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Hör endlich auf, dir zu Prekariats-Pornos einen runterzuholen

Die Armutsbekenntnisse von Akademikern sind im Pornhub-Jargon ausgedrückt POV in HD: Junge, gut ausgebildete, hochmotivierte Leute erzählen dir aus ihrer Perspektive, wie das System sie fickt.
5.5.15
Laptop mit Brüsten und Taschentüchern

Alle paar Monate werden unsere Social-Media-Feeds mit ähnlichen Artikeln überflutet: Praktikanten, Kreative, Akademiker berichten von ihrer Armut. Sie schreiben in der ersten Person, und sie fordern meistens zu Recht: Etwas muss sich ändern. Ein drastisch beschriebenes Schicksal sagt dir: „Teile mich, es könnte dir genauso gehen!" Und du tust es. Einerseits hast du Mitleid, aber im gleichen Zug bist du froh, dass es dir ein bisschen besser geht—oder du bildest dir das zumindest ein. Wenn du den Artikel postest, geht es nicht um den Autor, sondern um dich und diejenigen, die du als „deine Generation" betrachtest. Das ist individuelles oder kollektives Selbstmitleid. Und vielleicht kommt dir der Effekt aus deiner unteren Körperhälfte bekannt vor. Ja, Selbstmitleid hat etwas von Masturbation. Und deshalb möchte ich all diesen Artikeln einen Namen geben: Es sind Prekariats-Pornos.

Was sind Prekariats-Pornos?

Prekariats-Pornos sind eine verfeinerte Form von dem, was wir als „poverty porn" schon lange kennen. Hier ergötzt man sich nicht an Hochglanzfotos von Fliegen im Mundwinkel eines malawischen Kindes. Die Armutsbekenntnisse von Akademikern sind im Pornhub-Jargon ausgedrückt POV in HD: Junge, gut ausgebildete, hochmotivierte Leute erzählen dir aus ihrer Perspektive, wie das System sie fickt. Langsam, ungeschönt und detailreich, mit einer Menge Dirty Talk und masochistischen Ritualen: Supernoten, soziales Engagement, große Erwartungen, erfolglose Bewerbungen, der Gang zum Arbeitsamt oder der lächerlich bezahlte Wunschjob, der den Darstellern des prekären Pornos keine Freizeit mehr lässt. Egal in welcher Situation du bist, der Artikel wird dich erregen: Entweder du bist noch nicht so weit, aber fürchtest, dass es dir genauso gehen könnte mit deinem Kulturwissenschafts- oder Visuelle-Kommunikations-Studium. Dir laufen Schauder über den Rücken, du willst deinen Facebook-Freunden mitteilen, dass alles besser werden muss. Oder dir geht es genauso, und endlich sagt mal einer, was schiefläuft. Oder es geht dir noch beschissener, und du witterst ein Happy End deiner eigenen Situation.

Warum gibt es so viele Prekariats-Pornos?

In der Psychologie gibt es die Theorie des sozialen Vergleichs. Demnach erzeugt es bei dir positive Emotionen, wenn du von Menschen erfährst, die es schlechter haben als du – der „downward comparison"-Effekt. Und umgekehrt erzeugen Facebook-Posts über positive Ereignisse in deinem Leben (Reisen, Noten, Jobs) Neid bei deinen Freunden, der laut einer Studie sogar zu Depressionen führen kann. Traurige Geschichten über andere dagegen erzeugen Mitgefühl und Solidarität—nach dieser Theorie verschaffst du dir also Sympathien, wenn du Prekariats-Pornos postest. Und natürlich kann das Bildungsressort eines Onlinemediums davon ausgehen, dass ein Prekariats-Porno weniger Recherchezeit erfordert und besser klickt als Hintergrundartikel über Pisa oder Bologna. So wird ein Armutsbekenntnis zum Money Shot.

Warum sind Prekariats-Pornos schlecht?

Prekariats-Pornos gehören zu einem größeren Trend, den die FAZ kürzlich als „Selfie-Journalismus" angeprangert hat—Artikel, in denen sich alles um das Ich des Schreibers dreht. Sie sind nicht per se schlecht—mit Ich-Geschichten kommt man einfach besser an Personen ran, das sage ich dir im Vertrauen. Doch wenn es immer dieselbe Geschichte ist, hat das wenig Sinn.

Also mach es doch mal wie die NoFap-Bewegung und lege einen abstinenten Monat ein. Oder poste zumindest nichts. Das ist ja der Vorteil von Pornhub und Co.—die Konsumenten haben nicht unbedingt das Bedürfnis, anderen ihre Lieblingslinks zu zeigen.

Vier Prekariats-Porno-Protagonisten

Der Student

Seien wir selbstkritisch und fangen ruhig mit einem VICE-Artikel an: Dimitrij Wall (28) berichtet darin über sein Martyrium mit mehreren Studienkrediten. Dmitrijs Artikel zeigt die ambivalente Wirkungskraft von Prekariats-Pornos hervorragend: Diejenigen, denen es etwas besser geht, sind froh, dass sie nicht drei Kredite für ihr Studium gebraucht haben, posten den Artikel als mahnendes Beispiel. Und denjenigen, die in der gleichen Misere oder in noch schlimmeren Schulden stecken, macht der Artikel Mut. Denn Dmitrij hat es trotz aller Hindernisse geschafft, einen Roman zu veröffentlichen und einen oft geteilten VICE-Artikel zu schreiben. Diejenigen, die keinerlei Verständnis für Dmitrijs angebliches Gejammer haben („Ich will dich ja nicht beim Selbstbemitleiden stören, aber wo ist bitte das Problem?"), kommentieren erregt—und sorgen damit für Traffic.

Die Praktikantin

Was für Pornhub der Orgasmus, ist für Prekariats-Pornos die Emotion—beide müssen überzeugend rüberkommen. Die Palette reicht von Verzweiflung, Angst und Resignation bis Wut und Zynismus. Die Österreicherin Sinah Edhofer (23) hat das in ihrer Abrechnung mit Medienpraktika mustergültig vorgeführt. Kraftwörter wie „Arschloch-Drecks-Praktikumsgehalt" und „Chefsessel-Furzer" eignen sich prima für Reposts und Berichte in anderen Medien. Der Prekäre-Praktikanten-Porno dürfte das älteste Subgenre sein, er stammt noch aus der Prä-Facebook-Ära. Ich assoziiere ihn mit dem fernen Jahr 2006, als Sascha Lobo und Holm Friebe mit ihrem Buch Wir nennen es Arbeit den Begriff der „digitalen Bohème" prägten, den ich übrigens schon lange nicht mehr gehört habe. Aber obwohl inzwischen noch viel mehr Bücher, Filme und Konferenzen zur „Generation Praktikum" produziert wurden—der Erfolg von Pornos über prekäre Praktikanten hält an.

Die Medienschaffende

„Überstunden, Lügen, Arschlöcher – die Berliner Medienbranche ist eine unterbezahlte Hölle"— mit diesem Amy&Pink-Artikel hat Anneli Botz (28) im letzten Jahr meinen Facebook-Feed geflutet. Sie berichtet darin von einem mies bezahlten, anstrengenden und undankbaren Job in einer Fernsehproduktion—für viele keine Neuigkeit. Doch den unwiderstehlichen Reiz des Artikels macht nicht nur die schmissige Überschrift aus, sondern auch das Teaserfoto mit einem Model, das dem System die Zunge und beide Stinkefinger zeigt, und das Foto von Anneli, das noch schöner aussieht als das Teaserbild. Sexismus? Nur teilweise. Ich würde den Erfolg auch mit einem Verlangen nach Luxusproblemen erklären: Je größer der Kontrast zwischen Attraktivität/Ausbildung/Ambition und Misserfolg/Unglück, desto mehr Klicks. In einer Gesellschaft, in der immer mehr Leute studieren, ist die Nachfrage nach Berichten vom Montage-Martyrium eines Elektrotechnikers eher gering. Viral geht das Scheitern weiter oben, also entweder da, wo es viel Geld geben kann und man sich buchstäblich zu Tode arbeitet (z.B. Investmentbanken) oder da, wo es viel Schönheit geben kann und man eventuell verhungert (siehe Modebranche).

Die Wissenschaftlerin

Hart sind die Kontraste auch bei Wissenschaftlern, die ein halbes Leben mit ihrer Ausbildung verbringen und dann mit mehreren Titeln Hartz IV beziehen, während ehemalige Studienkollegen auf fetten Lehrstühlen sitzen. Die promovierte Historikerin Stefanie Schmidt hat ihr Leben nach dem Stipendium für die Taz aufgeschrieben und damit 13.000 Facebook-Shares und eine Menge Kommentare bekommen. Hier zeigt sich einmal wieder, dass es für mehr Aufmerksamkeit sorgt, wenn sich Mitgefühl und Häme die Waage halten. Zwar wirkt der Artikel wie ein Placebo für die Sorgen junger Doktoranden. Doch gleichzeitig triggert er in anderen den Wunsch, der Autorin zu erklären, was sie alles falsch gemacht habe bzw. wie unbegründet ihre Klagen seien. Kommt dir das Argument bekannt vor? Ja, irgendwie erinnert die Situation an „Sie hat es doch provoziert"-Sprüche zum Thema Vergewaltigung.

Generation Prekariats-Porno

Wie bei Hardcore-Pornos fragt man sich bei Prekariats-Pornos: Ist die Lust bzw. das Scheitern echt? Ist der Masochismus glaubwürdig, oder wird dir da ein 50 Shades of Grey der Arbeitswelt vorgespielt? Ist es nicht bemerkenswert, wie eloquent die Autoren über ihre Ausbeutung reden können? Kann es ein besseres Empfehlungsschreiben geben als einen zigtausendmal geposteten Blogbeitrag? Ich möchte hier mal behaupten: Das eigentliche, abgehängte Prekariat hat gar keine Stimme. Damit meine ich nicht nur die, die kaum lesen und schreiben können. Sondern auch das Dunkel der Depression, das Schweigen der Selbstaufgabe, der Punkt, an dem jeder Mut verloren ist, überhaupt noch irgendwas zu sagen. Oder wenn euch ein Porno-Vergleich lieber ist: Sex und Filme über Sex sind bekanntlich zwei verschiedene Dinge.

Ich will mich hier nicht über die Leute lustig machen, die den Mut haben, unbekannten Menschen zu erklären, wie scheiße es bei ihnen läuft. Mein Appell geht an die Konsumenten von Prekariats-Pornos: Mit dem Posten von Armutszeugnissen werdet ihr das System nicht verändern. Selbstmitleid gehört zu Prekariats-Pornos, wie Masturbation zu Pornos gehört. Prekariats-Pornos sind Teil einer großen Motivationsmaschine (nenn es Neoliberalismus), aus der keiner rauskommt. Morgens postest du einen Artikel über die Ausbeutung freier Journalisten, und abends hast du schon wieder einen Auftrag für ein armseliges Zeilenhonorar angenommen. Dann ist es konsequenter, wenn du dir auf richtige Pornos einen runterholst. Sie motivieren dich schließlich zu keinem besseren Sexleben.