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Warum Türsteher dich nicht in Clubs lassen

Die Kunst des Türstehens ist eine verzwickte Sache. Machst du es falsch, wird der Club einfach scheiße, doch mit den richtigen Kriterien bereitest du der kollektiven Euphorie den Weg.

Eine Eintrittsmünze fürs Lineage. Mein Schatzzzz

Beim ersten Mal, als mir explizit der Zugang zu einer Party verwehrt wurde, war ich 14 Jahre alt. Die Geburtstagsparty einer Klassenkameradin namens Kayleigh sollte am folgenden Wochenende stattfinden. Nachdem sie eine aufwändige Einladung an fast alle Anderen verteilt hatte und ein Junge namens Matt alle darauf aufmerksam gemacht hatte, dass ich keine bekommen hatte, wandte sie sich mir zu und warnte mich, ihr Stiefvater würde dort sein und er würde garantiert ausflippen, wenn noch mehr Leute kämen. Das letzte Mal, dass mir der Zugang zu einer Party verwehrt blieb, war vor einem Club an einem verregneten, grauen Morgen in Berlin. Obwohl ich inzwischen 15 Jahre mehr Lebenserfahrung und einen etwas besseren Haarschnitt hatte, war es noch genauso bitter zu hören: "Sorry, für dich heute nicht."

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Ich bin garantiert nicht alleine damit, dass ich mich so gut an Situationen erinnere, in denen ich irgendwo nicht reingelassen wurde. Es handelt sich dabei um eine Form der Ablehnung, die einen ziemlich verletzen kann. Aber wenn du für jedes Mal, dass du eine verschlossene Tür vor dir hattest, schon 20 gute, durchfeierte Nächte hattest—völlig ohne Belästigung, Prolls oder Assis—, dann erkennst du auch irgendwann die Logik dahinter. Wenn ein Club funktioniert, dann bemerkst du kaum die Nähte, die alles zusammenhalten. Es geht nicht nur um guten Sound und gutes Licht sowie halbwegs annehmbare Toiletten—das wichtigste Element ist die Einstellung der Feiernden, und gleichzeitig lässt sich dieser Faktor auch oft am schwersten kontrollieren.

Amsterdam hat eine starke Dancefloor-Kultur, die von genreübergreifenden Institutionen wie dem Rush Hour und Festivals wie DGTL und Dekmantel geprägt ist, aber auch von Riesenerfolgen wie dem Trouw, das letztes Jahr geschlossen wurde und bereits einen würdigen Nachfolger in dem neuen Club des Teams, De School, gefunden hat. Wie auch das Trouw hat das De School eine öffentlich einsehbare Richtlinie, anhand der Gäste an der Tür abgewiesen werden (zu den verbotenen Elementen gehören Handys auf dem Dancefloor, Junggesellenabschiede, Drogen, Waffen, sexuelle Belästigung und Transphobie). Die Hausregeln sind zum Teil aus der extremen Beliebtheit des Clubs heraus entstanden, doch es geht dabei auch darum, die Atmosphäre und den Ruf des Clubs zu wahren. Du kommst vermutlich nicht rein, wenn du in einer 12-köpfigen Gruppe aufkreuzt, von oben bis unten mit Bier besudelt bist und ihr "Seven Nation Army" grölt.

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Es gibt zwar eine aufregende DJ-Auswahl, darunter Ben UFO und Lena Willikens (beide Residents im Trouw und im De School), doch die Club-Atmosphäre in Amsterdam ist einfach am besten, wenn House und Techno gespielt werden. Der Amsterdamer Promoter Axm3d ist der Meinung, dass hierdurch leider unweigerlich die genauso große HipHop-Szene der Stadt ins Hintertreffen gerät. Zusammen mit seinen Kollegen Daniel Maciejewski und Jack Nolan experimentiert er nun mit einer neuen Partyreihe namens Lineage, die ihre eigenen Kriterien für die Tür hat.

Musikalisch kombiniert Lineage einen klassischen, am Viervierteltakt orientierten Dancefloor mit einem zweiten Soundsystem, das auf klassischen Rap ausgerichtet ist, wie er ansonsten nur von kommerziellen Mainstream-Clubs aufgegriffen wird. Das wirklich Bahnbrechende daran ist allerdings das ambitionierte Einladungssystem. Vor der Premiere des Lineage, die diesen Monat im Radion in Amsterdam stattgefunden hat, wurden 1.500 Münzen an 300 Leute verteilt—manche davon waren Freunde, andere waren Fremde, die einfach nur bei einem Festival besonders enthusiastisch im Backstagebereich getanzt hatten. Es gibt kein Facebook, kein Twitter, kein Instagram. Drinnen sind Fotos streng verboten. Der einzige Weg, wie du durch die Tür kommst, ist eine Münze.

In diesem Club scheint es eine eher entspannte Türpolitik zu geben | Foto von Jake Lewis

Maciejewski, der als Geschäftsmann in die Welt der Clubs eingetreten ist, besteht darauf, dass die Türpolitik nicht nur existiert, um so vielen Leuten wie möglich den Abend zu ruinieren. "Die Münzen helfen wirklich extrem dabei, die Zusammenstellung der Gäste maßzuschneidern, aber sie funktionieren auch auf einer familiären Ebene", erklärt Maciejewski. "Die Crowd ist sehr gut gemischt, aber es geht bei uns auch nicht darum, exklusiv zu sein, sondern darum, die Besten der Besten mit ins Boot zu holen—die Leute, die das Beste der Party- und Musikszenen verkörpern. Wir wollten Leute aus allen Subkulturen, sodass wir Gäste aus der Schwulenszene, der DJ-Szene, Expats, Lokalhelden und die verschiedensten vertrauenswürdigen Leute dort haben. Und wir wissen: Wenn man solche Leute einlädt, geht die Party richtig los."

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Club-Mitgliedschaft auf Einladung ist keineswegs ein neues Konzept. Zur Blütezeit des New Yorker Clubs Paradise Garage gab es kaum eine begehrtere Connection in New York als die zu Larry Levan und seiner Crew, deren Mitgliedskarten jedem Empfänger die Pflicht übertrugen, vier Gäste für die wöchentliche Party zu finden. Doch das Lineage ist vielleicht die erste Party in der Geschichte, bei der die Crowd selbst wie eine kleine Demokratie funktioniert. Außerdem muss es auch einer der ersten Clubs sein, in denen es einen schwulenfreundlichen Darkroom in Hörweite von West Coast Gangsta-Rap gibt.

Anderswo in Europa sieht es schon ganz anders aus. In Großbritannien, wo ich herkomme und wo die Clubs besorgniserregend schnell aussterben, gibt es nicht viele Lokale mit einer Türpolitik, die auf "Safe Space" für alle ausgelegt ist. Während manche—meist solche, die eine VIP-Gästeliste führen und "Bottle Service" anbieten—sich exklusiv geben, um eine Illusion des Prestige aufrechtzuerhalten, sind die meisten Nachtclubs allein finanziell nicht in der Lage, Gäste abzuweisen, wenn ihnen Ärger nicht gerade in riesigen Lettern ins Gesicht geschrieben steht. Das ist zunehmend in britischen Innenstädten der Fall, denn in diesen einstigen Partyzentren gibt es immer weniger Clubs und dafür immer mehr Fitnesscenter von großen Franchises.

Da ich in Großbritannien aufgewachsen bin und früher immer in Indie- und später in Dance-Clubs gegangen bin, war es für mich sogar eine Frage des Stolzes, mich nicht entsprechend der Türsteherkriterien irgendwelcher Mainstream-Clubs zu kleiden. Daher ist es schon ein wenig seltsam, dass ich jetzt einer von Tausenden Einwanderern in Berlin bin, die pessimistisch vor den temporären Tempeln der Selbstdarstellung auf ihr Urteil warten—und dabei haben viele dieser Clubs eine verruchte Kultur, die allen die Haare zu Berge stehen lassen dürfte, die ein paar Dinge über Gesundheits- und Sicherheitsvorschriften wissen. Die anhaltende Attraktivität Berlins für sogenannte "easyJet-Raver" hat auch zur Folge, dass Clubs inzwischen sehr wählerisch sein können. Am bekanntesten ist wohl die Türpolitik des Berghain. Darüber gibt es mehr als nur ein paar Beiträge in den Medien, was die Anziehungskraft des Clubs im Laufe des letzten Jahrzehnts nur noch gestärkt hat. Die strengen Türsteher mögen uns nicht immer "fair" erscheinen, doch sie dienen als Schutz gegen mögliches Chaos.

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Die Türpolitik gibt es zwar nicht Schwarz auf Weiß—zumindest nicht öffentlich—, doch das Berghain ist durchaus erfolgreich darin gewesen, den aufgeschlossenen Spirit und die sexuelle Freiheit seines Vorgängers, des Ostgut, zu wahren. "Reibung braucht es allerdings auch immer", warnte der Türsteher-Chef Sven Marquardt in einem seltenen Interview letztes Jahr in GQ. "Das braucht jeder gute Club: Diversität und Reibung."

Wer das Glück hat, an der Euphorie teilzuhaben, die Marquardt auf subtile Weise kontrolliert, wird kaum so dumm sein, die Formel infrage zu stellen. Doch die große Botschaft der Tanzmusik, ob nun in der Blütezeit des Disco, in der kreativen Berliner Technoszene der 90er oder selbst zu den unwillkürlich politisch geladenen Hochzeiten des Acid House, war schon immer Unity. Kann man diese Einigkeit wirklich erreichen, ohne wenigstens ein paar Leute auszuschließen?

"Wir wollen nicht exklusiv sein, sondern inklusiv", stellt Lineage-Promoter Maciejewski klar. "Wir wollen selektiv sein und wir wollen die Leute wieder dazu bringen, dass sie sich offline unterhalten … Wir verkaufen den Leuten den direkten Kontakt mit Anderen als einen Wert." Und viele Clubs in Berlin, anderswo in Europa und auch in den Staaten fahren stattdessen weiterhin eine Politik der kalten Schulter und definieren sich hauptsächlich über die langen Schlangen der Hoffnungsvollen. Es wird also interessant zu sehen, wie die radikale Idee des Lineage, den Gästen Verantwortung für die Clubnacht zu geben, sich entwickelt.