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The True Crime Issue

Vier Jahre in der Warteschlange mit dem Schrecken von Amityville

Ein dämonisches Schwein, PCP, LSD und langweilige Spießereltern-die Hintergründe der Amityville-Morde.
1.12.14

Die Medikamente wurden vor dem Frühstück verteilt und so sah ich den Hinterkopf von Ronald DeFeo Jr. jeden Morgen bereits vor Sonnenaufgang. Meine Heroinabhängigkeit hatte mich von meinem Schreibtisch in einer Literaturagentur in eine dunkle Gasse mit einem Klappmesser in der Tasche geführt, bis ich schließlich in dieser Warteschlange der Medizinausgabe der Green-Haven-Justizvollzugseinheit landete.

DeFeo war der bekannteste Insasse, den wir hatten—Son of Sam saß im nahe gelegenen Fallsburg und Robert Chambers war im Jahr zuvor entlassen worden. Ein Insasse zeigte mir an meinem ersten Tag wer DeFeo war, und wegen der alphabetischen Nähe unserer Nachnamen sollte ich in den nächsten vier Jahren den Großteil meiner Tage mit ihm verbringen.

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Als der einzige Typ in dem Gefängnis, der schon einmal im Haus der DeFeo-Familie in Amityville, einer Stadt in Long Island, gewesen war, hatte ich einen guten Aufhänger für unser erstes Gespräch. Seltsamerweise hatten meine Großeltern 20 Jahre in Amityville gelebt. Als sie in den frühen 80ern dort hin zogen, war es schon zehn Jahre her, dass Ronnie seine ganze Familie abgeschlachtet hatte und weggegangen war, aber der Mythos lebte weiter. Es fing mit dem Buch The Amityville Horror: A True Story von Jay Anson an, das 1977 zunächst als Sachbuch erschien und dann zwischen 1979 und 2014 Dutzende Male verfilmt worden ist. Obwohl das Buch in den Regalen vieler Anwohner Amityvilles zu finden ist, werden Ronnies Morde darin nur am Rande erwähnt; die Geschichte konzentriert sich vielmehr auf die 28 Tage, die die Familie Lutz ein Jahr später in der Nr. 112 der Ocean Avenue verbrachte. Sie hatten das Haus günstig erstanden und 400 Dollar gezahlt, um die Möbel der DeFeos zu übernehmen, und behaupteten dann, dass sie fliehen mussten, weil sie im Haus von Geistern verfolgt wurden. Im Buch heißt es, dass das Haus von einer geisterhaften Blaskapelle tyrannisiert wurde—und, was ich am meisten liebte—von Jodie, einem dämonischen Schwein, dem imaginären Freund der fünfjährigen Missy Lutz.

Für einen 13-jährigen Jungen ist das eine aufregende Lektüre, besonders wenn es Halloween ist und er einen geheimen Einstieg in das bewusste Haus kennt. 1991 schlichen wir uns in das leerstehende Haus, um das rote Zimmer unter der Treppe zu suchen, wo angeblich der Teufel hauste. Wir fanden es nicht. 13 Jahre später bestätigte Ronnie mir, dass es kein verfluchtes Zimmer unter der Treppe gab.

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Ronnie bekam jeden Morgen einen kleinen Plastikbecher voller Oxycodon-Tabletten. Er kaute sich dann methodisch durch die Retardkapseln hindurch, bis die Drogen zu wirken begannen und er immer redseliger wurde. Ich habe nie verstanden, was er genau hatte, dass er eine derart riesige Dosis Schmerztabletten brauchte, die in Gefängnissen prinzipiell nicht gern herausgegeben werden. Nach einer Weile Smalltalk über den besten Pizzaladen in Amityville und die immer noch existierende Bar, in die er in der Nacht des 13. November 1974 gestürmt war, um zu behaupten, dass jemand seine Familie ermordet habe, fasste Ronnie Vertrauen zu mir und erzählte mir die Einzelheiten seines seltsamen Lebens.

Als wir uns besser kennenlernten, kamen wir auf auch die Morde zu sprechen. Während meines ersten Jahrs mit Ronnie erspann er eine Geschichte, die direkt aus Good Fellas entsprungen zu sein schien. Nachdem ich ein gutes Jahr lang nicht über ihn gelästert oder gewitzelt hatte, gab er zu, dass er sich die Geschichte mit den Mafiakillern ausgedacht hatte. Nun behauptete er, dass seine Schwester verrückt geworden sei: Dawn wäre schon immer instabil gewesen und hätte die Familie gehasst und hätte sie eines Tages alle mit einem Jagdgewehr abgeknallt. Ronnie überlebte, indem er ihr das Gewehr entwand und sie selber erschoss. Ich nickte höflich.

Ein weiteres Jahr verging, Ronnies Schmerzmitteldosis war noch ein Stück erhöht worden, und er sah mich inzwischen als echten Amityviller Kumpel an. Jetzt war es Zeit für die Wahrheit.

Seinen intensiven Blick starr auf mich gerichtet und mit lallender Stimme erzählte mir Ronnie, dass seine Eltern Monster gewesen seien. Sie behandelten seine vier Geschwister besser als ihn und regten sich maßlos über seine Vorliebe für LSD und PCP auf. In anderen Worten—sie hatten es verdient.

Um 6.30 Uhr an einem Wintermorgen während meines letzten Jahres in Green Haven sagte Ronnie, dass sie es nicht anders verdient hätten, und dass er den Abzug jedes Mal wieder drücken würde, hätte er noch einmal die Wahl.

Oh, und es gab auch kein dämonisches Schwein.