Das helvetische Bedürfnis nach Ruhe ist der Endgegner für das Christentum
Die reformierte Kirche in Wädenswil | Foto von Michael D. Schmid

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Das helvetische Bedürfnis nach Ruhe ist der Endgegner für das Christentum

In Wädenswil hat sich ein Ehepaar gerichtlich gegen das andauernde Glockengeläute aus dem Kirchturm durchgesetzt. Das könnte der Anfang einer längst überfälligen Veränderung sein.
10.8.16

In Wädenswil hat ein Ehepaar das geschafft, was sich Generationen von übernächtigten Arbeitern, von Prüfungsangst gepeinigte Gymnasiasten und verkaterten Jugendlichen gewünscht haben: Dass die Kirchenglocken wenigstens teilweise verstummen. Das Ehepaar hatte gemäss NZZ gegen das viertelstündliche Gebimmel der reformierten Kirche geklagt. Das Zürcher Verwaltungsgericht gab den Schlaflosen recht und so darf die evangelische Kirche Wädenswil zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nur noch zur vollen Stunde die Bürger mit Glockengeläut beschallen.

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Die Schweizer Gesetzgebung geht ansonsten eher restriktiv mit Lärmbelästigung jeglicher Couleur um. In meiner Studentenzeit hat beispielsweise genervt, dass ich nach 20:00 Uhr kein Glas mehr entsorgen durfte. Die Gesetze zur Lärmbelästigung gehen aber noch deutlich weiter. Unter der Woche darfst du in der Schweiz ab 22:00 Uhr, an Sonn-und Feiertagen generell keinen Lärm machen, der die Zimmerlautstärke übertrifft. Also keine Autotüren zuknallen, nicht hupen, keine lauten Haushaltsarbeiten erledigen und nicht den Rasen mähen. Dafür scheint es vollkommen OK und das Normalste der Welt zu sein, dass unter dem Platz, an dem ich wohne, letztens nachts zwischen 01:00 Uhr und 04:00 Uhr neue Kabel verlegt werden mussten. Die penetranteste und regelmässigste Lärmstörung von allen kommt aber von einem göttlichen Absender: das viertelstündliche Glockenläuten aus dem Kirchturm.

Während Ausnahmen wie die Bauarbeiter auf und unter der Strasse vor meinem Schlafzimmer den Unabomber in mir zum Leben erwecken, nehme ich die christliche Nachtruhestörung zu jeder unchristlichen Zeit einfach so hin. Die Läuteordnung legt es offenbar darauf an, uns den Schlaf, den Nerv oder das letzte bisschen Glauben zu rauben. Ursprünglich wurde die Läuteordnung eingeführt, um den Mönchen zu sagen, wann welcher Teil ihres Tages gerade beginnt oder endet.

Spätestens seit der Erfindung des Smartphones—um nicht zu sagen: "der verdammten Armbanduhr!"—ist es aber wirklich nicht mehr nötig, dass mir eine religiöse Institution, die Homosexualität als Sünde versteht, mitteilt, wie spät es ist. Das Christentum muss mir nicht sagen, wie spät es ist. Das Christentum hat in seiner Geschichte Skandale wegen Pädophilie hinter sich gebracht, ist mitverantwortlich am Holocaust an den südamerikanischen Ureinwohnern und drückte dereinst die spanische Inquisition aus ihrem unheiligen Abdomen. Ich will ja schliesslich auch nicht von der PNOS wissen, wie das Wetter morgen sein wird. Warum hat sich also nach dem zehntausendsten Bimmeln um 06:00 Uhr kein fackelbewehrter Mob gebildet, der den Laden in Schutt und Asche gelegt hat? Weil wir seit es die Schweiz gibt, darauf getrimmt sind, das hinzunehmen.

Seit die liberalen Kantone 1848 den Sonderbundkrieg für sich entscheiden konnten, herrscht auf Bundesebene die Kultusfreiheit für die beiden Hauptkonfessionen (also reformiert und katholisch) in der ganzen Schweiz. Ansonsten hat man damals wenig gesamtstaatlich geregelt, ausser dass man den Jesuitenorden verboten hat und den geistlichen den Zugang zu Regierungssitzen verwehrte. Seither ist einiges passiert, statt den Jesuiten sind heute der IS, die Al-Qaida und Minarette verboten und Geistliche dürfen sich wieder zur Wahl in politische Ämter stellen.

Ansonsten gilt auf Bundesebene die allgemeine Religionsfreiheit. In der Schweiz bleibt die Religion aber nicht vollständig vom Staat getrennt. Abgesehen von den wenigen bundesstaatlich geregelten Aspekten, sind alle Details bezüglich der Trennung (oder eben Nicht-Trennung) von Staat und Religion den Kantonen überlassen. Auf Bundesebene hängt man noch sehr am Christentum, wie der erste Teilsatz aus der Bundesverfassung überdeutlich illustriert: "Im Namen Gottes des Allmächtigen!"

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Eigentlich ein zu christliches Intro für den Grundbaustein eines Staates mit Glaubensfreiheit. Das kommt nicht von ungefähr: Die Schweiz rang und ringt bei dem ganzen Föderalismus und den vielen Landessprachen wohl um eine verbindende Identität. Um diese verbindende Identität zu stiften, braucht es Institutionen, die den Leuten in Locarno ähnlich wichtig sind, wie den Menschen in Schaffhausen, Zürich oder Genf.

Dazu gehören unter anderem der Föderalismus an sich, die Religion und das Militär. Und ähnlich wie das Militär ist auch die Verbindung zwischen Staat und Religion nicht vollständig aus der Schweiz zu kriegen. Man hat das via Volksinitiative versucht und ist bisher kläglich gescheitert. Selbst das Kreuz auf der Landesflagge hat einen christlichen Ursprung und der Schweizer Psalmhandelt eigentlich nur vom Herrgott.

Was zwar aus dem alten Testament stammt, aber auch den christlichen Schweizern eine Regel zu sein scheint : Unser Gott ist ein eifersüchtiger Gott (Ex 20,5; Dtn 5,9). Also sind die treuen Eidgenossen sogar so weit gegangen, andere Gotteshäuser teilweise zu verbieten und haben den Bau von Minaretten per Verfassung für ewig gebannt. Obwohl die ohne Muezzin nicht mal Lärm gemacht hätten.

Wichtiger als dieser Jesus Christus ist dem Schweizer aber offenbar seine Ruhe. Und dieses urhelvetische Bedürfnis bringt die Kirche erstmal in arge Bedrängnis. Ich persönlich musste besonders lachen, als ich in der NZZ dann nachlesen durfte, wie die Kirche und die Stadt Wädenswil sich eines Arguments bedienen, das ich sonst nur aus der Diskussion um die Lärmbelästigungen im gentrifizierten Zürcher Kreis 5 kenne:

"Einzig das Ehepaar habe sich wegen des Kirchengeläuts beschwert. Es sei ja auch in Kenntnis des Kirchengeläuts in die Wohnung gezogen, welche rund 200 Meter vom Kirchturm entfernt liegt."

Das ist genau dasselbe Argument, das beispielsweise der Härterei Club ins Feld geführt hatte, als der Laden aufgrund diverser Lärmklagen gezwungen wurde umzuziehen. Schlussendlich sitzt also die Kirche mit den entnervten Clubgängern im selben Boot und kämpft um die Erlaubnis, lärmend ihrem jeweiligen Lifestyle fröhnen zu dürfen. Das Wädenswiler Ehepaar seinerseits verdient den Heldenstatus, weil es durch seine Beschwerde (so "bünzlig" sie auch sein mag) vielleicht den Anfang einer längst überfälligen Revolution gesetzt hat, im Zuge welcher wir uns vielleicht endgültig vom lärmigen Joch der Religion befreien.

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Header von Michael D. Schmid | Wikimedia | CC BY-SA 3.0