Drogen

Im Namen von Pablo Escobar: Das steckt hinter der streitlustigen Firma Escobar Inc.

Der einst bekannteste Drogenbaron der Welt ist Namensgeber von Escobar Inc. Die Tech-Firma legt sich mit Elon Musk und Donald Trump an. Was hat sie vor?
06 Mai 2020, 3:00am
Pablo Escobar vor Flammen
Flammenwerfer: imago images | Mary Evans || Pablo Escobar:  imago images | Cinema Publishers Collection || Hintergrund: imago images | ingimage | Montage: VICE 

Für 15.000 Menschen im kolumbianischen Medellín ist Pablo Escobar so etwas wie ein Heiliger. Viele Bewohnerinnen und Bewohner des Barrio Pablo Escobar, das der Drogenbaron in den 80er Jahren auf einer ehemaligen Müllhalde errichten ließ, feiern ihn als Robin Hood. Die Stadt erkennt das Viertel nicht an und verweigert den weiteren Ausbau der Infrastruktur, bis es seinen Namen ändert. Schließlich sind die blutige Geschichte von Escobars Kartell und sein Krieg gegen den kolumbianischen Staat keine gute Publicity – sollte man zumindest meinen. Aber seit Jahrzehnten nutzen viele die Kontroverse um die Figur Escobar, um daraus Kapital zu schlagen. Dazu gehört auch seine Familie.

So wie Escobar Inc., die 2014 neu gegründete Firma von Pablos Bruder Roberto de Jesús Escobar Gaviria. Das Unternehmen bietet nicht nur zwei Falthandys und eine eigene Kryptowährung an, sondern schafft es immer wieder mit kuriosen Aktionen in die Nachrichten. Anfang 2019 startet Escobar Inc. beispielsweise eine Crowdfunding-Kampagne zur Finanzierung einer Amtsenthebung des US-Präsidenten Donald Trump. Das Ziel von 50 Millionen US-Dollar für Anwalts- und Prozesskosten wird nie erreicht, die Plattform Gofundme hat die Kampagne gestoppt.

Erst kürzlich machte Escobar Inc. Werbung für ein verdächtig günstiges faltbares Smartphone – ein fragwürdiges Angebot, aber dazu später mehr. Fest steht: Es ist schwer zu fassen, was Escobar Inc. will und wofür die Firma eigentlich da ist.

Aus dem toten Drogenbaron wird Popkultur

Aldona Pobutsky ist Professorin an der Oakland University in Rochester, Michigan, und beschäftigt sich seit 2010 mit dem popkulturellen Erbe von Pablo Escobar. Im April 2020 erschien ihr Buch Pablo Escobar and Colombian Narcoculture. "Als ich das erste Mal nach Kolumbien reiste, um Escobars Spuren nachzuverfolgen, gab es dort nichts. Ich suchte online Adressen heraus und machte meinen eigenen Reiseplan", sagt Pobutsky im Gespräch mit VICE. "Es gab kein Museum. Alle Gebäude, die etwas mit Escobar zu tun hatten, waren vernachlässigt. Ich witzelte mit meinem Taxifahrer, er solle doch eine Touristenroute aufziehen, weil das Thema gerade Besucher aus dem Ausland faszinieren dürfte. Ich hätte nie gedacht, dass Escobar-Touren ein Jahrzehnt später so erfolgreich werden."

Der Wendepunkt kam im Jahr 2012. Mit der in Kolumbien enorm erfolgreichen Telenovela Escobar: El Patrón del Mal begann die popkulturelle Verarbeitung von Escobars Erbe. Bis 2017 werden Filme wie Paradise Lost mit Benicio del Toro oder Loving Pablo mit Javier Bardem veröffentlicht, und die Netflix-Serie Narcos wird zum Hit. Das nimmt Escobar Inc. zum Anlass, die Produzenten auf eine Milliarde Dollar zu verklagen.

Die offizielle Begründung war die fehlerhafte Darstellung von Escobars Geschichte. Zugleich brachte die Klage der Firma eine Menge Aufmerksamkeit – und das gehört bei Escobar Inc. zum Programm. Im August 2016 sichert sich die Firma zahlreiche Markenrechte für Produkte wie Spielzeuge, Computerspiele oder Wasserpfeifen in Escobars Namen, wie aus dem Markenregister der zuständigen US-Behörde hervorgeht. 2019 klagt die Firma gegen den Domainbesitzer von PabloEscobar.com und bekommt im Oktober Recht.

Neben Konflikten vor Gericht geht setzt Escobar Inc. auf großen Medienzirkus. 2018 droht das Unternehmen beispielsweise der Firma The Boring Company von Tech-Unternehmer Elon Musk mit einer Klage, später sogar mit einer direkten Übernahme von Musks Elektroautomarke Tesla. Bei dem Streit ging es um den Mini-Flammenwerfer namens "Not A Flamethrower", der zum Stückpreis von 500 US-Dollar verkauft wird. Der Vorwurf von Escobar Inc.: Musk habe die Idee von Escobar geklaut, als einer seiner Ingenieure Mitte 2017 den Bruder des Drogenbarons besuchte. Auf die Drohung folgt nur ein knapper Antwort-Tweet von Musk, der sein eigenes Produkt an anderer Stelle als "furchtbare Idee" bezeichnet. Escobar Inc. will daraufhin einen verdächtig ähnlichen Flammenwerfer für den halben Preis nachgebaut haben. Das jedenfalls zeigt ein Angebot auf der Firmenwebsite, das inzwischen nur noch auf Archivseiten zu finden ist.

Der Kampf um den wahren Escobar

Die Escobar-Forscherin Pobutsky sieht darin reines Kalkül. "Seit Anfang der 2000er herrscht in der Escobar-Familie ein Krieg um die Authentizität und die Marke Escobar", erklärt sie. Escobars Sohn Sebastián Marroquín verkaufe beispielsweise in Europa Shirts mit dem Gesicht seines Vaters für 80 Euro, darauf das Motto "Verbrechen zahlt sich nicht aus". Damit wolle er sich als der authentischste aller Escobar-Erben inszenieren – ähnlich wie Escobars kürzlich verstorbener Auftragsmörder "Popeye" mit seinem YouTube-Kanal oder eben Roberto Escobar mit Escobar Inc. "Skandale erzeugen Aufmerksamkeit", sagt Pobutsky. "All das hat nicht viel mit der Person Pablo Escobar zu tun. Es geht darum, andere Firmen, die sich irgendwie mit Escobar assoziieren wollen, vom Markt zu drängen."

Escobar habe sich der Wissenschaftlerin zufolge in eine Marke verwandelt, in eine Identifikationsfigur für ein Publikum, das Escobars gewalttätige und terroristische Vergangenheit ausblende. "Escobar ist der Archetyp eines Outlaws." Dahinter stehe eine Erzählung, auf die Menschen universell anspringen. Sein Name bringt Aufmerksamkeit.

Das sieht auch der Politikwissenschaftler Professor Gustavo Duncan Cruz so. Duncan forscht in Medellìn zu Escobar. "Dass Escobar sich gegen den Staat gestellt hat, war eine merkwürdige Entscheidung. Es war absolut unnötig", sagt Cruz. "Er hätte die politische Klasse bestechen und unauffällig bleiben können. Aber er wollte mehr Macht und vor allem einbezogen werden. Es gab weitaus vermögendere und brutalere Drogenhändler in Kolumbien, Escobar stand nur wegen seiner Einstellung am deutlichsten im Rampenlicht." Andernfalls wäre Escobar vermutlich nicht zur Popfigur und zum Alleinstellungsmerkmal von Escobar Inc. geworden.

Von Immobilien und verkleideten Smartphones

Die Verbindung zwischen Escobar Inc. und der Escobar-Familie ist nicht einfach zu durchleuchten. Roberto Escobar steht zumindest mit seinem Namen hinter Produkten wie der 2018 gestarteten Dietbitcoin, die mittlerweile nicht mal mehr in den Top 100 der Kryptowährungen auftaucht. Der Geschäftsführer von Escobar Inc. ist aber der 26 Jahre alte Schwede Olof K. Gustafsson.

Schon mit 17 Jahren gründet er über die Aktiengesellschaft seines Vaters Georg Ingvar Gustafsson mehrere Unternehmen. Dazu gehörten ein Online-Comicvertrieb und eine Webdesign-Agentur. Laut eines Interviews mit der mittlerweile eingestellten schwedischen Tageszeitung Metro aus dem Jahr 2011 verfolgt er ein Ziel: Milliardär werden. Im Jahr 2016 unterstützt er über sein Twitter-Profil den Wahlkampf von Donald Trump, 2017 gründen Olof Gustafsson und sein Geschäftspartner Daniel Reitberg in Kalifornien zwei Immobilienfirmen. Im Dezember 2019 geben Gustafsson und Reitberg ihre Maklerlizenzen bei der zuständigen Immobilienbehörde aufgrund diverser aufgedeckter Verstöße freiwillig ab.

Ende 2019 steigen Gustafsson und Reitberg ins Handygeschäft ein und gründen im Namen von Roberto Escobar in London die Pablo Phone Ltd. Die Produkte: Falt-Smartphones in Gold-Optik namens Escobar Fold 1 und Fold 2. Diese werden zwar auf der Website von Escobar Inc. beworben, die Abwicklung von Versand und Kundenservice erfolgt aber über eine andere Firma. Nämlich die von Gustafssons Vater, die in den AGB aufgeführt wird. Die Werbung für die Handys ist offensiv. Die Firma dreht Werbeclips in Russland, in denen _Playboy_-Models Samsung-Geräte mit Hämmern zerstören. Zusätzlich registriert sie die Domain RIPSamsung.com, die sie am 21. April 2020 in einem Rechtsstreit wieder verliert.

Wo die Firma das angebliche Hightech-Smartphone hergezaubert haben will, ist eine Geschichte für sich. Mehrere Hardware-Tester und Tech-Magazine entdeckten im Fold 2 ein Samsung Galaxy Fold – also das Produkt eines anderen Herstellers, das lediglich mit einer Hülle in Gold-Optik verkleidet wurde. Aber warum ist es so verdammt billig?

Längst berichten zahlreiche Kunden in Internet-Foren, dass sie das Gerät zwar bestellt, aber noch nicht bekommen haben. Stattdessen wurden sie offenbar mit einer Autobiografie von Roberto Escobar vertröstet. Steckt dahinter eine Betrugsmasche oder ein großes Missverständnis? Darüber rätseln Tech-Journalisten seit Wochen, ohne eine abschließende Antwort zu erhalten. Auch eine E-Mail von VICE mit Fragen zum Fold 2 blieb bislang unbeantwortet.

Olof Gustafsson arbeitet an seinem eigenen Outlaw-Image

Was treibt die Firma Escobar Inc. an? Was bei den bisherigen Verhalten der Firma ins Auge fällt: offensiver Geltungsdrang und der Wunsch des Geschäftsführers Olof Gustafsson, irgendwann reich zu werden. Dabei hat er sich offenbar Pablo Escobar zum Vorbild genommen und bezeichnet ihn in einem Interviews mit der Zeit als Marktpionier und Marketing-Genie. Was während dieses Gesprächs ebenso deutlich wird: Gustafsson steht gerne im Rampenlicht, wirft sich für Fotos in Gangster-Posen und sucht aktiv Kontakt zu Prominenten.

Auf seinem Twitter-Account posiert Gustafsson mit Persönlichkeiten aus Film, Musik und Politik wie Sean "P. Diddy" Coombs, Avril Lavigne oder dem ehemaligen haitianischen Präsidenten Michel Martelly. Er teilt Links zu positiven und negativen Artikeln über seine Produkte, getreu dem Motto: Auch schlechte Publicity ist gute Publicity. Das bekräftigt er auch im Gespräch mit der Zeit und beschreibt beispielsweise die Falthandys als PR-Maßnahme, "um die Marke Escobar lebendig zu halten und in den Nachrichten zu bleiben".


Auch auf VICE: Das neue Kokain Kolumbiens


Auf dem Papier sieht Escobar Inc. dagegen weniger groß aus. Während die Firma auf ihrer Website mit 100 Milliarden US-Dollar Gewinn seit 1984 protzt, beträgt das Geschäftsvolumen von Escboar Inc. in Puerto Rico laut Jahresbericht 2019 weniger als 3 Millionen US-Dollar. Aus den schillernden Angeboten – Flammenwerfer, Kryptowährung, Falthandy – ist nicht viel geworden.

Gustafsson arbeitet derweil an seinem eigenen Outlaw-Image weiter: Mittlerweile gibt es auf der Homepage der Firma einen eigenen Reiter "Legal Disputes and Cases", in dem alle laufenden und abgeschlossenen Verfahren aufgelistet werden. Möchte der CEO von Escobar Inc. selbst zu einer Legende werden? Bücher, Filme und Serien in seinem Namen oder ein eigenes Viertel nach dem Vorbild des Barrio Pablo Escobar wird ihm die streitlustige Firma wohl nicht einbringen.

Folge Florian Zandt auf Twitter und VICE auf Facebook,Instagramund Snapchat.

Anzeige