Wie es ist, als Feministin für Borgore zu arbeiten

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Borgore

Wie es ist, als Feministin für Borgore zu arbeiten

Sobald ich gemerkt hatte, dass Borgore kein Crack rauchender, Geschlechtskrankheiten verbreitender Soziopath war, konnte ich mich etwas entspannen.
19 Oktober 2015, 1:25pm

Während meines ersten Arbeitstages im digitalen Marketing für Borgores Label Buygore erschien bei Buzzfeed ein Artikel, in dem meinem neuen Chef der Titel ‚Der meistgehasste Mann im EDM' verliehen worden war. Ich erinnere mich noch, wie ich auf meinen Laptop-Bildschirm starrte und mich fragte, ob es nicht doch eine furchtbare Idee gewesen war, diesen Job anzunehmen. Wie sollte ich, eine selbsternannte Feministin, für diesen Typen arbeiten und nachts noch ruhigen Gewissens schlafen können? Würde ich „making dat ass clap" zu meinem Lebenslauf hinzufügen müssen? Ich ging sogar soweit, mein Kündigungsschreiben zu verfassen, aber schickte die E-Mail am Ende nie ab. Ich sagte zu mir selbst, dass ich von außen ja noch viel weniger tun könne, um seine _Booty for Borgore_-Narrative zu verändern—und im zumindest würde ich am Ende wohl einiges zu erzählen haben.

Ich war außerdem nervös, weil er, obwohl ich schon mit der Arbeit angefangen hatte, immer noch nicht den Arbeitsvertrag unterschrieben hatte, den wir über Wochen ausgehandelt hatten. Aber auch hier sagte mir wieder: ‚Mach's für die Story'. Teil unseres Vertrages war auch eine Geheimhaltungsvereinbarung, und ich dachte mir, wenn ich diese nie unterschreibe, dann werde ich eines Tages jedes kleine, schmutzige Detail über die Arbeit unter Borgore veröffentlichen können. Tja, und hier sind wir nun!

Meine ersten Erfahrungen im Musikgeschäft machte ich im Metalbereich, wo übrigens auch Borgore herkommt, also hatte ich schon einige Erfahrungen mit Künstlern gemacht, die unglaublich gewaltverherrlichende und frauenfeindliche Texte singen, im echten Leben aber die angenehmsten Zeitgenossen überhaupt sind. Sie alle haben in etwa das gleiche Verhältnis zu ihrem eigenen Schaffen, das sich in etwa so zusammenfassen lässt: „Das ist meine Kunstfigur und die sollte nicht besonders ernstgenommen werden." Ich schätze, dass das an sich OK ist, aber wie sollen Außenstehende das wissen? Wessen Verantwortung ist es, das dem Publikum zu kommunizieren—von dem es gar nicht mal so wenig Leute viel zu ernst nehmen?

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Mein Gemütszustand beim ersten Buygore Creative Meeting mit Master Borgore persönlich lässt sich am besten als das blanke Grauen beschreiben. Bevor er sich sein obligatorisches Anwesen in den Hills gekauft hatte, lebte Asaf mit seiner Freundin in einem relativ bescheidenen Apartment in Hollywood. Es dauerte etwa zehn panische Minuten, bis ich endlich den Mut gefasst hatte, an seine Tür zu klopfen. Sam Vogel AKA Jauz öffnete mir die Tür und ich war so glücklich, ein anderes menschliches Wesen zu erblicken, dass ich ihn beinahe abgeknutscht hätte. Er bat mich, meine Schuhe auszuziehen und führte mich dann ins Wohnzimmer, wo der damals 26-jährige Asaf Borger in neonblauen Socken mit aufgestickten Welpen an einem Keyboard saß und eine traurige, dramatische Sonate spielte. Er sagte irgendwie ‚Hi', aber schien so vertieft in seine Musik zu sein, dass ich mich still neben Sam auf die Couch setzte und darauf wartete, bis er fertig war.

Endlich war Asaf fertig und drehte sich zu uns um, schaute etwas verlegen drein, aber sagte dann mit todernster Mine: „Ich glaube, der Track schafft es nicht auf das neue Album." Das hier war so ziemlich das Gegenteil von dem, was ich erwartet hatte.

Nach diesem Meeting, das auch ziemlich gut gelaufen war, musste ich mir selber eingestehen, dass er ein unglaublich netter Typ ist, wenn auch etwas unbeholfen und verschlossen. Ich ertappte mich dabei, wie ich selber nach Mitteln und Wegen suchte, um den Ton der Marke Borgore zu rechtfertigen. Ich kam dabei immer wieder auf den Kommentar zurück, den er gegenüber Buzzfeed abgegeben hatte: „Ich glaube nicht, dass Sacha Baron Cohen ein Rassist ist, er verarscht einfach nur alle." Dieses Zitat lieferte mir dann auch die Vorlage, wie ich einen positiven Zugang zu Borgore finden konnte. Ich las seine Interviews, Lyrics und Tweets nur noch in der Stimme von Borat, wodurch mir seine ganzen Aussagen im mindesten Fall harmlos und im besten Fall wie ein subversiver Gesellschaftskommentar erscheinen.

Vor ein paar Jahren arbeitete ich für das Management eines anderen israelischen Acts namens Infected Mushroom und verglichen damit war die Arbeit für Borgore ein Sonntagsspaziergang. Die Band selber war OK, aber ihr israelischer Booking-Agent und selbsternannter Beschützer war die herablassendste Person, mit der ich je zu tun hatte. Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte. Als 23-Jährige, die total aufgeregt war, endlich ihren ersten richtigen Job im EDM-Business zu haben, fand ich mich eines Tages während eines ihrer Auftritte heulend auf dem Klo wieder, nachdem ich von diesem Typen regelrecht weggeschubst worden war, als ich versuchte, ein paar CDs für eine Verlosungsaktion unterschreiben zu lassen, zu der die Band eingewilligt hatte. Immer, wenn ich mit ihm sprach, schaute er einfach durch mich hindurch, als ob ich Luft wäre. Es war furchtbar.

Ein israelischer Freund erklärte mir später, dass ich mir nicht zu viel Gedanken darüber machen sollte, was passiert war—es sei bloß eine kulturelle Sache. Er sagte mir, dass sich israelische Typen oft wie Möchtegern-Patriarchen aufführen, dass sie als Obermachos erzogen werden, das alles aber nur dem Versuch dient, die Tatsache zu verschleiern, dass sie komplett unter der Fuchtel ihrer jüdischen Frauen und Mütter stehen. Ich habe Asafs Eltern einmal getroffen und sie passen perfekt in diese Beschreibung—jedenfalls aus der Sicht einer Außenstehenden. Ich habe mir wohl noch nie den Raum mit einer so einschüchternden Person wie seiner Mutter geteilt und sein Vater war super freundlich, ständig mit einem leicht albernen Grinsen im Gesicht. Sie beide schienen glücklich zu sein. Sie sind wirklich stolz auf ihren Sohn.

Sobald ich gemerkt hatte, dass Borgore kein Crack rauchender, Geschlechtskrankheiten verbreitender Soziopath war, konnte ich mich etwas entspannen und fühlte mich nach und nach selbstbewusst genug, um meine eigene Agenda mit einzubringen. Als wir dann #BootiesForBoobies ins Leben riefen, hatte ich das Gefühl, wirklich Fortschritte machten. Die Idee dahinter war es #BootyForBorgore in eine wohltätige Aktion zu verwandeln, bei der für jeden geposteten Hintern ein US-Dollar an die Brustkrebs-Charity Keep Abreast gehen sollte.

Es gab eigentlich nur einen Moment während meiner Arbeit für Borgore, an dem ich das Gefühl hatte, meine feministischen Ideale zu verraten, und das war während der Promo für Asafs Silvester-Gig in New York City mit Kirill—einem der schlimmsten menschlichen Wesen in ganz EDM-Land. Auch wenn sich Kirill und Borgore oberflächlich betrachtet, sehr ähnlich geben, gibt es doch einen entscheidenden Unterschied. Borgore sagt zu Frauen ‚Hintern raus, jetzt wird gefeiert!', Kirill tendiert dann jedoch eher in die Richtung: ‚Hintern raus, DU NUTTE! Dein Vater hat dich nie geliebt!'—für mich nicht ganz unwichtig.

Eine andere Geschichte, bei der ich mir ernsthaft Sorgen machte, war die, als ich mich fragte, was zur Hölle bei diesem Vater eines 16-jährigen Mädchen falsch lief, der sie und neun ihrer Freunde zu einer der Ostküstenshows auf der ersten Buygore Tour fuhr. Der Vater (#RaveDaddy) hatte einen Twitter-Account und folgte damit auch Borgore—er wusste also definitiv, was sie erwartete und ich konnte es einfach nicht fassen. Die Show war an einem Mittwochabend, 250 Kilometer von ihrer Heimatstadt entfernt! Würde #RaveDaddy seiner Tochter auch erlauben, bei dem Twerk-Wettbwerb mitzumachen? Ich verfolgte die dreistündige Autofahrt der Truppe in einem gemieteten Van, von der aus Vater und Tochter ständig tweeteten. Sie waren irgendwie liebenswürdig, Ich merkte schnell, dass seine Tochter in dem kleinen Ort, in dem sie lebt, wahrscheinlich nie größere DJs zu Gesicht bekommen wird und außerdem sind fast alle Shows erst ab 18—es war als eindeutig eine Riesensache für sie.

Mich überkam eine derartige Empathie für Rave Dad und seine Tochter, dass ich Asaf eine SMS schrieb und ihn bat, den Typen auf die Bühne holen zu lassen und ihn für seine Tochter damit vollständig zum Helden zu machen—und wie Borgore das dann machte! Diese Momente, in denen man die Fans glücklich machen konnte, waren schön. Ihre Meinungen waren die einzigen, die ihm wirklich etwas bedeutet haben. Negatives Feedback zu einem Set oder einer Veröffentlichung war das einzige, was ihn je aus der Bahn warf. Ich habe nie mitbekommen, wie er gegenüber jemandem laut wurde. Das einzige Mal, wo er in meiner Gegenwart wirklich die Fassung verlor, war während der #BuygoreMansion Pool Party, die über Twitch gestreamt wurde. Irgendwann waren so viele nackte Hintern vor der Kamera zu sehen, dass die Übertragung ziemlich NFSW wurde und Twitch den Feed einstellte. Alle waren schon bis oben hin voll mit Jägermeister und Asaf war außer sich und beschwerte sich lauthals bei dem anwesenden Twitch-Mitarbeiter. Ich erinnere mich noch, wie er manisch durch die Gegend rannte, irgendwann die Treppe hochstampfte, mir sein Telefon zuwarf und zurief: „Sag Twitter ‚#BuygoreMansion booties broke the Internet!'"

Was über den echten Asaf auch noch festgehalten werden sollte: Er verliert kein schlechtes Wort über andere Menschen, auch wenn man ihm dafür die besten Vorlagen liefert. Er betrügt seine Freundin nicht, was in dem Geschäft wirklich alles andere als normal ist. Er macht seine Musik ausnahmslos selber. Er nimmt keine Drogen und kifft nur sehr selten. Ich habe außerdem nie mitbekommen, dass er Frauen als Nutten oder Schlampen bezeichnet hat—im Gegensatz zu den unzähligen anderen Künstlern, bei denen solche Begriffe fest im Wortschatz verankert sind. Ich frage mich also, wer schlimmer ist: der Typ, der sich nach außen hin, vielleicht aus Schockwert, als frauenfeindlich gibt, aber privat ein Gentleman ist, oder jemand mit einem sauberen Image, der Frauen hinter den Kulissen wie austauschbare Sexobjekte behandelt?

Wenn Borgore auf ‚Alles nur Spaß' machen würde, während er sich tatsächlich abfällig gegenüber Frauen verhalten würde, dann wäre das hier ein sehr anderer Artikel geworden. Er ist einfach nicht so drauf. Um die Frage zu beantworten, wie denn irgendjemand erkennen soll, dass die Borgore-Persona nur satirisch gemeint ist: Ich weiß es nicht. Du kannst seinen Worten trauen, du kannst meinen Worten trauen oder es halt einfach sein lassen. Ich persönlich würde es bevorzugen, wenn er Fotos von Mädchen posten würden, die ihr gutes Schulzeugnis in die Kamera halten, aber #BootiesForBoobies ist auch gar nicht so verkehrt.

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Am Ende versuchen wir es doch noch einmal mit einem kleinen Gedankenexperiment: Wenn jedes Mädchen auf der ganzen Welt zur gleichen Zeit ein Foto ihres Hintern tweeten würde, wären wir dann alle Schlampen oder keine von uns? Wenn ich kein Problem damit habe, dass Miley uns sagt, dass wir unsere Brüste rausholen sollen (#FreeTheNipple), wie kann ich dann etwas dagegen haben, dass Borgore sagt, dass wir unsere Hintern rausholen sollen? Ja, scheiß drauf, ihr könnt mich alle mal! Ich bin dabei.

If every woman on Earth tweeted her butt would we all be sluts or none of us? Fuck it, — Molly (@YouFoundMolly55)14. Oktober 2015

Noch mehr Bilder von Molly Hankins Hintern findest du auf Twitter

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