz.

Hier findet sich neben der Tatsache, dass Menschen keine Ratten sind, auch schon die zweite entscheidende Einschränkung: Während bei den Ratten der komplette Körper bestrahlt wurde, ist es beim Mensch in der Regel nur der Kopf (oder ein anderes Körperteil).

In den Gruppe 1 und 2 der Ratten (niedrigste und mittlere Intensität) hatten 3,3 Prozent der Tiere nach zwei Jahren Gliome, bösartige Hintumore, entwickelt. Interessanterweise lag dieser Prozentsatz in der Gruppe mit der höchsten Intensität nur bei 2,2. Die Tiere aus der Kontrollgruppe, die gar keiner Strahlung ausgesetzt waren, hatten in keinem Fall Gliome entwickelt.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass weltweit rund 6,9 Milliarden Handys und Smartphones im Einsatz sind. Foto: Imago

Neben Hirntumoren gab es in allen drei bestrahlten Gruppen auch einen leichten Anstieg einer selten Art von Herztumoren, dem sogenannten Schwannom. Hier stieg der Prozentsatz der erkrankten Tiere anders als bei den Hirntumoren proportional zur Intensität der Bestrahlung. 5,5 Prozent der am intensivsten bestrahlten Tiere hatten ein Schwannom entwickelt, in der strahlungsfreien Kontrollgruppe war kein Tier erkrankt. Höchst interessant ist an dieser Stelle, dass ausschließlich männliche Ratten an Krebs erkrankten, wohingegen weibliche Tiere lediglich eine niedrigere Geburtenrate aufweisen.

Welche Schlussfolgerung können wir daraus ziehen?

Die einzige Schlussfolgerung, die die Studie in Bezug auf eine Verbindung von Handystrahlung und Krebs an dieser Stelle zulässt, muss also lauten: Bei männlichen Ratten, welche einer Strahlung von 900 Mhz ausgesetzt waren, ließ sich ein leicht erhöhtes Risiko für die Erkrankung an zwei speziellen Krebsarten beobachten. Ein genauerer Blick in die Studie legt also schon schon einige Relativierungen nahe im Vergleich zu der vereinfachten Aussage: „Handystrahlung verursacht Krebs".

Vorschnelle Interpretationen haben noch ein weiteres Problem: Alle weiteren Ergebnisse der Studie sollen erst im kommenden Jahr veröffentlicht werden. Warum die Forscher jetzt schon mit einem Teil ihrer Ergebnisse an die Öffentlichkeit gingen, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Die Washington Post spekuliert, dass online bereits vor der Veröffentlichung am 26. Mai Ergebnisse der Studie geleakt worden seien. Tatsächlich ist ein Artikel auf Microwaves News, dessen Autor die Ergebnisse bereits vorgelegen haben müssen und der die Aussagekraft der Studie stark anzweifelt, auf den 25. Mai datiert.

Eine konkrete Begründung dafür, warum die Forscher eine leichte Zunahme von Herz- und Hirntumoren bei den Ratten entdeckten, lieferten die bisherigen Untersuchungen nicht. John Bucher erklärte stattdessen: „Wir haben eine Vielzahl an Studien vorgeschlagen und geplant, die Aufschluss über die molekularen Fragestellungen geben könnten." Das klingt doch eher noch sehr theoretisch als wirklich aussagekräftig.

Kritik an der Studie

Man muss beim Betrachten der Ergebnisse außerdem darauf hinweisen, dass diese noch nicht im Auftrag einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift einem sogenannten Peer-Review unterzogen wurden. Diese Art blindes Gutachten durch Experten, die die Studie nicht kennen, ist im Bereich wissenschaftlicher Publikationen ein gängiges Verfahren zur Qualitätssicherung. Die Teil-Ergebnisse des NTP wurden dagegen bisher nur auf die Plattform bioRxiv gestellt, einem „kostenlosen Online-Archiv und Distributionsserver für unveröffentlichte Vorabdrucke aus dem Bereich Biowissenschaft".

Zwar hatten die Forscher des NTP selbständig Experten für Peer-Reviews der Teil-Ergebnisse ausgewählt und deren Statements auch in die Veröffentlichung vom vergangenen Donnerstag aufgenommen, doch bewerten diese die Ergebnisse nicht durchweg positiv.

Dr. Lauer vom National Institutes of Health beispielsweise erklärt, dass er die Ergebnisse des NTP so nicht akzeptiert: „Warum bekommen wir, zumindest unter den Experten, keine Auskunft über die Ergebnisse der anderen Experimente (im Rahmen der Studie)—zum Beispiel mit den Mäusen oder was andere Arten von Tumoren angeht? Aufgrund der vielfältigen Vergleiche, die in dieser Arbeit herangezogen wurden, besteht ein hohes Risiko, dass falsche Positive entdeckt wurden." Als falsches Positiv wird ein Untersuchungsergebnis bewertet, wenn die untersuchte Person oder Tier gar nicht an der zu überprüfenden Erkrankung leidet, die festgestellt wurde. Zahlreiche weitere Fragen von Dr. Lauer an die Autoren der Studie blieben bisher unbeantwortet.

Es bleibt also abzuwarten, welche Informationen die NTP im Zuge der nächsten beiden angekündigten Veröffentlichungen im Rahmen der Studie bereitstellen wird. Erst Anfang des Monats war eine australische Langzeit-Studie zu dem Ergebnis gekommen, dass die Benutzung von Handys nicht zu einem erhöhten Krebsrisiko führe. Dass Handystrahlung dagegen bei Ratten verstärkt zur Bildung von Tumoren führt, legt die aktuelle Studie des NTP nahe—eine Erklärung des konkreten Zusammenhangs bleibt aber auch sie vorerst schuldig.