Wer ist Norbert Hofer?

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass dieser Mann der nächste österreichische Bundespräsident wird. Zeit, einen genauen Blick auf sein Leben zu werfen.

|
29 April 2016, 9:15am

Foto: Parlamentsdirektion / Bildagentur Zolles KG / Mike Ranz

Am Sonntag errang Norbert Hofer von der rechtspopulistischen FPÖ einen überraschend hohen Sieg im ersten Wahlgang der Wahlen zum österreichischen Bundespräsidenten. Die eine "Reichshälfte" freut sich seitdem. Die andere überlegt panisch, wie man einen Sieg Hofers noch verhindern könnte, und geht sich ob der richtigen Vorgangsweise dabei gelegentlich an die Gurgel.

Hofer gilt als der nette FPÖler von nebenan; und nett ist er vermutlich auch. Damit strahlt er weit über die übliche Zielgruppe an frustrierten jungen Männern hinaus. 35 Prozent stehen ohne Frage für eine gewisse Breitenwirkung, das kann man nicht einfach wegdiskutieren.

Die Menschen im Land haben Hofer aus den verschiedensten Gründen gewählt: Um der rotschwarzen Regierung eins auszuwischen, um ein Zeichen gegen die Asylpolitik zu setzen, weil er anders als sein Parteichef Strache freundlich und verbindlich ist. Es ist ein freies Land, natürlich darf jeder Norbert Hofer wählen. Aber man sollte zumindest wissen, bei wem man da sein Kreuz macht. Also: Wer ist dieser Norbert Hofer? Manchen wir uns mal auf die Suche nach Fakten.

Norbert Hofer wurde am 2. März 1971 in Vorau geboren und wuchs in der Nähe von Pinkafeld auf. Er machte sein Abi an der HTL für Flugtechnik in Eisenstadt, leistete seinen Präsenzdienst und arbeitete danach von 1991 bis 1994 bei Lauda Air als System- und später auch als Bordingenieur.

Ab 1994 machte Hofer in der FPÖ Burgenland Karriere. Er wurde Stadtparteiobmann in Eisenstadt, Klubmann im Gemeinderat, Landesparteisekretär. Er organisierte Wahlkämpfe, bei denen es—wie die Kollegen von Klartext letztens ausgruben—zu etwas seltsamen Geldverteilungen kam: Bei der Nationalratswahl 1995 kam es in zwei Gemeinden zu Nachwahlen. Es ging für die FPÖ um ein weiteres Mandat und viel Geld. Jörg Haider versprach den Gemeinden das Blaue—beziehungsweise Braune—vom Himmel: Die FPÖ wollte den beiden Orten eine Kläranlage aus Parteigeldern spendieren. Die insgesamt 800.000 Schilling wurden dann später von Hofer persönlich verteilt, allerdings nicht in Form von Kläranlagen, sondern als Förderungen von Vereinen.

Hofer war Organisationsreferent der Landespartei und machte nebenbei Weiterbildungskurse. Zum Beispiel in NLP, was jeder merken kann, wenn er dem "sanften Gesicht der FPÖ" nur gut genug zuhört. Sein Gesicht war schon damals so sanft, dass er die Wehrmachtssaustellung, welche die Beteilung der Wehrmacht an den Vernichtungskriegen der Nazis aufarbeitete, 1997 als "mit dem perversen Exhibitionismus der staatssubventionierten Linken" bezeichnete.

2002 heirate Hofer seine jetzige Frau Verena, die als Altenpflegerin arbeitet. Der 45-Jährige brachte drei Kinder aus erster Ehe mit und wohnt mit seiner Familie in Pinkafeld. Von seinem Familienleben—ebenfalls im Haus lebt der Kater Robi—durfte man letztens im großen Doppelinterview mit seiner Tochter Anni (12) in der Krone erfahren. Offenbar macht Hofer ganz gerne Dad-Jokes.

2003 kam es zum großen Schicksalsschlag in Hofers Leben: Beim Paragliding stürzte er 15 Meter in die Tiefe, und es sah erst mal alles nach einem Leben im Rollstuhl aus. Eine Notoperation in Graz und sechs Monate Reha retteten Hofer. Es blieb eine unvollständige Querschnittslähmung, sodass der FPÖ-Kandidat nur auf einen Gehstock angewiesen ist.

Kornblumen, Chemtrails und die Fiktion der österreichischen Nation.

Im Jahr 2006 wurde Hofer Abgeordneter zum Nationalrat. Bei seiner Angelobung trug er wie sein gesamter Klub ein Kornblume im Knopfloch. Warum, kann sowohl er als auch sein Parteichef Strache heute nicht mehr so richtig erklären. Es sei ja auch eine "Europablume"—eine Info, die man Strache gerne glauben mag, auch wenn er sie relativ exklusiv hat. Bekannter ist die Kornblume am Revers allerdings als Erkennungszeichen der illegalen Nazis in Österreich ab 1933.

Norbert Hofer wurde Umweltsprecher und nutzte seine Funktion gleich zu einer Anfrage, die Menschen noch heute ein Lächeln auf die Lippen zaubert: 2007 fragte er bei Josef Pröll nach, wie das denn so sei mit den Chemtrails. Dieser antwortete höflich und richtig, dass in Österreich "keinerlei Hinweise, geschweige denn Beweise für derartige Vorgänge vorliegen" würden. Als sei das nicht genug, legte Hofer—wie gesagt, der Mann ist gelernter Flugtechniker—in Bezug auf Chemtrails im Jahr 2013 noch einmal nach.

Im selben Jahr, als Hofer die zweite Anfrage zu Chemtrails stellte, wurde er Ehrenmitglied der "pennal-conservativen Burschenschaft Marko-Germania zu Pinkafeld". Damit ist er offiziell, wenn auch spät im Leben, Burschenschafter geworden, wie ja auch nach seinem Auftritt in Schwarz-Rot-Gold auf dem Akademikerball breit diskutiert wurde. Die Marko-Germania brachte zu ihrer Gründung im Jahr 1994 eine Festschrift heraus, in der festgestellt wurde, dass die Burschenschafter als "geschichtsbewusste Österreicher [...] keine Berührungsängste mit dem Begriff 'deutsch' kennen". Ebenso finden sich darin Sätze wie "Unbeschadet ihres Bekenntnisses zum selbständigen Staat Österreich sieht die Burschenschaft das deutsche Vaterland unabhängig von bestehenden staatlichen Grenzen", und natürlich lehnt die Burschenschaft "die geschichtswidrige Fiktion einer 'österreichischen Nation' ab". Auch hier noch einmal zur Erinnerung: Eines ihrer Mitglieder, Norbert Hofer, will Bundespräsident werden—von einer Nation, deren Existenz seine Burschenschaft als Fiktion bezeichnet.

Niemand soll sagen können, er hätte das alles nicht gewusst.

2011 war das Jahr, in dem Norbert Hofer erstmals einer breiteren Masse bekannt wurde. Er regelte den Parteiausschluss von Werner Königshofer wegen verhetzender Aussagen auf Facebook—sein Parteichef weilte auf Ibiza—, musste aber später einräumen, dass ihm selbst eine Hitler-verehrende Facebook-Freundin "durchgerutscht" sei. Außerdem gab er der NPD-Zeitschrift hier + jetzt ein Interview,

Ebenfalls im Jahr 2011 erschien das aktuell gültige Parteiprogramm der FPÖ, zwei Jahre später das "Handbuch freiheitlicher Politik". Beides wurde unter der Führung von Norbert Hofer erarbeitet, womit er sich den inoffiziellen Titel "Chefideologe der FPÖ" verdiente. Auch wenn ihn jetzt alle gerne als Ausnahme in der Partei verkaufen, darf man dabei nicht vergessen, dass genau dieser Norbert Hofer die Partei mitentscheidend zu dem gemacht hat, was sie heute ist.

Hier eine kleine Sammlung an Sätzen aus dem Handbuch freiheitlicher Politik:

"Ziel muss es daher sein, nach dem Prinzip der 'Minus-Zuwanderung' in Österreich aufhältige Ausländer wieder in ihre Heimat zurückzuführen."

"Familie und Volk sind organisch gewachsene Einheiten, die in der Politik Berücksichtigung finden müssen."

"Wiedererlangung der nationalen Entscheidungshoheit über die Binnenmigration in der Europäischen Union—keine bedingungslose Niederlassungsfreiheit für EU-Bürger."

"Der Islam ist eine Religion, die die Welt als Kriegsschauplatz ansieht—und zwar solange, bis die gesamte Menschheit islamisch ist."

Eine Notiz am Rande: Im Handbuch der Politik der "Partei des kleinen Mannes" nimmt Asyl und Heimatpolitik (19 Seiten) fast doppelt so viel Raum ein wie der Sozialstaat (10 Seiten).

2013 wurde Hofer zum dritten Nationalratspräsidenten gewählt, auch mit den Stimmen der ÖVP und SPÖ. Dort konnte er sich dann endlich für die österreichischen Staatsbürger einsetzen. Beziehungsweise für die, die es werden wollten: Wie NEWS berichtet, soll Hofer im Jahr 2015 dem ausländischen Geschäftsmann Mohsen A. die österreichische Staatsbürgerschaft versprochen haben, wenn dieser 180 Millionen Euro in die Privatstiftung von einem Schulfreund Hofers einzahle. Hofer bestreitet die Vorwürfe.

Fassen wir nochmal kurz zusammen. Hofer ist führendes Mitglied einer Partei, die sich als soziales Gewissen verkauft, während sie gleichzeitig konsequent für den Sozialabbau stimmt. Die eine problematische Nähe zum Rechtsextremismus aufweist. Die Österreichs EU-Mitgliedschaft in Frage stellt.

Der Kandidat dieser Partei—der im persönlichen Umgang umgänglich ist, solange er nicht vor Parteimitgliedern steht—konnte im ersten Wahlgang knapp 35 Prozent der Stimmen auf sich vereinen und hat jetzt gute Chancen, den zweiten zu gewinnen. Hofer hat immer wieder damit gedroht, ein "aktiver Präsident" zu sein. Und die österreichische Verfassung gibt ihm—im Gegenzug zu der bislang gültigen Realverfassung—auch eine ganze Menge Möglichkeiten dazu.

Nein, niemand will irgendwem verbieten, einen bestimmten Kandidaten zu wählen. Aber es soll nachher niemand sagen können, er hätte das alles nicht gewusst.

Der Autor ist auf Twitter: @L4ndvogt