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'Pony Island' ist ein gewagtes, dämonisches und wahnsinniges Meisterwerk

Daniel Mullins' neuestes Computerspiel ist wunderschön durch—und genau deswegen musst du es spielen.
22.1.16

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Steam

Stell dir mal folgendes Szenario vor: Es ist stockfinstere Nacht, außer dem Trommeln des Regens an deine Fenster ist nichts zu hören und plötzlich fängt eine bösartige Flüsterstimme an, durch dein altes analoges Radio auf Latein mit dir zu sprechen.

Alternativ kannst du dir auch ausmalen, wie dein Fernseher mitten in der Nacht plötzlich beginnt zu rauschen und inmitten der zischenden Kakophonie eine gutturale und roboterhaft klingende Dämonenstimme in fremden Zungen redet. Du würdest dir vor Angst doch sicher sofort in den Schlafanzug machen, oder?

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Die Vorstellung davon, dass sich dämonische Geister unsere Technologie zu Nutze machen, hat schon immer für Angst und Schrecken gesorgt. Und seit Carol Anne in Steven Spielbergs Klassiker Poltergeist ihre Hand nach dem Fernseher ausstreckte, ist das Horror-Genre wie besessen davon, dass unsere Radios, Handys und Bildschirme als eine Art Kommunikationsmittel für angepisste Dämonen fungieren können.

Aber was wäre, wenn auch ein Videospiel besessen sein könnte? Was würde passieren, wenn man genau dieses Videospiel zockt? Was würde ein dämonisches Spiel mit dem Spieler machen? Und wie könnte man ihm den Dämonen wieder austreiben?

Zwar hat es zwar wahrscheinlich schon jeder Videospiel-Journalist der Welt gesagt, aber Daniel Mullins' grandioses Werk Pony Island dreht sich weder um Pferde noch um Inseln. Nein, es handelt sich dabei um ein Game, das von Satan eingenommen wurde, um die Seele des Spielers zu stehlen.

In der vermeintlichen Kreuzung aus Her Story und dem Film Unknown User spielt man einen Typen, der selbst wiederum ein fröhlich buntes Videospiel namens Pony Island spielt, und findet schließlich heraus, dass der unbeschwerte Jump'n'Run-Vertreter von einem dämonischen Virus heimgesucht wurde. Dieser Virus stellt sich dann als der Teufel persönlich heraus und er hat innerhalb der Benutzeroberfläche des Spiels eine Reihe an Rätseln und Herausforderungen vorbereitet, die dich davon abhalten sollen, drei wichtige Dateien zu löschen und Luzifer so zu vertreiben. Der Großteil des Spiels besteht entweder aus einfachen Schieberätseln, bei denen der Spieler einen Schlüssel durch ein Hindernis-Labyrinth führt, oder aus Jump'n'Run-Sequenzen, bei denen man das titelgebende Pony spielt und damit über Zäune springt oder Dämonen zerstört.

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Pony Island hat so viele positive Seiten—wir fangen einfach mal mit der Umkompliziertheit an. Trotz des gewollt wahnsinnigen Inhalts kann sich wirklich jeder Mensch hinsetzen und das Spiel spielen. Man braucht lediglich eine Maus und eine kleine Portion Geschicklichkeit. Also noch mal: Wirklich jeder kann sich vor seinen Computer setzen und in dieses durchgedrehte Spiel eintauchen. Und auch deine Mitbewohner kannst du locker von Making a Murderer wegziehen und für ein paar Stunden vor diesem Meisterwerk platzieren—glaub mir, sie werden dich dafür lieben.

Menübildschirme kollabieren, Binärcodes verteilen sich im Spielgeschehen, es zuckt und flimmert an allen Ecken und Enden und die pixelige Grafik wird auf immer fantasievollere Art und Weise zerrissen, manipuliert und verzerrt. Visuell gesehen gleicht Pony Island einem 8-Bit-Feuerwerk, das BBC-Micro-Horror nahtlos mit Übelkeit verursachenden Abschnitten, bombastischen Boss-Battles und in sich zusammenfallenden Bildschirmen verknüpft. Die Rätsel selbst sind ein faszinierender Mischmasch aus leuchtenden Platten, Icons und fiebrigen Binär-Strömungen. In dem ganzen Wahn sind aber auch immer wieder mal Hinweise versteckt, deren Schnörkellosigkeit eigentlich nur durch das atemberaubende optische Chaos versteckt wird. Die Macher von Pony Island geben sich offensichtlich nicht damit zufrieden, sich so wie so viele Videospiele dieser Generation nur an vergangenen Titeln zu orientieren.

Das Ganze macht aber nicht nur optisch etwas her, sondern auch akustisch. Pony Island ist definitiv eines dieser Videospiele, die man für den vollen Genuss mit Kopfhörern spielen muss. Außerdem kostet der Spaß nur 4,99 Euro und ist damit ein absolutes Schnäppchen—und wenn du noch 80 Cent mehr übrig hast, dann kann ich dir nur wärmstens empfehlen, auch gleich noch den dazugehörigen 8-Bit-Hommage-Soundtrack von Jonah Senzel einzutüten.

Und dann gibt es natürlich die Momente, in denen Pony Island einfach anders ist und die sich in dein Gedächtnis einbrennen. Allerdings wäre es einfach nur falsch, hier jetzt näher auf die Tricks einzugehen, die das Spiel während seiner dreistündigen Laufzeit mit dir abzieht. Ich sage es einfach mal so: Mullins' Spiel durchbricht ständig die vierte Wand. Es weiß, dass du es spielst. Es ist ein Spiel, das weiß, dass es ein Spiel ist, in dem es um ein Spiel geht. Und es weiß, dass du weißt, dass es weiß, dass du es weißt. Es ist ein Spiel, das genau im Bilde darüber ist, was du erwartest. Es gibt dir Hinweise, es legt sich mir dir an und es lacht sowohl mit dir als auch über dich. Es weiß, was du wohl als Nächstes vorhast, und zieht dir daraufhin den Boden unter den Füßen weg. Es reißt dich in seine Welt und zwingt dich dazu, nach seinen eigenen verdrehten Regeln zu spielen. Es lässt dich klug dastehen—so wie das bei jedem guten Rätselspiel der Fall sein sollte—, aber genauso gut kann es dich zum letzten Volltrottel degradieren.

Man weiß eigentlich sofort, ob man auf solche Spiele wie Pony Island steht, aber falls du dir noch nicht ganz sicher sein solltest, dann gebe ich dir folgenden Tipp: Öffne die Steam-Homepage, installiere das Spiel, warte bis Mitternacht, wenn der kalte Januarwind durch die Straßen pfeift und die Straßenlaternen gedimmt leuchten, bereite dir noch eine Tasse dampfenden Kaffee zu und setze dir dann zum Ziel, dich erst wieder von deinem Computer abzuwenden, wenn das Spielerlebnis vorbei ist. Kopfhörer auf und los!

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Überwinde jedes Hindernis, das dir das Spiel in den Weg wirft. Beende das Ganze mit dem komischen, aber zufriedenstellenden Gefühl, dass du gerade ziemlich unter die Räder gekommen bist. Fahre deinen Computer runter und krieche ins Bett. Schließe deine Augen und versuche, dich daran zu erinnern, wann du das letzte Mal ein so überraschendes und kreatives Spiel gespielt hast. Und dann schläfst du ein und wirst davon träumen, wie Sadoko aus dem Fernseher kriecht, wie sich schwedische Dämonen in endlosen Fluren in Radios einschleichen und wie in einer perfekten Welt jedes Videospiel so schön verstörend und wunderbar durch daherkommt wie Pony Island.