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The VICE Guide to … Schwestern

Was macht die Pubertät zwischen Tampons und billigen Abdeckstiften noch schlimmer? Sie mit Geschwistern zu teilen, die exakt dasselbe durchmachen.

von Lisa Ludwig
06 November 2015, 3:47pm

Keines der Fotos zeigt die Autorin und/oder ihre Schwestern. Wir sind hier schließlich nicht bei ‚Keeping Up with the Kardashians'. Foto: justine-reyes | Flickr | CC BY 2.0

Jahrelang habe ich mir gewünscht, ein Einzelkind zu sein. Ich habe jetzt nicht gebetet, dass der liebe Gott meine Schwestern zu irgendeiner anderen Familie bringt (zumindest nicht sehr oft), aber jeder, der Geschwister hat, hat seine Jugend zwischen Schwachsinnsstreiterien, hysterischen „Ich habe nicht angefangen!"-Debatten und der verzweifelten Suche nach Privatsphäre verbracht. Je ähnlicher ihr euch seid, umso höher das Konfliktpotential. Potenziere das Gefühl an Frustration und unkanalisierter Wut, das dich manchmal aus dem Nichts überkommt, wenn die Person an der Supermarktkasse hinter dir zum dritten Mal mit dem Einkaufswagen in deine Hacken fährt, mal tausend, und du weißt, wie es sich anfühlt, als Frau mit einer oder mehreren Schwestern aufzuwachsen. Die Kardashians haben euch eine falsche Vorstellung von schwesterlicher Verbundenheit und Familienselfies vermittelt? Hier kommt die ungeschönte (und gerade deswegen vielleicht viel schönere) Wahrheit.

Konkurrenzverhalten

So menschlich furchtbar das auch klingen mag, wo man doch eine Familie ist und sich gegenseitig unterstützen sollte: Nicht mal beim Bachelor wird so erbittert um Liebe gekämpft wie zwischen Geschwistern. Deswegen sind Eltern, die offen kommunizieren, welches ihr „Lieblingskind" ist, auch absolut furchtbare Menschen. Bei Schwestern kann zum normalen kindlichen Konkurrenzverhalten noch eine weitere Komponente dazukommen. Der Neid, wenn die eigenen Schwestern aussehen wie aus einem Kosmetik-Werbespot—und damit meine ich nicht überschminkt. Egal wie sehr man sich liebt, egal wie man füreinander durchs Feuer gehen würde, nichts macht schlechtere Laune, als auf dem Familienfotos neben den Geschwistern auszusehen wie die nachlässig zurechtgemachte Nachgeburt, die auch noch mit aufs Bild musste. Man ist sich so ähnlich und nah, dass der Vergleich miteinander nur nahe liegt. Wer beim Blick auf die Schwester noch nie etwas in Richtung „So sähe ich also aus, wenn ich mir Wangenknochen nicht erst künstlich ins Gesicht malen müsste" gedacht hat, werfe den ersten Rouge-Pinsel. Was uns auch direkt zum nächsten Punkt bringt.

Verabschiedet euch von der Illusion, dass euch etwas gehört, nur weil ihr es gekauft oder geschenkt bekommen habt. Foto: justine-reyes | Flickr | CC BY 2.0

Make-Up ist Krieg und Besitz eine Lüge

Ja, ja. Klischees, Klischees. Aber als „Besitzerin" von zwei jüngeren Schwestern, die Teil der Generation YouTube-Schminktutorial sind, musste ich auf dem ganz harten Weg lernen, dass Besitz unter Geschwistern einen Scheiß wert ist. Vor allem dann nicht, wenn es sich um Kajalstifte, Lidschatten oder die „gute" Mascara handelt, die man sich in einem Anfall von „Was kostet die Welt? Ich habe eine Taschengelderhöhung bekommen!" gegönnt hat.

Das lässt sich übrigens auch auf jede andere Art von Besitz übertragen. Wenn man fünf Mal fragt „Hey, Sigrid* (*richtige Name der Schwester ist der Autorin bekannt), hast du meine Vom Bordstein bis zur Skyline-CD, die man NICHT MEHR KAUFEN KANN, WEIL SIE INDIZIERT WURDE, gesehen?", jedes Mal nur ein „Nö" als Antwort bekommt und dann Wochen später die Album-Hülle in Einzelteilen unterm Bett der diebischen Elster gleichen Blutes findet—dann fällt es schwer, sich nicht zu wünschen, Einzelkind zu sein. Andererseits macht einen das Zwangsteilen jeglichen Besitzes wahrscheinlich zu einem sozial kompetenteren und freigiebigeren Menschen. Und einem ziemlich guten Kommunisten.

Noisey: Ich habe meine Schwestern Musik reviewen lassen, die ich mit 13 gehört habe.

Beziehungen und Sex

Ich bin mir der Tatsache bewusst, dass das unfassbar albern klingt, aber insbesondere als große Schwester ist es wirklich nicht einfach zu akzeptieren, dass die kleinen Geschwister auch so etwas wie ein Leben haben und langsam erwachsen werden. Wenn die jüngere Schwester, die man erst Jahre nach der Volljährigkeit im Kopf nicht mehr als „Kind" abgespeichert hat, plötzlich mit dem ersten Freund vor der Tür steht, fühlt man sich beinahe verraten. Wer ist dieser Mensch? Was machen die da? Küssen die etwa? SIE IST DOCH ERST 16! Irgendwie glaubt man, dass die Verbindung zwischen der Schwester und einem selbst dadurch gestört wird, auch wenn das natürlich absoluter Schwachsinn ist. Ein bisschen vergleichen lässt sich das mit diesem schizophrenen Gefühl, das einen überkommt, wenn die beste Freundin plötzlich in einer sehr intensiven Beziehung ist. Auf der einen Seite freut man sich natürlich (und hat absolut keine Lust mehr, diese ständigen „Warum liebt mich niemand! Ich werde einsam und alleine sterben! Schenk mir eine Katze, mein Leben ist sowieso vorbei!"-Gespräche führen zu müssen), auf der anderen Seite bekommt man absolut irreale Verlustängste. Immerhin: Freunde kann man sich aussuchen, Familie nicht. Und lass dir gesagt sein, generischer Lebensabschnittspartner, den jeder in seiner Jugendzeit hatte und den man, sobald man erwachsen ist, am liebsten aus seiner Erinnerung streichen würde: Blut ist dicker als Sperma (bestimmt)!

Übrigens: Erst als eben erwähnte Schwester im letzten Jahr zum ersten Mal Mutter geworden ist, konnte ich für mich den Gedanken vollends zulassen, dass sie mit ihrem Mann auch mal Sex gehabt haben muss. Und es ist immer noch nicht OK! Ich glaube, meine Kinder werden mal so richtig viel Spaß mit mir haben.

Beschützerinstinkt

Ich glaube, dass sich sehr viele Mädels einen großen Bruder wünschen. Einerseits, weil er einen unter Umständen mit „süßen Boys" (bewusst bediene ich mich der Bravo-Rhetorik, die meine Jugend geprägt hat) in Kontakt bringt, zum anderen, weil man diese romantisierte Vorstellung des Beschütztwerdens hat. Was man erst dann versteht, wenn man selbst jüngere Geschwister hat: Große Schwestern sind mindestens genau so hardcore, wenn nicht mehr. Das liegt unter anderem auch daran, dass es unter Frauen einen ganz besonderen Zusammenhalt gibt—und auch geben muss. Männer bluten nicht einmal im Monat wie ein abgestochenes Schwein aus dem Schritt, was insbesondere zu Beginn eine ziemlich traumatisierende Erfahrung sein kann. Männer brauchen in aller Regel niemanden, der im Club immer ein Auge auf sie hat und dazwischen geht, wenn ein aufdringlicher Typ zu nahe kommt. Viele Dinge begreift man als Frau erst dann, wenn man älter ist und schon ziemlich viel Scheiße erleben musste. Ich schalte mich schon ein, wenn ich mitbekomme, dass irgendein wildfremdes Mädchen in Bedrängnis kommt, aber wenn jemand meine Schwestern komisch anfasst, dann gnade ihm Gott.

Ich war bei dem Seminar eines Vergewaltigungsbefürworters.

Als Schwester geht man dazwischen, trifft für seine Geschwister die richtige Entscheidung mit und wird gehasst, weil man ihnen den Spaß verdirbt oder sie den Typ, der sich nach und nach an sie rangecreept hat, echt nett fanden. Aber irgendwann verstehen sie es dann. Dadurch, dass Schwestern alleine schon vom Alter her näher beieinander sind als Mutter und Tochter, wird offener miteinander gesprochen, weil man mehr Verständnis für die Probleme des anderen hat. Ich meine: Vor ein paar Jahren dachte ich auch noch, dass gekreppte Strähnen cool sind. Ich hätte mir gewünscht, da wäre eine ältere Schwester gewesen, die mir das Kreppeisen kommentarlos aus der Hand gerissen hätte. Eigentlich seltsam, dass es den Begriff der „Löwenmutter" gibt, aber nichts vergleichbares für den Beschützerinstinkt bei Geschwistern.

Foto: justine-reyes | Flickr | CC BY 2.0

Die größte Hassliebe deines Lebens

Vielleicht sind ich und mein Aggressionspotential nicht repräsentativ für den Durchschnitt der deutschen weiblichen Bevölkerung, ich kann mich aber noch sehr gut daran erinnern, wie un-glaub-lich wütend meine Schwestern mich immer gemacht haben, als wir alle noch jünger waren und unter einem Dach gelebt haben. Und sei es nur, dass sie einen stundenlang nachgeäfft oder auf jeden Satz mit „Selber!" geantwortet haben. Der ultimative Hassmultiplikator ist nicht nur, dass man sich rein räumlich kaum aus dem Weg gehen kann, man ist sich auch so verdammt ähnlich (vielleicht sind wir aber auch einfach eine extrem streitsüchtige Familie).

So stark der Hass auf die selbstsüchtigen jüngeren Versionen aber auch manchmal sein mag, mindestens so groß ist auch die Liebe, die man für seine Schwestern empfindet. Vor allem dann, wenn man endlich nicht mehr Zimmer an Zimmer wohnt und sich ständig durch die Badezimmertür beschimpfen muss, weil irgendjemand lieber drei Stunden lang Haare föhnt, als an die Blasenkapazität der Blutsverwandten zu denken. Je älter man wird und je mehr man sich und seine Rolle findet, umso mehr lernt man zu schätzen, was einem die Familie geben kann. Und wie schön es ist, jemanden zu haben, der einen durch nahezu alle Phasen seines Lebens begleitet hat.

Wenn man erst einmal in unterschiedlichen Teilen Deutschlands lebt und sich an ganz unterschiedlichen Stadien seines Lebens oder seiner Karriere befindet, hat man auch die Reibungspunkte hinter sich gelassen, die die gemeinsame Jugend zu einer emotionalen Achterbahnfahrt voller Zickereien und pubertätsbedingter Ausraster gemacht hat. Plötzlich hat man die nötige Distanz, um zu bemerken, dass die sechs Jahre jüngere Schwester denselben Hang zu abgefuckt-verstörenden Fun Facts hat, mit denen man selbst schon die ein oder andere Smalltalkrunde gesprengt hat. Und nach dem dritten Glas Wiedersehens-Sekt hat man mit leicht feuchten Augen nur noch einen Gedanken: Ich verzeihe euch, dass ihr meine teuren Zeichenstifte kaputt gemacht und die Küchentür zugeschlagen habt, während meine Hand noch drin war. Und ich bringe jeden um, der euch unglücklich macht—auch wenn ich für unfundierte Todesdrohungen mittlerweile eigentlich zu reif und erwachsen sein sollte.

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