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Dieser Meteorit könnte der erste aus dem äußeren Sonnensystem sein

Der außergewöhnliche Stein, der in Kanada niederging, könnte entstanden sein, als unser Universum noch im Kindesalter war. Forscher erhoffen sich nun Rückschlüsse auf die Entstehung unseres Sonnensystems.

von Leif Johnson
17 August 2016, 4:00am

Bild: Goddard Space Flight Center/NASA

Wenn wir von Meteoriten hören, denken die meisten von uns an Objekte aus unendlicher Entfernung—so als würden die Steine von den entlegensten aller Sterne stammen. Doch wie bei so vielen Dingen im Leben, lohnt es sich auch beim Blick gen Himmel zu differenzieren: In Wahrheit stammen nämlich so gut wie alle bisher bekannten Meteoriten aus einem Asteroidengürtel, der zwischen Mars und Jupiter liegt—ein Ort, der im Grunde unser himmlischer Hinterhof ist und gar nicht so weit entfernt liegt, wie wir meinen.

Doch unter den Millionen Meteoriten und Meteoren, die im Laufe der Jahre auf den Planeten Erde herabgeregnet sind, gibt es jetzt möglicherweise eine Ausnahme: Seit der Tagish Lake Meteorit im Jahr 2000 in der kanadischen Provinz British Columbia eingeschlagen ist, verwirrt der Stein Wissenschaftler weltweit aufgrund seines einzigartigen Äußeren und seiner Zusammensetzung.

Nun legt ein neuer Bericht in der Fachzeitschrift The Astronomical Journal nahe, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass es sich bei dem Tagish Lake Meteoriten um den ersten bekannten Meteoriten aus dem Kuipergürtel handelt, jenem eisigen Gesteinsring, der noch hinter dem Neptun, dem äußersten Planeten unseres Sonnensystems, liegt.

Wie ist der Meteorit also bis auf unseren Planeten gekommen? Wie der Astronom und Co-Autor der Studie Bill Bottke vom Forschungsinstitut im US-Bundesstaat Colorado dem New Scientist erzählte, könnte sein Ursprung auf die frühen Tagen des Sonnensystems zurückgehen—jene Zeiten, in denen die Gravitatonskräfte von Jupiter, Saturn, Neptun und Uranus miteinander gerungen haben. Dabei könnten einige Gesteinsbrocken aus dem Schwarm der Kometen, die die riesigen Planeten umgeben, in die Richtung unseres Planeten geschleudert worden sein. Dies ist besonders wahrscheinlich, wenn man der Theorie Glauben schenken kann, dass sich in unserem Sonnensystem einst fünf Gasriesen statt nur vier befunden haben—der Ausstoß des fünften Riesen hätte nämlich so gut wie sicher Gesteinskörper aus dem Kuipergürtel gen Erde befördert.

Das Timing der neuen Veröffentlichung könnte nicht besser sein. Der Kuipergürtel ist zur Zeit Gegenstand intensiver Studien, was unter anderem an der erfolgreichen Landung der Raumsonde New Horizons auf dem Pluto im vergangenen Jahr und der Ausweitung seiner Mission auf andere Objekte aus dem Kuipergürtel wie 2014 MU69 liegt. Sollten wir tatsächlich schon heute hier auf der Erde im Besitz eines Objekts aus dem Gürtel sein, würde die Forschung um einiges erleichtert werden. Datenvergleiche mit anderen Meteoriten könnten wertvolle Einblicke in die Entstehung des Sonnensystems liefern.

Bottke und seine Kollegen vermuten, dass der Tagish Lake Meteorit „wahrscheinlich ein Fragment eines Asteroiden vom Typ D aus dem inneren Haupt [Asteroiden]-Gürtel ist." Mit Typ D werden eher kleine Asteroiden klassifiziert, die in ihrer Zusammensetzung nicht viel mit anderen Objekten aus dem Asteroidengürtel gemeinsam haben, dafür aber viele Gemeinsamkeiten mit Objekten aus der Nähe der Gasriesen aufweisen. Zudem wurde vermutet, dass der Mond Phobos, der den Mars umrundet, ein „gefangener" Asteroid vom Typ D sein könnte.

Einige Forscher wie Pierre Vernazza von der Sternwarte in Marseille scheinen allerdings wenig überzeugt von der Behauptung im Paper. Sie glauben nicht, dass der Tagish Lake Meteorit in seiner Beschaffenheit zu Oberflächenaufnahmen von Asteroiden vom Typ D passe. Der Wissenschaftler lehnt aber die Vorstellung, dass der Meteorit aus der Mitte eines dieser Asteroiden stammen könnte, nicht grundsätzlich ab.

„Bisher fehlen uns die Beobachtungen, aufgrund derer wir bestimmen könnten, dass das möglich ist", sagte er. Weitere Erkenntnisse werden erst weitere Erkundungen des Kuipergürtels liefern können—und Analysen des in Kanada gelandeten Steins.

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