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Politik

#12062020olympia: Die Klimabewegung hat ein Abgrenzungsproblem

Kuscheln statt streiten: Soziale Bewegungen sind Volksmusik geworden.

von Thembi Wolf
07 Januar 2020, 11:57am

Collage mit Material aus dem YouTube-Video "Jung & Naiv: Folge 450" von Tilo Jung

Das war jetzt peinlich, Philip Siefer merkt es selbst. Der Geschäftsführer der Marke Einhorn ist sichtlich aufgeregt und stammelt. Im Interview mit YouTuber und Journalist Tilo Jung ist ihm gerade ein "Ja" herausgerutscht, das ihn tagelang ins Kritik-Kreuzfeuer befördert. Ein Ja, wo ein Nein hingehört.

Einhorn vertreibt vegane Tampons, Kondome und Binden. Bekannt ist das Unternehmen aber für seine Marketingstrategie – politische Kampagnen. 2019 trieb Einhorn, zusammen mit feministischen Aktivistinnen, die Petition zur Abschaffung der sogenannten "Tamponsteuer" voran. Neuester Woke-washing-Clou ist #12062020olympia, ein Event im Juni im Berliner Olympiastadion: 90.000 Leute sollen dort live Petitionen unterschreiben und damit den Petitionsausschuss im Bundestag unter Druck setzen. Im Werbevideo sagt Luisa Neubauer: "So billig war die Weltrettung noch nie!"


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In der Vorverkaufs-Kampagne auf Startnext heißt es: "Wir widmen dieses verrückte Ereignis allen, die sich machtlos fühlen, allen, die endlich eine positive Vision für sich, ihre Kinder und Enkelkinder mitgestalten wollen." Schöne Idee, gelebte Basisdemokratie. Moment mal: Alle dürfen mitmachen? Das fragt auch Tilo Jung im YouTube- Interview.

- Jung: "Alle sind Willkommen, auch Nazis?"

- Siefer: "Ja. Also wenn die sich, äh, konstruktiv an der Lösung der Probleme … die wir genannt haben, beteiligen möchten ... ähm, dann, äh, finde ich das, äh, ist das, ja also … Es ist ja … Du musst ... ähm ..."

Neonazis auf einem politischen Event? Siefer rudert zurück. "Nazis, die gegen Rassismus sind", seien "vielleicht willkommen". Jung muss lachen. Später behauptet Einhorn, alles sei als Witz gemeint gewesen. Antirassistische Neonazis, haha. "Nächstes mal kürze ich mit Nein ab. Schwöre", schreibt Siefer über den Unternehmensaccount auf Twitter.

Ob man das mit dem Witz glaubt oder nicht, ist aber fast egal.

Was Siefer sagt, ist vielleicht ungeschickt ausgedrückt – aber eigentlich schon lange ein Problem neuer sozialer Bewegungen: die Konsenssucht.

Rechte sind meistens raus. Konsens ist aber: Mit allen anderen müssen wir uns möglichst einig sein. Liberale, Stalinisten, Kapitalisten, Konservative, Tampon-Unternehmer. Wir unterzeichnen mit ihnen Petitionen, demonstrieren gemeinsam bei Fridays for Future, bei #wirsindmehr und #unteilbar. Schon Occupy behauptete: "Wir sind die 99 Prozent". Keine Sorge: Die Bösen sind eine winzige Minderheit.

Soziale Bewegungen sind Volksmusik geworden. Alle können sich unterhaken, alle können den Text mitsingen. Ein bisschen Liebe, ein bisschen Frieden. Wer könnte darüber uneinig sein?

Nur in der Praxis geht das immer wieder schief. Die Massenbewegungen unserer Zeit haben vor allem ein Abgrenzungsproblem. Dass Extinction-Rebellion-Gründer Roger Hallam eher eine problematische Haltung zum Holocaust hat, war in den internen Foren der Bewegung schon eine Weile bekannt. Eine Distanzierung gab es erst nach dem Shitstorm. Und auch da ziemlich zögerlich.

Auch Fridays For Future hat ein Problem mit Abgrenzung.

Im Ruhrgebiet drängt sich die stalinistisch-maoistische MLPD auf Demos in den Vordergrund und betreibt in Gelsenkirchen sogar eine FFF-Lokalgruppe. Weil die Bewegung aber nicht-hierarchisch organisiert ist, distanzieren sich die Bundessprecher nie wirklich davon. Den #unteilbar-Organisatoren 2018 wurde vorgeworfen, eine Bühne für antisemitische Thesen geboten zu haben.

Aber auch außerhalb der radikalen Enden wird der Diskurs ausgewaschen. So einig, wie wir tun, können wir gar nicht sein. Ja, wir sind #unteilbar gegen Rassismus, schon klar. Spannend wird es aber im Konkreten, im Alltäglichen.

Sollte man für einen rassistischen Kommentar eigentlich gekündigt werden dürfen? Sollten deutsche Unis Quoten für Minderheiten einführen? Ist es Zeit für Reparationszahlungen an Namibia? Tut mir die CO2-Steuer im Portemonnaie vielleicht weniger weh als meinem Paketboten und fällt es mir deshalb so leicht, dafür zu sein? Ist es fair, wenn die Stimme von Soziologiestudierenden freitags auf den Straßen gehört wird – die von Einzelhandels-Azubis, bei denen ein Fehltag eher nicht drin ist, aber nicht?

Mehr Basisdemokratie – klingt gut! Aber ist es vielleicht eher das Setting für einen dystopischen Netflix-Thriller, wenn ein Unternehmen ein Stadion mietet, um darin Petitionen abstimmen zu lassen?

Statt die Konfliktthemen auf den Tisch zu bringen, kultivieren Bewegungen den esoterischen Traum von der gemeinsamen Weltrettung. Das Event wird mit massentauglicher Musik begleitet, danach fahren alle zusammen mit dem Fahrrad zum Bundestag und übergeben die beschlossenen Petitionen dem Parlament, so eine Idee.

Sich auf ein diffuses, gemeinsames Ziel zu einigen, kann völlig vernünftig sein.

Auf Startnext heißt es zum Petitionsevent: "Denkt an all jene Menschen, die die Gelegenheit hatten bei Woodstock oder Live Aid dabei zu sein, aber die Gelegenheit nicht genutzt haben ;) #fomo". Beim Live-Aid-Konzert kamen schonmal 127 Millionen Dollar für den Kampf gegen eine Hungersnot in Äthiopien zusammen. Kleinster Nenner: Hunger ist furchtbar.

Das Olympia-Event ist allerdings Selbstzweck. Worum es in den Petitionen gehen soll, ist noch gar nicht klar. Wie man sich dabei fühlen soll, schon: "Unser oberstes Ziel ist es, euch und uns als Menschen in dem Gefühl zu reaktivieren, wirksam zu sein." Fast 28.000 Menschen haben – trotz Inhaltsleere – schon Tickets gekauft, bei Preisen zwischen 30 und knapp 30.000 Euro.

Noch mehr als der kleine, virale Clip über "Nazis, die gegen Rassismus sind", zeigt der Rest des YouTube-Interviews das Problem mit dem Konsens. Einhorn rühmt sich, Mitarbeitende die Gehälter gemeinsam festlegen zu lassen. Auch die Arbeitszeit darf man selbst bestimmen. Mittlerweile verdiene das Unternehmen sogar Geld damit, auf Konferenzen über das soziale, engagierte Businessmodell zu sprechen.

Nur: Was die Putzkräfte des mit Demo-Plakaten tapezierten Kreuzberger Büros verdienen, weiß Siefer nicht. Fest angestellt seien sie wohl nicht, sagt er. Und die Mitarbeiter in Malaysia, die die Kondome produzieren? Dürfen auch nicht selbst mitentscheiden, was sie oder die deutschen Kollegen verdienen. "Schwierig" sei das alles, sagt Siefer.

Wie wäre es also mit einer Petition für 19,50 Mindestlohn für Reinigungskräfte? Für eine CO2-Steuer für Unternehmen? Oder dafür, Wertschöpfungsketten in geografische Nähe zu verlegen? Siefer und Luisa Neubauer hätten da wohl unterschiedliche Interessen. Ob sie die im Juni auf der Bühne im Olympiastadion vor 90.000 potenziellen Petitionsunterzeichnerinnen austragen? Vermutlich nicht. Einfacher ist es, gemeinsam das "Gefühl zu reaktivieren, wirksam zu sein".

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