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„Euer Vater war ein Säufer.“ Grabredner sind die neuen Humanisten!

Und ganz nebenbei können sie vom Schreiben leben. Das muss man auch erst mal schaffen.
23.3.15

Foto: David Sorich | Flickr | CC BY-SA 2.0

In einer perfekten Welt wäre jeder glücklich. Die Griechen hätten keine Schulden mehr, Reiner Calmund könnte essen, ohne dicker zu werden, und ich müsste nicht sterben. Und wenn doch, dann nur selbstbestimmt und erfüllt im Alter von 95 Jahren, nachdem ich alles aufgesogen habe, was die Welt meinem Leben an Herrlichkeit zu bieten hatte. An mein Grab würden Familie und Freunde zu Hunderten kommen, nicht weil sie sich erhoffen, ein Stück von meinem Milliardenerbe abzubekommen, sondern weil sie mich als den großartigen Menschen—der ich schlichtweg wäre—verehren. In dieser weit entfernten Zukunft würde die Hologrammtechnik derart gut entwickelt sein, dass ich bei der Beerdigung meine eigene Trauerrede halte, aufgenommen noch zu Lebzeiten. Sie würde—wie ich—großartig sein und nachdem die Anwesenden ihre Tränen der Rührung weggewischt hätten, ginge ich mit ihnen allen noch einen saufen.

Bei dieser feucht-fröhlichen Angelegenheit würde mein holographisches Ich das Testament verlesen, wonach jeder einzelne meiner Angehörigen genau Nichts bekäme, weil alles Geld in den Bau eines goldenen Mausoleums floss. Aber das wäre OK, wer bräuchte schon Geld, wo er doch im Herzen reich von mir beschenkt wurde. So viel zur Utopie.

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Die Realität kommt wohl so daher: Meine aus der Kindheit wiederentdeckte Liebe zu Eierlikör wird die Eintrittskarte in ein Leben voll Suff und vorn durchnässter Hosen sein, was gleichermaßen mich ins soziale Abseits wie meine Leberwerte auf ein tödliches Hoch befördern wird. Ich werde verbrannt—das spart den Behörden Platz und Zeit—, die Asche wird meinem Stiefenkel aus zweiter von vier Ehen übergeben, der sich als Einziger für meine sterblichen Überreste interessiert, weil ich ihn nie ausstehen konnte und keine Gelegenheit ausließ, es ihn spüren zu lassen. Mit Genuss wird er sich nämlich noch viele Male an den Tag erinnern, als er mich—völlig zurecht—an einer Autobahnausfahrt der A1 aus dem Fenster seines fahrenden VW Polos flattern ließ.

Wenn aber du, mein lieber Leser, weder ein egoistisches Arschloch bist, das bereits zu Lebzeiten Oden auf sich hält, noch einer Zeremonie bedarfst, weil du wie ich bis in alle Ewigkeit auf dem Parkplatz einer Autobahnraststätte vom Wind umher gewirbelt wirst, ja dann steht dir als Verstorbener traditionell eine Grabrede zu. Doch nicht immer findet sich jemand aus dem Bekanntenkreis, der die Kraft hat, sie zu halten, und noch seltener auch das Talent besitzt, sie zu schreiben.

So ähnlich wird übrigens mein verbranntes Ich im Wind dann Tanzen.

Für gewöhnlich halten ein Pfarrer oder andere Geistliche die Trauerrede; doch in einer Welt der wissenschaftlichen Entzauberungen und einer Zeit, in der das Wort Gottes wie in Paris mit Gewehren gepredigt wird, während sich Limburger Bischöfe aus der Kollekte Koi-Karpfen-Becken für 213.000 Euro in ihre Residenzen bauen lassen, haben Religionen mit ihrem Clubangebot ein Problem, wenn es darum geht, ihre Mitgliederzahlen aufrecht zu erhalten.

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Und natürlich sterben Atheisten bzw. konfessionslose Menschen auch. Und wie jeder andere wollen sie gebührend verabschiedet werden. Nur ohne die kirchliche Litanei des Asche zu Asche und Staub zu Staub. Was sie wollen, ist ein ,weltliches Begräbnis'. In diesen Fällen kommen Grab- und Trauerredner wie Eva Vogt ins Spiel: „Ich respektiere alles, was die Menschen glauben oder nicht glauben. Ich habe auch keine Berührungsängste mit dem Christentum und Religion, aber tatsächlich ist das selten der Auftrag, wenn mich die Menschen buchen. Diejenigen, die mich fragen, haben meistens entschieden: ,Wir wollen keinen Pfarrer.'"

Manchmal kommt es trotzdem vor, dass Eva zu einem kirchlichen Begräbnis dazu geholt wird: „Was ich nicht kann, ist das Ausführen sakraler Handlungen." Der Geistliche führt durch die Zeremonie und gibt den Segen, Eva hält die Trauerrede in Gedenken an den Verstorbenen. „Ich bin dann eher für den kreativeren und emphatischeren Part zuständig, was aber nicht heißen soll, dass nicht auch Pfarrer wunderbare Trauerreden halten können!" Die biografische Aufarbeitung eines Verstorbenen braucht aber Zeit. Evas Vorteil: Sie muss keine Messen lesen, Taufen halten oder Paare vermählen. Zudem erliegt sie nicht der Versuchung, die freie Zeit mit zusätzlichen Aufträgen vollzupacken. Einige in der Branche ähneln einem Massenbetrieb, indem sie auch mal mehrere Trauerreden am Tag runterrocken. Eva tut das nicht. Was sie liefert, sind Reden wie maßgeschneiderte Anzüge. Hierfür nimmt sie sich Zeit, geht zu den Hinterbliebenen nach Hause, hört stundenlang zu, wie mit Geschichten und Fotoalben das Leben der Toten nacherzählt wird.

Die existenzielle Maßschneiderin: Eva Vogt

Zurück in ihrer Altbauwohnung durchsucht sie eine Vielzahl Bücher nach passenden Gedichten und trägt die Reden tagelang im Kopf umher. „Fünf Reden im Monat ist das Maximum für die Art, wie ich da rangehe." Mehr kann, mehr will sie nicht schreiben. Angefangen hat sie wie die meisten Trauerredner: Als Quereinsteiger und Autodidakt. Und wie die meisten hat sie studiert. Kulturpädagogik mit Schwerpunkt Bildende Kunst und Psychologie. Zunächst hatte sie einen Job an der Akademie für Film und Fernsehen in Berlin, später arbeitete sie dem Executive Producer einer Produktionsfirma für Fernsehunterhaltung zu. „Das war das Fernste, was ich eigentlich machen wollte, aber es war wahnsinnig gut bezahlt." Schließlich kam der Sinneswandel. Ein Jahr lang war sie ehrenamtliche Sterbebegleiterin im Hospiz, lernte dann in Hamburg eine Bestatterin kennen, die wie sie selbst auch den Anspruch hatte, das Thema Tod vom oftmals biederen Anstrich zu befreien. „Bestattungen kann man ganz anders machen als diese unpersönliche Abfertigung. Die Idee war, die Sterbekultur etwas aufzubereiten und sie nicht nur diesem altbackenen Menschenschlag zu überlassen." Und so geschah es dann auch.

Als etwa eine Flasche Schnaps zwischen den Sitzreihen bei der Sargfeier einer Trinkerin umherwanderte und die Gäste zu singen begannen, da rümpfte Eva nicht die Nase, sondern sang mit: „Selbst wenn die fünfte Flasche noch die Runde gemacht hätte, wäre das kein Problem gewesen. Wenn das die Gemeinschaft der Überlebenden mit sich und dem Verstorbenen verbindet, dann sollen sie alles machen, was ihnen hilft."

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Und wenn eine Domina ihrem verstobenen Ehemann dessen Lieblingspeitsche mit in den Sarg legen will, dann geht das auch klar. Warum denn nicht?! Schließlich war sie Teil seiner Identität und diese geht über den Tod hinaus. „Bei der Feier waren ohnehin tolle Gestalten dabei. Nur der Friedhofsverwalter hat erstmal komisch geschaut, aber in Berlin ist kaum noch jemand von etwas wirklich geschockt."

Geschockt vielleicht nicht, aber verblüfft sind manche Trauergäste, wenn Eva ihre Reden hält. „Euer Vater war ein Säufer", heißt es da auf einmal. Aber dieser Säufer war ebenso ein grandioser Koch, die reinste Frohnatur und ein fürsorglicher Vater. Trotzdem haben die dunklen Seiten ihre Berechtigung in der Rede. Eva macht nicht den Fehler, den normalen Menschen nach dem Tode zum Heros hochzustilisieren. Ebenso wie Floskeln und fertige Versatzstücke sind auch Euphemismen nicht ihr Ding. „Wenn ich die Toten über den Himmel hinweg glorifiziere, dann würde ich ihnen ihre Geschichte nehmen." Es entstünden polierte Hymnen auf Personen, die es gar nicht gab, mit dem Ergebnis, die Trauerfeier zu einer schalen Formalität verkommen zu lassen.

„Ich glaube, hier geht es stark um den Begriff der Würde. Doch anders, als was da auf den Bestattungsprospekten häufig draufsteht. Da ist ja eh immer alles so ,würdevoll'. Aber Würde entsteht nicht durch verbrämte Sätze. Wertschätzung transportieren, indem man eine Person mit ihren Ecken und Kanten zeigt. Ich glaube, das ist tröstlich; dass da einer so sein durfte, wie er war." Und in manchen Fällen käme die Verklärung des Verstorbenen einer Kränkung der Hinterbliebenen gleich: „Einmal porträtierte ich einen Mann, der seine Frau und Kinder geschlagen hatte, und da habe ich mit den Söhnen gesprochen und für die war es wichtig, dass auch das genannt wird; ohne ihn zu verurteilen."

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Das Feingefühl in solchen Situationen ist nicht die einzige Herausforderung für Trauerredner. Wie der Name schon andeutet, geht es um Trauer, besser gesagt die Handhabe mit ihr—gerade bei Eva, die nicht nur als Rednerin, sondern auch Trauerbegleiterin arbeitet. Aber wie tröstet man Menschen, bei denen der Gedanke an Gott aus der Mode gekommen ist? Das Dankbare an Religionen ist doch, dass sie Sinn- und Weltdeutungsmodelle liefern, in denen Leben verständlich und der Tod teilweise erträglich wird. Während Pastoren die Karte vom Jenseits ausspielen können, bleibt Eva dieser Trostspender oftmals verwehrt. Für Atheisten stellen Tee und Gebäck in einer himmlischen Kanasterrunde mit Rudolph Moshammer, Mutter Teresa und Marcel Reich-Ranicki keine wirkliche Option dar—der Tod wiegt endgültiger.

„Eine der großen Herausforderungen beim Trauern ist, dass dir die Orientierung komplett flöten geht. Also wo man vorher wusste: Hier ist geradeaus, hier links, hier rechts und so funktioniert die Welt. Das explodiert dir erstmal weg und du weißt gar nichts mehr. Alleine, dass ich sagen kann: ,Das ist ganz natürlich und es gehört dazu.' Hier können schon viele Trauernde einmal durchatmen und etwas runterkommen. Und dann kann man als nächsten Schritt nach möglichen Orientierungshilfen suchen."

Dabei sind es eher die kleinen Verweise, die den Angehörigen helfen, als die große Weltdeutungskonzepte á la Kant oder Camus. „Oft sind es ganz pragmatische Sachen. Etwa die Frage, wie es finanziell weitergeht, nachdem der Ehepartner starb." Überhaupt sortiert sich vieles neu. In solchen Krisensituationen zeigt sich auch, wer wirklich eine Hilfe und wer schmuckes Beiwerk für rosige Zeiten ist: „Es passieren Aufräumschritte, die vielleicht schon früher nötig gewesen wären. Wo man so richtig durchputzt." Der Tod als existenzieller Wachmacher sozusagen. „Trauernde sind auf eine sympathische Art radikal." Im Freundeskreis wird ausgemistet.

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Trotzdem braucht die Neusortierung ihre Zeit. „Das ist oft ein Thema. Da draußen geht es um Leistung und ein ziemlich hohes Tempo. Innenwelt und die Erwartungen der Außenwelt knallen da aufeinander." Das Tempo der Trauernden mitzugehen, ist für Eva wichtiger, als nach gelehrten Universalantworten auf den Tod zu suchen.

Ganz davon abgesehen, dass die Suche völlig unnötig ist. Wir kennen bereits die Antwort: 42.

Worum sie sich aber besonders bemüht, ist, die Bande der Hinterbliebenen zu stärken. Familie, solide Freude, das bringt die Meisten wieder auf die Beine—zusammen ist man weniger allein. Und wenn es Eva dann noch gelingt, die Haltung zu vermitteln, dass ein Leben sich selbst genug sein kann, auch ohne Rudolph Moshammer über den jenseitigen Kartentisch ziehen zu müssen, dann war es ein guter Arbeitstag.

Nun; wäre der Begriff ,Humanismus' nicht so schwülstig, pathetisch und ideologisch aufgeladen, dann könnten wir die Trauerredner vielleicht sogar als Humanisten im Miniaturformat bezeichnen—wo sie doch täglich mit ihrem Tun dem Menschen beim bloßen Menschsein helfen, ohne ihn dabei selbst zum neuen Heiligtum verklären zu lassen. Doch egal, nicht alles braucht eine Etikettierung.

Freuen wir uns lieber Falten auf die Haut; denn obwohl unsere Welt nicht utopisch genug ist, um Griechenland von seinen Schulden und Reiner Calmund von seinen Kilos zu befreien, hält sie wenigstens genug Optionen für Leute bereit, die vom Schreiben leben wollen. Es muss nicht immer die NEON oder eine Werbeagentur sein, bei der man als Texter den jugendlichen Zeitgeist in die neue Kampagne von Zott dem Sahnejoghurt oder Melitta Filterkaffe einhauchen soll. Nur Mut, viele Wege führen nach Rom.