Titelfoto: Daniel Oines via photopin
Fritz Jergitsch ist Gründer und Betreiber der Tagespresse, Österreichs größter Satireseite. Hier schreibt er über seine Sicht der Dinge zur geplanten Einführung des Leistungsschutzrechts in Österreich.Trafikanten legen in ihren Geschäften Zeitungen auf, liefern den Medienverlagen Leser und dürfen dafür am Verkaufspreis mitnaschen—klingt wie das normalste Geschäftsmodell der Welt. Niemand würde jemals auf die Idee kommen, den Trafikanten ihren Gewinn abzusprechen, geschweige denn von ihnen Geld zu verlangen. Niemand, außer der mächtige Verband Österreichischer Zeitungen (VÖZ).Nun fordert der VÖZ allerdings kein Geld von den Trafikanten, sehr wohl aber von Google. Die Suchmaschine macht nämlich etwas ganz ähnliches: Sie zeigt in ihren Suchergebnissen Schlagzeilen und kurze Textausschnitte aus Online-Artikeln an—kurz gesagt, Links.So beliefert Google die Online-Medien massenhaft mit Klicks. DerStandard.at etwa erhält laut dem Webdienst Alexa.com ganze 10 Prozent seiner Besucher über Google, die Zahlen der anderen heimischen Medien sind ähnlich. Im Klartext: Google sorgt für 10 Prozent der Werbeumsätze von Online-Zeitungen.Im Gegensatz zu den Trafikanten verlangt Google jedoch keinen Cent Provision, sondern zeigt unter den Suchergebnissen eigene Anzeigen an, mit denen sie gut verdienen. So wie ein Trafikant, der neben den Zeitungen auch noch die Tschickpackerl liegen hat.„Hey! Da wollen wir mitnaschen!" dachte sich der VÖZ irgendwann und lobbyierte seither vehement für eine gesetzliche Verlinkungsgebühr. Google sollte an die Zeitungen Geld zahlen, weil das sonst ja Diebstahl wäre.Verlinkungsgebührenpflicht klingt aber nicht so verlockend—das Ganze muss in rhetorische Zuckerwatte verpackt werden: „Leistungsschutzrecht" heißt das jetzt, und soll schon bald im Parlament beschlossen werden. Klingt doch toll, oder? Leistung schützen, wer will das denn nicht?Die Verlinkung bildet eines der Fundamente des Internets. Sie sorgt dafür, dass wir Nutzer durch die Weiten des Netzes navigieren können. Dafür eine Gebühr zu verlangen, die über ein Bürokratiemonster („Verwertungsgesellschaft") eingehoben wird, behindert das Internet maßgeblich in seiner Freiheit. Dass die Regierung dafür zu gewinnen ist, zeigt nur wieder: Internet, das ist für viele tatsächlich Neuland.Google hat bereits angekündigt, seinen kostenlosen und werbefreien Dienst „Google News" wie bereits in Spanien einstellen zu wollen, sollte die Verlinkungsgebühr beschlossen werden. Auch eine Entfernung der Suchergebnisse von Medien wurde in den Raum gestellt—und wäre für die heimischen Verlage absolut desaströs.Natürlich, Google, das sind jetzt auch keine Heiligen, sondern ein profitorientierter Großkonzern. Über hochkomplizierte Strukturen sparen sie jährlich Milliarden an Steuern. Der VÖZ wird nicht müde, darauf hinzuweisen, um so seinen Standpunkt zu stärken. So quasi: das sind ja alles Geldgeier, die sollen ruhig auch was zahlen (und zwar an uns). Wäre es nach der Argumentation des VÖZ dann also auch OK, einem Bankräuber das Handy zu stehlen? Oder, noch einen Schritt weiter, eine Bank auszurauben, weil sie Zinsen verlangt?Google will für die Leser, die sie den Zeitungen liefern, nicht bezahlen müssen. Das ist verständlich. Von einem Trafikanten würde das auch keiner erwarten. Keiner außer der VÖZ.Fritz Jergitsch auf Twitter: @FritzJergitsch
Titelfoto: Daniel Oines via photopin(license)
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Nun könnten Zeitungen natürlich ganz einfach ihre Artikel aus Google entfernen lassen—den „Dieb" quasi aussperren. Das machen sie aber nicht. Im Gegenteil: die VÖZ-Mitglieder investieren horrende Summen in Suchmaschinenoptimierung, um in den Suchergebnissen noch höher aufzuscheinen. Sie unternehmen also alles, um sich noch besser von Google „bestehlen" zu lassen.MOTHERBOARD: Google könnte dein Gesicht bald aus dem Weltall erkennen
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Titelfoto: Daniel Oines via photopin(license)