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Dinge, für die ich selbst mit 42 nicht zu alt bin

Pornos, Saufen und andere Dinge, die euch auch mit 42 noch nicht zu dumm sein sollten.
5.12.14

Dieser Artikel ist eine Antwort auf „Dinge, für die ich mit 25 zu alt bin".

Eine der weitverbreitetsten Lügen ist das alte Märchen von „Man ist so alt, wie man sich fühlt." Wenn das so wäre, hätte ja keiner der schön langsam in die Jahre kommenden Stars das Bedürfnis, sich liften zu lassen, die Titten aufzupumpen, künstliche Haare in die Kopfhaut zu schießen oder sich nach wochenlangen Saftkuren in der thailändischen Pampa daheim noch den Darm ausspülen und Fett absaugen zu lassen. Nein, der Bullshit mit dem Wohlfühlalter kommt nur von desillusionierten Thirtysomethings, die ihren Bauchansatz durch gezwungenes Clubbingpilgern und passable Marathonzeiten kaschieren wollen; dass sie nach einer durchtanzten Nacht die geglaubten 22 durch eine Sprunggelenksverletzung mit gefühlten 65 wieder egalisieren, sieht keiner mehr.

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Man ist so alt wie man aussieht, Punkt. Oder anders gesagt: Du bist nicht so alt, wie du dich fühlst, sondern so alt, wie du dich anfühlst. Waschbrettbauch und perfektes Gebiss können im Ernstfall nicht über weiße Sackhaare hinwegtäuschen—labbrige Knie, Schlupflider und Hängearsch sind im Freibad dann doch weit auffälliger als die Q10-gestrafften Wangen. Dennoch sind, auch wenn man statistisch gesehen in der Lebensmitte angelangt ist, manche Dinge immer noch genauso reizvoll wie mit 16, 19 oder 22. Gewisse Dinge ändern sich nicht, und das hat eine Ursache: klassische Prägung. Die in den wilden Jahren besonders charakterformenden Gewohnheiten behält man gerne bei. Stichwort Beuteschema. Auch wenn man als Mann ab einem gewissen Alter—und das aus gutem Grund—den erfahrenen Cougar der Tochter vorzieht, ändern sich die Präferenzen hinsichtlich Augenfarbe, Haare oder Körbchengröße eher nicht.

Und weil ich ein ebensolches Gewohnheitstier bin, mit 25 zum ersten Mal Vater wurde (daher auch weit früher meinen Scheiß auf die Reihe kriegen musste als die meisten lamentierenden FH-Abgänger heute) und darüber hinaus deutlich jünger aussehe als ich tatsächlich bin, folgt hier eine Liste jener Dinge, die mir auch mit 42 immer noch nicht zu dumm geworden sind.

Pornos

Trivial, blöd, stumpf. Ja. Porno ist soooo letztes Jahr. Für all jene, die wie selbstverständlich mit Laptops, Mobiltelefonen, DVDs und Digitalkameras aufgewachsen sind, mag diese Einschätzung ja zutreffen. Wer aber nicht in einer Ära von Mutter Natur in den pubertären Hormonrausch gestoßen wurde, als VHS-Recorder noch Luxusgut waren und die spärlichen Anatomiekenntnisse aus dem Unterricht nur durch teure Hochglanzmagazine vertieft werden konnten, sind Zeiten ohne Redtube oder Pornhub auf dem Smartphone kaum vorstellbar. Eine Zeit, in der Komplettenthaarung, Anal, DP und Deepthroat auf Bubentoiletten vom Seltenheitsgrad so abgefeiert wurden, wie heute Landungen auf einem Kometen, hinterlässt eben Spuren in der Seele und lässt einem zeitgenössische Pornografie immer noch wie Disneyland erscheinen.

Kiffen

Die Kinder übers Wochenende nicht daheim, die Schokolade prall gefüllt und die Gartenarbeit erledigt: Zeit, die Beine hochzulegen und sich einen zu drehen. Vorzugsweise ein klassisches Sativa wie Silver Haze oder ausgewogenenes Hybrid der alten Schule, zum Beispiel White Widow. Schließlich will man ja schon noch aus eigener Kraft hochkommen und nicht von einem dieser modernen Indica-Keulen für Stunden in die Couch gehämmert werden. Wo früher auf Rücksitzen, in Hauseingängen, unter der Campingdecke, am Klo, im Lager der Bar und praktisch eh überall und immer einer durchgezogen wurde, besinnt man sich heute als arbeitender, verantwortungsvoller Familienvater auf punktuellen Genuss mit Plan. Auch wenn mir die späteren Jahre meiner Ausbildung rückblickend betrachtet vorkommen wie ein einziger langer Cheech & Chong Film, möchte ich diese Zeit des täglichen Wake and Bake nicht missen. Ein kleines Revival hin und wieder ist daher für mein Wohlbefinden nach wie vor essentiell. Das sehen inzwischen gar nicht mal wenige Österreicher so.

Foto: aforero via photopin cc

Flippern

Edelstahlkugeln, bunte Lichter, dröhnend blecherne Soundeffekte, derbe mechanische Geräusche, Nervenkitzel, Schimpftiraden und physische Gewalt bis zum Tilt. Und das laute Knacken beim Freispiel. Unfassbar gut.

Fast Food

Gleich mal vorweg: Damit sind nicht nur die bösen Globalisierer, der Kulturmix aus Pizza und Kebap oder Auswüchse der Bobo-Systemgastronomie wie Vapiano oder Kaufhaus-Sushi gemeint. Sondern auch gute, alte Ernährungssünden aus Großvaters Zeiten: Leberkäse, Schnitzel und Käsekrainer sind ein ebenso wolllüstiges Fett- und Kohlehydratfeuerwerk wie Burger und Co. Wer ohnehin permanent bemüht ist, mit ausgewogener Ernährung seine Blutwerte im grünen Bereich zu halten, die Konfektionsgröße noch ein weiteres Jahr zu halten und den Kindern nicht nur vernünftige Speisen aufzutischen, sondern auch mit gutem Beispiel voranzugehen, hat sich hin und wieder eine kulinarische Monströsität verdient. Nicht zum Schmiedl, gleich zum Schmied—wenn also der große Hunger kommt (zum Beispiel beim Kiffen), dann richtig vom Leder ziehen: eine Quattro Formaggi, dann noch ein Cordon Bleu und ein Snickers. Anschließend Abfahrtshocke auf dem Klo, aber totally worth it.

Zocken

Ähnlich wie bei Pornos ist es für jemanden, der mit 8-Bit-Grafik und diesen piependen Tric-O-Tronics aufgewachsen ist, einfach immer wieder unfassbar, wie sich Games im Lauf der Jahre entwickelt haben. Unter der Hand gezogene Raubkopien von Raid Over Moscow waren zu C64-Zeiten schwer zu kriegen, immerhin stand das Spiel auf dem Index (das muss man sich mal vorstellen!), heute geht es bei aktuellen Shootern wie FarCry 4 oder COD ab, dass einem Hören und Sehen vergeht. Wer nie bei Summer Games den einen oder anderen Joystick kaputtgerüttelt hat, will auf die supergeschmeidigen Animationen in Full-HD von heute einfach nicht verzichten. Ich spielte damals nicht mit Figuren aus faustgroßen Pixeln, weil es so witzig ist—ich hatte keine andere Wahl! Also lasst mich verdammt nochmal wie ein kleines Kind staunen, wenn die PS4 einen Lensflare nach dem anderen auf meine Leinwand zaubert! Bekifft natürlich, aber das hatten wir ja schon.

Foto vom Autor

Quickies

Aber immer doch. Freilich, man hat gelernt, vor allem mit gleichaltrigen Sex zu einem unfassbar sinnlichen und umfassend befriedigenden Akt zu kultivieren, aber hin und wieder kann man die Vorbereitungen mit Wein und Kerzen auch mal beiseite lassen und auf der Stelle loslegen. Ja, auch mit dem seit 20 Jahren gleichen Partner. Im Auto, in der Umkleide, unter der Decke während irgendeines Wiesen-Festivals. Der Vorteil: gut eingespielte Fickteams jenseits der 30 kommen auch in unter 5 Minuten gleichzeitig (freut euch drauf).

Saufen

Der Kleister, der die abendländische Kultur zusammenhält. „Drinking makes things happen" sagte mal Bukowski, und das ist auch im reiferen Alter immer wieder wahr. Und wie. Nur bitte nicht mehr unter der Woche und nur mit Qualitätsabfüllungen—durch den verlangsamten Stoffwechsel dauert der Hangover bis zu zwei Tage. Andererseits hat man dank langjähriger empirischer Verfahren die entsprechend probaten Mittel dagegen zur Hand. Natürlich ist auch mit dem Saufen aufhören großartig, aber dann solltet ihr euch nicht aufs Alter rausreden.

Rockmusik

Seht nur, wohin uns die Branche gebracht hat. Es ist zum Weinen. Aber dennoch schließen sich Jahr für Jahr immer wieder Tausende junge Menschen in unterschiedlichsten Kombinationen zusammen, stöpseln ihre Stromruder in furchtbar laute Amps und spielen sich in muffigen Kellern monatelang die Finger wund und Trommelfelle löchrig, um ein paar Mal vor drei leeren Barhockern und einem Hund ihr Set in infernalischer Dissonanz zum besten zu geben. Dieses Bemühen hat uns immer wieder großartige Bands beschert auf die in Wahrheit keiner verzichten will, denn sind wir uns ehrlich: wenn die Party lahm wird, könnens am Ende eh nur die Foo Fighters rausreißen. Wer noch nie zu AC/DC Laminat verlegt oder zu Guns N Roses' „Estranged" unter Sternen gepoppt hat, sollte es mal probieren.

Foto: Daikrieg via photopin cc

Facebook

Selfies (übrigens das Jugendwort des Jahres) und Essensfotos, geschenkt. In einem Alter, wo man mit Zeit nicht mehr verschwenderisch umgehen kann und echte soziale Interaktionen mit teuren Freunden oft an Terminkollisionen scheitern, ist das Social Network ein Segen. Trotz Auswanderung mit dem besten Freund seit Schultagen in Kontakt bleiben, Klassentreffen organisieren, Grüße von Reisen schicken—dank Facebook ist die virtuelle Buddel dessen, was früher das Stammlokal war. Leider auch eine brandaktuelle Pinnwand für Parteizettel.

Comics

Das muss ja hoffentlich nicht begründet werden, oder?

Sonnenbrand

Klarerweise achtet jeder schon früh auf den gesunden Teint, wer will schon aussehen wie orangebraun lackiert oder mit 35 Hautkrebs haben. Dennoch, gerade in unseren Breiten ist Sonnenlicht keine Selbstverständlichkeit, natürlich gönne ich mir gerne nach gefühlten sechs Monaten grauer Suppe die ersten kräftigen Sonnenstrahlen im Sommer, die Vitamin D- und Serotonin-Tanks wollen gefüllt werden. Und wie das Amen im Gebet folgt schon auf eine der ersten Nickerchen in der Sonne auch der erste Sonnenbrand. Aber nichts sagt dir so deutlich „Es ist endlich Sommer!" wie die kühle Topfenkompresse am Abend.

Foto: griff le riff via photopin cc

Kino

Eskapismus der gehobenen Art. Auch wenn das eigene Heimkino alle Stücke spielt, sind der Klappsessel, die überteuerten Popcorn, die oft unsagbar schlechte Werbung im Vorspann und das Dröhnen der THX-Trailer einfach das, wofür Filmemacher ihre Streifen drehen—und nicht dein iPad oder die kümmerliche LED-Glotze.

Wrestling

In einer Welt, in der nichts mehr echt ist, aber alles die Fassade des Wahrhaftigen pflegt—tut es da nicht gut, erwachsenen Muskelbergen zuzusehen, die bewusst so tun als wäre alles echt—für ein Publikum, dass dem echten Leben für ein bisschen Showsport entkommen will? Wie? Äh, ja. Trotzdem. Findet auch Werner Herzog.

Tom & Jerry

Die Vorbilder für Itchy & Scratchy, siebenfache Oscar-Preisträger, unerreichtes Slapstick-Timing. Wer da mit 25 schon nicht mehr drüber lachen kann, hat noch ein schweres Leben vor sich.

Wenn mir das nächste Mal wieder so ein sauertöpfischer Mittzwanziger nach den ach so wilden Jahren mit abgeklärter Miene erzählt, es wäre alles an dummen, ungesunden und moralisch verwerflichen Dingen schon erschöpft und Zeit, sich reif und erwachsen zu geben, dann kann ich nur zu einem raten: reserviere dir jetzt schon einen Platz im Geriatriezentrum, denn du wirst ihn früher brauchen als ich.

Ich mag zwar in ein einigen Jahren mittags nicht mehr wissen, ob ich heute schon gefrühstückt habe, weil ich's wieder mal mit dem Zocken bis in die Früh übertrieben haben und die Flasche Single Barrel nun endgültig leer ist—aber dafür müsste man mir und meiner Partnerin das Lächeln schon aus dem Gesicht schneiden, wenn wir uns ansehen, wie stockkonservative und verhärmte Middleager aus der Generation Klingelton verlernt haben, sich zu amüsieren.


Titelbild via: Daikrieg via photopin cc