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Bei Trumps erster Anti-Terror-Operation starben zehn Frauen und Kinder sowie ein US-Soldat

Laut Trump brachte der Angriff auf al-Qaida im Jemen Geheimdienstinformationen ein, die zukünftige Terrorattacken verhindern könnten.

von Tim Hume
31 Januar 2017, 4:00pm

Foto: Program Executive Office Soldier | Flickr | CC BY 2.0

Donald Trump hat sein erstes präsidiales Anti-Terror-Unterfangen als Erfolg bejubelt, obwohl es offensichtlich nicht plangemäß ablief. Ein US-Kommandosoldat sowie mindestens zehn Frauen und Kinder starben, sechs Soldaten wurden verletzt, so Reuters. Trump sagte, dass der Angriff auf al-Qaida im Jemen am frühen Sonntagmorgen Geheimdienstinformationen einbrachte, welche zukünftige Terrorangriffe verhindern könnten. Vierzehn al-Qaida-Kämpfer wurden dem US-Militär zufolge beim Angriff im Regierungsbezirk Al Bayda getötet; al-Qaida sagte, dass zu den Getöteten auch Abdulraoof al-Dhahab zählt, einer ihrer Anführer im Jemen.

Der Angriff hat laut Berichten zudem zivile Opfer gefordert – darunter auch Nawar al-Awlaki, die achtjährige Tochter des berüchtigten al-Qaida-Propagandisten Anwar al-Awlaki. Das postete ihr Onkel auf Facebook. Das Mädchen, dessen Tod noch nicht vom US-Militär bestätigt wurde, wäre das zweite von al-Awlakis Kindern, das bei einem US-Militäreinsatz ums Leben kam. Während Anwar al-Awlaki in New Mexico geboren wurde, geht man davon aus, dass seine Tochter keine US-Bürgerin war. Jedoch zirkuliert ein Foto des Mädchens in den sozialen Medien und Menschenrechtsgruppen warnen davor, dass der Angriff dazu beitragen könnte, al-Qaidas Sympathien im kriegsgeplagten Jemen zu steigern. Der dortige Ableger von al-Qaida gilt sowieso schon als einer der gefährlichsten.

Jemens zweijähriger Bürgerkrieg erzeugte ein Gesetzesvakuum, in dem die Terrorgruppe aufblühte. Sie rühmt sich mit fähigen Bombenbauern und strebt aktiv danach, westliche Ziele zu attackieren. Die Gruppe wurde mit mehreren Terrorangriffen in Verbindung gebracht – darunter das Charlie Hebdo-Massaker, der Anschlag auf den Boston Marathon sowie mindestens drei vereitelte Versuche, Bomben an Bord von US-Passagierflugzeugen zu zünden.

Al-Awlakis Netzwerk im Visier

Nawar al-Awlakis wäre das zweite von al-Awlakis Kindern, das bei einem US-Angriff ums Leben kam. Ihr Vater war ein radikaler Geistlicher und für seinen immensen Einfluss auf englischsprachige Dschihadisten bekannt. Im September 2011 war er der erste US-Bürger, der zum Ziel eines US-Drohnenangriffs im Jemen wurde. Zwei Wochen später fiel sein 16-jähriger, in Colorado geborener Sohn Abdulrahman einem weiteren Drohnenangriff zum Opfer, der eigentlich einem anderen al-Qaida-Verdächtigen galt. Der Vorfall löste eine genaue Prüfung der Drohnenkriegsführung durch Obamas Administration aus.

In einem Facebook-Eintrag behauptet Ammar Al-Aulaqui, der ehemalige stellvertretende Staatssekretär vom Jemen, dass seine Nichte "mehrfach von Schüssen getroffen wurde, wobei eine Kugel ihren Hals durchdrang. Sie blutete zwei Stunden lang, weil es nicht möglich war, sie medizinisch zu versorgen".

Als eine von al-Qaidas einflussreichsten Persönlichkeiten hatte al-Awlaki Verbindungen zu zahlreichen hoch gehandelten Dschihadisten, darunter auch drei der World-Trade-Center-Attentäter und der Fort-Hood-Amokläufer. Aufnahmen seiner Predigten werden weiterhin im Internet verbreitet. Seit seiner Tötung sind sie bei Extremisten angeblich noch beliebter. Während sein Vater mit einem Stipendium in den USA studierte, kam al-Awlaki dort zur Welt. Seine Familie zog jedoch in ihr Heimatland zurück, als er sieben war. Er selbst kehrte als Student in die USA zurück, lebte nach seiner Radikalisierung in Großbritannien und ließ sich 2004 wieder im Jemen nieder, wo seine Tochter wahrscheinlich geboren wurde.

Was passierte beim Angriff?

Der Angriff im Jemen begann, als eine Drohne Dhahabs Haus bombardierte. Es folgten Helikopter, die US-Soldaten absetzen, welche die verbliebenen Bewohner ausschalteten. Das US-Militär verkündete in einer Stellungnahme, dass der tote Soldat bei einem Feuergefecht im Zielgebiet fiel, wo noch drei weitere US-Soldaten verwundet wurden. Im Bericht hieß es weiter, dass drei Kämpfer im Bereitstellungsraum Verletzungen erlitten, als das MV-22-Osprey-Schwenkrotor-Luftfahrzeug eine "harte Landung" hinlegen musste – jedoch nicht aufgrund von Feindbeschuss. US-Streitkräften zerstörten das Flugzeug dann absichtlich, als sie es für fluguntauglich befanden.

Ein Ortsansässiger sagte zu Reuters, dass Schützen auf die sich zurückziehenden US-Kräfte feuerten, bevor Helikopter hinzukamen, welche Soldaten evakuierten und Bomben auf die Kämpfer und deren Häuser warfen. Die Bombardierung forderte zahlreiche Todesopfer. Der Angriff wurde von Mitgliedern des Navy SEAL Team 6 durchgeführt, berichtet die New York Times. Mediziner vor Ort sagten laut Reuters, dass rund 30 Menschen – davon zehn Frauen und Kinder – getötet wurden. Der Sprecher des US-Militärs, Army Major Josh T. Jacques, sagte gegenüber VICE News, das Militär untersuche Berichte, denen zufolge Zivilisten, Frauen und Kinder getötet wurden. Ihm zufolge berichteten die eingesetzten Soldaten davon, dass "mehrere weibliche Personen" auf sie schossen.

Das Zentralkommando der Vereinigten Staaten sagte, dass der Name des toten Soldaten unter Verschluss bleiben werde, bis die Familie informiert ist. Zudem hätten ähnliche Unterfangen Geheimdienstinformationen zur Logistik, Rekrutierung und Finanzierung von Terrororganisationen zu Tage gebracht.

"Die bombardieren unser Land"

Andrea Prasow, Washingtons Vizedirektorin bei Human Rights Watch, sagte zu VICE News, dass der Angriff schlecht aussehe, falls zivile Opfer bestätigt werden sollten. Dabei stehen die USA wegen Trumps präsidialer Verordnung in Bezug auf Immigration sowieso schon unter Kritik. "Jedes Mal, wenn die USA etwas im Jemen unternehmen, sagen die Zivilisten: Schau, die USA bombardieren unser Land und töten unsere Zivilbevölkerung", erklärte sie. "Ich glaube nicht, dass das gut für das Ansehen der USA im Ausland ist."

Obwohl al-Qaida nun versucht, den Tod Newar al-Awlakis und anderer Zivilisten zu Propagandazwecken zu nutzen, erreicht diese Taktik "nur Leute, die bereits dazu neigen, deren Weltansicht zu teilen", so Bill Roggio, Senior Partner der Stiftung Defense for Democracies, gegenüber VICE News. Er sagte, dass bei den amerikanischen Einsätze im Jemen seit 2009 zwar einige Hauptakteure von al-Qaida ausgeschaltet wurde. Insgesamt ist man jedoch daran gescheitert, die Organisation zu zerstören, die zweimal große Gebiete des Landes einnahm und damit fortfährt, Attentate gegen die westliche Welt zu planen.

Während des zweijährigen Bürgerkriegs zwischen von Saudi-Arabien unterstützten, regierungsloyalen Kräften und vom Iran unterstützten Houthi-Rebellen hat die US-Regierung ihre Militäraktivitäten im Jemen beachtlich zurückgefahren. Sie unterstützt die von Saudi-Arabien geführten Einsätze jedoch weiterhin mit Waffen und Geheimdienstinformationen. Der Angriff war nun die erste amerikanische Spezialoperation im Jemen seit Dezember 2014.

Roggio sagte, es bleibe abzuwarten, wie Trump die Bedrohung, welche al-Qaida im Jemen darstellt, angehen wird. Der US-Präsident schwor, den Druck auf die islamischen Militanten dieser Welt zu erhöhen. Nur Stunden nach dem Einsatz wurde von einem weiteren US-Drohnenangriff berichtet, der zwei mutmaßliche al-Qaida-Militante tötete.

"Meiner Meinung nach könnte die Trump-Administration zu einer aktiveren Herangehensweise neigen und mehr Spezialeinheiten einsetzen", meinte Roggio.

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