Interviews

Wenn im Backstage "Jude" als Schimpfwort benutzt wird – Über Antisemitismus in der Deutschrapszene

Wir haben mit Ben Salomo, jüdischer Rapper und Rapbattle-Veranstalter über die Antisemitismusvorwürfe gegen Kollegah, dessen Palästina-Doku und das generelle Antisemitismus-Problem von Deutschrap gesprochen.

von Julius Wußmann
03 Februar 2017, 12:58pm

Foto: Screenshot via Facebook von Informationsstelle Antisemitismus Kassel

Update vom 17.04.2018: In einem Interview mit der Berliner Morgenpost, das kurz nach der Echo-Verleihung erschienen ist, hat Ben Salomo angekündigt, sich in diesem Jahr aus der deutschen Rap-Szene zurückzuziehen. Als Gründe nannte der jüdische Rapper, dass er sich in der Szene nicht mehr wohlfühle und Antisemitismus in Deutschland generell zu wenig bekämpft werde: "Ich fühle mich als Jude in der deutschen Rap-Szene nicht mehr wohl." Wir sprachen bereits voriges Jahr mit ihm über die damaligen Vorwürfe gegen Kollegah und Antisemitismus in der Deutschrap-Szene.


Alles fing damit an, dass Kollegah auf dem Hessentag spielen sollte. Der Oberbürgermeister der Gastgeber-Stadt Rüsselsheim hatte Jugendliche nach ihren Wunsch-Acts gefragt und den Rapper schließlich gebucht. Daraufhin veröffentlichten verschiedene jüdische Organisationen wie der Zentralrat der Juden einen Brief, in dem sie eine Absage des Konzerts forderten. Der Vorwurf: Kollegahs Texte seien homophob, sexistisch und antisemitisch. Der Oberbürgermeister ruderte zurück und jetzt wurde der Auftritt letztendlich abgesagt. Einige Kollegah-Fans und nicht zuletzt auch der Rapper selbst vermuteten einen Zusammenhang zwischen seiner im November veröffentlichten Palästina-Doku und den aktuellen Anschuldigungen. In einem offenen Brief an den Zentralrat bat Kollegah dann um einen Dialog und machte sich gegen Antisemitismus stark – der auch teilweise in den Fan-Kommentaren auf seiner eigenen Facebookseite ausgebrochen war. Das entging auch der Informationsstelle Antisemitismus Kassel nicht, die eine Pressemitteilung veröffentlichte, in welcher sie die Aussagen einiger Fans offenlegten.

Antisemitismus im Deutschrap? Diesen Vorwurf gab es in den vergangenen Jahren schon öfter, ob nun gegen Massiv (wegen Israel-kritischer Verschwörungspostings), Haftbefehl (wegen Textzeilen wie "Ticke Kokain an die Juden von der Börse") oder Bushido, dessen Twitter-Avatar nach wie vor eine Nahost-Karte ohne den Staat Israel zeigt. Hat die Szene wirklich ein Antisemitismusproblem? Und warum jetzt ausgerechnet Kollegah? Wir haben mit Ben Salomo, jüdischer Rapper und Rapbattle-Veranstalter über die Antisemitismusvowürfe gegen Kollegah, dessen umstrittene Palästina-Doku und das generelle Antisemitismus-Problem von Deutschrap gesprochen.

NOISEY: Wie ist deine Einschätzung zu den Antisemitismus-Vorwürfen der jüdischen Organisationen gegen Kollegah?
Ben Salomo: Ich habe mich viel zu wenig mit der Musik von Kollegah beschäftigt und kann keine Aussage dazu machen, inwieweit er sich in seinen Texten antisemitisch äußert. Bei den wenigen Songs, die ich gehört habe, konnte ich aber nie etwas feststellen.

Zumal in dem Brief der jüdischen Organisationen ja nur eine Line von Favorite und nicht Kollegah zitiert wird ...
Diese eine Line von Favorite ist zwar definitiv eine, die antisemitische Ressentiments bedient, aber im Kontext von Battle-Rap sollte man keine voreiligen Schlüsse auf die tatsächliche Gesinnung eines Interpreten ziehen. Wenn ich persönlich wüsste, dass das Antisemiten sind – und das weiß ich nicht, ich kenne sie nicht persönlich und glaube es auch nicht –, dann wäre das eine andere Situation. Ich halte es aber für unverantwortlich, solche Lines zu rappen, weil damit echte Antisemiten das Gefühl bekommen, ihre Ansichten seien nun massentauglich geworden und diese Schlussfolgerung könnte eine unkontrollierbare Dynamik lostreten, die in Europa und insbesondere in Deutschland ein Relikt der Vergangenheit bleiben sollte.

Wie stehst du allgemein dazu, antisemitische, sexistische oder gewaltbefürwortende Haltungen anhand von Textzeilen abzuleiten?
Wenn ein Neonazi eine antisemitische Line rappen würde, wäre der Aufschrei zurecht groß und die HipHop-Medien würden das öffentlich kritisieren und nicht unterstützen. Wenn das aber beispielsweise jemand mit einem Migrationshintergrund macht, wird das oftmals unkommentiert gelassen oder nur belächelt. Ich finde, da muss man genauer hinsehen und kritisch hinterfragen, um herauszubekommen, was tatsächlich dahintersteckt. Denn wie bereits angesprochen, könnten durch solche Textstellen bei vielen Zuhörern Ressentiments bedient oder geweckt werden, mit eventuell gravierenden Folgen. Das sehe ich als kontraproduktiv für eine offene Gesellschaft. Beim Thema Sexismus und Gewalt sehe ich das ähnlich.

Musst du dich als Rapbattle-Veranstalter oft mit rassistischen und auch antisemitischen Aussagen auseinandersetzen?
Natürlich. Aber in einem Live-Battle, wo man einen Gegner vor sich auf einer Bühne hat, steht das erkennbar in einem anderen Kontext. Erst recht, wenn man wie bei uns nach dem Battle dazu aufgefordert wird, sich sportlich die Hand zu reichen und die Leistung des anderen zu würdigen, wodurch der Zuschauer sofort erkennen kann, dass es sich bei den im Battle getroffenen Aussagen, nur um Punchlines und nicht um Meinungen handelt. In so einem Kontext würde ich nicht auf die innere Haltung eines Rappers schließen. Wir gucken da aber auch recht genau hin, was unsere Teilnehmer, beispielsweise bei Facebook posten oder was wir durch gemeinsame Bekannte über sie in Erfahrung bringen. Wenn die sich in ihrer Freizeit abseits der Bühne tatsächlich abfällig gegenüber Schwarzen, Türken, Arabern, Juden, Deutschen, etc. äußern und wir das mitkriegen, dann werden sie zur Rede gestellt und gegebenenfalls von der Bühne verbannt.

Gab es schon Lines von bekannten Rappern außerhalb des Battle-Zirkus', die dich in dieser Hinsicht getroffen haben?
Auf jeden Fall. Wenn ich sowas höre wie "jüdischer Zins" oder "Rothschild-Theorie", dann fühle ich mich wieder in einen Topf mit diesen Vorurteilen gesteckt. Dazu kommt, dass viele junge Menschen, die sich noch nicht mit diesen Ressentiments infiziert haben, dadurch eventuell infiziert werden oder bereits Infizierte sich bestätigt fühlen – weil ihr großes Idol scheinbar ebenfalls diese Ansichten teilt. Speziell in Rap-Texten, also in Songs finde ich es besonders beunruhigend. Die haben eine viel längere Halbwertszeit als ein Live-Battle. Die Gefahr ist groß, dass sich Leute dadurch immer mehr solchen Ansichten zuwenden und wenn man dann noch ein bisschen googelt, weil man sich fragt, was denn "Rothschild-Theorie" ist und bei YouTube landet, bekommt man super viele Propaganda-Videos. Oft steht dann da "jüdische Bankiers", dann "Israel", "Zionismus" und so weiter. Dann rutscht man von einer kleinen Line in etwas viel Tieferes hinein und kommt am Ende vielleicht komplett brainwashed wieder raus. Als würde sich ein kleines Türchen öffnen und dahinter verbirgt sich ein Dschungel von Verschwörungstheorien, die alle gebetsmühlenartig dieselben einfachen Lösungen für die komplexen Probleme der Welt, anbieten. Die Liste der Rapper, die diese Propagandavideos verinnerlicht haben, ist inzwischen ziemlich groß.

Hast du Erfahrungen aus der Rapszene was Antisemitismus angeht, die über die bloße Rap-Line hinausgeht?
Ein bekannter Rapper hatte mal ein Bild gepostet, wo viele Flaggen verschiedener Nationen aufgestellt waren, aber er hält gezielt vor der israelischen Flagge und pisst an den Flaggenmast. Da waren auch andere Flaggen von Nationen dabei, die in Punkto Menschenrechtsverletzungen bei Amnesty International ganz oben stehen, doch seine Blase schwächelte nur bei der Flagge Israels. Wer mir sagt, dass das Kritik an der israelischen Regierung sei, den kann ich nicht ernst nehmen. Ich bin auch kritisch gegenüber der türkischen, russischen oder nordkoreanischen Regierung, doch es würde mir nicht im Traum einfallen, irgendwo an die Flaggen dieser Nationen zu pissen. Das ist einfach nur respektlos, denn auch die Oppositionellen dieser kritisierten Regierungen, sowie viele unbeteiligte Bürger, werden dadurch gekränkt und beleidigt.

Viele Rapper posten gerne israelkritische Inhalte. Damit kann man schnell viele Likes generieren. Wenn dann noch unter solchen Posts unzählige krass antisemitische Äußerungen von den Fans abgelassen werden, so richtig peinliche Sachen wie "Juden ins Gas" oder "Die haben nichts aus dem Holocaust gelernt", und die Rapper nicht darauf reagieren, es stattdessen einfach so stehen lassen, dann finde ich es schon demaskierend.

Auf Facebook beispielsweise meinen viele Fans, dass die jüdischen Organisationen jetzt nur gegen Kollegah vorgehen würden, weil er in Palästina geholfen hat, und äußern sich Israel-kritisch, -feindlich und ganz direkt antisemitisch. Wie ist aus deiner Sicht die Stimmung diesbezüglich in der hiesigen Fan-Community?
Ich habe mir diese "Doku" natürlich angesehen und finde, sie ist ein sehr einseitiges Werk. Ganz besonders ist mir eine Aussage im Gedächtnis geblieben, die mich gleichzeitig wütend und traurig gemacht hat. In Israel existiert seit nun fast siebzig Jahren eine sehr große und nach wie vor reelle Gefahr von Terroranschlägen, die von Kollegah geringschätzig als "Paranoia" bezeichnet wurde. Daran sehe ich, dass er vom Israel-Palästina-Konflikt ein sehr einseitiges Bild hat und dieses auch nach Außen vermitteln wollte. Ob das nun Antisemitismus ist? … Ich und viele andere Menschen, die ich kenne, empfanden diese "Doku" deshalb jedenfalls eher als Propaganda und nicht als eine Dokumentation.

Die Leute haben vielleicht schon vergessen, dass es München 1972 gab, dass es etliche Flugzeugentführungen gab, unzählige Selbstmordattentate in Cafés und Bars, Anschläge auf Marktplätze und Busbahnhöfe. Erst kürzlich raste wieder ein Terrorist mit einem Lkw in eine Menschenmenge – es sind schon tausende Menschen bei Terroranschlägen in Israel ums Leben gekommen. So viele, dass die Regierung irgendwann keinen anderen Weg sah, als eine Mauer zu bauen. Tatsache ist, dass diese Mauer in den letzten Jahren die verheerenden, mit Sprengstoff durchgeführten Terroranschläge zu über 90 % verhindert hat. So hässlich sie auch ist, so effektiv ist sie auch. Sie soll kein Volk von einem anderen trennen, sondern sie soll Terror verhindern. Und wenn man das in dieser "Doku" zu erwähnen vergisst, oder dass innerhalb der palästinischen Bildungsinstitutionen massiv Antisemitismus und Gewalt gegen Juden propagiert wird – als Teil einer legitimen Widerstandsbewegung auch gegenüber Zivilisten, Alten, Frauen und Kindern –, dann ist man entweder nicht ausreichend informiert oder auf einem Auge blind. Das Problem sitzt viel tiefer und ist wesentlich komplizierter, als das es Kollegahs "Reise nach Palästina" zu erklären vermag. Doch die hiesige Fan-Community hat wohl genau das zu sehen bekommen, was sie sehen sollte oder wollte. Das spiegelt sich dann halt auch in den Kommentaren wider.

Du selbst bist ein Rapper mit jüdischen Wurzeln. Wurdest du deswegen schon diskriminiert?
Obwohl ich in Deutschland aufgewachsen bin und nur in Israel geboren wurde, habe ich diesen persönlichen Hass schon seit meiner Kindheit erfahren, einfach nur wegen meines jüdischen Backgrounds. Wer glaubt, dass der Antisemitismus nach dem zweiten Weltkrieg verschwunden wäre, der ist naiv. Er ignoriert die Tatsache, dass auch wenn es eine Umerziehung in Deutschland gegeben hat, weite Teile der Gesellschaft nach dem Krieg antisemitisch geblieben sind. Diese gefährliche Ideologie existiert nach wie vor und in einigen Teilen der Welt wird sie sogar staatlich gefördert, steht innerhalb des Bildungssystems auf dem Lehrplan oder wird in den Medien zielstrebig propagiert. Auch als Rapper bekomme ich das zu spüren, man muss sich nur mal die Kommentare unter meinen Musikvideos oder Interviews durchlesen.

Bekommst du im Backstage auf Konzerten oder Festivals antisemitische Tendenzen mit?
Ja, wenn man zum Beispiel von Leuten, die mit Größen der deutschen Rap-Szene im Backstage abhängen, erfährt, dass das Wort "Jude" bei ihnen als Schimpfwort benutzt wird. Ich selbst habe das auch schon mal erlebt: Ich war auf Tour und da war ein recht bekannter Rapper im Backstage. Als er hörte, dass ich Jude bin, entstand eine Diskussion, die augenscheinlich erstmal lustig war, aber recht bald wurden die altbekannten antisemitischen Ressentiments runtergebetet. Das wird dann ja immer gerne miteinander vermengt: Jude, dann Israel, dann israelische Politik, dann Zionismus, die Rothschilds, dann wurde die These in den Raum gestellt, dass die Juden selbst den Holocaust in die Wege geleitet hätten, um Israel zu gründen. Dann wird gerne die Zahl der dokumentierten Opfer des Holocausts radikal herabgesenkt, um am Ende noch ernsthaft zu fragen, ob ich denn überhaupt Steuern zahle, weil man das irgendwo im Internet gelesen hat, dass Juden in Deutschland keine Steuern zahlen müssen.

Als wie stark bewertest du den aktuellen Antisemitismus insgesamt in der Deutschrap-Szene?
Schon recht stark. Es reicht ja schon aus, wenn die Leute diese antisemitischen Ressentiments verinnerlichen und an sie glauben. Sie wollen zwar nichts gegen Juden haben, aber dann werden Sachen gesagt wie "Den Juden gehören die Banken, die Medien usw." Sogar in meinem eigenen Bekanntenkreis kommt das vor, du bekommst dieses Denken aus manchen Leuten einfach nicht raus. Diese Thesen sind einfach allgemein in der Gesellschaft wieder populär geworden, und die Rap-Szene spiegelt sie lediglich wider. Dazu kommt, dass sich überproportional viele Leute mit Migrationshintergrund für Rap interessieren, die aus Ländern stammen, wo solche antisemitischen Thesen eben Teil des Lehrplans sind und durch die Medien verbreitet werden. Da braucht man sich nicht wundern, wenn diese Tendenzen innerhalb der Rap-Szene deutlicher zum Ausdruck kommen.

Wie findest du denn Kollegahs offenen Brief an den Zentralrat der Juden?
Sehr gut. Ich finde, er zeigt damit Bereitschaft zum Dialog. Ich hoffe sehr, dass es mal zu der von ihm vorgeschlagenen offenen Diskussionsrunde kommt, denn ich halte einen interkulturellen Austausch für absolut überfällig. Gemeinsam sollten wir alle daran arbeiten, Vorurteile und Ressentiments abzubauen.

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