Sind Flüchtlinge krimineller als Deutsche?

Wir haben uns die Situation von zwei Kriminalitätsexperten erklären lassen.

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01 Februar 2016, 11:16am

Ein Flüchtling wird bei einem Protest in Berlin verhaftet. Foto: imago | Christian Ditsch

Nach den Übergriffen der Silvesternacht in Köln wird viel darüber diskutiert, wie viel Kriminalität mit den steigenden Flüchtlingszahlen nach Deutschland kommt. Sachlich und faktenbasiert sind diese Debatten oft nicht. Bei einer Veranstaltung in Bochum haben der Kriminologie-Professor Thomas Feltes und der Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter André Schulz über den Zusammenhang zwischen Zuwanderung und Kriminalität berichtet—der tatsächlich kleiner ist, als viele annehmen.

Weltweit sind so viele Menschen auf der Flucht wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Auch in Deutschland ist die Zahl der Flüchtlinge im vergangenen Jahr stark angestiegen. Steigen damit auch die Straftaten in Deutschland? „Ja, warum denn nicht?", sagt Thomas Feltes. Wo es mehr Menschen gibt, werden auch mehr Straftaten begangen. Überproportional würden die Straftaten allerdings nicht ansteigen.

André Schulz (links) und Thomas Feltes | Foto: Felix Huesmann

Dabei gibt es auf den ersten Blick tatsächlich Hinweise darauf, dass „Ausländer" insgesamt häufiger Straftaten begehen als Deutsche—zumindest wenn man die Bedeutung von Kriminalstatistiken nicht ganz versteht. Die Polizeiliche Kriminalstatistik für Deutschland wird jedes Jahr vom Bundeskriminalamt veröffentlicht und ist seit jeher ein gerne benutzter „Beweis" für die These vom „kriminellen Ausländer". Obwohl der Ausländeranteil an der Gesamtbevölkerung lediglich zehn Prozent betrage, sei der Anteil ausländischer Tatverdächtiger in der aktuellen Kriminalstatistik mit 23 Prozent mehr als doppelt so hoch. Laut Feltes ist das aber wenig aussagekräftig: Unter Flüchtlingen und anderen Zuwanderern ist nämlich auch der Anteil junger Männer in schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen besonders hoch—die Gruppe, die am häufigsten straffällig wird. Deutsche, so Feltes, würden unter den selben Vorraussetzungen genauso häufig kriminell. Der Professor betont: „Kriminalität ist keine Frage des Passes, sondern der Lebenslage."

Der Kriminalhauptkommissar und Polizeigewerkschafter André Schulz betont außerdem, dass unter den straffällig gewordenen Zuwanderern nur wenige Menschen aus Kriegsgebieten seien. In vielen Fällen würden die Täter sich lediglich als Flüchtlinge ausgeben und in Bandenstrukturen agieren oder teilweise sogar durch Mafia-Strukturen nach Deutschland kommen. Im Hinblick auf die Silvesternacht in Köln und Straftaten wie „Antanztrick-Diebstähle" sagt Schulz außerdem: „Das ist nicht ‚der Marokkaner', sondern eine bestimmte Personengruppe."

André Schulz berichtet auch Zahlen des Bundeskriminalamts, die aufschlüsseln, welcher Straftaten Zuwanderer verdächtigt werden: 33 Prozent seien Vermögens- und Fälschungsdelikte—worunter auch Schwarzfahren fällt. Wieder 33 Prozent seien Diebstähle, meist Ladendiebstähle, wie er betont. 18 Prozent entfallen laut Schulz auf Roheitsdelikte wie Raub und Körperverletzungen—die in den meisten Fällen von Flüchtlingen an anderen Flüchtlingen begangen würden. Tötungsdelikte und Sexualstraftaten seien beide im Bereich von unter einem Prozent. Die Zahlen seien zwar nicht aus allen Bundesländern vollständig, würden aber eine gute Übersicht abgeben. Schulz sieht auch einen Zusammenhang zwischen der Unterbringung von Flüchtlingen und der Kriminalitätsentwicklung:

„Aufgrund der Unterbringung schaffen wir den Nährboden für einen großen Teil der Straftaten." Dem entgegenwirken könne man vor allem durch eine schnelle Integration in die Gesellschaft.

Prävention statt Repression

Im Gegensatz zu vielen Stimmen in der Debatte um Flüchtlinge und Kriminalität fordern Feltes und Schulz weder das Schließen der Grenzen noch härtere Strafen. André Schulz verweist auf die hochgerüstete Grenze zwischen Mexiko und den USA: Dort gebe es viele eingesetzte Beamte, viele Grenztote, eine „pegida-artige Miliz" und trotzdem schafften es viele Migranten in die USA.

Auch mehr Polizei sei nicht die Lösung, so Professor Feltes. „Mit mehr Polizei habe ich nicht weniger Straftaten oder mehr Aufklärung. Die Polizeidichte geht in Deutschland auch nicht mit der Aufklärungsquote zusammen." Auch alle „einfach wegzusperren", sei nicht die Lösung. Im Fall marokkanischer Zuwanderer würde es zum Beispiel vor allem an legalen Perspektiven mangeln, die ein Abrutschen in die Kriminalität verhindern. Generell betont er: „Prävention ist wichtiger als Repression." Das sei nicht nur effektiver, sondern auch um ein Vielfaches günstiger.