Electro-Swing ist das schlimmste Musikgenre aller Zeiten

Electro-Swing ist das schlimmste Musikgenre aller Zeiten

Wie zur Hölle können wir es zulassen, dass dieses Genre immer noch existiert?
18.2.16

2010 war ein Jahr der Veränderung und Neuausrichtung. Die alte Weltordnung brach im Lichte der Ereignisse auseinander. 2010 gab es den arabischen Frühling, Wikileaks. Die Welt erfand sich neu. Sie weigerte sich, einfach blind dem alten Trott zu folgen. 2010 war auch das Jahr, in dem Time Out einen neuen, immer beliebter werdenden Sound mit folgenden Worten beschrieb: „Ja, das ist wirklich ein neues Genre und ein interessantes noch dazu, endlich mal!" Gut für dich, Time Out! Neue Sounds in den Himmel loben und dabei beiläufig die typischerweise uninteressanten neuen Genres gleichzeitig mit einem passiv-aggressiven Diss abwatschen—das liest man gern. „So weit, so 2010", denkst du dir jetzt wahrscheinlich—„das Jahr von Innovation, Ablehnung und furchtloser Neukreation halt." Und du hättest damit auch recht, würde es sich bei besagtem Genre nicht um Electro-Swing handeln—auch bekannt als das schlimmste Genre aller Zeiten.

2010 war mitnichten das Jahr, in dem Electro-Swing das Licht der Welt erblickte. Tatsächlich trägt dieses Genre schon seit über einem Jahrzehnt seinen Schuhcreme- und Bartmoden-Vibe in die Clubs dieser Welt. 2010 bleibt aber nichtsdestotrotz ein wichtiger Referenzpunkt, da etwa zu dieser Zeit aus einer kuriosen Randerscheinung ein eigenständiger Bestandteil des Nachtlebens wurde. Kurz gesagt, es war das Jahr, in dem Leute zum ersten Mal ganz ironiefrei sagten: „Ja, ich möchte auf eine Electro-Swing-Party gehen." Geschenkt, wir alle machen unsere Fehler. Wir allen tun Dinge, die wir später bereuen. Im Eifer des Gefechts können einem viele Dinge als richtig gute Idee erscheinen. One Night Stands, sich das Wort „Serendipity" tätowieren lassen oder diese kurze Phase, in der wir alle davon überzeugt waren, dass Scrubs eine wirklich gute Serie ist—solche Dinge passieren uns allen. Der Unterschied ist bloß, dass wir kurz nach diesen unrühmlichen Episoden wieder zu uns kommen—mit einem dezenten Katergefühl—die Vergangenheit abstreifen und so tun, als wäre nie etwas passiert. Mit Electro-Swing ist das nicht passiert. Irgendwie hat dieses Genre wie eine Kakerlake mit Hosenträgern und Filzhut überlebt. Ja, wir schreiben das Jahr 2017 und Electro-Swing gibt es immer noch.

Kurz zusammengefasst ist Electro-Swing ein Musikgenre, das von sich behauptet, die Sounds der Vergangenheit zu nehmen und sie mit modernen Beats zu kombinieren. Etwa so werben Electro-Swing-Partys für sich—ungeachtet der Tatsache, dass diese Beschreibung auf so ziemlich jede Art elektronischer Musik zutrifft, die momentan existiert. Wenn wir etwas spezifischer sein wollen, dann bedient sich Electro-Swing bei der Swingmusik der Bigbands aus den 1930er und 40er Jahren und unterlegt diese mit beschwingten Bumsmusikbeats. Das Resultat klingt, kurz gesagt, absolut grauenvoll. Ich kann mir zwar vage vorstellen, wie die Person, welche auch immer den ersten Electro-Swing-Track gemacht hat, sich vielleicht dachte, dass sie hier eine spannende musikalischen Entwicklung angestoßen hatte, aber in der Praxis ist das, was dort zum ersten Mal über schlechte Boxen und kaputte Trommelfelle in verhältnismäßg kleine Gehirne gedrungen ist, das klangliche Äquivalent zur Topfdeckel- und Mützen-Manufaktur in Berlin-Kreuzberg.

Electro-Swing ist die Verschmelzung von alt und neu in der denkbar schlimmstmöglichen Art und Weise. Es ist Musik für Typen, die gewichste Schnurrbärte, und Anzugwesten mit bunten Tattoos kombinieren. Dieses Genre ist wie ein Kühlschrankmagneten, auf dem ein Zitat steht wie „Ich liebe es, mit Wein zu kochen. Manchmal gebe ich ihn sogar ins Essen." Es ist ein gewaltsam in ein Saxophon gestopftes Currywurstbrötchen. Es vermittelt eine etwa so fortschrittliche Lebenseinstellung wie das Tragen von Pantoffeln mit Quasten und hat den prätentiösen Beigeschmack eines Cocktails, der 20 Euro kostet und dir von einem Typen mit kreisrunden Brillengläsern serviert wird. Ja, wie zur Hölle kommt dieses Genre eigentlich damit durch?

Ich bin in Manchester zur Uni gegangen—also einer Stadt mit einem ziemlich fantastischen Nachtleben. Während meiner Zeit dort habe ich ein paar total vernünftige Menschen mit halbwegs vernünftigem Musikgeschmack kennengelernt. Trotzdem, aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen zuckte niemand mit der Wimper, wenn die Idee im Raum stand, zu einer Electro-Swing-Party zu gehen. Nein, es war sogar noch viel schlimmer: Die Leute wollten sogar zu Electro-Swing-Partys gehen. Ich für meinen Teil war einmal dort und hatte meine Lektion gelernt. Studenten, die besoffen durch die Gegend wirbeln, während irgendeine Band mit einem Namen wie „Oh Daddy Oh!" oder „What's on the Radiogram?" auf der Bühne wie ein paar Statisten mit Technics vor sich hin dudelten. Ich hatte während meiner Studienzeit ein paar recht unschöne Momente erlebt—verlor komplette Essays in der Nacht vor dem Abgabetermin oder kippte in der Kennenlernwoche beim Kiffen um—aber nichts davon konnte diese Schreckensnacht übertreffen.

Das ist zwar schon ein paar Jahre her, aber kulturell hat sich kaum was geändert. Electro-Swing ist immer noch da draußen und sucht das Nachtleben heim. Unweigerlich drängt sich in einem die Frage auf, warum auch dieses Jahr solche Bands und DJs weiter gebucht werden? Warum sind Veranstaltungen wie Itchy Feet noch immer so beliebt? Warum gibt es überhaupt noch Menschen, die diese Veranstaltungen besuchen, obwohl es erwiesenermaßen das schlimmste Musikgenre aller Zeiten ist. Das hier ist kein Meinungsartikel, ich gebe nur die Wahrheit wieder.


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Ein möglicher Grund dafür, dass Menschen Electro-Swing mögen, könnte sein, dass es so ‚vintage' ist—ja, alles was irgendwie alt ist, ist jetzt ‚vintage'—und die Menschen mögen alles, was vintage ist! Süße Vintage-Flohmärkte und Vintage-Spiegel, Vintage-Perlenketten, Vintage-Fahrrad-Klingeln, Vintage-Kleider, Vintage-Kissenbezüge, Vintage-Haarbürsten, Vintage-Zahnbürsten, Vintage-Deos, Vintage-Schnürsenkel, Vintage-Spinnen und Vintage-Fingernägel, Vintage-Gedanken, Vintage-Emotionen, Vintage-Eier, Vintage-Kameras und Vintage-Cockringe—mehr Vintage und noch mehr Vintage bis einem die Vintage-Haut von den Vintage-Knochen fällt. Das käme also als mögliche Begründung schon in Frage.

Abgesehen von dem ganzen Vintage-Argument hält sich auch noch diese Überzeugung hartnäckig, dass Electro-Swing einfach „Spaß" macht. Spaß ist ein gefährliches Wort. Natürlich mag sogar ich Sachen, die Spaß machen. Ich setze mich gerne auf Skateboards und lasse mich dann steile Hügel runterrollen. Ich mag Laserquest. Ich koche gerne mit Leuten, die mir etwas bedeuten, während wir dabei Roxy Music hören. Ich bin ein spaßiger Typ! Leider ist es aber so, dass Menschen, die über etwas sagen, dass es Spaß macht, eigentlich damit meinen, dass es komplett zahnlos ist. Ja, dass dieses etwas überhaupt keine herausstechenden Eigenschaften hat, über die man sich besonders freuen könnte. Es sind in der Regel Dinge, die überhaupt keinen Bezug zu deinen eigentlichen Gefühlen, zum Zustand der Welt oder der Entwicklung unserer Kultur haben. Spaß ist das Hilfswort der Einfältigen, der Rückgratlosen und der Alles-Akzeptierenden. Wenn Electro-Swing Spaß macht, dann macht es auch Spaß, den Bildschirmschoner anzustarren.

Diese Vorstellung von Spaß enthält auch automatisch die Suggestion, dass Electro-Swing ein Gegenstück zur „langweiligen" oder „prätentiösen" Clubmusik darstellt. Als Genre ist es durchtränkt von einem selbstgefälligem „das hier macht viel mehr Spaß, als dieser öde, angesagte Techno"-Denken. Auch du hörst doch gedanklich schon die Sprüche der Promoter: „Statt der langweiligen Trendmusik schnappst du dir einfach einen Buben oder ein Mädel und schwingst mit uns deine Schwanzfedern!"

Genau die gleiche Argumentationsschiene wird für eine ganze Reihe anderer Dinge verwendet und beinhaltet die arrogante Annahme, dass Menschen, die irgendwelche „trendigen" Sachen hören oder machen, sich in irgendeiner Weise selbst belügen und generell nur so tun, um selbst cool dazustehen. Das ist Unsinn. Wahr ist, dass die meisten Dinge Trends werden, weil sie gut sind. Das bedeutet dann folgerichtig auch, dass die Menschen sie ernsthaft mögen, ernsthaft darüber schreiben und es aus ganzem Herzen abfeiern. Tatsächlich ist mit diesem Weltbild die ungesunde Vorstellung verbunden, dass cool sein zu wollen etwas Schlechtes ist. Schon wieder falsch. Oberflächlich zu sein, das ist etwas Schlechtes. Das heißt aber nicht, dass es verkehrt ist, ästhetische und kulturelle Ideale zu verfolgen, die man selber ansprechend findet. Electro-Swing zu mögen, bedeutet nicht automatisch, dass du irgendeine Form von moralischem Sieg über eine Horde gedankenloser Herdentiere errungen hast, die blind einfach nur das hören, was Twitter ihnen sagt. Es bedeutet einfach nur, dass Electro-Swing das absolut beschissenste Musikgenre auf der ganzen Welt ist.

Musikfestivals tragen eine große Mitschuld an der ganzen Misere. Veranstaltungen wie Glastonbury, Bestival und Shambala unterstützen allesamt diesen post-Mr. Scruff-Pseudojive-Unfug. Du brauchst dich nur nach Mitternacht auf einem dieser Festivals aufzuhalten und schon kommen sie alle aus dem Unterholz gekrochen: Posaune in der einen, Plattenstapel in der anderen Hand, geschminkte Lippen und den Hut sorgsam zur Seite geneigt. Du willst in deiner Peergroup schon darüber herziehen, aber wenn du dich umschaust, merkst du plötzlich, dass deine ganzen Kumpels der Horde gefolgt sind—und tanzen. „Warum?", fragst du mit Tränen in den Augen. „Warum macht ihr das? Ihr tragt keine Budapester! Ihr schmeißt keine Alice-im-Wunderland-Teepartys! Ihr tragt keine Spitzenhandschuhe! Ihr gehört doch nicht zu diesen Menschen!" Deine Freunde drehen sich—befeuert von Hochprozentigem und funkigen Oboen—zu dir um: „Hör auf, so ein verdammter Langweiler zu sein! Es macht doch Spaß!"

Und so geht es immer weiter. Bands wie Good Co und Gruppen, wie die unglaublich kreativ benannten „Electro Swing" werden weiterhin gebucht. Landein, landaus finden besagte unselige Veranstaltungen statt und die Menschen laufen in Scharen dort hin. Vielleicht sehe ich das ja auch auch alles viel zu ernst. Vielleicht passiert so etwas einfach, wenn die Jungs und Mädchen, die während der Oberstufe noch in Jazzbands gespielt haben, merken, dass auch sie ausgehen und sich in Clubs volllaufen lassen können. Ich sollte die Leute wahrscheinlich einfach machen lassen, sie ihre Honky Tonks in Frieden mixen lassen. Aber das kann ich nicht, denn Electro-Swing ist das schlimmste Musikgenre der Welt. Punkt.

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