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Das Beste am Älterwerden ist, dass dir deine 90er-Jahre-Nostalgie nicht mehr peinlich ist

Wir leben mittlerweile in einer Gesellschaft, in der wir auch mit 30 noch mit LEGO spielen können. Und wir sollten das nutzen.

von Lisa Ludwig
23 Januar 2015, 1:42pm

Es gibt viele Dinge, die dagegen sprechen, sich jenseits der Volljährigkeit noch über das Älterwerden zu freuen. Ich meine: Mit 18 ist man noch jugendlich frisch und es stehen einem alle Möglichkeiten offen, gleichzeitig kann man aber auch schon Alkohol kaufen. Es gibt keinen besseren Punkt im Leben und wir wissen es alle.

Was viele beim neidischen Blick auf straffe Sixpacks und cellulitefreie Oberschenkel aber vergessen: Je älter man wird, umso weiser, zumindest aber lebenserfahrener wird man auch. Man lernt, seine Stärken und Schwächen zu akzeptieren, weil man begreift, dass einem auch gar nichts anderes übrig bleibt. Das Leben ist zu kurz für Scham und Selbsthass, und das bezieht nicht nur zu dünnes Haar oder eine genetische Veranlagung zum Bierbauch mit ein, sondern eben auch peinliche Fehltritte, die man sich in seiner Jugend geleistet hat (wie zum Beispiel Aaron Carter anzubeten, aber das ist eine andere Geschichte).

Während man sich früher vor allem noch darüber definiert hat, was gerade hip und angesagt—oder eben NOCH nicht hip und angesagt—war, zelebrieren wir heute, was wir als Teenager fantastisch fanden. Wir sind endlich an einem Punkt angekommen, an dem wir uns für gar nichts mehr schämen müssen. Das liegt zum Einen daran, dass—vor allem durch das Internet—alle Subkulturen dieser Welt, und mögen sie noch so klein und weit verstreut sein, zumindest in der Theorie miteinander vernetzt sind. Egal, wie uncool dich der Mainstream finden mag und ob du mittlerweile nicht eigentlich zu alt für hysterisches Gekreische und „Hit Me Baby One More Time" bist: Irgendwo da draußen gibt es jemanden, der genau so ist wie du und dich versteht.

Es ist gesellschaftlich absolut akzeptiert, sich auch als mitten im Leben stehender Mann zu Weihnachten den Todesstern von LEGO zum Selbstzusammenbauen zu wünschen oder als Frau komplette Wochenenden vor der Playstation zu verbringen. Man kann, jetzt, wo man keines mehr ist, endlich offen zum inneren Kind stehen. Man muss niemandem mehr beweisen, dass man ein Erwachsener ist, wenn man Quittungen für die Steuererklärung sammelt und sich nicht mehr nur mit Wodka-Longdrinks, sondern auch mal stilvoll mit Rotwein betrinkt. Gibt es Alcopops überhaupt noch? Wäre ich ein Teenager, wüsste ich es wahrscheinlich. Dieses Eingestehen der Freude am Spiel, Cartoon-Serien oder einfach nur blinkenden, elektronischen Sachen ist auch einer der Gründe dafür, dass Formate wie Big Bang Theory so wahnsinnig erfolgreich sind.

Wir sind in der perfekten Mitte zwischen denen, deren Kindheitsschätze nur noch auf limitierten DVD-Boxen und in Flohmarktkisten zu finden sind, und der 2000er-Generation, bei der der popkulturelle Konsens irgendwo zwischen Mitten im Leben und Sami Slimani liegt. Wir können uns zu tränenreichen 90er-Jahre-Partys zusammenfinden oder uns bei der Wiederholung alter Sailor Moon-Folgen in den Armen liegen, weil wir nicht die unendlichen Weiten des Internets hatten, um uns fernseh- und musikmäßig auszutoben und somit jeder dann doch irgendwie das Gleiche gesehen und gehört hat. Deswegen kennt auch nahezu jeder meiner Bekannten in meinem Alter das berühmt-berüchtigte RTL2-Nachmittagsprogramm, bei dem sich die Kickers und Dragon Ball die Klinke in die Hand gegeben haben. Und heute können wir uns den Sentimentalitässchuss immer dann setzen, wenn uns gerade danach ist, weil die Serien noch nicht zu alt sind, um nicht auf diversen Streamingseiten angeboten zu werden.

Das Beste ist aber: Wir müssen uns vor allem auch deshalb nicht für unsere vermeintlichen „Jugendsünden" schämen, weil in den 80ern und 90ern ziemlich viel ziemlich gut war. Damit meine ich nicht die Buffalo-Plateausandalen oder die Sneaker mit den Flammen an der Seite. Und ganz bestimmt auch nicht das viel zu kurzen T-Shirt, auf dem „Zicke" stand und das man am liebsten zu seiner engen Tattoo-Kette getragen hat. Aber wisst ihr was: Clueless ist immer noch einer der besten Teenie-Filme aller Zeiten, niemand kann den Spice Girls ihren Verdienst für junge Frauen mit unterentwickeltem Selbstbewusstsein absprechen (Girl Power!) und diese furchtbaren Halsketten scheinen sowieso wieder in zu sein.

Außerdem hing gerade auch Kinderfilmen etwas geradezu Düsteres, Morbides an. Als die Tiere den Wald verließen, Unten am Fluss, Alle Hunde kommen in den Himmel, Felidae, in dem Katzen nicht nur ermordet wurden, sondern auch offen Sex hatten—vergleicht man diese Filme mit dem aktuellen Kinderprogramm, kommt man sich vor, als würde man Requiem for a Dream und High School Musical gegenüberstellen.

Wenn ich mich morgens fürs Büro fertig mache, höre ich Haddaway und die Backstreet Boys, als mir jemand vor zwei Jahren einen Super Nintendo geschenkt hat, bin ich fast in Tränen ausgebrochen und nach wie vor kann ich aus allen richtig großen Disney-Filmen mindestens einen Song mitsingen. Und das ist OK. So eilig habe ich es mit dem Altwerden auch nicht.

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Header-Foto: Pascal | Flickr | CC BY 2.0