Alle Fotos: Felix Huesmann

​Die 90er haben angerufen und wollen ihre Neonazis zurück

Felix Huesmann

Felix Huesmann

In Essen haben am Wochenende rund 80 Neonazis demonstriert und unter anderem „Antisemiten kann man nicht verbieten" skandiert. Warum interessiert sich keine Sau für die NPD in Nordrhein-Westfalen?

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Die Sonne scheint am Samstag fast schon sommerlich auf den Platz an der „Freiheit" hinter dem Essener Hauptbahnhof. Es hat fast 20 Grad, bestes Demo-Wetter. Auf der großen Fläche zwischen den Polizeiabsperrungen stehen trotzdem nur etwa 80 Neonazis versammelt. Und die sehen zum Großteil aus, als wären sie zum Komparsen-Casting für einen Film über die Rechte Szene der 90er Jahre gekommen: Springerstiefel hier, blauweiße Camouflage-Hosen dort. Und dazwischen die „Division Braune Wölfe" mit rasierten Köpfen und allerlei teils verbotenen Nazi-Insignien auf der Haut. Mancher trägt deshalb verräterische Heftpflaster am Hals spazieren, ein anderer zeigt seinen tätowierten SS-Totenkopf aber ganz offen.


Schon als sie sich dort treffen, werden die NPD-ler von mehreren hundert Gegendemonstranten auf der anderen Seite der Polizeigitter angebrüllt und ausgebuht.

Demonstrieren wollen sie gegen „Asylmissbrauch und Islamisierung", den beiden „Hauptsorgen" der meisten rechtsextremen Demonstrationen dieser Tage. Im nicht weit entfernten Dortmund übernimmt das regelmäßig die kleine Neonazi-Partei „Die Rechte", im noch näher gelegenen Duisburg gibt es wöchentliche Demonstrationen des nordrhein-westfälischen Pegida-Ablegers.


Demonstrationen der NPD sind hier hingegen ungewöhnlich. Die Partei ist zwar in 13 Stadträten Nordrhein-Westfalens mit jeweils einem Mitglied vertreten. Eine relevante Größe innerhalb der rechtsextremen Szene ist sie im bevölkerungsreichsten Bundesland aber schon lange nicht mehr.

Bevor es die Kleinstpartei „Die Rechte" gab, waren die „freien Kameradschaften" und „autonomen Nationalisten" tonangebend. Nachdem 2012 mehrere Neonazi-Kameradschaften verboten wurden, bauten deren Anführer den Landesverband der neuen und bis dahin gänzlich unbekannten Partei „Die Rechte" auf, anstatt in die NPD einzutreten. Schon damals hatte das etwas mit der fehlenden Relevanz der Partei zu tun. Außerdem hatten sich die „Autonomen Nationalisten" zumindest in Dortmund tief mit der lokalen NPD zerstritten.


Die Streitereien sind zwar zumindest öffentlich längst beigelegt und durch offen zelebrierte Zusammenarbeit ersetzt worden. Vor allem für junge „aktionsorientierte" Neonazis macht auch das die NPD jedoch nicht attraktiver.

So soll die Demonstration in Essen, wo die Partei ihre Landesgeschäftsstelle betreibt, wohl auch ein Lebenszeichen sein—vielleicht eines der letzten vor einem möglichen Parteiverbot in den kommenden Monaten.

An die juristische Bedrohung scheint ein Großteil der Demonstranten allerdings nicht zu denken. Schon als die Demonstration sich in Bewegung setzt und die ersten Schritte gelaufen werden, stimmen Neonazis in den ersten Reihen die Parole „Antisemiten kann man nicht verbieten" an. Die ersten paar hundert Meter werden die Rechtsextremen von zwei kunterbunt gekleideten Punkerinnen hinter der Polizeikette begleitet.


Schon bevor es losging, hatte man sich gegenseitig Beleidigungen zugerufen—weit unterhalb der Gürtellinie, versteht sich. Den beiden jungen Frauen hatte das sichtlich Spaß gemacht, für einen Teil der Neonazis hat es gereicht, um in Rage zu kommen. „Ihr freut euch doch nur, mal richtige Männer zu sehen, so wie ihr ausseht", ruft Rainer Händelkes den beiden durch sein Megaphon zu. Er ist Kreisvorsitzender der NPD in Krefeld und einer der angekündigten Redner.

Eine halbe Stunde später steht er dann an einem richtigen Mikrofon und redet über „muslimische Einwanderer, junge kräftige Männer, ein Invasionsheer in Millionenstärke [...]". Das Bild, das hier von Flüchtlingen und Migranten gezeichnet wird, ist das immergleiche Schreckgespenst der extremen Rechten.


Der stellvertretenden Landesvorsitzenden der Neonazi-Partei, Ariane Meise, geht es in ihrer Rede vor allem um die Dämonisierung des Islams. Dafür trauert sie sogar um die Opfer des jüngsten Terroranschlags im pakistanischen Lahore. Wo die Lichterketten und Gedenkveranstaltungen für die dort getöteten Christen gewesen seien, fragt sie rhetorisch. Seit wann sich die NPD für das Leben von Pakistanern interessiert oder ob in der rechtsextremen Szene Trauerfeiern für die pakistanischen Terror-Opfer abgehalten wurden, sagt sie nicht. Dafür gibt sie sich als geschulte Islamwissenschaftlerin: Die islamistischen Terroristen von Taliban und „Islamischem Staat" hätten den Koran nämlich nicht falsch, sondern genau richtig verstanden. Der Islam sei halt so. Und darum gehöre er nicht nach Deutschland, nicht ins „christliche Abendland". Bevor sie zum Ende ihrer Rede kommt und der Tross der Neonazis wieder weitermarschieren und sich Wortgefechte mit Gegendemonstranten liefern darf, erwähnt Ariane Meise aber noch, wer die eigentlich Schuldigen an den Kriegen dieser Welt sind: Die „Wirtschaftskapitalisten von der Ostküste". Im Slang der Rechtsextremen und Antisemiten steht das für Juden, denen der Antisemitismus schon immer Raffgier und Übermacht unterstellt hat.


Schließlich läuft die Neonazi-Demo endlich weiter. In den Seitenstraßen und dem anliegenden Stadtpark laufen parallel dazu Hunderte Gegendemonstranten, um an möglichst jeder Kreuzung zumindest in Rufweite der NPD zu gelangen und zu stören. Einmal gelangt eine Gegendemonstrantin auch in Wurfweite und schmeißt einen Beutel mit pinker Farbe in Richtung der Neonazis. Ein anderes Mal fliegen rohe Eier aus einem Fenster. Die glatzköpfigen Neonazis reagieren auf jede Störung und Provokation voller Hass und Testosteron.

Kurz bevor die Demonstration nach ihrer Runde durch das Essener Südviertel wieder am Hauptbahnhof ankommt, ruft eine kleine Gruppe von Antifaschisten den Neonazis aus einiger Entfernung die Parole „Kannibalismus gehört zu unsern Riten, esst mehr Antisemiten" zu. Ein Teil der NPD-Anhänger reagiert erneut mit dem laut gebrüllten Spruch „Antisemiten kann man nicht verbieten".

Sollte das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe das anders sehen, könnte der Aufmarsch in Essen allerdings eine der letzten NPD-Demonstrationen nicht nur in Nordrhein-Westfalen gewesen sein.

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