Popkultur

Ich habe die "Sexy Ananas-Diät" ausprobiert – und bin kläglich gescheitert

Ein dänisches Diätbuch aus den 70er Jahren versprach mir nicht nur Gewichtsverlust, sondern auch mehr Energie und größere "sexuelle Kapazitäten".

von Søren Peter Knudsen
07 Februar 2017, 3:00am

Jeder kennt sie, die kurzlebigen Lifestyle-Veränderungen des Januars. Trendige Diäten gehören zu den häufigsten Vertretern. Ich finde die ganzen Ernährungsvorschriften jedoch verwirrend und blende so etwas deswegen gekonnt aus. Vor Kurzem stieß ich allerdings auf ein altes Diätbuch mit dem sehr interessanten Titel The Sexy Pineapple Diet. Dahinter stecken der dänische Psychologe, Sexualforscher und Autor Sten Hegeler und seine Frau Inge. 

Die Diät ist einfach gestrickt: Man isst zwei Tage pro Woche ausschließlich Ananas. Die restliche Zeit ist alles erlaubt, wenn man nur das neue, niedrigere Gewicht hält. So verspricht die Schlankheitskur einen dünneren Körper, mehr Energie und größere "sexuelle Kapazitäten". Um den dritten Aspekt hervorzuheben, prangt auf dem Einband sogar das Wort "erogetisch". Ich bin mir zwar nicht ganz sicher, was das bedeutet, aber ich muss es unbedingt herausfinden. Und so beginnt meine sexy Ananas-Diät.

Alle Fotos: Amanda Bødker

Tag 1: Ananas-Tag, Gewicht: 82,8 Kilogramm

Laut den Anweisungen soll ich mit meiner ersten Portion Ananas so lange warten, bis ich richtig hungrig bin. Das finde ich persönlich nicht gut, denn wenn mein Appetit nicht befriedigt wird, neige ich zu Wutausbrüchen. Um herauszufinden, was erogetisch bedeutet, nehme ich aber alles in Kauf. Mein Tag verläuft folgendermaßen:

10:14: Ich hatte noch nichts zu essen, aber es ist auch noch früh. Irgendwie kann ich klarer denken. Als zum Beispiel die Frage "Wo kommen Ananas eigentlich her?" aufkommt, öffne ich nicht direkt Google, sondern denke erstmal eine Weile darüber nach.

13:25: Vielleicht höhle ich nur mein Gehirn aus, indem ich nichts esse. Denke ich vielleicht nur weniger nach anstatt klarer? Und ist das gut oder schlecht? Meine Gedanken machen mich fertig.

14:23: Mein Körper ist taub und schwer. Mein soziales Umfeld spricht mit mir und entgegen meiner Wahrnehmung antworte ich nicht.

15:41: Ich kann mich oft nicht daran erinnern, was ich vor einem Tag oder einer Woche gegessen habe. Ich verspreche, meine Nahrungsaufnahme von nun an besser wertzuschätzen.

16:13: Die erste Mahlzeit meines Tages: drei Scheiben frische Ananas.

16:37: Ich fühle mich weder sexy noch fähig, in irgendeiner Art sexuell aktiv zu werden. Um ehrlich zu sein, fühle ich mich gerade zu gar nichts fähig.

18:03: OK, ich habe noch mal nachgelesen und laut dem Diätbuch darf ich auch andere Sachen essen, so lange ich 500 Kilokalorien nicht überschreite. Warum heißt das Ganze dann überhaupt "Sexy Ananas-Diät"?

19:12: Mein Freund weiß nichts von meiner Diät und hat mir eine Tiefkühlpizza mitgebracht. Laut der Verpackung enthält die 225 Kilokalorien pro 100 Gramm. Die Pizza wiegt 350 Gramm, was insgesamt 787 Kalorien macht. Das ist zwar mehr als 500, aber ich bin auch 1,98 Meter groß. Da werden ein paar Extrakalorien schon nichts ausmachen.

19:31: Trotz der Rechnerei fühle ich mich schmutzig und elend. Ich wünsche mir, ich hätte nicht geschummelt. Ich wünsche mir auch, ich hätte mehr Pizza. 

22:11: Ich werde wieder schwach und verdrücke eine Portion Haferflocken mit Rosinen. Noch nie habe ich mich wegen des Verzehrs von Körnern und Trockenfrüchten so schuldig gefühlt.



Tag 2: Ananas-Tag, Gewicht: 82,1 Kilogramm, Gewichtsverlust: 700 Gramm

Laut dem Buch habe ich das Schlimmste hinter mir. Ich soll außerdem "erfrischt, fröhlich und voller Vorfreude auf den anstehenden Tag" aufwachen. Wenig überraschend tritt das nicht ein. Ich habe ja auch geschummelt. "Zwicke dich immer wieder in die Hüfte und denke an deine abscheuliche, fette Erscheinung. Gib vor allem nicht auf!" Alles klar.

Durch meine neue Bibel wird erst nicht ganz klar, warum ich mich mit Ananas vollstopfen muss, um meinen erogetischen Traumkörper zu erreichen. Irgendwann stoße ich dann doch auf ein Kapitel mit der Überschrift "Warum Ananas?". Darin heißt es: "Die Ananas ist nicht nur eine elegante und exotische Frucht, drei große Exemplare davon sind auch viel Essen für zwei Tage." Außerdem macht sie einen nicht durstig, was den Alkoholkonsum während der Ananas-Tage zurückschraubt. Die Wissenschaft hat gesprochen.

Sten Hegeler, der Autor von The Sexy Pineapple Diet, ist heute bereits 93 Jahre alt, arbeitet aber immer noch als Psychologe in Kopenhagen. Obwohl seit der Veröffentlichung des Buchs bereits 47 Jahre vergangen sind, erinnert er sich immer noch gut daran. Leider kann auch er mir nicht sagen, warum gerade Ananas der Schlüssel zu einem gesünderen und sexuelleren Leben ist. "Das weiß ich gar nicht", erklärt er mir. "Damals aß ich einfach gerne Ananas mit Schlagsahne. Und der Gedanke daran, zwei Tage lang nichts anderes zu verspeisen, gefiel mir außerordentlich gut." 

Als ich ihm meine kleinen Sünden vom Vortag beichte, ist Hegeler gar nicht amüsiert. "Dann zählt es nicht", sagt er streng. "Du musst dich an den Plan halten. Nur wenn du ausschließlich Ananas isst, wirst du zwei Kilo verlieren."



Tag 3: Normale Mahlzeiten, Gewicht: 81,8 Kilogramm, Gewichtsverlust: 1 Kilogramm

Wie sich herausstellt, habe ich es trotz der Pizza am ersten Tag und der beiden kleinen Mahlzeiten am zweiten Tag geschafft, ein Kilogramm abzunehmen. Beim Blick in den Spiegel komme ich mir ebenfalls etwas ansehnlicher vor. Und fühle ich mich da etwa wirklich erogetisch?

Ich rufe den Ernährungsexperten Per Brændgaard an, der von der Ananas leider nicht so ganz überzeugt ist: "Diese Frucht macht weder dünn noch dick", erzählt er. "Dank des einzigartig säuerlich-süßen Geschmacks haben Ananas jedoch den Ruf zu entschlacken, zu entgiften und wohl auch sexy zu sein. Beweise dafür gibt es aber nicht. Da kann man genauso gut zwei Tage lang nur Äpfel oder Bananen essen."

So ähnlich steht es sogar am Ende des Buchs: Wenn man gegen Ananas allergisch ist oder keine Lust mehr darauf hat, eignen sich Feigen, Äpfel, Birnen, Melonen, Salatgurken, Bananen, Orangen, Shrimps oder Hamburger mit Pilzen und Frischkäse als Ersatz. Hauptsache, man bleibt unter 500 Kalorien. Warum? Darum.

Brændgaard zufolge ist eine Schlankheitskur, die nur auf einem einzigen Lebensmittel basiert, nichts Neues. Das Ganze nennt sich Monodiät. "Im Laufe der Jahre hat es schon unzählige außergewöhnliche Monodiäten gegeben – sogar eine mit Weißwein", erzählt er. Nur ein einziges Lebensmittel am Tag zu essen, lässt den Magen wohl denken, dass er schneller voll ist. "Nur vom Geschmack und Gefühl eines bestimmten Lebensmittels satt zu sein, nennt sich sensorisch-spezifische Sättigung", erklärt der Ernährungsexperte.

Um der ganzen Sache die Flunkerkrone aufzusetzen, gibt der Autor Hegeler noch zu, dass auch der "erotische" Teil der Diät nicht der Wahrheit entspricht. "Diesen Aspekt hat der amerikanische Verleger dazugedichtet. Damit hatte ich nichts zu tun", erzählt er. "Eigentlich ist das die gleiche Schlankheitskur wie die '5:2'-Diät von heute. Dafür hätte ich die Lorbeeren einstreichen sollen."

Eigentlich muss nur noch eine meiner Illusionen zerstört werden, nämlich die meines Gewichtsverlust von einem Kilo. Und bei der Ananas-Diät scheint wirklich nichts heilig zu sein: "Man muss immer daran denken, dass das erste purzelnde Pfund zum Großteil nur aus Kohlenhydraten und Wasser besteht", erklärt mir Brændgaard. "In Form von Glykogen bindet ein Gramm Kohlenhydrate in den Muskeln und in der Leber drei Gramm Wasser. Wenn diese Kohlenhydrate verbrennen, dann setzen sie das Wasser frei und die Waage wird einem sagen, dass man Gewicht verloren hat." Kommt dieses Gewicht zurück? "Auf jeden Fall. Spätestens nach drei Tagen."

Na gut. Wenn ihr mich bitte entschuldigt, ich werde jetzt für den Rest des Jahres das essen, worauf ich Bock habe.

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