Mit zwei Pornoexpertinnen (hetero) in einer Pornoausstellung (homo)

Ich wusste, dass die Ausstellung gut sein muss, als mich eine Freundin anrief und mir sagte: „Ich bin das erste Mal feucht aus 'nem Museum gekommen." Also nichts wie hin.

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23 Februar 2015, 4:11pm

Fotos: Dimitri Korschunov

Ich wusste, dass die Ausstellung gut sein muss, als mich eine Freundin anrief und mir sagte: „Ich bin das erste Mal feucht aus 'nem Museum gekommen." Also nichts wie hin.

Zusammen mit Minka und Sarah besuche ich das Schwule Museum* in Berlin-Tiergarten. Minka ist das, was man einen Ex-Profi nennt—also Pornodarstellerin im Vorruhestand—, Sarah ist Make-up-Artist bei Pornoproduktionen. Und glaubt mir, sie schminkt da nicht nur Gesichter.

Die beiden wärmen sich bei ein paar Bier im Café des Schwulen Museums* auf, während ich sie auf die Ausstellung vorbereite. Porn That Way ist laut Eigenaussage der Kurator_innen „eine wissenschaftliche, kritische und zugleich lustvolle Schau". Zum ersten Mal wird hier Geschichte und Gegenwart von schwuler, lesbischer, queerer und Trans*-Pornografie gezeigt. Das heißt, dass nicht nur eine Menge Schwänze, sondern auch Mösen/Vulven/Muschis/Vaginen, Dicklits und viele andere Öffnungen und Ausstülpungen zu sehen sind. Über 600 Exponate mit teilweise akribischer Objektbeschreibung sind ausgestellt.

Design: Raoul G. Horvay vom Verein der Gestaltung e.V

Wegen der expliziten Inhalte darf man erst ab 18 rein. Am Eingang präsentiert uns dann auch gleich ein lebensgroßer Buck Angel mit gespreizten muskulösen Schenkeln seine Mangina.


Die komplette Ausstellung ist in Regenbogenfarben gehalten und schreit einen an: Hier wird's gleich ganz schön schwul. Und bi. Und lesbisch. Und trans*. Und alles, was nicht in deine Schubladen passt.


Für Sarah und Minka ist das wie eine sexy Süßigkeitenfabrik. Besonders freuen sich die beiden, als wir bei den 70er-Jahre-Schwulenpornos angekommen sind. „Die Kerle sehen aus wie heute", sind sie sich einig: Bart, Brusthaar, ein bisschen rough. Sarah erklärt Al Parker zu ihrem ultimativen Gay Porn Crush. Der Raum mit den Bartkerlen widmet sich dem „Goldenen Zeitalter der Promiskuität", als von AIDS noch keine Rede war.


Pornos wurden ohne Kondome gedreht und als Gleitmittel verwendete man Crisco, ein amerikanisches Bratfett, das heute noch bei vielen Schwulen zum Fisten beliebt ist. „Schon mal gefistet?", frage ich meine Begleitung später beim Bier in einer Eckkneipe—und als würde ich einen schlechten Witz machen, demonstrieren mir die beiden, was sie mit ihren Fäusten sonst noch so machen können.


Ich lasse die Ladys kurz alleine und schaue mich im Rest der Ausstellung um. Da hat sich jemand Mühe gegeben. Selbst so exotische Gebiete wie „Porno und Oper" sind abgedeckt. Das ist das Steckenpferd von Co-Kurator Dr. Kevin Clarke. Für Porn That Way hat er sogar den Pornostar Hans Berlin ins Museum geholt, der mit einem Dutzend weiterer Darsteller aus seinem Libretto Porn – The Musical liest. Aber eh ich mich weiter umsehen kann, höre ich schallendes Gelächter hinter mir. Minka hat die Schwanz-Collage entdeckt, ein absurdes Fundstück aus dem Archiv des Schwulen Museums*.


Home-made Porn gab es zu allen Zeiten, ob nun als Zeichnung, Collage, Polaroid, Super8-Film oder Cam-Clip. Im Rahmen der Ausstellung gibt es sogar einen Workshop zur Frage „Wie drehe ich meinen eigenen Porno?"

Die Anleitung brauchen Minka und Sarah nicht. Die beiden sind Profis, ihren Blicken entgeht nichts. „Schlechtes Pussy-Make-up" und „die sollte lieber mal zum Arzt" sind noch die harmloseren Kommentare. Keine Muschi und kein Schwanz sind vor ihrer gnadenlosen Kritik sicher. Die schönen Exemplare bekommen Lob und Anerkennung. Und auch Damen vom Fach können noch dazulernen: Exponate aus der Porno-Steinzeit wie Erektionsspritzen und als „Massagestäbe" getarnte Vibratoren lassen erahnen, wie es noch vor einigen Jahrzehnten hinter den Kulissen der Pornosets aussah. Heute greifen die männlichen Darsteller meist zu Viagra. (Achtet mal auf die hochroten Gesichter vieler Typen in den Videos. Das ist eine der sichtbaren Nebenwirkungen der blauen Pille.)

Aber Porn That Way hat nicht nur Männersex im Programm, obwohl der eindeutig überwiegt. „Wo ist das lesbische Pendant?", fragt der Laie und die Fachfrau wundert sich. Ein paar Ecken weiter werden wir fündig. Weil Porno eine Männerdomäne ist, gab und gibt es unter Frauen die Grundsatzdiskussion PorNo oder PorYes. Die Frage stellt sich meiner Begleitung nicht. Mit großen Augen gehen wir durch den feministischen Teil der Ausstellung. Mir fallen vor allem die vielen Dildo-Exponate auf. Da gibt es alles vom gekreuzigten Jesus bis zur Emoticon-Aubergine.


Außerdem habe ich als schwuler Mann selten so viele weibliche Geschlechtsteile auf einmal gesehen. Zugegeben, sie haben eine gewisse Ästhetik: Beim Million Pussies Project werfen wir einen sehr detaillierten Blick auf verschiedene Mösen (so, durfte ich lernen, nennen einige Feministinnen ihre Vaginen)—und viele sehen echt toll aus.


Sarah kann auch hier ein gutes Muschi-Make-up von einem schlechten unterscheiden. „Du musst vor allem auf die Rasurpickel achten. Das lässt sich bei einem Fotoshooting ganz gut wegretuschieren, aber beim Dreh muss das alles vorher geschminkt werden. Dann machst du der Lady erst das Gesicht und gehst dann auch noch mal unten drüber nach jeder Szene. Manchmal auch am Po."


Wir vertiefen das Gespräch bei einem Abschlussbier im Lützowstübchen, einer kitschigen Eckkneipe, in der viele Prostituierte von der Lützowstraße ihren Aperitif und ihre Bockwurst zu sich nehmen. Minka und Sarah sind erstaunt, wie bei den Schwulenpornos getrickst wird. Um mehr Sperma vorzutäuschen, wird da schon mal mit Kondensmilch gefakt. Ansonsten ähnelt sich das Business, an den Sets herrscht Fließbandarbeit. Während früher ein bis zwei Szenen am Tag gedreht wurden, kommen Darsteller_innen heute auf bis zu fünf. Für Make-up-Artist Sarah heißt das Hochbetrieb: „Gerade bei Gangbangs ist das krass. Dann hast du zehn, zwölf Kerle, die alle auf eine Frau raufgehen und die sieht dann danach natürlich echt scheiße aus. Vor allem wenn die ihr alle ins Gesicht spritzen, bin ich erstmal eine Weile beschäftigt, die roten Augen wieder wegzubekommen und sie neu zu schminken." Ob sich das für das Geld lohnt? Minka lacht: „Na ja, ich sag mal so: Die große Kohle gibt's bei den meisten Produktionen nicht. Hat aber andere Vorteile. Ich hab schon mal 'ne Taxifahrt umsonst bekommen, weil mich der Fahrer erkannt hat. Einmal Brüste zeigen und gut."

„Brüste zeigen ist ein gutes Stichwort", wirft Sarah ein. Anders sollte man den Abschluss einer Porno-Ausstellung auch nicht begehen.

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