So müsste sich Deutschland umkrempeln, um die Pariser Klimaziele zu erreichen

Fridays for Future haben untersuchen lassen, dass Deutschland bis 2035 CO2-neutral werden muss. Die gute Nachricht: Es ist generell machbar.
13.10.20
Eine FFF-Demonstrantin hält in Berlin ein Schild hoch, auf dem steht: 2038? Das reicht nicht
Foto: IPOK | imago images

"Wir sind heute hier, weil immer noch jeder Plan für die Einhaltung des Klimaziels fehlt", sagt FFF-Sprecher Sebastian Grieme bei einer Pressekonferenz in Berlin am Dienstagmorgen. Damit hat er Recht. Denn Deutschland verschreibt sich zwar vordergründig Klimazielen, aber was getan wird, reicht hinten und vorne nicht, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen und weitere Katastrophen abzuwenden. Doch genau dazu hat sich die Bundesregierung im Pariser Klimaabkommen und in vielen weiteren warmen Worten danach verpflichtet. Das war vor fünf Jahren. Eine Lösung gibt es bis heute nicht.

Deshalb hat Fridays for Future eine von der GLS Bank finanzierte Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben und unter dem Slogan #SoGeht1Komma5 heute vorgestellt. Ihr Kern ist eine gute Nachricht: Wir können es noch schaffen. Aber es wird hart. In der vom Wuppertal Institut, einem privaten Forschungs-Think-Tank, durchgeführten Studie geht es darum, wie sich die Wirtschaft in Deutschland verändern muss, um CO2-neutral zu werden. Sie zeigt vor allem eins: Wenn es Deutschland auch nur ansatzweise ernst meint mit den Klimazielen, dann muss sich das Land jetzt sofort komplett umkrempeln. Und zwar nicht bis 2050, sondern schon in gerade mal 15 Jahren bis 2035.

Wie sich Deutschland in 15 Jahren verändern muss

Es sind krasse Einschnitte, die laut Studie sofort erfolgen müssen. Ein paar Beispiele aus der Energiewirtschaft:

  • Stromversorgung aus 100 Prozent erneuerbaren Energien
  • Die Versorgung mit grünem Wasserstoff muss um einen Faktor von sieben bis neun hochgefahren werden, das geht nur durch Importe und damit nur durch Kooperationen, was nicht einfach wird
  • Kompletter Kohleausstieg bis 2035
  • Drei- bis viermal so viele Windkraftanlagen und Photovoltaikanlagen bauen
  • Elektrische Heizpumpen in Gebäuden, gute Dämmung, vier Prozent energetisch sanierte Gebäude statt aktuell ein Prozent, flexible Nutzungen von Gebäuden

Auch für Verkehr und Industrie muss bis 2035 alles anders werden, wenn wir die Ziele erreichen wollen:

  • Verkehr muss verlagert oder vermieden werden. Der Autoverkehr soll halbiert werden, der ÖPNV verdoppelt
  • Ein Drittel aller Güter-LKWs müsste auf die Bahn verlagert werden
  • Über die Autobahnen müssten 8.000 km Oberleitungen gelegt werden
  • Keine innerdeutschen Flüge mehr
  • In den Städten nur noch Elektroautos und zwei Drittel weniger Fahrzeuge, dazu Tempolimits und Citymaut. Kein Geld mehr in den Straßenbau
  • Selbst Schwerindustrien wie die Stahlherstellung müssten komplett auf grünen Wasserstoff umsteigen

Wer sich weiter dafür interessiert, sollte unbedingt einen Blick in die Studie werfen. Denn dort sind nicht nur die nötigen Maßnahmen ausgeführt, sondern auch, wie krass sie sich in großen Teilen von den politisch festgelegten Zielen unterscheiden, auf die Deutschland gerade hinarbeitet.

Was nicht berücksichtigt wurde

Wichtige Unterscheidung: In der FFF-Studie wird Deutschland 2035 CO2-neutral, aber nicht klimaneutral. Das liegt daran, dass ein zentraler Sektor aus Komplexitätsgründen gar nicht erst berücksichtigt wurde: die Landwirtschaft. Auch hier, betonen die Autoren, bräuchte es parallel gigantische Einsparungen in Methan- und Lachgasen, um das Klima zu retten.


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Und: Obwohl die Studie immer wieder betont, man müsse die Umstrukturierungen sozial abfedern, macht sie keine Vorschläge, wie das passieren soll. Soziale Folgen, zum Beispiel Jobverluste, nötige Einsparungen an anderen Stellen oder dass ältere Menschen infrastrukturell abgehängt werden könnten, blendet die Studie ganz aus und fordert weitere Forschungen dazu.

Genauso spielt die EU oder ein möglicher internationaler Green Deal in der Studie keine Rolle. Hier geht es eben nur um das Kehren vor der eigenen Haustür – denn wenn jeder nur auf seine Nachbarn schaut, macht am Ende niemand etwas.

Was soll das Ganze kosten und wer soll es bezahlen?

In der Studie werden keine Kosten angegeben – schließlich geht es um die Rettung des Planeten und nicht um eine verhandelbare Größe, die man sich vielleicht mal irgendwann leisten könnte.

Die trotz allem berechtigte Frage nach den Kosten kommt auch sehr früh in der Pressekonferenz auf – Manfred Fischedick vom Wuppertal Institut nennt auf Nachfrage eine Schätzung vom Fraunhofer Institut von 100 Milliarden Euro pro Jahr.

Das höre sich erstmal wahnsinnig viel an, räumt er ein, aber man müsse diese Zahl mit dem Bruttoinlandsprodukt in Deutschland (3,44 Billionen Euro im vergangenen Jahr) oder dem gerade verabschiedeten Corona-Konjunkturpaket (130 Milliarden Euro) ins Verhältnis setzen. Außerdem könnte Deutschland einen großen Teil dieser Kosten durch Gewinne und die Vermeidung von Folgekosten kompensieren – etwa, weil der Rhein weiter schiffbar bleibt oder weil die Luftqualität in den Städten steigt.

So berechnet die Studie das deutsche CO2-Budget

Aktuell liegt die Erderwärmung schon bei 1,2 Grad. Damit die Menschheit eine zumindest 50-prozentige Chance hat, die Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, dürfte die gesamte Weltbevölkerung noch maximal 580 Gigatonnen CO2 ausstoßen. Soweit die Fakten gemäß den Berechnungen des Weltklimarats IPCC.

Sehr wahrscheinlich werden manche Menschen mehr und andere weniger CO2 in die Atmosphäre blasen. In dieser Studie des Wuppertal Instituts gehen die Forscher aber von einer gerechten globalen Verteilung dieses Budgets aus – was nicht ganz unumstritten, aber fair ist.

Danach hätte Deutschland ein Restbudget von 4,2 Gigatonnen CO2. Aktuell stößt Deutschland aber schon jedes Jahr 0,8 Gigatonnen aus. Wenn Deutschland also selbst nur seinen Beitrag zur Begrenzung der Klimakatastrophe leisten will, muss es sich bereits extrem anstrengen.

Was sollen wir jetzt machen?

Die Studie lässt einige Rahmenbedingungen unberücksichtigt, aber ist vielleicht die erste tatsächliche gute Diskussionsgrundlage für echte Klimapolitik, an der sich die Politik messen kann – und muss.

Parteien müssen damit konfrontiert werden, wie konsequent und ehrlich sie sich diesen Zielen und Maßnahmen verschreiben. Und sich schon mal Gedanken machen, wie man diese notwendigen Umstürze sozial abfedern kann.

Und die Bürgerinnen und Bürger müssen versuchen, die Parteien zu wählen, die die Zukunft unseres Planeten ernst nehmen. Die Zahlen liegen auf dem Tisch, die Zeit läuft. Jetzt liegt es an uns.

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