Menschen

Als Kind zündet Amed einen Koran an – und wird gefoltert

Heute lebt er als Ex-Muslim und Aktivist in Deutschland. In seinem neuen Buch erzählt er seine Geschichte.
5.10.20
Illustration: Ein Auge guckt zur Seite, dahinter die schwarze Silhouette eines Polizisten mit Knüppel
Foto: imago images | Ikon Images

Amed Sherwan wird im irakischen Kurdistan in eine sehr religiöse Familie hineingeboren. Er ist ein wilder Junge, sein großer Halt im Leben ist der Islam – bis er auf den Glauben keine Lust mehr hat. Amed sagt sich los von Allah, er ist noch ein Kind und wird trotzdem verhaftet und gefoltert. Der Fall geht durch die Presse und Amed gerät in Lebensgefahr und flieht in eine deutsche Studentenstadt. Gemeinsam mit der Autorin Katrine Hoop hat er seine Geschichte aufgeschrieben.

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Auszüge aus den ersten Kapiteln von "Kafir: Allah sei Dank bin ich Atheist" veröffentlicht VICE hier. Kafir ist arabisch für "Ungläubiger".

"Kopfsteinpflaster", schießt es mir durch den Kopf, als eben dieser mit voller Wucht auf die Straße knallt. Ich habe meine Freundin mal gefragt, warum das so heißt, sie hat die Antwort nachschlagen müssen. Nun liegt mein Kopf auf dem harten Pflasterstein, während Schläge und Tritte auf mich einprasseln, und ich habe keine Ahnung, ob mich ein Islamist deswegen von hinten umgetreten hat, weil ich seinen Gott beleidigt habe, oder ein Rassist sich an meinem Flüchtlingsgesicht gestört hat.

Als eine Polizistin mich wenige Minuten später fragt, wie es zu diesem Vorfall gekommen ist, ist meine Sicht zwar noch leicht vernebelt, die Situation aber inzwischen klar. Und so fasse ich die relevanten Lebensereignisse routiniert zusammen. Manchmal wirken meine Erinnerungen auf mich so fremd, als seien sie gar nicht meine. Ich habe Teile meiner Geschichte schon so oft erzählt, dass sie sich anfühlen wie Textdateien in meinem Kopf, die ich rausholen und vortragen kann, wenn mich jemand danach fragt.

Der Autor Amed Sherwan lächelt in die Kamera, Amed hat eine Biografie über Folter, Flucht und den Islam geschrieben

Amed Sherwan, Foto: Florian Chefai

Fragmente meiner Kindheitserlebnisse erzähle ich wie unterhaltsame Anekdoten, die ich irgendwo aufgeschnappt habe. Berichte aus einer anderen Welt. Und trotzdem gibt es keinen Tag, an dem ich nicht daran erinnert werde, wie alles damals vor 21 Jahren in Kurdistan angefangen hat. […]

Der Krieg

Der staubige, schmale Bürgersteig entlang der Straße vor unserem Haus war wie ein Treppenabsatz, auf dem wir Kinder oft saßen, mit Steinen oder Murmeln spielten oder einfach die Straße beobachteten. Einmal konnten wir sehen, wie der Präsident mit seinem Gefolge durch unsere Stadt kam. Schwerbewaffnete Truppen begleiteten seinen Zug durch die Straßen und die Luft war von Helikopterlärm erfüllt. Wir standen auf, staunend und ehrfurchtsvoll vor dem mächtigsten Mann unserer Region.

Sie hatten uns von Saddam befreit. Sie erschienen mir wie Helden aus einem Märchen.

Manchmal fuhren amerikanische Soldaten auf einem Pickup auf der großen Straße am Haus vorbei. Vorne zwei Menschen in der Fahrerkabine und hinten jemand mit Waffe an einem Stand. Manchmal gingen sie auch zu Fuß, und wenn sie an unserer Ecke in die Straße einbogen, sprangen mein kleiner Bruder und ich aufgeregt auf und rannten ihnen hinterher. Manchmal drehten sie sich dann zu uns um, lächelten und sagten etwas auf Amerikanisch. Mein Bruder und ich bewunderten diese großen Männer. Einige hatten ganz helle Haare, andere ganz dunkle Haut. Sie waren die Guten und hatten uns von Saddam und seinem Vetter Ali Chemie befreit. Sie erschienen mir wie Helden aus einem Märchen.


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Auf dem Weg zurück imitierten wir die amerikanischen Worte, begrüßten uns mit "Hello", kicherten und fragten uns, wie es wohl in Amerika war. Und dann hockten wir uns wieder an den Straßenrand, spielten mit Murmeln und warteten darauf, dass unser Vater von der Arbeit kam. Er lächelte immer breit, wenn er uns beide sitzen sah. Wir rannten dann auf ihn zu und hüpften an ihm hoch. Manchmal packte er einen von uns und wirbelte uns einmal durch die Luft. Mein Vater war auch ein Held. Er hatte dichtes schwarzes Haar, dunkle Augenbrauen und einen Schnauzer, so wie jeder Mann mit Autorität. Ich war stolz auf meinen Vater. Er hatte sein Leben und seine Familie im Griff. Er war gottesfürchtig, schreckte aber sonst vor nichts zurück und war jederzeit bereit, zu den Waffen zu greifen, um die Ehre seiner Familie oder seines Volkes zu verteidigen.

Manchmal holte er seine alten Waffen aus dem Schrank und zeigte sie uns. Wir durften sie anfassen und er erzählte uns dann von der Zeit, als er gegen die Araber gekämpft hatte. Er war in den Bergen gewesen. Wie er wohl da gelebt hatte? Hatte er morgens zu Hause gegessen und danach in den Bergen gekämpft? Die Erwachsenen redeten oft von der Zeit, als die Kurden keine anderen Freunde hatten als die Berge. Und ich stellte mir gerne vor, dass die Berge riesige, freundliche Wesen waren, die meinen Vater versteckt und beschützt hatten im letzten großen Krieg. […]

Der Urin

"Meine alte Heimat riecht nach Benzin, meine neue nach Urin", sage ich und reiche meinem Freund, dem Computerfachmann, und meiner Freundin jeweils ein Bier. Das Kneipenkollektiv hat die Schicht ausfallen lassen. Deshalb haben wir unser Bier im Kiosk gegenüber gekauft und stehen damit nun vor einem leerstehenden Supermarkt.

"Wir sind in der Gosse gelandet", stellt der Computerfachmann fest und legt einen kleinen Stepptanz hin. "Das ist ein Zeichen", sagt meine Freundin. Er fragt sie, wofür das ein Zeichen sein soll. "Dafür, dass wir es uns lieber auf dem Sofa bequem machen sollten."

Wenn ich morgens mit Speichel auf den Lippen aufwachte, hatte Satan sie nachts angepinkelt.

Es stinkt wirklich erbärmlich hier. Aber so ist es halt, wenn weit und breit keine öffentliche Toilette in Sicht ist. In Irakisch-Kurdistan ist an jeder Ecke eine Moschee mit Waschgelegenheit und Klo. Aber vermutlich gibt es in jedem anderen Land mehr öffentliche Toiletten als in Deutschland.

"Ob die Überwachungskamera wohl noch aufzeichnet?", fragt der Computerfachmann und zeigt auf ein Gerät oben am verrammelten Eingang. "Das ist mir wurscht", entgegne ich und baue einen Joint direkt vor der Kamera. "Du hast echt einen Sockenschuss", meckert meine Freundin. Mein deutscher Wortschatz besteht aus einer eigentümlichen Mischung aus komplizierten Fachbegriffen und seltsamen Schimpfwörtern. Das passiert, wenn man sein Deutsch von angetrunkenen Linksintellektuellen lernt. "Sockenschuss ist kein schönes Wort", entgegne ich und reiche dem Computerfachmann den Joint. […]

Die Pingeligkeit

Im Sommer war es tagsüber brütend heiß in unserem Haus. Der Ventilator an der Decke lief ständig, und ein Klimagerät vor dem Fenster pustete heftig in den Raum. Wir stellten uns davor und ließen unsere Haare im Wind wehen und uns das Gesicht kühlen. Im Winter war es kalt und wir hockten nahe am Ölofen, wärmten unseren Tee oder legten ein Fladenbrot darauf.

Vor den Mahlzeiten achtete meine Mutter pingelig auf unsere Sauberkeit. Wir mussten die Hände waschen und vor allen Dingen darauf achten, dass kein Dreck unter den Fingernägeln steckte. Denn wenn die Fingernägel dreckig waren, konnte Satan sich darin verstecken. Satan nutzte jede Gelegenheit, sich anzuschleichen. Wenn ich morgens mit Speichel auf den Lippen aufwachte, hatte Satan sie nachts angepinkelt und ich musste sie schnell sauber waschen. Die Zähne waren aber offensichtlich nicht sein Revier, ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir als kleine Kinder jemals Zähne geputzt hätten. […]

Das Gespräch

"Hast du Zeit für ein Gespräch, Baba?", fragte ich meinen Vater, als er von der Arbeit nach Hause kam. Ich war vor einer Woche fünfzehn geworden und seit der Nacht auf dem Dach waren mehr als zweieinhalb Monate vergangen. Es gab keinen strafenden Gott und den Strafen der Welt würde ich mich stellen. Ich konnte und wollte meine Überzeugung nicht mehr für mich behalten.

"Ja, was ist, Kúřim?" So feierlich hatte ich ihn noch nie um ein Gespräch gebeten. "Ich respektiere, dass du und Daya gläubig seid." Ich hatte mir überlegt, wie ich es am besten anfing. "Aber ich glaube nicht an Gott. Ich kann mit dem Islam nichts anfangen. Ich bin Atheist."

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Dann brach ein Gewitter über mich los. Ich erinnere mich nicht mehr an

seine Worte, aber an sein wutverzerrtes Gesicht. Er brüllte mich an und schlug auf mich ein. "Du wirst mich nicht brechen, Baba", dachte ich bei mir und ertrug die Schläge, ohne einen Laut von mir zu geben, bis meine Mutter dazwischenging und mein Vater von mir abließ. Es fühlte sich an wie ein Waffenstillstand. Wir hatten viele Kämpfe miteinander gehabt, ich würde auch diesen überleben. Ich ging nach oben und setzte mich an den Computer. Hana Silêmanî war Vergangenheit. Ich löschte das Profil, loggte mich mit meinem Klarnamen auf Facebook ein und teilte dort meinen ersten islamkritischen Beitrag. Ich war ein freier Mensch, ich würde offen zu dem stehen, was ich dachte.

Er griff meine Füße, legte sie auf etwas Hartes und band meine Fußgelenke daran fest.

Am nächsten Tag sprachen wir nicht über den Vorfall. Ich ging zur Schule und kam wieder nach Hause. Abends zog ich meinen Pyjama an und setzte mich in meiner Ecke an den Computer. Es war elf Uhr abends und ruhig im Haus. Plötzlich hörte ich Motorengeräusche. Ich schaute aus dem Fenster und sah meine Eltern im Auto wegfahren. Das war ungewöhnlich. Aber sie würden ihre Gründe haben. Mir war es egal. Kurz danach kamen sie zurück und waren offensichtlich nicht allein. Ich hörte fremde Stimmen und Schritte im Treppenhaus. Die Tür zum Zimmer ging auf. Mein Vater kam rein, mit ihm drei uniformierte Polizisten und zuletzt meine Mutter. Ich starrte sie verdattert an.

"Was ist passiert?"

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"Das ist er?", fragte einer der Polizisten. Mein Vater nickte.

Der Tanz

Ich fiel in mich zusammen und ließ mich widerstandslos in den ersten Stock schleifen. Die Polizisten grüßten einen Beamten vorne am Schalter und schubsten mich in einen Hinterraum.

"Sei froh, dass die Wache heute nicht voll besetzt ist", grinste der eine und schloss die Tür hinter sich zu.

"Aber wir werden auch zu dritt mit dir fertig. Du beleidigst also den Propheten? Du glaubst nicht an Gott?" Sie umringten mich, beleidigten mich und schlugen dabei auf mich ein.

"Es tut mir leid, bitte lasst mich wieder gehen!"

Ich hatte furchtbare Angst. Aber sie ignorierten mein Flehen. Sie zwangen mich auf den Boden. Zwei Polizisten drehten mich auf den Rücken, der dritte riss mir die Schuhe von den Füßen und zog mir die Socken aus. Er griff meine Füße, legte sie auf etwas Hartes und band meine Fußgelenke daran fest. Das Band schnitt mir in die Haut und drückte schmerzhaft gegen die Ferse. Dann riss er meine Beine plötzlich und ruckartig hoch und ich sah, dass sie quer an eine Kalaschnikow gebunden waren. Ein weiterer Polizist übernahm das andere Ende des Gewehrs. Der dritte stellte sich hinzu und schlug zunächst leicht und dann immer härter mit Kabeln auf meine Fußsohlen ein.

"Glaubst du an Darwin? Sind wir Affen?" Sie bespuckten mich. Immer wenn ich vor Schmerz aufschrie, lachten sie.

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"Bitte, hört auf. Es tut mir leid."

"Wir werden dich Respekt vor dem Propheten lehren", sagte der mit den Kabeln. Er hielt kurz inne und ging an ein Regal, kam zurück und hielt etwas gegen meinen Fuß. Mein ganzer Körper zitterte. Elektroschocks. Immer wieder. Der Schmerz zog wie Blitze durch meinen Körper und vernebelte meine Gedanken. Nach einer Ewigkeit war es vorbei. Ich lag ganz still und wartete. Einer band das Gewehr los.

"Steh auf!", befahl er mir. Ich gehorchte. Mit steifen Beinen, wackeligen

Knien und schmerzenden Füßen stand ich im Pyjama vor den drei großen Männern und machte laute Schluckgeräusche, während sie mit kalten Blicken auf mich herabschauten.

"Du meinst, dass wir von den Affen abstammen?", sagten sie hämisch.

"Komm, tanz für uns, kleines Äffchen. Tanz!"

"Bitte, ich kann nicht mehr!" Die Tränen liefen mir über die Wangen. Aber sie hatten kein Erbarmen und ich setzte mich ungelenk in Bewegung.

"Nein, nein, du musst richtig tanzen wie ein Affe", brüllten sie und gestikulierten, dass ich Kniebeugen machen und hochhopsen sollte. Wenn ich müde wurde, schlugen sie, bis ich mich wieder bewegte.

Irgendwann wurde mir schwarz vor Augen.

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