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The Fashion Issue 2014

Achtung, Dino-Aids!

Zweimal im Monat ziehen sich Jungs wie Mädchen und Mädchen wie verrücktere Mädchen an und feiern bei Rhinoplasty im Club U.
23.4.14

Zweimal im Monat ziehen sich ein Haufen Jungs wie Mädchen und Mädchen wie verrücktere Mädchen an und feiern am Karlsplatz, dort wo früher die Junkies herumjunkten, bei Rhinoplasty im Club U. Die Gratispartys haben Themen wie „Eyebrow Cancer Charity“, „Boy Beats Girl“ oder „Vorhaut“ und sind angelehnt an die Club-Kids-Szene, die auch in Macaulay Culkins ausschweifendem Ich-bin-jetzt- erwachsen-und-arty-Film Party Monster (2003) porträtiert wird. Rhinoplasty ist Club-Kids-Kultur auf Wienerisch, ein bisschen gemütlicher und mit etwas weniger Drogen, aber auf Trash und Crossdressing wird nicht verzichtet. Mit ihren Specials, die sich um Wortspiele, Subkulturen und Schockthemen drehen, wird seit 7 Jahren dem Exploitation-Kitsch gehuldigt und ein popkultureller Bildungsauftrag erfüllt.

Nach einem „Chola“-Rhinoplasty weiß jeder, der da war, wie sich Innercity-Latinas ihre Augenbrauen zupfen und wie es bei einer Goa-Party riecht. (Sub-)Kulturtourismus, für den einen Abend lang eine gesamte Party in ein Thema getaucht wird. Auch die Grenzen des guten Geschmacks reizen die stets verkleideten Gastgeber aus. Themen wie „Kinder, warum sie so sexy sind—Thomas Brezina Special“ oder ein „Natascha Krampus—Kellerkinder-Special“ schockieren das Rhinoplasty-Publikum kaum noch. 20 Jahre nach rotten.com scheinen Männer in Röcken und Nackte auf der Tanzfläche keinen mehr zu stören. So wird sich hier nur noch auf das Feiern konzentriert. Wir haben uns mit den Rhinoplasty Hosts Andreas Reiter, Bernd Eischeid und Marius Valente zusammengesetzt und sie uns ein bisschen was über Verkleidungskonventionen als Frau und Mann, langweilige Coolness und schmusende Hetero-Männer erzählen lassen.

Auf der nächsten Seite sprechen die Rhinoplasty-Hosts über Drag, Geschlechter und Verkleidungen.

VICE: Wie würdet ihr eure Art des Drag beschreiben?
Rhinoplasty: Wir würden nicht sagen, dass wir Drag machen. Das wäre eine Beleidigung für jede ordentliche Drag Queen. Früher ging es bei Rhinoplasty mehr in diese Richtung, aber mittlerweile bestimmen die Themen die Partys. Wir verkleiden uns als irgendwas, aber ob das dann wirklich eine Frau ist … High Heels gehören trotzdem immer dazu. Aber das hat weniger mit Drag zu tun. High Heels machen einen größer und irgendwie geben hohe Schuhe einem das Gefühl, dass man stolz auf seine Titten und seinen Arsch ist.

Was würdet ihr sagen, welches Geschlechterbild habt ihr eigentlich von euch selbst?
Wir stecken zwischen den beiden Geschlechtern. Da ist auch schon egal, wie wir uns über Kleidung definieren. Alles ist Verkleidung. Das ist wahrscheinlich der größte Unterschied zwischen dem, was wir machen, und klassischem Drag.

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Es ist eine Form von Trash Drag, aber in Wirklichkeit wollen wir vor allem Spaß haben und treiben jedes Konstrukt auf die Spitze. Wenn es männlich sein soll, dann gleich supermännlich. Wenn wir als Boyband gehen, malen wir uns extra ein Sixpack auf. Hauptsache viel von allem. Außerdem wollten wir nie eine Drag Party machen, sondern eher eine Verkleidungsparty. So eher nach Londoner Club-Kids-Vorbild.

Habt ihr euch immer schon verkleidet?
Wir kommen alle aus wahnsinnigen Familien. In den 80ern war Fasching in Österreich noch viel größer—und da sowieso jeder verkleidet war, hat sich an unseren Outfits auch keiner gestoßen. Einige von uns hatten ihr erstes Mal in Drag schon an ihrem ersten Geburtstag, als ihnen das rosa Babykleid der Mutter angezogen wurde. Einer von uns kommt aus einer Clownfamilie in Köln, die auch dem FKK frönte, und wurde schon mit 6 Monaten verkleidet. Andere wurden sehr jung als Teddybär verkleidet und waren dann mit der Familie im Demel Kuchen essen.

Ist Drag sexistisch? Sind Drag Queens frauenfeindlich, weil sie ein völlig überzeichnetes, fast schon lächerliches Bild einer Frau darstellen?
Wir sehen es eher als sozialkritischen Zugang zu den Geschlechterrollen. Eine Drag Queen, die sich als Britney Spears verkleidet, glaubt nicht, dass sie tatsächlich als Britney Spears wahrgenommen wird. Und wenn man es weiterdenkt, ist ja auch Britney Spears selbst schon Drag. Zumindest ist sie keine Frau, sondern ein Kunstprodukt, eine Karikatur. Drag funktioniert genauso. Klassische Drag Queens machen meistens Hollywood Stars oder irgendwelche Sängerinnen nach. Dabei imitieren sie nicht diese Person als Frau oder ihre Persönlichkeit, sondern das öffentliche Bild. Das ist ein bewusster Zugang und kein sexistischer.

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Warum Rhinoplasty keine reinen Schwulenpartys veranstaltet, erfahrt ihr auf Seite 3.

Bei euch sind Verkleidungen als Frauen nie entmännlichend, sondern vor allem ermächtigend. Ab welchem Punkt schlägt das bei euch ins Positive um?
Das ist bei jedem anders. Dadurch, dass man verkleidet ist, reagieren andere auch anders auf einen. Verkleidet kann man machen, was man will. Man kann sie ausgreifen und niederknutschen—ob sie hetero oder homo sind, ist denen egal. Weil „in Verkleidung zählt das nicht“. Sie sehen es als Spiel und so hat das für sie selber keine Konsequenzen.

Wenn man sich beispielsweise bei einer Wohnungsparty als Transe oder eben als Frau im entferntesten Sinn verkleidet, kann man super mit Heteros rummachen. Das ist wie Fasching im Mittelalter, eine Zeit, in der alle gesellschaftlichen Normen aufgehoben sind. Und wenn es vorbei ist, ist es einfach vorbei, ganz ohne Konsequenzen.

Meist sind auf schwulen Partys ein paar Frauen und ihr bester Freund. Warum sieht das bei euch anders aus?
Weil wir Homos verbieten, zu kommen. (lacht) Wir haben vor Jahren schon all den schwulen Online-Portalen gesagt, dass sie keine Werbung für uns machen sollen und dass wir da nirgendwo erwähnt werden wollen. Wir sind keine Schwulenparty.

Warum wollt ihr das nicht sein?
Wenn bei einer Party nur Schwule oder hauptsächlich Schwule sind, dann bekommt die Party eine andere Dynamik und es geht nur mehr ums Aufreißen. Ab da wird Weggehen Arbeit und das ist dem Spaß nicht zuträglich. Durch die Hetero/Homo-Mischung fällt der Druck weg. Es geht dann nicht mehr nur ums Aufreißen, obwohl das ja trotzdem noch passiert. Es gibt da draußen sicher ein paar Rhinoplasty Babys.

Würde Rhinoplasty funktionieren, wenn ihr nicht verkleidet herumlaufen würdet?
Leigh Bowery hat gesagt, dass seine Aufgabe im Club Taboo sei, betrunken zu sein und sich zum Affen zu machen, um den Leuten zu zeigen, dass das im Club erwünscht ist. Dadurch, dass wir bei den Partys herumlaufen, betrunken in die Büsche springen und sehr albern aussehen, ist den Gästen klar: Man muss nicht cool in der Ecke stehen. Eine „echte“ Drag Queen würde so was nie mitmachen—alleine schon wegen der wertvollen Kostüme. Was wir tragen, sind dagegen Einwegkostüme, die wir genauso wie die Personas für einen Abend annehmen und dann wegwerfen.

Ein einziges Mal ist die Polizei auf einer Rhinoplasty-Party aufgetaucht. Was das mit AIDS zu tun hatte, könnt ihr auf der letzten Seite lesen.

Die Kleidung macht viel, wenn nicht alles aus. Heißt das, dass Frauen in ihrer Abendkleidung, in Kleidern generell oder geschminkt auch in Drag sind?
Naja. Drag heißt nichts anderes als „Dressed As A Girl“. Und eigentlich sind Frauen immer als Frau verkleidet. Es gibt tausend verschiedene Geschlechter beziehungsweise genauso viele Geschlechter und Sexualitäten, wie es Menschen gibt. Die Geschlechter Frau und Mann sind soziale Konstrukte und beides Rollen, die man entweder bewusst oder unbewusst spielt. In dem Sinn sind Frauen schon in Drag—aber zum Konstrukt Frau gehört ein gewisser Kleidungs- und Schminkstil im Alltag meistens dazu. Beim Mann ist es das Gegenteil. Männer müssen nichts machen, um ein Mann zu sein. Sie definieren sich über das, was sie nicht sind, und das ist nicht verkleidet.

Dafür verkleiden sich Frauen seltener als hässlich, weil sie immer hübsch sein sollen. Man muss sich ja nur die Kostüme in Kostümläden anschauen. Jedes weibliche Kostüm hat „sexy“ im Titel und es gibt kein männliches Pendant dazu.

Aufgrund eurer Lage direkt an der U-Bahn-Station Karlsplatz kommen sicher oft Leute zufällig an euren Partys vorbei. Was für Reaktionen erlebt ihr da?
Wenn Leute nicht dezidiert zu den Partys kommen, dann finden sie sie seltsam. Einmal hat jemand versucht, einem von uns das Kleid anzuzünden. Das hört sich aber schlimmer an, als es ist. So was kann einem überall passieren. Wir hatten in sieben Jahren Rhinoplasty ein einziges Mal die Polizei bei uns. Das war bei unserer 5-Jahres-Feier mit Dinosaurier-Thema—eine Anspielung auf unser Alter. Einer von uns war dafür als Teergrube verkleidet, wofür er sich mit dunklem, dickflüssigem Kunstblut übergossen hat und einen roten Spielzeug-Dinosaurier unterm Arm hatte. So verkleidet ist er zwei Studentinnen im Vorbeigehen etwas zu nahe gekommen und hat die Jeansjacke von einer etwas eingesaut.

Die waren daraufhin extrem wütend, sind zur Polizeistation gegangen und kamen mit zwei Polizisten zurück. Wir mussten dann als zwei Meter großer sexy Triceratops und sexy Pterodactylus verkleidet mit der Polizei sprechen. Die Mädchen haben völlig aufgelöst den Tathergang geschildert und dabei meinte eine, dass sie eine „schwarz-braune Flüssigkeit“ ins Ohr bekommen hätte und dass man „in Zeiten von AIDS“ unbekannten Flüssigkeiten nicht zu nahe kommen dürfte. Die Polizisten merkten, dass die Mädchen einen Schuss hatten, gaben der Teergrube und den crossdressenden Dinosauriern recht und zogen ab. Wir haben daraufhin mit Klebeband vor den Club groß „Achtung DINO-AIDS“ geklebt und auf die Geburtstagstorten zum 5-jährigen Jubiläum „AIDS“ geschrieben und sie in die Menge geworfen.