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Ich bin psychisch krank und es war fast unmöglich, einen Therapieplatz zu finden

Die Versicherungen müssen endlich anfangen, unsere psychischen Krankheiten ernst zu nehmen.

von Anonym
10 Mai 2016, 4:00am

Foto: Flickr | Ryan Melaugh | CC BY 2.0

Ich bin psychisch krank. Ich finde das nicht so besonders, viele Leute sind das. Weil ich nicht schwer depressiv bin, sondern vor allem abwechselnd heftige Motivations- und Stressprobleme habe und dadurch kaum schlafe, gehöre ich nicht zu den Notfall-Kandidaten für die Klinik. Die Beschwerden habe ich schon so lange, wie ich denken kann. Ich hatte schon vor der Pubertät Angst davor, dass ich eines Tages tot sein werde und dadurch mein Bewusstsein ausgelöscht wird und konnte abends entsprechend nicht gut entspannen. In der Schule war das kein Problem, da kam ich auch ohne Lernen ganz gut durch. Ich fehlte zwar später sehr viel, da meine Noten aber super waren, drückten viele Lehrer ein Auge zu. Seit Beginn des Studiums wurde das aber zum Problem: Hier konnte ich die Dinge nicht nur tage-, sondern jahrelang aufschieben. Auf zwei Jahre Vorlesungen und biertrinkend auf der Wiese sitzen musste ich vor meinem Bachelor ein Jahr lang 50-Stunden-Wochen schieben, um alle Hausarbeiten pünktlich im Kasten zu haben. Als sich das im Master zu wiederholen drohte, war klar: Ich brauche Hilfe.

Da fing meine Odyssee an. Die Wartezeiten für Kassen-Psychotherapeuten sind im Ruhrgebiet enorm (zwischen 6 und 12 Monaten, je nach Glück). Deshalb gibt es das Kostenerstattungsverfahren: Wenn du nachweisen kannst, dass du auf einen Termin länger als drei Monate warten müsstest, aber dringend Psychotherapie brauchst, zahlt die Krankenkasse dir einen Privattherapeuten. Das Problem: Dieser Nachweis ist ziemlich aufwändig. Ein Psychiater muss bescheinigen, dass du eine psychische Krankheit hast, die keine organischen Ursachen hat. Dann musst du nachweisen, dass du nicht schnell genug bei einem Kassentherapeuten unterkommen kannst. Bei mir wollte die Krankenkasse den Nachweis über zehn Absagen. Dafür musst du die Therapeuten aber erstmal erreichen: Die meisten haben wöchentlich nur eine halbe Stunde Telefonsprechzeit, während der fast immer besetzt ist. Und dann musst du noch einen Privattherapeuten finden, der dir bescheinigt, dass er einen Platz frei hat. Wenn schlimme Motivationsprobleme eines deiner Symptome sind, kann das ganz schön schwierig werden. So kommt es auch, dass ich meinen Therapieplatz schließlich nur durch eine Kombination aus Glück und Intervention meines Vaters bekommen habe, der die Essener Therapeuten in Grund und Boden telefonierte. Aber von vorne.

Ich wohne im Ruhrgebiet. Blöderweise wird trotz dichter Besiedelung "das Ruhrgebiet als ländlicher Raum und darin liegende Städte wie Essen nicht als Großstädte angesehen", wie mir der Essener Kassentherapeut Rüdiger Gaub erklärt. Das Problem: Es gibt in Großstädten mehr Bedarf an Psychotherapeuten pro Einwohner als auf dem Land. Gaub führt weiter aus: "Die Bedarfsplanung für die Zulassung von Vertragsbehandlern in der Psychotherapie beruht auf Zahlen aus 1999, die der heutigen Situation nicht entsprechen." Da es auf die Einwohner gerechnet nur eine gewisse Zahl an Psychotherapeuten geben darf, lassen die Krankenkassen keine weiteren zu. Psychische Krankheiten sind aber seit 1999 nicht nur häufiger geworden, auch die Angst, eine Erkrankung zuzugeben, ist gesunken; "Menschen haben eher Mut oder es ist die wachsende Verzweiflung, die sie in die Psychotherapie bewegt." Insgesamt bedeutet das: "Zu viele Erkrankte, zu wenig Behandler."

Nach ein paar Tagen am Telefon wusste ich schließlich nur eins: Im nächsten Dreivierteljahr wird es vermutlich nichts mit einer Therapie. Ein Wort hörte ich aber immer wieder: "Kostenerstattungsverfahren". Der Mangel an Psychotherapeuten wird ausgeglichen, indem Kassenpatienten einen Privattherapeuten bezahlt bekommen. Der hat natürlich die gleichen Qualifikationen, wird aber aufgrund der Quotenregelung nicht als Kassentherapeut zugelassen.

Während ich nun also für verschiedene Anträge, Berichte und Notwendigkeitsbescheinigungen von Arzt zu Arzt rannte, Formulare nachreichte und auf Ergebnisse meines Antrags wartete, wurde ich nicht gerade gesünder. Die Motivationslöcher tiefer, die Arbeitsphasen stressiger und schlafloser. Bald schlief ich noch maximal fünf Stunden, arbeitete mich sechs Wochen lang kaputt und war danach vier Wochen krank, die ich mit Netflix, Playstation und Young Thug verbrachte. Diese Phase dauerte insgesamt ein halbes Jahr, zweieinhalb Monate lag der Antrag unbearbeitet bei der momentan in Anträgen versinkenden Versicherung herum. Die Angestellten vor Ort können nichts dazu: Zu wenig Therapeuten, zu wenig Sachbearbeiter, viel zu viele Klienten. Wer soll da was ändern können?

Na klar, die Krankenkasse selbst. Ich war nach einem unbegründet abgelehnten Antrag bewusst von der Barmer zur Techniker Krankenkasse gewechselt, weil viele Freunde mir sagten, dass die Anträge dort häufiger durchkämen. Wobei schon die Idee an sich lächerlich ist: Es muss nicht nur das Fehlen freier Therapieplätze nachgewiesen und eine Notwendigkeitsbescheinigung vom Psychiater eingeschickt werden. Auch ein Nachweis darüber, dass das Problem keine organische Ursache hat, ist notwendig. Als ob eine therapeutische Behandlung einem aus organischen Gründen depressiven Menschen nicht helfen könnte. Die Ablehnungshaltung der Krankenkassen wirkt, als wolle man verhindern, dass psychisch gesunde Menschen sich Therapie erschleichen, die sie nicht brauchen. Aber wer würde das tun, und warum? Um jede Woche eine Stunde beim Arzt zu hocken, ohne dass es nötig wäre? Das lässt vermuten, dass es hier nicht darum geht, die braven Beitragszahler vor bösen Psychoschmarotzern zu schützen, sondern um Ökonomie. Oder, wie Herr Gaub es einfacher sagt: "Den Kassen geht es nicht um mehr Qualität, sondern um weniger Quantität." Unabhängig vom Bedarf soll Geld eingespart werden.

Schließlich wurde mein Antrag abgelehnt. Meine Hausärztin hatte mehrere Störungen diagnostiziert, meine damalige Psychiaterin nur eine davon. Die allerdings auch allein eine Behandlung notwendig gemacht hätte. Zu große Differenz der Diagnosen, Antrag kann nicht bewilligt werden. Bürokratisch logisch, aus medizinischer Sicht völliger Schwachsinn. Was das zur Folge hatte, kann man sich denken: Meine erste ernsthafte depressive Phase, in der ich tatsächlich klischeehaft "keine Zukunft mehr gesehen" habe. Suizidgedanken hatte ich nie, dafür mag ich mein Leben zu sehr. Aber ich wusste eine Weile nichts damit anzufangen. Nicht einmal mehr jeden Tag aus dem Bett aufzustehen.

Hätte mein Vater nicht aus Ratlosigkeit über meine Lage viele Therapeuten angerufen, und dabei irgendwann einen erreicht, der seine lange geschlossene Warteliste gerade zufällig wieder geöffnet hatte, wäre ich wohl bis heute dabei geblieben. Damit bin ich sicherlich nicht der Einzige. Die Folgen können auch für die Krankenkassen verheerend sein: Ohne diesen glücklichen Zufall hätte ich vermutlich weitergemacht wie bisher. Meine Hänger- und Krankheitsphasen wurden immer länger, spätestens mit Mitte 30 wäre ich vermutlich ein sabbernder Sack gewesen und hätte euch allen so richtig auf der Tasche gelegen. Dabei sollte das eigentlich scheißegal sein: Die Krankenkassen sollten nicht dafür da sein, möglichst große Gewinne zu erwirtschaften, sondern die Gesundheitsbedürfnisse ihrer Versicherten zu erfüllen. Wer krank ist, muss auch behandelt werden, wenn es notwendig ist. Was planen die Krankenkassen eigentlich, um das Problem zu lösen?

Die Techniker Krankenkasse, bei der ich mit meinem Antrag so kläglich gescheitert war, hat hierzu ein Thesenpapier, das mir ihre Pressereferentin zugeschickt hat. Die Thesen: Jeder vierte Therapierte ist nur "leicht" psychisch krank. Die Hälfte aller Therapien wird nach weniger als 12 Stunden beendet. Daraus schließen sie: Für die Abbrecher und leicht Erkrankten hätten auch Angebote wie Stressbewältigungsgespräche auf der Arbeit, Kurzzeitbehandlungen oder ein "Online-Gesundheitscoach" (!) ausgereicht. Ich spiele hier mal die Gegenpartei und sage: Dass auch leichte Erkrankungen chronisch und schlimm werden können, fällt unter den Tisch. Genauso der Grund für den Therapieabbruch: Waren die Leute wirklich so schnell geheilt oder die Behandlung nie notwendig? Hat die Chemie zwischen Therapeut und Patient einfach nicht gestimmt (die sehr wichtig für einen Erfolg ist)? Oder ist gar eine Verschlimmerung der Krankheit der Grund, wie beispielsweise eine Soziophobie, die für große Angst vor einer Behandlung sorgen kann?

Außerdem sorgen sie sich um die Therapieform. Die meisten Patienten beschäftigen sich nicht mit den verschiedenen Arten der Psychotherapie (Psychoanalyse, Verhaltenstherapie, Tiefenpsychologie ...) und wählen daraufhin einen Therapeuten, der zu ihren Beschwerden passt. Aufgrund des Mangels und der hohen Wartezeiten lassen sie sich bei möglichst vielen Therapeuten auf die Warteliste setzen und nehmen den ersten Platz, den sie bekommen können. Der TK gefällt das nicht, weil die Behandlungsdauer—und damit die Kosten—durch eine weniger geeignete Therapieform steigen können. Hier geht es wieder nicht um die Gesundheit des Behandelten, sondern ums Sparen. "Ziel muss eine Versorgung sein, die sich an dem tatsächlichen Bedarf orientiert." Das bedeutet hier: Therapie für anders besser Behandelbare streichen. Denn wenn kein passender Platz verfügbar ist, bedeutet das Ende einer nicht perfekten Behandlung das Ende jeder Behandlung.

Die Kasse schlägt auch eine Koordinationsstelle für die Therapieplätze vor; das verkürzt aber nicht die Wartezeiten, weil es keine neuen Plätze schafft. Was tatsächlich entlastet, wären Gruppentherapien. Allerdings reicht das als einzige Lösung wohl kaum. Zudem für soziophobe Menschen. Natürlich kann es auf lange Sicht wirksam sein, um den Umgang wieder zu üben. Aber einen Menschen, der Angst vor fremden Menschen hat, gleich zu Beginn in der Gruppe zu therapieren ... ich führe den Satz gar nicht zu Ende.

Herr Gaub sieht das mit alltäglicher Erfahrung deutlich anders als die Krankenkassen: "Leichte Erkrankungen, da könnte ich kotzen." Auch er sagt, dass die Gruppentherapie "ein Instrument ist, das bei uns in Deutschland zu kurz kommt"; darüber lässt sich das Problem aber nicht lösen. Stattdessen führe kein Weg darum herum, "mehr Vertragsarztsitze für Psychologische Psychotherapeuten zu schaffen."

Seltsam: "Aus Sicht der TK besteht kein genereller Ärzte- bzw. Therapeutenmangel. TK-eigene Analysen haben gezeigt, dass mit einer größeren Therapeutendichte lediglich die Gesamtausgaben in der ambulanten Psychotherapie steigen, was die These der angebotsinduzierten Nachfrage stützt." Natürlich sinkt die Hürde, sich um einen Therapieplatz zu bemühen, wenn es genügend davon gibt. Das darf aber kein Grund sein, sie weiter künstlich zu verknappen.

Nur weil die Gesundheitsversorgung in Deutschland für alle gedeckt ist, laufen die Leute auch nicht scharenweise gesund zum Arzt und wollen behandelt werden. Das gilt auch für die Psychotherapie. Natürlich kostet das auch Geld. Die Patienten aber einfach in Gruppen zu den Therapeuten zu schicken, und zu hoffen, dass sich das Problem dadurch wundersam löst, wird nicht funktionieren. Es werden mehr Kassen-Therapeuten benötigt.

Inzwischen habe ich mit der Therapie begonnen, und schon nach wenigen Wochen hat sich mein Zustand deutlich verbessert. Allein dass ich weiß, dass ich an mir arbeiten kann, und mir jemand zeigt, wie ich das am besten mache, hat meinen kompletten Alltag wieder auf Kurs gebracht. Der lähmende Sog der letzten Monate, in denen ich gegen die Windmühlen der Bürokratie ankämpfen musste, ist abgefallen. Mal ganz persönlich: Es wäre schön, wenn irgendwann jeder die Behandlung, die er braucht, sofort bekommt. Es wäre auch schön, wenn er dabei an die Hand genommen wird: Vom Hausarzt des Vertrauens an den Psychiater überwiesen, von hier an die Therapie, der Platz steht innerhalb eines Monats zur Verfügung.

Dazu müssen endlich mehr Therapieplätze geschaffen werden. Der Bedarf ist da. "Angebot und Nachfrage" regulieren sich aber nur, solange die Nachfragenden zahlen können: Auch der Gesundheitsmarkt funktioniert, wie der Name sagt, marktwirtschaftlich. Das Handeln der Krankenkassen wird entsprechend nicht über die Bedürfnisse der Patienten bestimmt. Schön wär's, würden sie die Menschen behandeln, wie sie es brauchen und wollen. Am besten, weil es ihre Aufgabe ist, und weil Menschen ein Recht auf Gesundheit haben sollten.

Herr Gaubs Versuch das Ganze den (logischerweise) ökonomisch denkenden Verantwortlichen schmackhaft zu machen: "Nicht zu vergessen, dass eine bessere Versorgung psychisch kranker Menschen großes Sparpotential bietet, wenn Ausfälle durch Arbeitsunfähigkeitszeiten vermindert werden können. Gesamtwirtschaftlich ist also jeder Euro, der in die Versorgung gesteckt wird, ein Gewinn." Dann eben so, wenn man schon mit Menschlichkeit nicht weiterkommt.

Update: Nach der Veröffentlichung hat der Autor uns gebeten, seinen Namen zu anonymisieren, um ihn vor einer möglichen Stigmatisierung zu schützen.

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