Diese Frau bricht endlich das Tabu um Sex und Depression

Die Autorin JoEllen Notte hat 1.300 Betroffene zum Umgang mit Sex, Depression und Beziehungen interviewt. Jetzt will sie aufklären, damit kranke Menschen endlich die nötige Unterstützung erhalten.

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09 August 2016, 4:00am

Titelfoto: JoEllen Notte, auch bekannt als Redhead Bedhead | Foto mit freundlicher Genehmigung von JoEllen Notte

Letzten August saß ich in einem Konferenzraum voll mit Sex-Bloggern und –Bloggerinnen, Aktivisten und Sexualitätsprofis aller Art. Es war der Sexual Freedom Summit der amerikanischen NGO Woodhull Sexual Freedom Alliance. JoEllen Notte stellte die Ergebnisse ihrer formlosen Recherche zum Thema Sex und Depression vor. Inzwischen sprechen wir über diese Themen häufiger als noch vor wenigen Jahrzehnten, doch beide Bereiche sind immer noch eng mit Schamgefühlen verbunden. Über die beiden Themen in Kombination spricht bis heute jedoch fast niemand.

Notte, auch als "Redhead Bedhead" bekannt, ist Autorin, Bloggerin und Aktivistin im Bereich psychische Gesundheit. Sie wurde auf das Thema aufmerksam, als sie sich im Alter von 32 nach einer "sexlosen" Ehe scheiden ließ. Daraufhin suchte sie das Gespräch mit Leuten, um so viel wie möglich über deren Sexleben herauszufinden. Als ihr dabei aufging, dass Andere ebenfalls Probleme mit ihrer Sexualität hatten, begann sie zu schreiben.

Ich habe mich beim diesjährigen Woodhulll Sexual Freedom Summit mit Notte über ihren bevorstehenden Vortrag unterhalten und sie gefragt, wie es ist, 1.300 Menschen zu ihren Erfahrungen mit Sex und Depressionen zu befragen.

VICE: Wann hast du angefangen, Sex und Depressionen zu erforschen?
JoEllen Notte: Vor etwa zwei Jahren. Ich hatte schon ein paar Mal über das Thema geschrieben, und immer bekam ich zahlreiche Reaktionen darauf—aber alles hinter vorgehaltener Hand. Lauter E-Mails und Privatnachrichten, in denen die Leute mir dankten oder ihre eigene Geschichte teilten. Aber obwohl sie sich gerade freuten, dass jemand es endlich öffentlich ansprach, wollten sie auf Twitter oder Facebook nichts dazu sagen. Also fing ich an, darüber nachzudenken, dass so viele von uns diese Erfahrungen teilen, aber gleichzeitig das Gefühl haben, dass man darüber nicht öffentlich sprechen darf. Ich wollte mehr dazu schreiben, aber gleichzeitig wollte ich, dass Andere auch eine Chance haben, ihre Geschichten zu teilen.

Ich fing mit einer völlig anonymen Umfrage an und gab den Leuten die Option auf ein Interview. Die Umfrage war im Herbst 2014 und die erste Interview-Runde folgte dann im Frühling 2015. Ich wollte die Umfrage gerade für Menschen mit Depressionen gut zugänglich machen, also habe ich im Frühling 2016 noch ein reines Online-Interview gemacht.

Was für Fragen hast du gestellt?
In den Fragen ging es um persönliche Erlebnisse und Beziehungen, sowohl zu Partnerinnen und Partnern als auch zu Personal im Gesundheitswesen. Wenn ich die Ergebnisse in ein paar Sätzen zusammenfassen müsste, würde ich es so formulieren: Es ist so hart, seinen Depressionen ins Auge zu sehen. Wenn die Menschen in unserem Umfeld—allen voran unsere geliebten Menschen—nicht zuhören, uns nicht unterstützen oder glauben, dann wird das noch einmal schwieriger. Und das muss nicht sein.

Was hast du bei deiner ersten Interview-Runde alles erfahren?
Erst einmal habe ich einen Fehler in der ersten Umfrage entdeckt, bei dem ich mir heute noch an die Stirn klatsche! Es gab eine Liste mit möglichen depressiven Symptomen, und darunter stand "Abnahme der Libido", aber ich hatte keine Option für Leute vorgesehen, die bei Depressionen mehr Sex wollen—und das stellte sich als recht verbreitet heraus. Ich hatte einfach die verbreitete Annahme verinnerlicht, dass depressive Menschen keinen Sex wollen, und hatte diese Voreingenommenheit in die Frage eingebaut. In der zweiten Interview-Runde habe ich den Teilnehmern stattdessen die Gelegenheit gegeben, die Auswirkungen ihrer (medikamentös unbehandelten) Depression auf ihr Sexleben in Essay-Form zu beschreiben. Mehr als 25 Prozent schrieben, ihre sexuelle Aktivität habe zugenommen. Das war eine wirklich große Sache und seither achte ich besser darauf, den Leuten mehr Platz für ihre individuelle Geschichte zu lassen.

Ich bin zwar froh, dass ich die Umfrage gemacht und damit viele Menschen erreicht habe, aber gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen, dass es sich nicht um eine wissenschaftliche Studie handelt. Ich hatte nichts, das ich beweisen oder widerlegen wollte. Auf Konferenzen sind die Menschen immer begeistert, wenn sie meine Zahlen hören. Menschen, die mit ihren Erfahrungen nicht ernstgenommen werden, bietet so eine Statistik viel Bestätigung. Sie wissen dann, dass es vielen so geht wie ihnen. Die Geschichten der Einzelnen sind wichtig, und sie haben einen starken Drang, darüber zu sprechen.

Gibt es spezielle Erkenntnisse, die du gerne hervorheben willst?
Ich habe beobachtet, wie Paare gemeinsam mit Depressionen umgehen. Zum Beispiel sind Paare, bei denen beide Partner schon Erfahrung mit psychischer Krankheit haben, meist besser in der Lage, damit fertigzuwerden. Es sind auch ein paar Muster erkennbar, was hilft und was nicht. Niemand mag es, wenn der eigene Partner oder die Partnerin versucht, einen zu "reparieren".

Gab es irgendwelche Antworten auf die Interviewfragen, die völlig aus der Reihe tanzten?
In dem Projekt dreht sich viel darum, welche Nebenwirkungen Medikamente auf die sexuelle Funktion haben. Ich hatte eine kleine Zahl von Teilnehmern, die ein Antidepressivum nehmen, das die Libido intakt lassen oder sogar steigern soll. Nach einer Weile habe ich im Geiste bei allen möglichen Dingen hinzugefügt: "... außer, man nimmt genau dieses Mittel".

Welches Mittel denn?
Grundsätzlich nenne ich keine Namen von Medikamenten. Die Leute haben die bedauerliche Tendenz, von einem Mittel zu lesen und basierend auf irgendwelchen hübschen Websites medizinische Entscheidungen zu treffen. Abgesehen davon gilt dieses Mittel auch nicht als besonders effektives Antidepressivum—laut meinem Forschungsberater, Stephen Biggs.

Die Erfahrungen dieser Personen sind nicht unbedingt "außergewöhnlich", aber im Kontext eines Projekts, in dem es hauptsächlich um Dinge wie Libidoverlust, Anorgasmie, Potenzstörungen und mangelnde Feuchtigkeit geht, sticht es schon hervor, wenn jemand sagt, die Libido sei entweder gleich geblieben oder gestiegen.

Kannst du mir eine kleine Vorschau auf deinen Vortrag bei der diesjährigen Woodhull-Konferenz geben? Oder hast du vielleicht ein paar Ratschläge für unsere Leserinnen und Leser?
Es gilt seit geraumer Zeit als richtig, im Umgang mit depressiven Angehörigen oder Freunden einen fast schon feindseligen Ansatz zu wählen. Ich habe es mir zur Mission gemacht, genau das zu ändern. Viele unsere Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben davon gesprochen, dass es zu Vorwürfen und Spannungen kommt, weil ein Partner depressiv ist und der andere es nicht versteht. Ich habe das schon geschrieben und meine Interviews haben es bestätigt: Wenn ein Partner Depressionen hat, dann kann ein Paar kaum etwas Besseres tun, als ein richtiges Team zu bilden. Ansonsten kommt es zu der Paardynamik "gesunder Partner vs. depressiver Partner mit seiner Depression". Das ist nicht nur frustrierend und kontraproduktiv, sondern ehrlich gesagt auch ein bisschen gemein. Niemand will als Teamkollegen die Depression haben! Bei der Woodhull-Konferenz werden wir darüber reden, welche Werkzeuge und Strategien es gibt, mit denen Partner sichergehen können, dass sie zusammen ein Team bilden, dieselbe Sprache sprechen und sich beide ausreichend unterstützt fühlen.

Dieses Thema ist einfach so wichtig. Sex und Depressionen sind ja schon für sich genommen Tabuthemen, aber wenn man das und Beziehungen auch noch kombiniert, wird es noch schwieriger, darüber zu reden. Wir wissen ja kaum, wie man auf gesunde Art damit umgehen kann, weil wir keine richtigen Beispiele vor Augen haben.
Genau! Vor zwei Jahren war ich auf der Suche nach Ressourcen für einen Partner und ich war ziemlich entsetzt, wie viel von dem erhältlichen Material den depressiven Partner als eine Art Bedrohung behandelt, die es einzudämmen gilt.

Hoffst du, dass deine Nachforschungen das medizinische Verständnis von Sex und Depressionen beeinflussen werden?
Meine Absicht für das Projekt war, den Leuten eine Stimme zu geben und ihnen das Gefühl zu vermitteln, dass sie mit ihren Erfahrungen nicht allein sind. Ich habe nie damit gerechnet, dass sich alles so entwickelt und ich so viel selbst forsche. Das hat mich angenehm überrascht. Anfangs ging alles darum, dass die Menschen den Eindruck hatten, man glaube ihnen nicht, vor allem im Gesundheitswesen. Ich schätze, es wäre ideal, wenn jemand mit den nötigen Ressourcen Interesse hätte und wirklich etwas damit machen wollte.

Was ist das große Ziel und was fehlt dir dazu noch?
Mein großes Ziel ist es, ein Buch zu schreiben. Die Antwort auf die Frage, was mir dazu fehlt, ist ein wenig persönlich: Ich muss gesund sein. Dieses Projekt ist mir auch ein persönliches Anliegen, weil ich seit mehr als einem Jahrzehnt selbst Depressionen mit all ihren körperlichen und seelischen Symptomen habe. Ich arbeite mit Ärzten zusammen, nehme einen Tag nach dem anderen und versuche, mich selbst so zu behandeln, wie ich es Anderen für ihre depressiven Partner empfehle. Letzten Endes will ich aber meine ganze Arbeit zu einem Buch verarbeiten, das depressiven Menschen Bestätigung liefern kann und aus dem Partner lernen können, als Team mit der Krankheit umzugehen. Wenn Depressionen sich in einer Beziehung zeigen, kann es sein, dass keiner von beiden wirklich versteht, was vor sich geht. Ich will ihnen helfen, es gemeinsam verstehen zu lernen.