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So bleiben Gefängnisinsassen auf Facebook, Twitter und Instagram aktiv

Es ist für Häftlinge zwar nicht einfach, innerhalb der Gefängnismauern auf Social Media-Plattformen zuzugreifen, aber irgendwie findet man immer einen Weg.
17.2.15
Foto: Flickr | Michael.Berlin | CC BY SA 2.0

Inzwischen ist es ganz normal, dass man per Smartphone, Tablet oder Computer minutengenaue Updates darüber bekommt, was Freunde und Bekannte gerade machen. Manchmal nervt das Ganze sogar ein wenig. Aber das ist nun mal die Welt von heute. Man muss sich gar nicht mehr wirklich treffen, alles läuft virtuell und augenblicklich ab. Freundschaftsanfragen, Follows, Likes, Posts, Kommentare, Tweets, Status-Updates und Fotos—ein Großteil der Interaktionen mit unserer Umwelt wird inzwischen von den sozialen Medien beeinflusst.

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Man könnte meinen, dass es für Gefängnisinsassen schwerer sein sollte, die Online-Aktivitäten aufrecht zu erhalten, denn immerhin sind Handys in Justizvollzugsanstalten verboten. Die Wahrheit ist aber, dass Häftlinge die sozialen Medien nutzen wie eh und je.

Vor Kurzem habe ich mit einem Insassen eines kalifornischen Staatsgefängnisses telefoniert, um mich über die Verfügbarkeit von Smartphones im Knast, deren Verwendungszweck und den Preis dafür zu informieren. Mein Informant erzählte mir, dass die Häftlinge direkt aus ihren Zellenblöcken Facebook, Instagram und Twitter benutzen. Über diesen Trend wurde zwar schon häufig berichtet, aber dabei drehte es sich meistens um die Nutzung von Schmuggelware und illegalen Handys und die Versuche der Behörden, diese Nutzung zu unterbinden oder von vornherein zu vermeiden.

Als ehemaliger Häftling weiß ich jedoch, dass man gar kein Handy braucht, um sich Zugang zu den sozialen Medien zu verschaffen. Meine Autorenkarriere hat noch im Gefängnis begonnen, wo ich zu allen Social Media-Plattformen Zugang hatte, die es auch draußen gab. Mit wachsender Bedeutung des Internets haben sich—selbst für Gefängnisinsassen—ganz neue Möglichkeiten eröffnet. Die technologischen Fortschritte, die wir inzwischen als selbstverständlich ansehen, haben sich ihren Weg bis in die dunkelsten Ecken Amerikas gebahnt. Da die meisten Häftlinge heutzutage Zugang zu einem E-Mail-Programm haben (das kann ganz unterschiedlich aussehen), ist es für sie auch viel einfacher geworden, auf die sozialen Medien zurückzugreifen.

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„Die letzten zwölfeinhalb Jahre saß ich wegen einem Banküberfall, den ich mit 23 begangen habe", erzählt John „Judge" Broman, ein 35 Jahre alter Mann aus Pittsburgh, der seine Haftstrafe von 18 Jahren im USP Hazelton in West Virginia absitzt. „Ich wurde in einer Strafanstalt erwachsen—dadurch ist der Kontakt zu fast allen meinen Bekannten von damals eingeschlafen."

Vor ein paar Jahren änderten sich die Dinge jedoch, denn das Federal Bureau of Prisons führte das Trust Fund Limited Inmate Computer System (TRULINCS) ein. Dabei handelt es sich um ein E-Mail-Dienst für Gefängnisinsassen. Elektronische Nachrichten sind inzwischen zur gängigen Kommunikationsform in den meisten Haushalten und Unternehmen geworden und jetzt können auch Häftlinge sie nutzen, um mit ihren Familien in Kontakt zu bleiben. Durch TRULINCS ist es möglich, dass zwischen Insassen und der Welt außerhalb der Gefängnismauern sicher Nachrichten hin und her geschrieben werden können. Die Aufrechterhaltung der familiären Bindung kann die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass die Wiedereingliederung in die Gesellschaft erfolgreich verläuft und deshalb auch ein Rückfall weniger wahrscheinlich ist.

So die Theorie, aber in der Praxis ist es den Häftlingen durch das Aufkommen der sozialen Medien möglich geworden, alle paar Minuten ein Update aus ihrem Zellenblock zu posten und so den Kontakt zu der Welt wiederherzustellen, die sie zurücklassen mussten. Vor TRULINCS konnte man nur per Brief den Kontakt zur Außenwelt aufrecht erhalten. Das habe ich auch jahrelang gemacht, denn obwohl ich quasi per E-Mail kommunizierte, kamen alle Nachrichten in Papierform bei mir an: Ich beantwortete alles handschriftlich und schickte meine Antworten an meine Frau, die sie dann an den Absender der Mail weiterleitete. Dessen elektronische Antwort druckte sie dann aus und schickte sie mir wieder in Briefform ins Gefängnis und so weiter. So begann ich meine Autorenkarriere von der Strafanstalt aus.

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„Die Postverteilung ist entweder der Höhe- oder der Tiefpunkt deines Tages", sagt Judge. „Man wird täglich daran erinnert, dass man draußen entweder an dich denkt oder man dich dort vergessen hat. Zum Glück hilft mir meine Familie dabei, mit meinen Freunden und Bekannten zu kommunizieren. Durch meine Facebook-Seite sind alle möglichen Leute wieder in mein Leben getreten, die eigentlich dachten, dass ich im Gefängnis schon längst verrottet sei. Auch habe ich so ganz neue Bekanntschaften gemacht."

Aber wie bekommen Gefangene Zugang zu Social Media-Plattformen wie Facebook? Alex „Boudreaux" Cook ist ein 28 Jahre alter Mann aus Memphis, der schon fünf Jahre seiner zehnjährigen Haftstrafe wegen Marihuana-Anbaus abgesessen hat. Er sagt: „Meine Mutter leitet meine Mails weiter und ich schicke ihr meine Artworks. Sie macht Bilder und postet sie für mich. Wenn die Leute unter meinen Fotos oder auf meiner Seite einen Kommentar hinterlassen, dann leitet sie mir das weiter. So kann ich meinen Freunden und meiner Familie zeigen, an was ich gerade arbeite und dass ich etwas Produktives mache."

Wenn man mit Hilfe von TRULINCS ein Facebook-Profil betreibt, dann umgeht man die Gefängnispoststelle komplett. Überall auf Facebook, Instagram und Twitter findet man Fotos der Insassen, wie sie der ganzen Welt ihre Tätowierungen und Gang-Zeichen präsentieren. Sie bekommen Freundschaftsanfragen von Leuten außerhalb der Gefängnismauern, die dann die Posts liken und Kommentare hinterlassen. So wird Feedback gegeben und ein Dialog mit den Menschen initiiert, die in einer Welt voller Korruption und Gewalt gefangen sind. Aber nicht alle Gefängnisinsassen haben so viel Glück und können ein Familienmitglied ihr Eigen nennen, das ihre Facebook-Seite betreut. Noch weniger von ihnen besitzen genügend Geld oder Einfluss, um an ein geschmuggeltes Handy zu kommen. Was machen diese Häftlinge dann, wenn sie mit Hilfe der sozialen Medien den Kontakt zur Außenwelt nicht abbrechen lassen wollen?

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„Oftmals ist es als Insasse eines Bundesgefängnisses nicht leicht, ein Social Media-Profil zu unterhalten", erklärt der 42-jährige Jesse Jongeward aus Minneapolis. Er hat bereits achteinhalb Jahre seiner elfeinhalbjährigen Haftstrafe abgesessen. „Man muss jemanden finden, der dir deine Nachrichten zukommen lässt und deine Bilder und Updates ordentlich hochlädt. Drei Jahre lange habe ich dafür ein Unternehmen namens voiceforinmates.com genutzt. Ich war jedoch nur selten mit deren Service zufrieden. Ich habe jährlich 100 Dollar bezahlt, damit ich meine Nachrichten bekomme und meine Fotos und Updates auf Facebook gepostet werden, aber das Ganze lief mehr schlecht als recht. Diese ganze Erfahrung hat mich ziemlich viele Nerven gekostet, aber letztendlich war es auch ganz schön, Kontakt zu meinen alten Mitschülern, zu meinen Musikerkollegen und zu den Freunden zu haben, mit denen ich schon lange nicht mehr geredet hatte. Auch hatte ich so das Gefühl, irgendwie immer noch ein Teil der freien Welt zu sein."

Und genau darum geht es bei den sozialen Medien—alte Kontakte pflegen und neue machen. In meinem Fall habe ich so neue Beziehungen aufgebaut und konnte meine Arbeiten veröffentlichen. Ich hatte das Gefühl, dem Alltagstrott des Gefängnislebens zu entfliehen und wirklich zu leben. TRULINCS ist zwar ein Segen für Insassen, aber Unternehmen wie das oben genannte Voice for Inmates sehen das System nur als eine Möglichkeit, diejenigen auszunutzen, die hinter Gittern sitzen. Ohne einen menschlichen Vertreter oder ein geschmuggeltes Handy haben Häftlinge keine Möglichkeit zur Kommunikation. Deshalb beauftragen sie wirklich jeden Menschen—sogar Ex-Frauen oder -Freundinnen—mit dem Einrichten ihres Profils, selbst wenn das schwerwiegende Folgen für ihr Privatleben haben könnte.

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„Es wäre schon schön, wenn eine Frau ohne Hintergedanken mir dabei helfen würde, den Kontakt zur Außenwelt aufrecht zu erhalten. Aber die habe ich nicht, also muss ich hiermit zufrieden sein", erzählt Kevin Smith, ein 48-jähriger, wegen Waffenbesitz Verurteilter aus Forth Worth, Texas. Es befindet sich in den letzten Zügen seiner Haftstrafe von 15 Jahren. „In einer perfekten Welt wären auf meiner Facebook-Seite meine richtigen Lieder zu hören und ein Link zu meiner Homepage zu sehen. Ich sitze jetzt allerdings schon seit über zehn Jahren im Knast und damals war noch MySpace die Nummer 1. Twitter und Facebook sind erst später gekommen. Es wäre schon toll, wenn man von hier aus auf seinen Account zugreifen könnte, aber wegen den Sexualstraftätern ist das nicht möglich. Ich bin dennoch froh, auf diesen teuren, langsamen und überwachten Nachrichtendienst zurückgreifen zu können, den sie hier als E-Mails bezeichnen."

Für mich und viele andere Gefangene war TRULINCS eine wirkliche Hilfe. Wenn man damit umzugehen wusste und einem die richtigen Leute halfen, konnte man richtig viel erreichen. Da in der heutigen Welt alles digital abläuft, ist es schön, vernetzt zu sein.

Aber natürlich hat die ganze Sache—so wie alles im Leben—einen Haken.

TRULINCS ist nicht kostenlos. Das Bureau of Prisons verlangt für das Lesen oder das Schreiben einer Mail fünf Cent pro Minute. Das hört sich jetzt nicht nach viel an, aber es summiert sich schnell. Als ich noch im Gefängnis saß, gingen für meine Autorenkarriere wöchentlich bis zu 1200 Minuten drauf. Das sind umgerechnet ungefähr 210 Euro für einen Monat des E-Mail-Dienstes. Da der Durchschnittsgehalt im Gefängnis umgerechnet zwischen 13 und 17 Euro liegt, können sich viele Insassen den Internetzugang einfach nicht leisten.

Aus diesem Grund lassen sich so viele Häftlinge auf illegale Geschäfte wie Drogen- oder Handyschmuggel ein. Die Chance auf so viel Geld muss man einfach nutzen. Und was soll schon passieren, wenn man erwischt wird? Man ist ja schon im Gefängnis. Ein triftigerer Grund ist jedoch, dass die Insassen einfach wissen wollen, was draußen so los ist, und sie sich dazu noch selbst mitteilen wollen. Jegliche Form der Anerkennung und Bestätigung ist wichtig. Wenn man eine Haftstrafe in einer Justizvollzugsanstalt absitzt, dann sind Social Media-Plattformen wie Facebook, Twitter oder Instagram eine Art Lebensader zur richtigen Welt—und die Insassen werden alles geben, um diese Verbindung nicht aufgeben zu müssen.


Foto oben: Flickr | Michael.Berlin | CC BY SA 2.0