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Finden wir Polyamorie wirklich gut oder gehen wir einfach nur gerne fremd?

Man sagt, dass die heutige Millenial-Tinder-Kultur die Grundwerte von monogamen Beziehungen verwässert. Wir haben eine Expertin gefragt, ob das überhaupt richtig ist.

von Jake Kivanc
13 April 2016, 9:59am

„We live in the generation of not being in love, and not being together. But it sure feels like we're together, 'cause we're scared to see each other with somebody else."

Was Drake schon vor fast fünf Jahren in seinem Lied „Doing It Wrong" besang, hat auch heute noch Bestand. Die Lyrics passen dabei besonders gut zu meinem Leben und auch dem Leben meiner gleichaltrigen Mitmenschen, die ihre Instagram-Fotos gerne mit kitschigen Sprüchen verzieren. Schuld daran ist die Tatsache, dass die romantischen Probleme meiner Generation doch recht simpel anmuten: Niemand will ein gebrochenes Herz, aber dabei brechen wir wahrscheinlich die Herzen vieler anderer Personen.

Genau diese Generation—die verfluchten Millenials—hat von den Medien auch schon den Stempel der Polyamorie aufgedrückt bekommen. Gemeint ist damit der Drang, unterschiedliche Sex- bzw. Beziehungspartner zu haben. Manche Menschen schwören drauf und sind der Meinung, dass man damit zur menschlichen Natur und zu einer Zeit zurückkehrt, in der es noch kein westliches Ehebild gab, das unsere Vorstellung von Romantik und wahrer Liebe verzerrt. Andere gehen wiederum davon aus, dass es sich dabei einfach nur um eine Ausrede fürs Fremdgehen handelt—ein Nebenprodukt einer Generation, die zu sehr darauf versessen ist, schon beim ersten Date im Bett zu landen.

Es gibt leider keine wirklichen Statistiken, die einen Zusammenhang zwischen dem Anstieg von polyamorösen Beziehungen und der Geburt der ach so verdammten Millenial-Generation belegt, aber es lässt sich auf jeden Fall nur schwer von der Hand weisen, dass die Beliebtheit von Apps wie etwa Tinder oder Grindr kein Zeichen der Zeit ist. Worüber aber dennoch keine wirkliche Einigkeit besteht, ist die Art und Weise, wie man mit der Eifersucht umzugehen hat, die mit dem Verlangen nach mehreren Partnern einhergeht, oder wie sich das Ganze auf eine wirkliche Beziehung übertragen lässt.

Bild: Zoë Ligon

Wir haben uns mit Jillian Deri, einer Sex-Soziologin und Professorin an der Simon Fraser University, in Verbindung gesetzt. Im Gespräch mit der Autorin des Buchs Love's Refraction, das sich um das Thema Eifersucht und Akzeptanz in Bezug auf polyamoröse Pärchen dreht, ging es dann um die Fragen, warum Millenials so scharf aufs Fremdgehen zu sein scheinen und ob Jungspunde wie ich nun tatsächlich bereit für eine offene Beziehung sind oder nicht.

VICE: Wie würdest du Polyamorie beschreiben?
Jillian Deri: Man sollte hier zwischen einer polyamorösen und einer nicht-monogamen Beziehung unterscheiden. Polyamoröse Menschen neigen dazu, emotionale Beziehungen zu mehr als nur einer Person aufzubauen. Das ist etwas Anderes als die Leute, die sich einfach nur durch die Weltgeschichte daten, bis sie sich mit irgendjemandem niederlassen. Bei der Polyamorie hingegen sind Freundschaften, tiefe Verbindungen und potenzielle Liebesbeziehungen mit mehreren Menschen das Ziel.

Gibt es tatsächlich Menschen, die ihre Eifersucht abschalten und eine offene Beziehung führen können, ohne dass die mit Monogamie assoziierten Emotionen Überhand nehmen?
Auf jeden Fall. Das haben so schon viele Leute gemacht, es gibt bloß keine Studien, die das wirklich belegen. Meiner Forschung nach reicht das Spektrum der Eifersucht von einem leichten Hauch des Unbehagens bis hin zu einem richtigen Wutausbruch. Polyamoröse Menschen haben diesbezüglich auch den Ausdruck „Compersion" eingeführt, der das Gegenteil von Eifersucht beschreibt—also wenn man sich darüber freut, wenn der Beziehungspartner noch einen anderen Menschen liebt. Es ist schon interessant, dass es im Wörterbuch dafür keinen offiziellen Begriff gibt. In der westlichen Welt existiert in einem solchen Szenario nur Eifersucht.

Jeder kennt es doch, wenn es den Eltern oder den Geschwistern gut geht und man deswegen selbst glücklich ist. Genau das ist Compersion. Ich habe mich eingehend damit auseinandergesetzt, wie polyamoröse Menschen dieses Konzept der Compersion in ihren Beziehungen umsetzen.

Ist Compersion etwas, das man lernt, oder haben manche Leute einfach so einen weniger eifersüchtigen Charakter?
Wer weiß das schon. Das könnte auch immer auf die jeweilige Beziehung ankommen und wie sicher man sich in dieser fühlt. Vielleicht ist man mit einem Menschen zusammen, der in einem die Eifersucht nur so hochkochen lässt, vielleicht aber auch mit jemandem, der einem Sicherheit gibt. Das hängt oft vom Machtverhältnis, von der Beziehungsrichtung und vom Wachstumspotenzial ab. Dazu kommt dann noch, dass man Eifersucht immer unterschiedlich wahrnimmt—manche Leute können sich auch damit abfinden und so mehr Compersion spüren, als sie eigentlich gewohnt sind. Allgemein lässt sich sagen, dass der Eifersuchtsfaktor vor allem am Anfang und am Ende einer Beziehung sehr hoch ist. Das liegt daran, dass wir uns da immer fragen, wie sich der Gegenüber fühlt oder ob er das Interesse verloren hat.

In Bezug auf meine Generation heißt es oft, dass Monogamie etwas Unnatürliches wäre, weil es so schwerfällt, diese aufrechtzuerhalten. Man scheint schon fast mehr Engagement und Selbstgefühl zeigen zu müssen, wenn man nur mit einer einzigen Person zusammen sein will. Würdest du sagen, dass ein nicht-monogamer Lifestyle eher in der Natur des Menschen liegt?
Das ist eine interessante Frage. Meiner Meinung nach ist das individuell verschieden. Wenn wir über Monogamie sprechen, dann gibt es dabei oft bestimmte Annahmen zu den Grenzen dieses Prinzips—Sachen wie etwa: Du darfst über niemand anderen nachdenken, du darfst niemand anderen anschauen, du darfst dich nur zu deinem Beziehungspartner hingezogen fühlen. Ich glaube nicht, dass monogame Beziehungen so funktionieren und dass ein Mensch alle diese Grenzen respektiert.

Es bleibt allerdings die Frage bestehen, was da jetzt natürlicher ist. Das kann ich leider nicht wirklich beantworten und man muss auch sagen, dass wir von Geburt an sozialisiert werden. Wenn man beispielsweise in einem streng religiösen Umfeld aufwächst, dann wirkt sich das auch auf die Vorstellungen in Bezug auf Beziehungen und Sex aus. Es gibt einfach kein bestimmtes Konzept, das für alle Menschen gilt. Und trotzdem lässt mich die Tatsache, dass wir Menschen—und auch viele Tiere—zum Großteil nicht monogam gewesen sind, doch annehmen, dass wir wohl nicht streng monogam leben sollten.

Noisey: AnnenMayKantereit über die große Liebe, Polyamorie und ... Tinder

Sind polyamoröse bzw. offene Beziehungen besser, weil das Problem des Fremdgehens nicht mehr wirklich besteht?
Meiner Meinung nach ist ein Dialog darüber, was man fühlt und wo man gewisse Grenzen zieht, für jede Art der Beziehung nützlich. Wenn gewisse Reize zum Tabu werden, dann werden diese Reize ja nur noch verlockender. Durch ein Gespräch über dieses Thema ist es jedoch tatsächlich möglich, dem Ganzen entgegenzuwirken. Viele monogame Beziehungen gehen in die Brüche, weil sich einer der beiden Partner zu einem anderen Menschen hingezogen fühlt und man dann keinen Weg findet, mit dieser Tatsache umzugehen. So entsteht dann Verbitterung und die Person, an die man sich „gebunden" hat, wird zum Problem.

Allgemein geht man davon aus, dass es von fehlender Liebe für den Beziehungspartner zeugt, wenn man sich in einem monogamen Verhältnis nach anderen Menschen umsieht. Diese Annahme ist gefährlich, weil so eine tiefgreifende Verbindung zerstört werden kann. Ich finde, dass die Versuchung des Fremdgehens nicht so groß ist, wenn man mit seinem Gegenüber offen über gewisse Verlockungen sprechen kann. Und man darf nicht vergessen, dass Fremdgehen auch in polyamorösen Beziehungen möglich ist.

Ich habe schon oft miterlebt, wie offene Beziehungen gescheitert sind, weil einer der beiden Beziehungspartner irgendwann nicht mehr damit klargekommen ist, mit wie viel anderen Leuten der Gegenüber im Vergleich Sex hat. Ist das ein generelles Muster?
Nicht zwangsläufig. Eine offene Beziehung ist eine Sache, die viel Planung und Reife benötigt. Ein Partner hat vielleicht drei Dates in der Woche, während der andere womöglich nur eins pro Monat organisiert. Normalerweise macht es nur Probleme, wenn man sich auf eine bestimmte Zahl festlegt, weil das für einen Beziehungspartner mit Sicherheit entweder zu viel oder zu wenig ist. So lange beide Seiten damit glücklich sind, kann auch ein Unterschied bestehen.

In einer polyamorösen Beziehung können viele Probleme auftauchen, aber meiner Meinung nach sind Zeit und Eifersucht die hartnäckigsten. Dabei muss nicht nur viel Zeit in die Dates, sondern auch in die Kommunikation investiert werden.

Glaubst du, dass diese Zeit der Aspekt einer offenen Beziehung ist, der viele Leute abschreckt?
Auf jeden Fall. Es braucht mehr Zeit und Voraussicht—und das hängt immer mit einem bestimmten Angstgefühl zusammen. Das ist jedoch nichts Neues und es gibt dafür auch viele Vorteile. So fällt zum Beispiel der Stress weg, der mit Monogamie und den dazugehörigen Vorstellungen einhergeht. Außerdem wird durch Polyamorie auch die Neugier befriedigt, die so vielen Millenials innewohnt. Das Ganze ist ein tatsächlich funktionierendes Konzept—vor allem in einer Kultur, in der es so viele Optionen, so viele Möglichkeiten und so viel Tinder-Matches gibt. Da kann es auch schon mal schwerfallen, nicht den Fokus zu verlieren. Und wir haben doch immer gerne alles unter Kontrolle.