Drogen

So gefährlich ist die Corona-Krise für Drogenabhängige

Engpässe auf dem Schwarzmarkt, teurerer Stoff, weniger Hilfsangebote: Wer täglich auf Substanzen angewiesen ist, hat nun ein ziemliches Problem.

von Maike Brülls
30 März 2020, 9:23am

Collage aus: Drogenkonsument: imago images | teutopress, Absperrband: imago images | Sabine Gudath 

Jasmin hat Angst, dass ihr Vorrat nicht reicht. So geht es vielen in Zeiten der Corona-Pandemie. Doch was Jasmin zum Leben braucht, findet sie nicht in Supermarktregalen, sondern auf dem Schwarzmarkt: Clonazepam, Diazepam, Lorazepam, Bromazepam.

Die 25-jährige Auszubildende ist seit fünf Jahren abhängig von Benzodiazepinen, erzählt sie. Ärztinnen und Ärzte verschreiben diese Psychopharmaka etwa bei schweren Angst- oder Schlafstörungen. Bis vor einer Woche konnte Jasmin ihre Benzos leicht bei ihrem Dealer kaufen. Zwei Euro hat sie pro Tablette bezahlt. Jetzt nicht mehr. Lieferengpässe, sagte er ihr. Wenn er welche kriege, dann für den doppelten bis dreifachen Preis.

Jasmin kommt aus der Nähe von Frankfurt und heißt eigentlich anders. Sie möchte in diesem Text aber anonym bleiben. Ihr Nebenjob als Putzkraft wurde ihr infolge der Corona-Krise gekündigt, erzählt sie. Die höheren Preise für die Medikamente kann sie sich nun nicht mehr leisten. Sie fürchtet sich nun vor den typischen Entzugserscheinungen; den Panikattacken, den Krämpfen oder auch den epileptischen Anfällen.


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Seit rund drei Wochen steht Europa beinahe still. Länder haben ihre Grenzen geschlossen, Städte Ausgangssperren verhängt. Viele Menschen sitzen in Isolation oder Quarantäne. Alles, damit sich das Coronavirus langsamer ausbreitet. Unternehmen, Arbeitnehmende, Freischaffende und Politiker diskutieren die wirtschaftlichen Folgen, viele haben Existenzangst. Unsichtbar bleiben die Süchtigen. Dabei sind auch sie durch Corona in einer fatalen Lage: weniger Stoff auf den Straßen, unfreiwilliger Entzug, potentiell mehr Tote.

Drogenabhängige gehören zur COVID-19-Risikogruppe: Der Konsum vieler synthetischer Substanzen schwächt das Immunsystem. Opiate, Gras oder Crack zu rauchen, schädigt die Atemwege, kann zu schweren Lungenerkrankungen wie COPD führen.

Aber nicht nur das Virus kann für sie gefährlich werden. Sondern auch das, was Jasmin schildert: die Engpässe auf dem Markt. Dealer kriegen weniger Stoff, werden diesen möglicherweise stärker strecken und teurer verkaufen. Wer das Geld nicht hat, muss zwangsweise entziehen – wie Jasmin.

Deswegen versucht sie gerade, ihren Konsum langsam auszuschleichen, und hofft, dass ein Arzt ihr das Medikament verschreibt. Größere Sorgen macht sie sich um ihre Freundinnen und Freunde, die Opioide konsumieren und es nicht schaffen, diese runter zu dosieren: "Ein kalter Entzug ist eine unglaublich grausame Art zu sterben. Der Todeskampf kann sich über Wochen hinziehen. Ich möchte mir nicht einmal vorstellen, wie viele das betreffen könnte."

Auch ohne Corona ist die Zahl der sogenannten Drogentoten um zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Am 24. März hat die Bundesregierung ihre jährliche Statistik dazu herausgegeben. Die Zahlen sind umstritten, weil in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich oft obduziert wird. Trotzdem: Dass 2019 im Zusammenhang mit Drogen offiziell 1.398 Menschen gestorben sind, zeigt, dass es in Deutschland noch nicht genug Hilfsmaßnahmen für Drogengebrauchende gibt. Ziemlich wahrscheinlich, dass es 2020 mehr sein werden.

"Corona stellt das gesamte Suchthilfesystem vor extreme Herausforderungen", sagte die Bundesdrogenbeauftragte Daniela Ludwig der Nachrichtenagentur dpa vergangene Woche. Ihre Forderung: Hilfsangebote sollten trotz der Krise so gut wie möglich aufrechterhalten werden.

Eine Sozialarbeiterin vom Drogenkonsumraum Stellwerk in Hannover reicht Konsumutensilien und Essen auf einer Schaufel zu einem Mann
Notlösung für die nötige Distanz: Vor dem Drogenkonsumraum "Stellwerk" in Hannover reichen Mitarbeitende Konsumutensilien und Essen auf einer Schippe zu den Menschen | Foto: Stellwerk

Eine wichtige Forderung – aber auch leichter gesagt als getan. Viele Einrichtungen arbeiten knapp besetzt in abwechselnden Teams. Es fehlen Schutzkleidung, Masken, Desinfektionsmittel, berichten einige Stellen. Damit sie das Virus nicht an ihre Klienten weitergeben, haben viele Beratungsstellen geschlossen. Andere improvisieren: In Hannover geben Mitarbeitende des Drogenkonsumraums Spritzen auf einer Schneeschippe raus, erzählt die Pressesprecherin. In Köln haben die Konsumräume länger geöffnet, lassen aber nur halb so viele Leute gleichzeitig rein. Der Berliner Drogennotdienst bringt Spritzen und Alufolie zur Tür, damit sich die Menschen nicht in den Räumen aufhalten.

Die CSU-Politikerin Ludwig möchte im Suchthilfesystem stärker auf Substitution setzen, bei der Opioidabhängige Ersatzstoffe wie etwa Methadon vom Arzt bekommen. Dafür müssen sie aber in die Praxis kommen. "Ich musste bis vor ein paar Tagen noch täglich antanzen", erzählt der 28-jährige Bastian in einem Video-Telefonat. "In der Warteschlange hielt natürlich niemand den Mindestabstand ein. Ein paar Zettel mit Infos zu Corona hingen aus – aber das Feld mit der Nummer der Notfall-Hotline war leer."

Dichtes Gedränge von Menschen einer Risikogruppe: Um das zu vermeiden, hat die Kassenärztliche Vereinigung schon vor rund zwei Wochen Ärzten empfohlen, möglichst vielen Substituierten ihre Medikamente für mehrere Tage mit nach Hause zu geben. "Take-Home" nennt sich das. In der Theorie klingt das nach einer guten Lösung: Weniger Risiko für alle, mehr Kapazitäten für den Arzt für andere Patientinnen. Doch ob sich dieser an die Empfehlung hält, liegt bei ihm. Das ist auch eine finanzielle Entscheidung: An sogenannten Take-Homes verdient ein Arzt weniger, als wenn Patientinnen täglich in die Praxis kommen.

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Gehört zur Risikogruppe von COVID-19: Drogenkonsument Bastian | Foto: privat

Bastians Arzt weigerte sich. "'Wenn ich euch allen Take-Home gebe, kann ich meine Praxis dicht machen', hat er gesagt", erzählt Bastian. Mittlerweile hat Bastian einen anderen Arzt und kriegt sein Medikament für mehrere Tage. Trotzdem: "Mich nervt, dass ich nicht nur abhängig bin von einer Substanz, sondern auch von den Launen eines Arztes", sagt er. Dabei ist Bastian noch gut dran. Nur knapp die Hälfte aller Opioid-Abhängigen sind nach Schätzungen der Deutschen Aidshilfe (DAH) überhaupt in einem Substitutionsprogramm.

Vielleicht könnte sich das bald ändern: "Die Rechtsabteilung des Bundesministeriums für Gesundheit prüft die Möglichkeit, die bestehenden Gesetze für die Substitution so zu erweitern, dass auch bisher nicht substituierte Drogengebrauchende in den ambulanten Drogenhilfen behandelt werden können", sagt Dirk Schäffer, Referent für Drogen bei der DAH. Sprich: Der zeitaufwändige Prozess zur Aufnahme in ein Substitutionsprogramm könnte vereinfacht und mehr Medikamente bei der Drogenhilfe ausgegeben werden.

Dazu kommt, dass es für Substanzen wie Crystal, Crack und Kokain keinen medizinischen Ersatzstoff gibt. "Man weiß ja, wie das auf der Straße läuft: Wenn ein Abhängiger seinen Stoff nicht kriegt, knallt er sich einen anderen rein", sagt Bastian. Weniger schädlich wäre es für Drogengebrauchende, einen stationären Entzug zu machen.

Aber: Viele Betten in Krankenhäusern und Rehabilitationszentren werden für COVID-19-Patientinnen freigehalten, befürchten Hilfseinrichtungen. "Die Lage ist für die Suchterkrankten absolut prekär", sagt Michael Frommhold, Geschäftsführer des Drogennotdienstes in Berlin.

"Das, was wir eigentlich machen, nämlich Klienten an die richtigen Stellen zu vermitteln, können wir gerade nicht umsetzen. Das System ist wie eingefroren."

Dem Drogennotdienst bleibt nur, die Menschen psychisch zu stabilisieren, indem sie per Mail und per Telefon rund um die Uhr beraten. Aber obdachlose Drogenabhängige erreichen sie so kaum. "Diese Menschen waren vorher schon unterversorgt", sagt Frommhold. "Nun, in Zeiten der Pandemie, fallen sie noch mehr durchs Raster."

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Hier trifft sich sonst die Drogenszene am Berliner Leopoldplatz. Jetzt passt die Polizei auf, dass nicht mehr als zwei Menschen zusammenstehen | Foto: Maike Brülls

Viele Räume, an denen sie sich tagsüber treffen konnten, sind geschlossen. Auch die Straße fällt durch die Kontaktsperre als Treffpunkt weg. Auf dem Leopoldplatz in Berlin etwa hat ein Polizist in gelben Großbuchstaben: "KEIN AUFENTHALT" auf den Boden geschrieben. Daneben aufgesprühte Vierecke sollen zeigen, wie zwei Meter Sicherheitsabstand aussehen, erzählt ein Mann namens Peter. Er sei oft hier. Ein anderer sagt: "Ich habe ganz andere Probleme als Corona." Dann geht er schnell weg. Zwei Polizisten nähern sich. "Wir lösen euer Treffen jetzt auf", ruft einer.

Eine Maßnahme für die körperliche Gesundheit, klar. Aber durch sie fällt noch etwas weg, was den Menschen in dieser Zeit Halt geben könnte: der Kontakt zu ihren Bekannten.

Mitarbeit: Maximilian Eberle

Du hast ein Suchtproblem oder machst dir Sorgen um betroffene Freunde und Verwandte? Hilfe bei Drogenabhängigkeiten findest du in Deutschland über das Suchthilfeverzeichnis oder unter 01805 31 30 31. In der Schweiz bietet Safezone anonyme Online-Suchtberatung, lokale Suchtberatungsstellen findet man bei Infoset. In Österreich findest du Beratung über den Suchthilfekompass.

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