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Im Nebel des Krieges: Captagon-Psychosen im syrischen Bürgerkrieg

Das Amphetamin Captagon spielt eine prominente Rolle im Nahen Osten und auch im Syrienkonflikt. Unser Infojunk-Kolumnist versucht die diffuse Propagandasituation etwas zu erhellen.
29.10.13

Bild: A. Goller

 „Sie sind 17 Jahre alt. Sie geben ihnen Nachts Pillen, geben Ihnen halluzinogene Pillen in Ihre Getränke, Ihre Milch, Ihren Kaffee, Ihren Nescafé… Sie haben die Kinder und Jugendlichen einer Gehirnwäsche unterzogen. Die Demonstranten sind schießwütig und sie schießen besonders wenn sie stoned sind… Da sind Leute hinter ihnen, die geben ihnen Pillen. Es ist nicht ihr eigener Wille.“ (Muammar Gaddafi)

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Zenga-Zenga: Vielleicht erinnerst du dich noch an Gaddafis Durchhalterede, aus der diese Worte stammen. Kurz nach dem Beginn des libyschen Volksaufstandes in Benghazi richtet ein ungewöhnlich blasser und schlecht ausgeleuchteter Diktator diese Worte an die Welt – nur um kurz darauf dank eines findigen israelischen Produzenten als Autotunepropagandist mit Ohrwurmpotential popularisiert zu werden.

Innerhalb von wenigen Tagen erreichte das Stück über eine Millionen Klicks auf Youtube. Der Track wurde sogar kurzfristig zum Partyhit in nahöstlichen Speakeasies. Die Presse sprach damals von bizzaren Reden eines wahnhaften Diktators, der sich, in einem albernen finalen Aufbäumen, gegen die Zeichen der Zeit zu wehren versuchte, in dem er die Aufständischen durch Anschuldigungen von Drogenmissbrauch diskreditierte.

Dabei waren Gaddafis Worte natürlich alles andere als absurd. Drogen gehören zum natürlichen Repertoire des Krieges, und auch zu den modernen Konflikten. Wenn du wissen willst, wie so etwas aussieht und etwas über die Formen von Drogenkonsum im Krieg erfahren willst, dann empfehle ich dir die Vice-Dokumentation, in der liberianische Warlords über die mutsteigernde Wirkung von Kokain bei ihren Kindersoldaten sinnieren, oder auch die Reportage über die ultraprofessionellen afghanischen Zombiepolizeieinheiten, die den Angriffen von Talibankämpfern mit todesverachtender heroindurchzogener Ignoranz trotzen.

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Vielleicht kann man sogar so weit gehen zu sagen, dass jeder Krieg heutzutage seinen ganz eigenen Cocktail toxischer Substanzen hat, die ihm seinen besonderen Flavour geben und seine Brand bestimmen. Drogen sind schließlich zunehmend die Allroundwerkzeuge moderner Kriegsführung; besonders wenn es sich um die nichtkonventionellen Kriege handelt, die in den letzten Jahren intensiviert wurden: nichtnachvollziehbare Finanzierungsmodelle, Rekrutierung und Bezahlung von Amateurtruppen und Söldnern, Eskapismus für gelangweilte Soldaten und Korruption feindlicher Truppen.

Drogen sind jedenfalls nicht mehr aus dem Kriegsgeschehen wegzudenken und in diesem Sinne lohnt es sich einen verlässlichen alten Bekannten vorzustellen. Obwohl es ihn schon jahrzehntelang gibt, dürfte er für das westliche Publikum im Übrigen eher unbekannt anmuten:

Captagon

Captagon ist der stille und coole Allstar unter den Drogen – ein echter Untergrundhit. Captagon ist der Handelsname für Fenetyllin, ein Amphetaminderivat, welches ständig unter der Oberfläche schwimmt und bereits in den 1980ern als Dopingmittel für deutsche Fußballer auftauchte. Heute wird es vor allem auch zur Behandlung und Besserung von Kindern benutzt, die nicht stundenlang am Stück an Schreibtischen Matheaufgaben lösen wollen (ADHS).

Vor allem aber ist Captagon im Nahen Osten ultra-populär: im Libanon, in Syrien, in Jordanien, vor allem aber in Saudi Arabien, wo es konsumiert wird wie in keinem anderen Land. Und sogar die Drogenfunde werden mit experimentel verwackelten Filmaufnahmen zelebriert:

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Ein Captagon Fund, der saudischen Drogenfahndung. (auch wenn die eher Musik auf den Anfang eines Goa-Ethno-Tracks hindeutet)

Die Geschichte des Captagonkonsums im mittleren Osten führt zurück in die Zeiten des Kalten Krieges. Damals wurde durch die örtlichen Geheimdienste ein verborgener Handel von bulgarischem Captagon in Richtung des mittleren Ostens begonnen, der ab 1989 mit dem Sturz des kommunistischen Regimes privatisiert wurde und mafiösen Strukturen innerhalb Bulgariens zum Aufschwung verholfen hat.

Bulgarien ist bis heute die unumstrittene Drehscheibe der Captagonproduktion in Europa. Das Land versorgt wie in alten Zeiten den gesamten mittleren Osten durch Transportrouten über das türkische Festland. Natürlich inspiriert das schnelle Geld mit der Droge seine Nachahmer. Erst kürzlich wurden im libanesischen Bekaa-Tal eine eigene Produktionstätte von der Größe einer kolumbianischen Kokaproduktionsstätte entdeckt. In dem Tal, dass bekannt ist als Drogenumschlagplatz für alle Faktionen im libanesischen Machtkampf, produzierte ein Scheich gemeinsam mit einem örtlichen Chemielehrer Captagonpillen. Breaking Bad lässt grüßen.

Breaking … Syria

Was Captagon aber vor allem in letzter Zeit interessant macht ist seine Rolle im Konflikt um Syrien. Besonders auffällig ist dabei, dass die gesamte Region des Nahen Ostens im Jahr 2006 mit Captagon regelrecht überschwemmt wird. Damals wurden beispielsweise in der Türkei 14mal so viele Captagon Pillen wie Ecstasy beschlagnahmt. Zur Erinnerung, zur gleichen Zeit stand die gesamte Region durch die Ermordung des libanesischen Premiers Rafik Hariri sowie durch die israelische Invasion Südlibanons unmittelbar vor einem Flächenbrand.

Heute, gut sieben Jahre später wird deutlich, dass die diejenige Fraktion, die den Großteil des Captagon Handels im nahen Osten kontrolliert, eine äußerst hilfreiche Einnahme und Rekrutierungsquelle und damit einen nicht zu vernachlässigen Vorteil hat.

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Daher nimmt man an, dass der Handel besonders in letzter Zeit noch stärker zugenommen hat, worauf auch eine Reihe größerer Drogenfunde von Jordanien, bis Libanon ,und Saudi Arabien, wo elegant und ökologisch in Orangen geschmuggelt wird, hinweisen. Zudem darf der Effekt von Captagon für die Kriegsführung selbst nicht unterschätzt werden. Die positiven Effekte von Amphetaminen werden ja schon länger von Armeen geschätzt: Die US Airforce beispielsweise blickt auf 60 stolze Jahre Amphetaminkriegsführung zurück und ist damit sicherlich kein Einzelfall.

Betrachtet man den syrischen Konflikt unter diesem Aspekt muss man vor allem sofort an die Videos der unglaublichen Gräueltaten denken, die in den letzten Monaten die Runde machten und die an die Effekte andauernden Amphetaminmissbrauchs erinnern : von Organessenden Rebellen, Enthauptungen vor Kindern und vollkommen psychotischen Warlords.

Captagon ermöglicht das Vorgehen mit besonderer Brutalität und Gefühllosigkeit – und offenbart damit trotz seiner chemischen Verwandtschaft mit anderen Amphetaminderivaten, entfaltet es eine ungleich härtere Wirkung als beispielsweise Ritalin. In jedem Fall wird durch die Pillen die Einschüchterung und Terrorisierung der Zivilbevölkerung als (allerdings relativ kurzfristiger) taktischer Vorteil möglich. Langfristig führt es wie alle anderen Amphetamine zu Psychosen und paranoiden Wahnvorstellungen, welche dem Konflikt einen zusätzlichen und wie für Amphetamine aller Art eben üblich - bitteren Beigeschmack geben dürften.

Die psychosoziale Grundstruktur der syrischen Gesellschaft und des gesamten nahen Ostens wird also noch lange nach Beedingung des Syrienkrieges unter den Nebeneffekten der Drogenökonomie dieses ultra-brutalen Konfiktes leiden. Letzlich wäre auch dies wohl ein weiterer Grund für eine flächendeckende Legalisierung – und damit auch effizientere offizielle Kontrolle – von Drogen.