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„Memory Hackerin“ zeigt, wie man Menschen falsche Erinnerungen ins Gehirn setzt

Unsere Erinnerungen können erstaunlich einfach verfälscht werden. Diese Kriminologin beweist, wie sie Menschen davon überzeugen kann, ein Verbrechen begangen zu haben, mit dem sie eigentlich nichts zu tun haben.

von Kate Lunau
15 September 2016, 3:00pm

Bild: Chet Tilokani

Wir stellen uns unsere Erinnerungen gerne als perfekte, kleine Zeitkapseln vor—als exakte Aufzeichnungen vergangener Ereignisse. In unserer Idealvorstellung speichert unser Gedächtnis all die vergangenen Erlebnisse, die uns wichtig sind und die uns zu dem Menschen machen, der wir heute sind.

Unsere Erinnerungen gelten uns als unveränderlich, quasi in Stein gemeißelt. Doch da täuschen wir uns—und kaum jemand zeigt das so eindrücklich wie die Julia Shaw: „Ich befasse mich mit dem Hacken von Erinnerungen", erklärte die Kriminalpsychologin gegenüber Motherboard. „Ich benutze Erkenntnisse der Gedächtnisforschung, um Leuten falsche Erinnerungen an Taten einzupflanzen, die nie stattgefunden haben."

Wie sich herausstellte, ist es beunruhigend einfach, jemandem falsche Erinnerungen unterzujubeln, und dieses Interview

für unsere Serie Daily VICE zeigt dir, wie die Tricks von Shaw funktionieren:

Die Kanadierin Shaw, die inzwischen in London lebt, beschreibt in ihrem Buch The Memory Illusion, wie falsche Erinnerungen bewusst in den Gehirnen der Menschen platziert werden können. Das Thema ist für sie als Kriminologin auch deshalb wichtig, weil 'falsche Erinnerungen' zu falschen Geständnissen bei Verhören führen und Unschuldige ins Gefängnis bringen können.

„Eine Erinnerung ist ein Netzwerk aus Gehirnzellen", beschrieb Shaw die Grundlagen ihrer Forschung gegenüber Motherboard. Dieses Netzwerk, das sich über verschiedene Gehirnregionen erstreckt, wird ständig aktualisiert. Seine Funktion ist wichtig für uns und hilft uns zum Beispiel dabei, Neues zu lernen und Problemlösungen zu finden. Das Netzwerk kann daher aber auch manipuliert werden. „Jedes Mal, wenn du eine Geschichte erzählst, veränderst du deine eigene Erinnerung daran", erklärte die Kriminalpsychologin. Manchmal werden neue Details hinzugefügt, kleine Informationsschnipsel, die du vielleicht von jemand anderem gehört hast. Oder neue Verbindungen werden gemacht, die vielleicht nicht ganz korrekt sind oder uns in die Irre führen.

Wenn du zum Beispiel denkst, du erinnerst dich an etwas, was geschah, bevor du ungefähr zweieinhalb Jahre alt warst, ist das laut Shaw eine falsche Erinnerung. Unsere frühkindlichen Gehirne sind nämlich gar nicht reif genug, um Erinnerungen zu speichern; ein Phänomen, das auch als infantile Amnesie bekannt ist. Eine Erinnerung, die vor diesem Alter ansetzt „beruht entweder auf Fotos, falls du ein Bild von dir in dieser Situation gesehen hast, oder vielleicht auf einer Geschichte, die deine Eltern dir erzählt haben", erklärte die Memory Hackerin. „Diese Bilder oder Geschichten werden ganz schnell internalisiert."

Dass Erinnerungen so leicht zu verfälschen sind, ist von großer Bedeutung für Ermittlungsbehörden und die Justiz, die Shaw mit ihrer Arbeit vor allem im Blick hat. „In der Laborsituation überzeuge ich Leute durch Memory Hacking davon, dass sie Verbrechen begangen haben. Dabei sind diese Verbrechen nie passiert", beschrieb Shaw, die als Senior Lecturer und Researcher an der Fakultät für Rechts- und Sozialwissenschaften an der London South Bank University tätig ist. „Ich mach das, um zu zeigen, dass in polizeilichen Vernehmungen ebenfalls ganz systematisch Erinnerungen verfälscht werden können."

Wenn man jemandem eine falsche Erinnerung einpflanzen möchte „versucht man sie oder ihn dazu zu bringen, ein vorgestelltes Erlebnis für eine Erinnerung zu halten", beschrieb die Wissenschaftlerin. „Das ist auch schon alles: Bring die Person dazu, dass sie sich wiederholt vorstellt, wie das Ereignis passiert ist."

Shaw beginnt damit, dass sie ihrem Gegenüber erzählt, er oder sie hätte ein Verbrechen begangen und behauptet dann, sie würde über vertrauliche Informationen zu diesem Verbrechen verfügen. So sagt sie etwa: „Deine Eltern haben mir erzählt, dass du etwas gestohlen hast, als du 14 Jahre alt warst. Und dass die Polizei gerufen wurde." Dann fügt sie vielleicht hinzu, dass sie die Eltern angerufen hat und nennt Einzelheiten des Gesprächs „und dann fängst du an, mir zu glauben. Du weißt, dass ich deine Eltern angerufen habe, und du vertraust ihnen", beschrieb sie weiter. Auf diese Weise steigert sie ihre Glaubwürdigkeit.

Dann fügt sie weitere Einzelheiten hinzu—das Alter der Person, ihre Heimatstadt, den Namen der besten Freundin oder des besten Freundes aus der Kindheit. Danach spricht sie wiederholt über das Verbrechen, damit die Person sich wieder und wieder vorstellt, wie es passierte, obwohl die Geschichte ja eigentlich rein fiktiv ist. Innerhalb weniger Wochen, vielleicht sogar schneller, wird es für die Versuchsperson immer schwieriger, die Vorstellung von einer zurückkehrenden Erinnerung zu trennen. „Zum Schluss denkst du ganz einfach: Ja, das hab ich gemacht."

Julia Shaw mit ihrem neuen Buch „The Memory Illusion". Bild: Chet Tilokani

Natürlich haben derartige Erinnerungsfälschungen katastrophale Folgen, wenn sie in einem Ermittlungsverfahren vorkommen. Auf diese Weise kann es sehr leicht passieren, dass jemand unschuldig ins Gefängnis wandert. Das Phänomen kann aber auch dabei helfen, sogenannte „unmögliche Erinnerungen" zu erklären, ergänzte Shaw, zum Beispiel wenn jemand fest davon überzeugt ist, von Aliens entführt worden zu sein. Natürlich muss man vorher ausschließen, dass es sich hier um eine psychische Erkrankung oder Ähnliches handelt. „Es kann aber sein, dass einige dieser Personen einfach falsche Erinnerungen haben", berichtete sie. „Vielleicht haben sie sich das Ganze wiederholt vorgestellt, oder es wurde ihnen suggeriert. Oder sie haben einen Film gesehen und dann davon geträumt. So können vermeintlich wahre Erinnerungen entstehen."

Das bringt uns zu der Frage, wann wir in der Lage sein werden, das Gegenteil zu erreichen. Also statt eine falsche Erinnerung einzupflanzen, eine wahre Erinnerung, die vielleicht schmerzhaft ist, aus dem Gedächtnis zu löschen. In diesem Zusammenhang sprach Motherboard mit Shaw über den Film „Vergiss mein nicht" (2004) mit John Carey und Kate Winslet, in dem ein Paar sich begegnet, deren Erinnerung an ihre frühere Beziehung ausgelöscht wurde. Dazu erklärte Shaw, dass Erinnerungen auf Netzwerken im Gehirn basieren. Da die Erforschung dieser Netzwerke noch nicht so weit vorgedrungen sind, ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass die Wissenschaft in naher Zukunft herausfinden wird, wie man diese löschen könnte. Wahrscheinlicher wäre wohl, dass wir eines Tages den Teil der Erinnerung, der uns am meisten belastet, löschen können: nämlich das Gefühl, das mit der Erinnerung verbunden ist.

In der Optogenik, einem relativ neuen Fachgebiet, das sich mit der Kontrolle von genetisch modifizierten Zellen mittels Licht beschäftigt, sind Wissenschaftler bereits in der Lage, Angstgefühle, die an negative Erinnerungen geknüpft sind, zu löschen. Allerdings bisher nur in Versuchen mit Ratten, nicht mit Menschen—die optogenischen Methoden erfordern momentan noch, dass man der Ratte ein großes Loch in den Schädel schneidet. Die Ergebnisse geben aber einen ersten Hinweis darauf, was in Zukunft möglich sein könnte.

Wenn unsere Erinnerungen so einfach zu manipulieren sind und sich ständig verändern, permanent Einzelheiten hinzukommen und andere gelöscht werden, dann wirft das eine sehr viel grundsätzlichere Frage auf: Gibt es dann überhaupt wahre Erinnerungen an vergangene Ereignisse?

„Meiner Meinung nach hängt das alles nur von der eigenen Wahrnehmung ab. All unsere Erfahrungen sind komplett persönlich. Die Welt, wie du sie siehst, besteht nur für dich, so wie du heute bist. Denn du wachst ja auch jeden Tag als neue Person auf, mit einem veränderten Gehirn und neuen Erinnerungen, die dich beeinflussen."

„Ich behaupte einfach mal, dass alle Erinnerungen eigentlich falsche Erinnerungen sind", resümierte die Kriminalpsychologin. „Sie sind entweder ein wenig verfälscht oder aber total falsch. So manch eine Erfahrung hat in Wirklichkeit nie stattgefunden."

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